Bettina Wagner

Geldwerter Mehrwert?

Die »Germanistik« als bibliographische Datenbank




  • Wilfried Barner u.a. (Hg.): Germanistik CD-ROM. Band 39 (1998) - Band 42 (2001). Vollversion (nur CD-ROM). Preise für Netzwerk-Versionen auf Anfrage (ab EUR 260,-). Tübingen: Max Niemeyer 2003. CD-ROM.
    ISBN: 3-484-97012-X.


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Konventionell, also in gedruckter Form publizierte aktuelle Fachbibliographien sind eine aussterbende Spezies: immer mehr etablierte Bibliographien erscheinen in elektronischer Form, ob nun der Eppelsheimer-Köttelwesch 1 oder die International bibliography of the Modern Language Association of America, 2 Gnomon 3 oder L’Année philologique, 4 die International medieval bibliography 5 oder das Medioevo latino, 6 die Romanische Bibliographie 7 oder die Bibliographie Linguistique / Linguistic Bibliography online, 8 die Historische Bibliographie und Jahrbuch der historischen Forschung 9 oder die Jahresberichte für deutsche Geschichte, 10 die Bayerische Bibliographie 11 oder andere deutsche Landesbibliographien 12 – die Reihe könnte fortgesetzt werden. Nach einer mehr oder weniger kurzen Übergangsphase, in der Print- und elektronische Ausgabe meist parallel erscheinen, steigen nicht wenige Bibliographien gänzlich auf die elektronische Verbreitungsform um, denn die Vorteile, vor allem die Möglichkeit zur jahrgangsübergreifenden sachlichen Recherche, sind unbestritten.

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Demgegenüber werden die Nachteile allenfalls von Seite der Bibliotheken, die als Informationslieferanten teilweise erhebliche Preissteigerungen 13 tragen müssen, und gelegentlich von Seiten technisch weniger versierter Nutzer beklagt. Während das letztere Problem sich vielleicht in absehbarer Zeit von selbst löst, ist das erste derzeit angesichts stagnierender oder sogar schrumpfender bibliothekarischer Erwerbungsetats nicht zu ignorieren. Die Entscheidung für einen Bezug bibliographischer Datenbanken auf CD-ROM oder per Online-Lizenz will reiflich überlegt sein, wenn – wie im zu besprechenden Fall – damit eine jährliche Kostensteigerung auf mehr als das Doppelte (bei Parallelbezug von gedruckter und elektronischer Ausgabe im Erstbezug) oder fast das Dreifache (bei alleinigem Bezug der CD-ROM) oder womöglich auf ein Vielfaches (bei Bezug von Netzwerk-Versionen) verbunden ist. Entscheidend ist in diesem Fall, welchen Mehrwert die elektronische Ausgabe gegenüber der gedruckten tatsächlich bietet: wie umfangreich sind die enthaltenen Daten; wie komfortabel ist die Suchoberfläche gestaltet; können Suchergebnisse bequem ausgegeben oder exportiert und in eigene Literaturverzeichnisse oder Fußnoten übernommen werden?

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Germanistik im Print

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Die Germanistik, das zentrale Berichtsorgan der Sprach- und Literaturwissenschaft des Deutschen, erscheint seit 1960 zweimal jährlich in gedruckter Form. Ein Jahrgang enthält durchschnittlich etwa 7000 Anzeigen neuer germanistischer Monographien und Aufsätze; etwa 300 Zeitschriften werden ausgewertet, hinzu kommen jährlich etwa 200 Sammelwerke. Zu etwa einem Sechstel der angezeigten Titel bietet die Germanistik von Fachwissenschaftlern verfaßte Kurzbesprechungen. Das Renommée der Germanistik verdankt sich ebenso der Menge und Aktualität der enthaltenen bibliographischen Informationen wie ihrer qualitativ hochwertigen Aufbereitung durch die Einordnung in eine differenzierte Fachsystematik und die Erschließung durch Namen- und Sachregister, die den inhaltlichen Zugriff auf die Titel ermöglichen.

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Die elektronische Version

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Die zweite CD-ROM-Ausgabe der Germanistik 14 umfaßt den Inhalt von vier gedruckten Jahrgängen (1998–2001) und damit ca. 27.000 veröffentlichte Titel. Nach der Installation, die erfreulich schnell erfolgt, wird beim Start der Anwendung eine Einstiegsseite im vertrauten Erscheinungsbild der gedruckten Germanistik angezeigt: das Titelfenster in der rechten Bildschirmhälfte ist rot unterlegt, links daneben findet sich in einem Fenster das Inhaltsverzeichnis mit der Fachsystematik in einer intuitiv zu bedienenden Windows-Verzeichnisstruktur. Das Fenster am unteren Rand des Bildschirms ist für eine Fundstellenreferenz reserviert. Darunter befindet sich ein Kartenindex, der den Wechsel zwischen den unterschiedlichen Anzeigeformen (»Alle«, »Suchen«, »Durchsuchen«, »Dokument«, »Inhalt«, »Trefferliste«, »Objekt«) erlaubt. Den oberen Rand des Bildschirms nehmen drei Menüzeilen mit einer Vielzahl von Buttons ein, die zunächst eher verwirrend wirken. Da Datenbankbenutzer in der Regel weder gedruckte Handbücher (im Falle der Germanistik ein vierseitiges Informationsblatt) noch die (in diesem Fall, wie in vielen, leider wenig benutzerfreundliche) Hilfe-Funktion konsultieren, sondern schnell Treffer erzielen möchten, wird im folgenden ein eher intuitives Vorgehen gewählt.

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Browsing statt Blättern

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Beim Anklicken einer Überschrift aus dem Inhaltsverzeichnis erscheint der zugehörige Text bzw. die Titelliste im rechten Fenster und kann dort bequem mittels Scrolling durchgeblättert werden. Unter den einzelnen Systematikgruppen ist die im Berichtszeitraum erschienene Literatur in einem Alphabet kumuliert. Zu Titeln, die mit einem Button mit der Aufschrift »Ref.« versehen sind, existiert eine Kurzbesprechung, die durch Anklicken in einem – leider nicht maßgeschneiderten – neuen Fenster angezeigt wird. Bei unselbständigen Werken sind die Titel der Zeitschriften und Sammelbände als Hyperlinks gestaltet und können durch einen Klick angezeigt werden; beim Anklicken des Buchsymbols rechts daneben wird die komplette Liste der aus diesem Titel in der Germanistik nachgewiesenen Aufsätze angezeigt. Etwas gewöhnungsbedürftig ist allenfalls die Form: die Treffer erscheinen im unteren Fenster (»Fundstellenreferenz«), dort jedoch nur mit Position in der Systematik und Seitenangabe; erst ein Klick auf eine einzelne »Fundstelle« bringt dann den kompletten Aufsatztitel im oberen Fenster zum Erscheinen. Mit Hilfe eines Klicks auf den mit einem Doppelpfeil versehenen Button in der mittleren Menüleiste kann der Benutzer zum nächsten bzw. vorigen Treffer springen. Die mit einem weißen Feld unterlegten Pfeiltasten rechts daneben ermöglichen dagegen Sprünge zum nächsten Abschnitt, während die einfachen Pfeile links daneben den Benutzer in seiner eigenen Suchhistorie zurückführen.

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Insgesamt ist die Browsing-Funktion also durchaus komfortabel, wenn auch der Printversion nur dadurch überlegen, daß das lästige Durchblättern einzelner Bände und das mühsame Hinundherspringen zwischen der Liste der ausgewerteten Sammelwerke und den einzelnen Beiträgen auf diese Art vermieden werden kann.

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Suchen und Export
von Suchergebnissen

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Während das Blättern in der Systematik eher der schnellen Orientierung über neuere Literatur zu einem Sachgebiet oder Autor dienen wird, ist die gezielte Suche vor allem für die Zusammenstellung eigener Literaturlisten interessant.

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Unter dem Stichwort »Suchen« in der obersten Menüzeile werden die Optionen »Suche« (eine einfache Ein-Feld-Suchmaske), »Erweiterte Suche« (mit Indexfeld und Möglichkeit zur Anwendung Boole’scher Operatoren) und »Suchmaske Germanistik« (einer gefeldertern Suche) angeboten. Zusätzlich zu den Suchfeldern Name, Titel, Untertitel und Sachbegriff bietet letztere auch einen alphabetischen Stichwortindex, in dem man blättern kann; durch Doppelklick können angezeigte Indexbegriffe in die Suchmaske übernommen und dort auch kombiniert werden. Treffer erscheinen – wie nun schon gewohnt – in der »Fundstellenanzeige«. Alternativ können alle gefundenen Treffer mit dem Button »Einträge mit Treffern anzeigen« aufgelistet werden. Ein Klick auf den Button »Versteckten Text ein-/ausblenden« (T mit Hand) zeigt die zu jedem Titel erfaßten Namen und Schlagworte an – damit man auch weiß, warum ein bestimmter Titel angezeigt wurde. So versteckt sind auch die nützlichen Informationen zum Buchpreis und zur ISBN. Mit Lesezeichen, Textmarker oder rotem Strich (Menü »Bearbeiten« –»Eintrag kennzeichnen«, offensichtlich kein Button) können nun interessante Treffer markiert oder annotiert werden. Die gesamte Trefferliste oder einzelne markierte Treffer können ausgedruckt oder dann als Fließtext in eine Datei ausgegeben (»Datei« –»Exportieren«) und in einem Textverarbeitungsprogramm weiterverarbeitet werden. Ein gefelderter Export und anschließender Import in eine eigene Literaturdatenbank ist nicht möglich. Exportiert werden nur die bibliographischen Angaben, aber (zumindest im rtf-Format) kein versteckter Text oder – bei Aufsätzen – die vollständigen Angaben zum Sammelwerk.

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Informationen
und ihre Präsentation

[14] 

Schon dadurch, daß die CD-ROM vier Jahrgänge der Germanistik mit einem gemeinsamen Index enthält, bietet sie einen Mehrwert gegenüber den gedruckten Heften, und das sogar zu einem im Vergleich zu vier Druckjahrgängen (à 102 €) etwas günstigeren Preis (294 € nur CD-ROM bei Erstbezug). Leider ist die Datenmenge allerdings bei weitem noch nicht ausreichend, als daß sich die Konsultation der gedruckten Bibliographie erübrigen würde – dazu müßten mindestens die letzten zehn oder zwanzig, am besten natürlich alle bisher erschienenen Bände elektronisch verfügbar gemacht werden. Sofern die Satzvorlagen elektronisch erstellt und archiviert wurden, müßte ein solches Projekt mit vergleichsweise geringem Aufwand realisierbar sein. Auch eine manuelle Nacherfassung wäre, falls notwendig, durchaus lohnend, würde aber den Preis der Datenbank vermutlich erheblich erhöhen.

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Ist die Menge der recherchierbaren Informationen (und ihre inhaltliche Erschließung) das eine Kriterium für die Qualität einer bibliographischen Datenbank, so ist die Form ihrer Präsentation das andere. Hier besteht bei der Germanistik noch deutlicher Verbesserungsbedarf. Während die vergleichsweise einfach zu realisierende Browsing-Funktion intuitiv zu bedienen ist, dürfte es dem Benutzer, dem am gezielten Zugriff auf Titel gelegen ist, zunächst schwer fallen, sich schnell in der Fülle unterschiedlicher Masken für die Suche, Buttons zum Blättern und Menüs zum Markieren von Suchergebnissen zu orientieren. Eine Vereinfachung und übersichtlichere Gestaltung der Oberfläche ist dringend vonnöten; primär angeboten werden sollte eine Suche nach bibliographischen Kriterien (Verfasser, Titel, Schlagwort, zusätzlich Erscheinungsjahr), eventuell mit Selektionsmöglichkeiten nach Publikationstyp (Monographie / Aufsatz) oder bestimmten Zeitschriften – für die Benutzer, die sich nicht an den exakten Titel eines Aufsatzes oder seinen Verfasser erinnern. In der Trefferliste sollten einzelne Titel durch unkomplizierten Mausklick angehakt und dann exportiert werden können. Eine Exportoption im gefelderten Format würde sicher denjenigen Benutzern entgegenkommen, die über persönliche bibliographische Datenbanken verfügen.

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Insgesamt wäre zu wünschen gewesen, daß sich die Datenbankoberfläche stärker an Funktionen orientiert, die mittlerweile bei elektronischen Bibliographien oder Bibliothekskatalogen weitgehend üblich sind. Gerade nichtgermanistischen Benutzern, die eine gedruckte Germanistik vielleicht nur zufällig in die Hand nehmen würden, aber auf die elektronische im Datenbankangebot z.B. einer Universitätsbibliothek stoßen können, wäre damit sehr geholfen. Die Germanistik könnte sich damit Nutzerkreise erschließen, die ihr bisher eher fern stehen, und damit auch den in ihr verzeichneten Fachpublikationen zu mehr Wahrnehmung verhelfen – sei es durch Wissenschaftler aus Nachbardisziplinen, sei es aber auch durch ein sprach- und literaturinteressiertes breiteres Publikum.


Dr. Bettina Wagner
Bayerische Staatsbibliothek
Abteilung für Handschriften und Seltene Drucke
Ludwigstraße 16
DE - 80539 München

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Ins Netz gestellt am 14.07.2004

IASLonline ISSN 1612-0442

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Redaktionell betreut wurde diese Rezension von Natalia Igl.

Empfohlene Zitierweise:

Bettina Wagner: Geldwerter Mehrwert? Die »Germanistik« als bibliographische Datenbank. (Rezension über: Wilfried Barner u.a. (Hg.): Germanistik CD-ROM. Band 39 (1998) - Band 42 (2001). Vollversion (nur CD-ROM). Preise für Netzwerk-Versionen auf Anfrage (ab EUR 260,-). Tübingen: Max Niemeyer 2003.)
In: IASLonline [14.07.2004]
URL: <http://www.iaslonline.de/index.php?vorgang_id=1025>
Datum des Zugriffs:

Zum Zitieren einzelner Passagen nutzen Sie bitte die angegebene Absatznummerierung.


Anmerkungen

Berichtszeitraum 1963 ff.; CD-ROM im Verlag SilverPlatter und lizenzpflichtige Onlineversion: http://www.ovid.com/site/index.jsp.    zurück
Berichtszeitraum 1925 ff.; Gnomon – Bibliographische Datenbank (CD-ROM im Verlag Beck, München) sowie Gnomon online: http://www.gnomon.ku-eichstaett.de/Gnomon/ts.html.    zurück
Berichtszeitraum 1969 ff.; lizenzpflichtige Onlineversion: http://www.annee-philologique.com/aph/.   zurück
Berichtszeitraum 1967 ff.; CD-ROM bei Brepols, Turnhout.   zurück
CD-ROM im Verlag SISMEL / Ed. del Galluzzo.    zurück
Berichtszeitraum 1961 ff.; CD-ROM im Verlag Niemeyer, Tübingen; kostenfrei: http://gallica.bnf.fr/.   zurück
Berichtszeitraum 1993 ff.; kostenfrei: http://www.kb.nl/kb/blonline/.    zurück
Berichtszeitraum 1990 ff.; kostenfrei: http://www.oldenbourg.de/verlag/ahf/.    zurück
10 
Berichtszeitraum 1986 ff.; CD-ROM im Akademie Verlag, Berlin; kostenfrei: http://jdg.bbaw.de/cgi-bin/jdg.    zurück
11 
Berichtszeitraum 1988 ff.; kostenfrei: http://opac.bayerische-bibliographie.de/.   zurück
12 
13 
Preisinformationen zur CD-ROM- und Netzwerk-Version der Germanistik 39–42 (1998–2001):

Für die CD-ROM-Version gelten folgende Preise:

EUR 294,- bei Einzelbestellung / Erstbezug
EUR 98,- bei Einzelbestellung / Update
EUR 225,- als Printergänzung (s.o.) / Erstbezug
EUR 68,- als Printergänzung (s.o.) / Update

Für Netzwerk-Versionen gestalten sich die Preise wie folgt:

CD-ROM-Ladenpreis (entsprechend der Bezugsform – s.o.)
+ Netzwerk-Grundgebühr EUR 60,-
+ User-Lizenzgebühr

Mögliche User im Netz:
1–5 User: pauschal EUR 200,-
51–100 User: pauschal EUR 350,-
101–250 User: pauschal EUR 400,-
251–500 User: pauschal EUR 750,-
501–1000 User: 750,- + -,35 pro User = max. EUR 1.100,-
1001–3000 User: 1.100,- + -,25 pro User = max. EUR 1.850,-
3001 und mehr: 1.850,- + -,20 pro User
Die Netzwerk-Grundgebühr und die User-Lizenzgebühr sind für jedes Update neu zu entrichten.   zurück
14 
Die erste mit den Jahrgängen 1998 / 99 erschien 2002.   zurück