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Geschichten und Diskurse

Eine neue Position im konstruktivistischen philosophischen Diskurs?

  • Siegfried J. Schmidt: Geschichten & Diskurse. Abschied vom Konstruktivismus. (rowohlts enzyklopädie 55660) Reinbek: Rowohlt 2003. 160 S. Paperback. EUR (D) 10,90.
    ISBN: 3-499-55660-X.
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Sollte man den Text Geschichten & Diskurse (im folgenden: G&D) in aller Kürze zusammenfassen, so könnte man sagen, dass es sich um einen erneuten Versuch von S. J. Schmidt handelt, eine Theorie von Gesellschaft und Kultur zu entwickeln, die zwischen kognitiver Autonomie der Kulturteilnehmer auf der einen Seite und ihrer sozialen Orientierung in Gesellschaft und Kultur auf der anderen Seite vermittelt (S. 25). Im Unterschied zu Schmidts Buch Kognitive Autonomie und soziale Orientierung von 1994, 1 in dem viele der in G&D behandelten Problembereiche bereits auftauchen und zum Teil ausführlicher besprochen werden, versucht Schmidt nun eine neue Lösungsstrategie, die man unter dem Schlagwort einer Überwindung dualistischen Denkens und Theoretisierens zusammenfassen könnte.

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Das Buch von 1994 verbleibe, so Schmidt selbst in G&D, noch immer in einem dualistischen Theorieformat, also der ontologischen Unterscheidung von Subjekt und Objekt, Realität und Wirklichkeit, Beobachter und Beobachtetem usw. Diese dualistische Grundperspektive werde in G&D zugunsten einer neuen nicht-dualistischen Perspektive konstruktivistischen Denkens aufgegeben, nach der die ›Objekte‹ unseres Bewusstseins und Kommunizierens ausschließlich als Resultate von Kognitions- beziehungsweise Kommunikationsprozessen begriffen werden können und nicht als Abbilder einer außerhalb liegenden ontologischen Realität.

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Der im Untertitel von G&D angekündigte Abschied vom Konstruktivismus bedeutet also nicht, dass Schmidt sich vom konstruktivistischen Denken generell verabschiedet, sondern nur, dass er den früher vertretenen kognitionsbiologisch und psychologisch begründeten Konstruktivismus sowie auch die 1994 entwickelte Version eines soziokulturell fundierten Konstruktivismus aufgibt und durch eine, wie Mike Sandbote in seinem Vorwort zu G&D formuliert, »dezidiert philosophisch argumentierende Form diskursiver Selbstbegründung« (S. 9) ersetzt. Dies beinhaltet einen radikalen Verzicht auf jegliche ontologische Vorannahmen und die Fassung thematischer Gegenstandsbereiche ausschließlich als Resultate von Denk- und Kommunikationsprozessen.

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Schmidt nimmt den Gedanken der kognitiven Autonomie von Bewusstsein ernst, indem er die Produkte unseres Denkens als Produkte unseres Denkens begreift, die mit einer außerhalb liegenden Realität zunächst nichts zu tun haben. Das Denken und Handeln des Einzelnen wird mit Hilfe von Kommunikation sozial orientiert. Gesellschaft und Kultur stellen den kognitiven und kommunikativen Möglichkeitsrahmen in Form eines Wirklichkeitsmodells und Kulturprogramms bereit, die in der gegebenen Kultur durch Selektion entstanden sind und für sozial akzeptables Handeln und Kommunizieren des Einzelnen eine verbindliche Grundlage bilden.

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Als Bedingung der Möglichkeit einer Vermittlung von kognitiver Autonomie und sozialer Orientierung in und durch Kommunikation sieht Schmidt die Bearbeitung von Kontingenz als Daueraufgabe menschlichen Handelns (S. 25). Bei allem, was wir tun, wählen wir, ob bewusst oder unbewusst, aus einem Pool von Möglichkeiten eine Möglichkeit aus. Handeln jeglicher Form, auch kommunikatives Handeln, ist Selektion aus einem Möglichkeitsraum. Selektion konstituiert Kontingenz und umgekehrt schafft Kontingenz die Notwendigkeit zur Selektion. Dabei geht es aber wiederum nicht darum, Kontingenz durch einen möglichst genauen Abgleich mit der Realität zu bearbeiten, sondern darum, den theoretischen Möglichkeitsraum gewissermaßen verschwinden zu lassen, ihn zu invisibilisieren (S. 25), indem man sich auf die tatsächlich getroffene Selektion konzentriert.

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Handeln ist demnach nur möglich, wenn man die nicht gewählten Möglichkeiten nicht ständig mitreflektiert, sondern sich stattdessen auf die gewählte Möglichkeit konzentriert und sie im Hinblick auf weitere Anschlussmöglichkeiten, den weiteren Verlauf der Handlung betrachtet. Wenn man mit der Eisenbahn fährt, ist es kontraproduktiv sich ständig zu fragen, warum man nicht mit dem Auto gefahren oder zu Fuß gegangen ist. Notwendig und sinnvoll erscheint es dagegen, sich während der Zugfahrt zu fragen, wie man vom Bahnhof aus weiter fahren kann, um sein Ziel zu erreichen. Voraussetzung einer sozialen Orientierung von Bewusstsein ist damit die Fähigkeit Kontingenz erfolgreich zu bearbeiten.

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Diese Fähigkeit gründet sich nach Schmidt auf den Mechanismus der reflexiven Bezugnahme. Reflexivität bezeichnet die Fähigkeit von Aktanten ihre Handlungen und Kommunikationen (als erfolgreiche Selektionen) im Geiste zu wiederholen und sie durch Selbstbeobachtung, durch Selbstreflexivität zu generalisieren und sich selbst damit sozial zu orientieren. Ohne Reflexivität, ohne die reflexive Bezugnahme eines Bewusstseins auf die eigenen Selektionen ist sozial akzeptables Handeln und Kommunizieren auf der Basis der Vorgaben von Wirklichkeitsmodell und Kulturprogramm unmöglich.

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Die Geschichten & Diskurse-Philosophie
und ihr Zweck

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Bei der Theorie der Geschichten & Diskurse handelt es sich nicht um eine Theorie im klassischen Sinne analytischer Wissenschaftstheorie, sondern – wie auch Sandbote in seinem Vorwort mehrfach feststellt – um einen philosophischen Text, mit dem Schmidt sich von früherer empirischer Forschungspraxis, von einer empirisch fundierten Medien- und Kommunikationswissenschaft (vgl. seinen Grundriß der Empirischen Literaturwissenschaft von 1980 ff. 2 ) abwendet. Er vollzieht einen radikalen Perspektivenwechsel hin zu einer sich selbst beschreibenden und sich selbst aus sich selbst begründenden Philosophie der Geschichten & Diskurse, die das Ziel verfolgt, den konstruktivistischen Gedanken der Relativität von Wirklichkeitskonstruktionen und damit auch von wissenschaftlichen Wirklichkeitsbeschreibungen ernst zu nehmen und bewusst zu machen. Unsere Erkenntnisse über die Welt sind und bleiben unsere Erkenntnisse über die Welt; und wissenschaftliche Ergebnisse sind nicht als wahre Aussagen über Realität aufzufassen, sondern stellen nicht mehr aber auch nicht weniger dar als »den letzten Stand der Dinge« 3 in der wissenschaftlichen Diskussion.

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Galten früher theoretische Härte, empirische Prüfbarkeit und praktische Relevanz 4 als Werte wissenschaftlichen Arbeitens, die eine paradigmengeleitete Forschung (im Sinne Thomas Kuhns 5 ) auch in den Geisteswissenschaften ermöglichen sollten, so stellt Schmidt jetzt um auf ein Philosophieren, das sehr in der Nähe des früher so verpönten hermeneutischen Verfahrens nachvollziehenden Verstehens verortet zu sein scheint. Der allgemeine Grundmechanismus von Setzung und Voraussetzung wird in G&D als fundamentales Funktionsprinzip gesetzt, das sowohl Kognition und Kommunikation als auch Geschichten & Diskurse sowie Wirklichkeitsmodell & Kulturprogramm gleichermaßen zu beschreiben erlaubt und sie als Teile eines einheitlichen Ganzen, das Schmidt auch als den Lebenszusammenhang des Menschen bezeichnet, ausweist. Mit Hilfe dieses zirkelhaften Grundprinzips macht er konstruktivistisches, nicht-dualistisches Denken zur Grundlage eines spiralförmig angelegten Verstehensprozesses, der einem hermeneutischen Zirkel nicht unähnlich ist.

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Die erwähnten Werte der theoretischen Härte und praktischen Relevanz wissenschaftlichen Arbeitens gelten in der Philosophie der Geschichten & Diskurse nicht als erkenntnisleitende Prämissen, wohl weil theoretische Härte hier kaum das Ziel sein kann und weil praktische Relevanz ebenfalls nur in Allgemeinplätzen angebbar ist (vgl. S. 143 ff.). So soll die Theorie der G&D für die Relativität unserer Probleme und Erkenntnisse sensibilisieren. Sie ermögliche »menschenbezogene Problemdimensionierungen und Resistenz gegen Fundamentalismen jeglicher Art« (S. 145). Sie weise darauf hin, dass die Erzeugung von Wirklichkeiten in den Medien, den Wissenschaften, etwa in der Medizin, der Gentechnologie oder der Computertechnologie, von Menschen gemacht sei und dass wir Verantwortung für die durch uns erzeugten Wirklichkeiten tragen (S. 147 f.). Darüber hinaus zeige die Theorie der G&D einen Ausweg aus den sich aus Multikulturalität und Globalisierung ergebenden Problemen, indem sie auf die Spezifik der einzelnen Kulturen verweise (S. 148). Dabei lässt die Theorie der G&D allerdings das Aufzeigen eines Weges, wie man etwa kulturelle Unterschiede konkret ermitteln könnte, vermissen. Sie enthält keine Hinweise auf eine Methodologie, die das Objekt »Kultur« zu analysieren erlaubte, die eine praktische Anwendung des theoretischen Rahmens gestatten würde.

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»Der Grundmechanismus:
Setzung und Voraussetzung«

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Insgesamt kann die Theorie der G&D als differenztheoretischer Ansatz charakterisiert werden, der auf der Differenzlogik Spencer Browns 6 aufbaut, also vom Mechanismus des Unterscheidens und Bezeichnens ausgeht. Die Grundoperation der sich jeweils voraussetzenden Setzungen und Voraussetzungen wird im Sinne dieser Differenzlogik als Unterscheiden und Bezeichnen eingeführt. Eine Setzung stellt die bezeichnete Seite einer Unterscheidung dar, die sich in einem Zusammenhang von Setzungen befindet, die auf die gleiche Weise entstanden sind. Anders als Spencer Brown und auch als Niklas Luhmann 7 geht Schmidt allerdings nicht davon aus, dass Unterscheidungen in einem »unmarked space« 8 stattfinden, sondern dass sie immer in einem Zusammenhang von Setzungen, also in einer Tradition von Voraussetzungen stehen. Dieser Setzungszusammenhang, den Schmidt auch den Erfahrungszusammenhang eines Menschen nennt, stellt zugleich seinen Erwartungshorizont dar, auf dessen Basis konkrete Setzungen vorgenommen werden.

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Voraussetzungen engen die Kontingenz, das heißt den Möglichkeitsraum der neuen Setzungen ein. Einmal getroffene Entscheidungen kanalisieren als Voraussetzungen alle weiteren Setzungen, das Feld der potentiell möglichen Setzungen verändert sich und wird in eine bestimmte Richtung gelenkt. Dabei spielt der bereits erwähnte Mechanismus der Reflexivität eine entscheidende Rolle, denn er bezeichnet gerade die Möglichkeit von Bewusstsein, sich auf eigene Voraussetzungen (als sinnvoll erlebtem Erfahrungszusammenhang) inklusive der in einer Gesellschaft verbindlichen Voraussetzungen (im Sinne des »marked space« von Wirklichkeitsmodell & Kulturprogramm) reflexiv rückzubeziehen und sich auf diese Weise sozial zu orientieren und zu handeln.

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In dieser Logik kann es auch so etwas wie einen voraussetzungslosen Anfang nicht geben, man kann nur damit beginnen, eine Setzung vorzunehmen, da man immer schon in einem Gesamtzusammenhang von Setzungen steht. Der Mechanismus von Setzung und Voraussetzung, der im Handeln und Kommunizieren von Aktanten durch Reflexivität und das Korrektiv von ›Sinn‹ gesteuert wird, nähert sich stark Luhmanns Begriff der Autopoiesis sozialer Systeme, dem Konzept der Selbstbeobachtung als Kontrollmechanismus und dem Luhmannschen Verständnis von ›Sinn‹ als stets mitlaufendes differenzloses Komplexität reduzierendes Medium.

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Allerdings findet eine explizite Auseinandersetzung mit Positionen Luhmanns in G&D kaum statt. Hier ist der Leser einmal mehr auf Schmidts Buch Kognitive Autonomie und soziale Orientierung (1994) angewiesen, aus dem die – G&D erst ermöglichenden – systemtheoretischen Voraussetzungen hervorgehen. 9 In G&D scheint die Systemtheorie Luhmanns dagegen durch die Dissertation von Sebastian Jünger Kognition, Kommunikation, Kultur, Aspekte integrativer Theoriearbeit 10 insofern partiell ›invisibilisiert‹ zu werden, als diese die Applikation Luhmannscher Theoriekomponenten in G&D ganz wesentlich zu steuern scheint. Luhmann selbst wird trotz offensichtlicher Bezugnahmen und theoretischer Konvergenzen dagegen eher sparsam zitiert.

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Beobachten

[18] 

Die Konzepte von Setzung und Voraussetzung, die auf dem Mechanismus des Unterscheidens und Bezeichnens beruhen, und das Konzept der reflexiven Bezugnahme eines Bewusstseins sowie die Konzeption von Sinn sind eng mit den Begriffen des Beobachtens und des Beobachters verbunden. In G&D bezieht Schmidt sich auf ein von Sebastian Jünger 11 entwickeltes Konzept von Beobachtung. Er ersetzt den noch in Kognitive Autonomie und soziale Orientierung vertretenen systemtheoretischen Begriff von Beobachtung und Beobachter durch eine formale Konstruktion, die zwar Ähnlichkeit mit der Luhmannschen Konzeption hat, jedoch auch Unterschiede aufweist.

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Beobachtung wird zunächst auch von Jünger als ein Prozess des Unterscheidens aufgefasst, als eine Operation, in der ein Etwas von etwas Anderem unterschieden wird. Eine solche Unterscheidung oder Beobachtung funktioniert laut Jünger 12 aber nur unter der Bedingung, dass sowohl das Etwas als auch das Andere als solches bereits unterschieden sind, das heißt dass beide von wieder etwas anderem unterscheidbar sind. Damit A von B unterschieden werden kann, müssen A und B selbst von etwas anderem, etwa von C unterschieden werden können. Bei einer Beobachtung handelt es sich insofern um einen doppelten Differenzierungsprozess,

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der die Differenzierung zwischen A und B nur durch die Differenzierung von A und B ermöglicht, in einer Beobachtung zweiter Ordnung also als Differenzierung zwischen C und [A und B] erscheint. [...] Die Beobachtung stellt somit eine dreistellige dynamische Relation dar, die Zweistelligkeit behaupten muss und als Dreistelligkeit nur durch weitere Beobachtung identifiziert werden kann. 13
[21] 

Niklas Luhmann definiert den Begriff Beobachtung in Anlehnung an die Terminologie Spencer Browns als »das Handhaben einer Unterscheidung zur Bezeichnung der einen und nicht der anderen Seite«. 14 Beobachtung ist demnach eine zweistellige Operation, in der der Fokus auf das zu Beobachtende gerichtet wird, das dann thematisiert oder bezeichnet wird. Damit tritt automatisch alles andere, das gerade nicht im Fokus liegt, in den Schatten des gerade nicht Beobachteten, das zwar latent vorhanden ist, das aber im Moment der Beobachtung selbst unsichtbar ist. Wollte man es sichtbar machen, würde aus der Differenz von Beobachtetem und Nicht-Beobachtetem wieder eine Einheit und die Beobachtung wäre verschwunden. Das Scheinwerferlicht, das unseren Blick auf einen bestimmten Punkt fokussiert hatte, wäre gewissermaßen erloschen und alles wieder differenzloser Hintergrund. Dabei betont Luhmann 15 ausdrücklich:

[22] 
Die Welt steht zwar prinzipiell für Beobachtungen offen und gibt auch für die Wahl von Unterscheidungen keine Wesensformen vor – es gibt keine richtigen Unterscheidungen, die man in bestimmten Fällen anwenden muss, [...], aber es gibt die Notwendigkeit, immer mit einem blinden Fleck oder mit der Unsichtbarkeit der Einheit einer Unterscheidung zu hantieren, weil Sie ohne Unterscheidung überhaupt nicht beobachten können [...].
[23] 

Schmidt favorisiert in G&D wie gesagt keine zwei-, sondern eine dreistellige Relation, wonach Beobachtung auf der Beobachtungsebene erster Ordnung Zweistelligkeit behaupten muss (A wird von B unterschieden) und auf der Beobachtungsebene zweiter Ordnung als dreistellige Relation identifiziert werden kann ([A und B] sind von C unterscheidbar). Er macht dies an einem Beispiel deutlich, nach dem man etwas als ›jung‹ (A) nur vor dem Hintergrund der semantischen Differenzierung jung / alt (A / B) beobachten könne. Und dies sei wiederum nur dann möglich, wenn man über die Einheit der Differenz ›alt / jung‹, also die semantische Kategorie ›Alter‹ (C) verfüge, die auf einer Beobachtungsebene zweiter Ordnung identifizierbar sei.

[24] 

Ein solches Konzept von Beobachtung funktioniert dann, wenn man als Differenzierung einer semantischen Kategorie Eigenschaften, wie ›alt / jung‹, ›krank / gesund‹, ›männlich / weiblich‹, ›mächtig / machtlos‹ usw. einsetzen kann. Dabei handelt es sich allerdings um sprachlich konventionalisierte Oppositionen der deutschen Kultur, die zu einer allgemeinen Beschreibung von Beobachtung sicher nicht ausreichen, denn nicht alles lässt sich auf der Basis von solchen Oppositionen beobachten. Zudem erscheint es fraglich, ob wir überhaupt auf der Basis einzelner Eigenschaften beobachten, also bei der Beobachtung von etwas als ›jung‹ nicht zunächst einmal das Etwas beobachten, dem wir dann Eigenschaften zuordnen.

[25] 

Wenn ich einen Apfel beobachte, dann doch sicher aufgrund der Unterscheidung ›Apfel / Nicht-Apfel‹ und nicht aufgrund der Unterscheidung ›süß / sauer‹, ›rund / eckig‹ oder Ähnlichem. Selbstverständlich ist ›Apfel‹ ein Etikett für ein bestimmtes Set von Eigenschaften oder Merkmalen, die etwas aufweisen muss, damit ich es ›Apfel‹, ›Atom‹ oder wie immer nenne. Dennoch ist wohl davon auszugehen, dass Beobachtung auf der Basis konventionalisierter und intersubjektiv verbindlicher kognitiver Muster funktioniert, die auf der ersten Beobachtungsebene wirken. ›Apfel‹ ist insofern sicher auch keine semantische Kategorie auf einer zweiten Beobachtungsebene, zumal es schwer fällt hier eine Differenz als Beobachtungsgrundlage anzugeben. Wenn ich (wie im Beispiel von Schmidt auf S. 32) ein junges Mädchen beobachte, dann doch wohl aufgrund der Unterscheidung ›junges Mädchen / nicht junges Mädchen‹ und dies kann alles Mögliche sein, was ich nun gerade nicht beobachte.

[26] 

Es gibt, wie Luhmann sich ausdrückt, »keine richtigen Unterscheidungen«, 16 und es erscheint eher abwegig, dass nur die Differenz zu ›alter Mann‹ es mir erlaubt, das kognitive Muster ›junges Mädchen‹ zu aktivieren. Darüber hinaus hat auch die Einheit einer Differenz, etwa die Kategorie ›Alter‹ in unserem Beispiel, nichts mit einer Beobachtung zweiter Ordnung zu tun. Von einer Beobachtung zweiter Ordnung spricht man nach Luhmann erst dann, wenn ein Beobachter beobachtet, mit welchen Unterscheidungen ein anderer Beobachter beobachtet. Wenn also ein Beobachter etwas als ›jung‹ bezeichnet, kann ein Beobachter zweiter Ordnung feststellen, dass jener möglicherweise die Differenz ›jung / alt‹ benutzt, also in der Kategorie ›Alter‹ beobachtet. Dies hebt die Kategorie ›Alter‹ allerdings nicht per se auf eine Beobachtungsebene zweiter Ordnung, denn sie wird ja auch auf der ersten Ebene benutzt, etwa in der Unterscheidung ›altersschwach / nicht altersschwach‹.

[27] 

Semantische Kategorien
versus symbolisch generalisierte
Kommunikationsmedien

[28] 

Schmidts Konzept der semantischen Kategorien, die im Zusammenhang eines Netzes das Wirklichkeitsmodell einer Kultur bilden, weist Parallelen zum Konzept symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien 17 auf, das Niklas Luhmann im Rahmen seiner Medientheorie entwickelt. Dabei handelt es sich um Symbole, die den Erfolg von Kommunikation sicherstellen, die konditionieren, was gesagt werden kann (Selektion), um die Kommunikation in die gewünschte Richtung zu lenken (Motivation). Beispiele sind generalisierte Symbole wie ›Geld‹, ›Wahrheit‹ oder ›Liebe‹, die Kommunikation kanalisieren, indem nur passende Redebeiträge als anschlussfähige Kommunikation zugelassen werden und die Kommunikation damit eine bestimmte Richtung nimmt. Dabei wird jeder Redebeitrag daraufhin geprüft, ob er an die vorhergehenden Beiträge anschließbar ist und ob es wiederum möglich ist, dass an ihn weitere Beiträge angeschlossen werden. Nur wenn dies der Fall ist, wird er als sinnvoll begriffen.

[29] 

Inhaltlich scheinen die semantischen Kategorien und ihre Differenzierungen in der Konzeption von Schmidt vergleichbar mit den Luhmannschen symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien. Bei Schmidt stellen sie jedoch keine Diskursregulative dar, sondern bilden als Elemente des Wirklichkeitsmodells den semantischen Möglichkeitsraum einer Kultur ab. Die Entstehung von semantischen Kategorien und symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien lässt sich hingegen gleichermaßen als autopoietischer Prozess beschreiben. Semantische Kategorien produzieren und reproduzieren sich im Prozess der semantischen Differenzierungen in Kognitionen und Kommunikationen. Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien produzieren und reproduzieren sich im Prozess von Kommunikation.

[30] 

Der Wirkungszusammenhang von Kognition und Kommunikation in Geschichten & Diskursen
im Rahmen von Wirklichkeitsmodell
& Kulturprogramm

[31] 

Semantische Kategorien, wie »Alter, Geschlecht, Macht, Besitz, Verwandtschaft, Nahrung oder Kleidung« (S. 31) bilden zusammen mit ihren jeweiligen semantischen Differenzierungen das Wirklichkeitsmodell einer Gesellschaft, das auch als Netzwerk von Kategorien beschreibbar ist. Das Wirklichkeitsmodell einer Gesellschaft umfasst das gegenseitig unterstellte »kollektive Wissen« der Mitglieder dieser Gesellschaft über »ihre Welt« (S. 34). Es basiert auf der Verwendung von kollektiv etablierten Zeichen in Kommunikation und Kognition und bildet sich selbst in der fortlaufenden Verwendung durch die Mitglieder der Gesellschaft als kollektives Wissen permanent neu.

[32] 

Kultur wird in der Schmidtschen Konzeption (S. 38 ff.) als ›Programm‹ aufgefasst, das die Anwendung der im Wirklichkeitsmodell bereitgestellten Möglichkeiten kulturspezifisch und gesellschaftlich verbindlich regelt. Der im Wirklichkeitsmodell vorhandene Möglichkeitsraum wird durch das Kulturprogramm operationalisiert, er wird so eingeengt, dass er in Form von konkreten Handlungen oder Kommunikationen anwendbar wird.

[33] 

Insgesamt werden Gesellschaft und Kultur durch das Konzept von Wirklichkeitsmodell & Kulturprogramm fest miteinander verzahnt, Gesellschaft ist ohne Kultur nicht denkbar und Kultur nicht ohne Gesellschaft (S. 44). Beide werden erst wirksam und sind erst beobachtbar durch Aktanten, die ihr Wirklichkeitsmodell & Kulturprogramm kognitiv und kommunikativ unter dem Korrektiv von ›Sinn‹ in Anspruch nehmen. Sie tun dies in ihren Geschichten & Diskursen auf der Basis des Mechanismus von Setzung & Voraussetzung.

[34] 

Geschichten sind gewissermaßen der Ort, an dem unsere Handlungen zu sinnvoll geordneten Abfolgen synthetisiert werden (S. 49 f.). Diskurse stellen die Selektionsmuster für die interne Ordnung der Kommunikationen in Geschichten zur Verfügung (S. 52). Sie regeln die Anschließbarkeit von Redebeiträgen nach thematischen und formalen Kriterien und garantieren dadurch ein als sinnvoll erlebtes Kommunikationsgeschehen. In ihrer Gesamtheit machen die Diskurse die spezifische Ordnung des Kommunikationssystems einer Gesellschaft aus (S. 53). Geschichten & Diskurse sind stets aufeinander bezogen, Diskurse vollziehen sich in Geschichten und Geschichten sind Gegenstand von Diskursen, es handelt sich um einen komplementären Wirkungszusammenhang, der sowohl als Geschichte (Handlungszusammenhang), als auch als Diskurs (Kommunikationszusammenhang) beobachtbar ist.

[35] 

Die Unvereinbarkeit von kognitiver Autonomie und sozialer Orientierung wird in Interaktionen und Kommunikationen durch die operative Fiktion kollektiven Wissens, also die gegenseitige Unterstellung, dass die anderen in etwa das gleiche wissen wie ich, überbrückt. Wir können miteinander interagieren und kommunizieren, weil wir annehmen, dass die anderen in etwa so denken wie wir. Auch hier findet sich wieder der Mechanismus der Reflexivität, den Schmidt im Bezug auf Wissen als »Erwartungs-Erwartung« (Ego erwartet, dass Alter in etwa das gleiche erwartet wie Ego und umgekehrt) und im Bezug auf Motive, Intentionen und moralische Handlungsorientierungen als »Unterstellungs-Unterstellungen« (ich unterstelle, dass du mir in etwa das gleiche unterstellst wie ich dir und umgekehrt) bezeichnet (S. 34 f.). Nur durch die operative Fiktion kollektiver Erwartung kollektiver Erwartungen und den Kontrollmechanismus der reflexiven Bezugnahme kann zwischen kognitiver Autonomie und sozialer Orientierung im Wirkungszusammenhang von Setzungen und Voraussetzungen vermittelt werden (S. 35).

[36] 

Dadurch, dass wir in unseren Handlungen und Kommunikationen »setzend und voraussetzend« im Zusammenhang von Geschichten & Diskursen unser Wirklichkeitsmodell & Kulturprogramm erfolgreich nutzen, orientieren wir »setzend und voraussetzend« mit Hilfe reflexiver Bezugnahme unsere Kognitionen und reproduzieren und stabilisieren unser Wirklichkeitsmodell & Kulturprogramm, das sich wiederum durch »Setzung und Voraussetzung« laufend selbst neu bildet. Der von Luhmann zur Erklärung der Entstehung und Funktionsweise sozialer Systeme eingeführte Operationsmodus der Autopoiesis, nach dem »ein System seine eigenen Operationen nur durch das Netzwerk der eigenen Operationen erzeugen kann […] und das Netzwerk der eigenen Operationen […] wiederum erzeugt [ist] durch diese Operationen«, 18 zieht sich bei Schmidt als Universalmechanismus von Setzung & Voraussetzung durch alle unterschiedenen Funktionsbereiche.

[37] 

Die Geschichten & Diskurse-Philosophie
– eine Parallelaktion zur
Systemtheorie Luhmanns?

[38] 

Insgesamt stellt sich der Eindruck ein, dass die Philosophie der Geschichten & Diskurse beinahe so etwas wie eine aus konstruktivistischer und kulturphilosophischer Sicht heraus formulierte Parallelaktion zur soziologischen Systemtheorie Luhmanns darstellt. Auch sie ist ein differenztheoretischer Ansatz im Sinne Spencer Browns und Schmidt reformuliert den Luhmannschen Operationsmodus der Autopoiesis in Form von Setzung & Voraussetzung. Zudem beschäftigt er sich mit den gleichen Problembereichen: So etwa mit dem Problem kognitiver Autonomie, mit dem Beobachter-Problem, mit den Bereichen Handlung und Kommunikation sowie den Begriffen kollektives Wissen und Sinn, mit dem Problem der Zeit sowie mit Problemen der Vermittlung von Gesellschaft und Kultur einerseits und Gesellschaft und Individuum oder Bewusstsein andererseits.

[39] 

Auch die Differenz ›System / Umwelt‹ wird in Übereinstimmung mit Luhmann als systeminterne Differenz verstanden, wonach das System durch die Rekursivität seiner eigenen Operationen seine eigene Ordnung ebenso konstituiert wie seine Umwelt (S. 100). Denn ein operativ geschlossenes System kann ausschließlich auf die eigenen Operationen und Zustände zugreifen, es kann nichts aus der Umwelt importieren und insofern kann es auch nur eigene interne Repräsentationen für den Aufbau seiner Wirklichkeit / Umwelt entwickeln, die dann im Handeln und Kommunizieren auf ihre Validität hin getestet werden.

[40] 

Indem Schmidt ausdrücklich auf ontologische Vorannahmen verzichtet, um nicht wieder in ein dualistisches Theorieformat zu geraten, verbleibt er in der »Wirklichkeit der Konstruktion« (S. 24) und die Theorie wird zu einem Konstrukt, das ein Wirklichkeitskonstrukt beschreibt und sich selbst als kontingent ausweist. Die Annahme, dass es einem operativ geschlossenen, kognitiven System möglich ist, auf Anstöße oder Störungen aus einer Umwelt zu reagieren, die nicht seine eigenen sind, deutet allerdings auf das Vorhandensein einer außerhalb des Systems liegenden Umwelt im Sinne von Realität hin, die Einfluss auf das So-Sein des Systems hat. Die Ablehnung einer Berücksichtigung dieser Umwelt des kognitiven wie auch des kommunikativen Systems von ›Gesellschaft & Kultur‹ als dualistisch hat den Nachteil, dass damit auch eine scharfe Konturierung der Systemgrenzen schwierig wird und die Beziehungen zur systemexternen Umwelt nicht thematisiert werden können.

[41] 

Die von Schmidt gewählte Innenperspektive der Beschreibung von Kognition und Kommunikation in Gesellschaft & Kultur macht die (reale) Umwelt des Systems gewissermaßen unsichtbar, sie existiert nur in Form systemimmanenter und systemrelativer Konstrukte. Eine Ergänzung dieser Innen- durch eine Außenperspektive würde es erlauben, ein System (als Einheit der Differenz von System und Umwelt) als die eine Seite der Differenz von System und (realer) Umwelt wahrzunehmen und ermöglichte damit unter anderem historische und entwicklungsgeschichtliche Erklärungen. Das kognitive System wie auch das System Kultur könnten als evolutionäre Anpassungsprodukte an ihre Umwelt beschreibbar werden.

[42] 

Das Ende der Geschichte

[43] 

Im letzten Teil des Buches lässt Schmidt schließlich den theoretischen Zusammenhang von Wirklichkeitsmodell & Kulturprogramm, die in Geschichten & Diskursen auf der Basis von Setzung & Voraussetzung in Kommunikation und Kognition die Vermittlung von kognitiver Autonomie und sozialer Orientierung leisten, in die Konzepte von Identität, Wahrheit und Moral einmünden. Damit ersetzt er die eingangs abgelehnten kognitionsbiologischen Letztbegründungsversuche konstruktivistischer Theoriebildung durch ethisch-philosophische Begrifflichkeiten, die wohl dasselbe Ziel verfolgen, den theoretischen und begrifflichen Aufwand der Geschichten & Diskurse- Philosophie aber schwerlich rechtfertigen und dem dieser Philosophie inne wohnenden Problem- und Diskussionspotential in keiner Weise gerecht werden können.



Anmerkungen

Siegfried J. Schmidt: Kognitive Autonomie und soziale Orientierung. Konstruktivistische Bemerkungen zum Zusammenhang von Kognition, Kommunikation, Medien und Kultur. Frankfurt / Main: Suhrkamp 1994.   zurück
Siegfried J. Schmidt: Grundriß der Empirischen Literaturwissenschaft. Band 1: Der gesellschaftliche Handlungsbereich Literatur. Braunschweig, Wiesbaden: Vieweg 1980. Band 2: Zur Rekonstruktion literaturwissenschaftlicher Fragestellungen in einer Empirischen Theorie der Literatur. Braunschweig, Wiesbaden: Vieweg 1982.   zurück
Nach Josef Mitterer: Die Flucht aus der Beliebigkeit. Frankfurt / Main: Fischer 2001.   zurück
Vgl. Peter Finke: Konstruktiver Funktionalismus. Die wissenschaftstheoretische Basis einer empirischen Theorie der Literatur. Braunschweig, Wiesbaden: Vieweg 1982.   zurück
Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen [1962]. Frankfurt / Main: Suhrkamp 1993.   zurück
George Spencer Brown: Laws of Form. New York: The Julian Press 1972.   zurück
Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt / Main: Suhrkamp 1984.   zurück
Vgl. auch Siegfried J. Schmidt (Anm. 1), S. 31.   zurück
Vgl. ebd., S. 48–120.   zurück
10 
Sebastian Jünger: Kognition, Kommunikation, Kultur. Aspekte integrativer Theoriearbeit. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag 2002.   zurück
11 
12 
Nach G&D, S. 29.   zurück
13 
Sebastian Jünger (Anm. 10), S. 30 f., zitiert nach G&D, S. 29.   zurück
14 
Niklas Luhmann: Einführung in die Systemtheorie. Hg. von Dirk Baecker. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag 2004, S. 143.   zurück
15 
Niklas Luhmann (Anm. 14), S. 146.   zurück
16 
Ebd., S. 146.   zurück
17 
Niklas Luhmann (Anm. 7), S. 222 ff.   zurück
18 
Niklas Luhmann (Anm. 14), S. 109.   zurück