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Migration im schwedischen Kontext
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Wie der Untertitel – Literarisierung kultureller Migration als kritische Auseinandersetzung mit der eigenen kollektiven Identität – anzeigt, platziert Elisabeth Herrmann ihre im Juli 2004 von der Philologischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau angenommene Habilitationsschrift im Zusammenhang von Migration, Globalisierung und Interkulturalität. Damit bearbeitet sie ein Thema, das über die akademischen Kreise der postcolonial studies hinaus auch für ein breiteres Publikum Interesse besitzt. Dies gilt in besonderer Weise für den Kulturraum, aus dem Hermann ihre Untersuchungsobjekte bezieht: Seit langem wird der Migrantenliteratur in den Feuilletons der schwedischen Tagespresse große Aufmerksamkeit zuteil; zu den zentralen Autoren der schwedischen Gegenwartsliteratur gehören Migranten der ersten und zweiten Generation, etwa die griechisch-stämmigen Theodor Kallifatides und Aris Fioretos oder der in Shanghai gebürtige Lyriker Li Li; Jonas Hassen Khemiri bescherte mit seinem Roman Ett öga rött über die Adoleszenz eines schwedischen Jugendlichen mit palästinensischen Eltern dem schwedischen Buchhandel einen der größten Verkaufserfolge der letzen Jahre; und darüber hinaus wurden 1987 mit der Gründung des Centrum för multietnisk forskning (Zentrum für multiethnische Forschung) an der Universität Uppsala (wissenschafts-)politische Akzente gesetzt.
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Herrmanns Studie verortet sich nun auf ganz eigene Weise in diesem Kontext. Anders etwa als ihre schwedischen Kollegen Satu Gröndahl und Lars Wendelius untersucht Herrmann nicht Geschichten über Migranten nach Schweden, sondern über Migranten aus Schweden und dreht damit die traditionelle Blickrichtung um. Als Novum ihrer Fragestellung deklariert sie außerdem ihren Fokus auf Texte, die den kulturellen Wechsel »zwischen homogenen Kulturen« (S. 14) verhandeln. Bisher sei im literatur- und kulturwissenschaftlichen Kontext fast ausschließlich der Transfer zwischen geografisch und mental distanten Kulturen untersucht worden.
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Ganz allgemein ist Herrmann der Ausdruck »Migrationsliteratur« suspekt, weil er eine global relevante Thematik als Randphänomen der »normalen« Literatur marginalisiere; sie spricht deshalb lieber von Grenzgängerliteratur; damit sei die eigentliche Konstituente dieser Art Belletristik markiert: nämlich die Reflexion von kultureller und nationaler Identität durch eine Verortung im liminalen Raum zwischen zwei oder mehreren Kulturen. Der gemeinsame Nenner der von ihr analysierten literarischen Texte besteht darin, dass die erzählte Migration auch von den Autoren selbst vollzogen wurde. Im Einzelnen handelt es sich dabei um a) Kaj Fölsters Bortom de sju bergen. Tyskabilder 1958–1994 (1995), die Verknüpfung einer historischen Dokumentation über das Deutschland der Nachkriegszeit und der Wiedervereinigung mit der Biographie der Autorin in Deutschland, b) die Romane Sorgemusik för frimurare (1983) und Tjänarinnan (1996), in denen der selbst in die USA ausgewanderte Lars Gustafsson kollektive Grenzerfahrungen in der spätmodernen Welt gestaltet, c) Bodil Malmstens Buch Priset på vatten i Finistère (2001), in dem die Autorin ihr erstes Jahr in der Bretagne reflektiert und d) die Schwedenbeschimpfung För herr Bachmanns broschyr (1998), mit der Carl-Johan Vallgren in Thomas Bernhardscher Manier von Deutschland aus »eine neue Dimension der nationalen und gesellschaftlichen Polemik« (S. 29) einleitet.
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Genaue Lektüren mit Blick fürs Detail
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In den Analysen dieser zwischen fiktionalem und faktualem Duktus changierenden Texte liegt die Stärke der Habilitationsschrift. So tritt zum Beispiel klar zu Tage, dass die AutorInnen, obwohl ihre Emigration in den meisten Fällen als ein Protest gegen kulturelle Nivellierung und Borniertheit im Heimatland zu lesen ist, obwohl die Texte also einen Bruch mit der Heimatkultur markieren, gerade durch die Literarisierung dieses Bruches die Kommunikation mit der schwedischen Leserschaft und somit mit der kritisierten Ausgangskultur aufrechterhalten. Die Texte legen damit Zeugnis vom dialektischen Prozess ab, in dem Identität immer über Abgrenzung gebildet wird, so dass sich das Ich nur »im Dialog mit dem Wir« (so der Titel der Arbeit) konturieren kann, so dass die (eben auch kritisierte) kollektive Identität der individuellen immer eingeschrieben bleibt. Außerdem zeigt sich, dass das Schreiben selbst einen existentiellen Zwischenraum eröffnet, der ein Sein an der Grenze zwischen der Ausgangskultur und der Zielkultur ermöglicht: So schreibt Herrmann im Kapitel über Vallgren, dass sich das Schreiben langfristig
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von einem Ort, der ›Asyl‹ bietet [...], zum eigentlichen ›livsbiotop‹ [dem Lebensbiotop verwandele], den sowohl Lars Gustafsson als auch Bodil Malmsten ebenfalls als eine von der Geographie völlig losgelöste Heimat, ja als die eigentliche Heimat des Schriftstellers überhaupt apostrophiert haben. Wo anders als dort könnte der Schriftsteller tatsächlich und für immer ›zuhause‹ und sich seiner Identität sicher sein? (S. 260)
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Diese und ähnliche Beobachtungen präsentiert Herrmann mit viel Sinn fürs Detail in Kapitel II, das ganz der Analyse der fünf Primärtexte gewidmet ist und das mit seinen 180 der circa 330 Seiten auch dem Umfang nach deutlich den Schwerpunkt der Studie ausmacht. Dabei ist sie immer bemüht, die Texte auf die Intention der AutorInnen hin genau zu rekonstruieren. Die zielführende Fragestellung formuliert sie folgendermaßen:
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Mit der Analyse der ausgewählten Texte auslandsschwedischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller möchte ich zeigen, dass das Bewusstsein, sich als ›Grenzgänger‹ in einer spezifischen Lebenssituation zu befinden, einer solchen ausgesetzt zu sein oder eine solche freiwillig gewählt zu haben, andere und neue Perspektiven und Sichtweisen eröffnet, die nicht allein den Blick auf die dargestellte oder neu anzueignende Kultur verändern, vielmehr als Folge eines auf diese Weise erweiterten Blicks auch das Schreiben und dessen Beschaffenheit beeinflussen und prägen. (S. 92)
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Dieser Nachweis ist ihr zweifelsohne gelungen.
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Von der Lektüre zur Abstraktion
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Weniger überzeugend sind jedoch die Teile der Studie, in denen die Autorin die Lektüre der Primärtexte transzendiert und (im Fall von Kapitel I) bestehende Forschung und Forschungsansätze sowie (im Fall von Kapitel III) die eigenen Ergebnisse zu synthetisieren versucht und sie auf eine kulturwissenschaftliche Perspektive hin öffnen will. Dazu zwei Beispiele: Unter der Überschrift »Der Schriftsteller im selbst gewählten Exil – eine skandinavische Tradition?« bietet Herrmann eine schöne Zusammenstellung der wichtigsten skandinavischen AutorInnen, die eine längere Zeit im Ausland verbracht haben. Brandes und Bang werden genannt, auf Ibsen, Bjørnson, Garborg, Skram und Collett hingewiesen, Almqvist, Hansson, Söderberg und Ekelund werden erwähnt – um nur die bekanntesten Posten zu wiederholen; den meisten Raum erhält das sechszehnjährige, selbstgewählte Exil, mit dem Strindberg das Ziel verband, »ein europäischer Dichter zu werden« (S. 55). Am Ende dieser 22-seitigen Übersicht kommt Herrmann zu folgendem Schluss:
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Dass eine Tradition der Kulturreisen in die europäischen Metropolen, die sich häufig zu langfristigen oder dauerhaften Aufenthalten im Ausland ausdehnten, spätestens seit der Mitte des 18. Jahrhunderts besteht, dürfte mit den oben angeführten Reisen verdeutlicht worden sein. (S. 63–64)
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Doch dass viele Autoren im Ausland waren, dass sie sich dort kritisch über ihre Heimatländer äußerten, genügt noch nicht, um eine Tradition zu etablieren. Tradition meint eine Kategorie, die im Unterschied zu anderen (etwa dem Diskursbegriff) eine bewusste Form der Intertextualität voraussetzt. Eine Tradition etabliert sich nicht wie von selbst, sondern durch eine aktive Bezugnahme der Agierenden auf ihre Vorgänger. Sie verlangt, dass sich die Autoren mit ihren Texten zu gewissen Standards und Normen verhalten, die sich im Verlauf der Tradition ausgeprägt haben. Den Schritt von der enzyklopädischen Erfassung in die Abstraktion bleibt Herrmann jedoch schuldig. Noch grundsätzlicher kann man nach der Relevanz für die spätere Textarbeit fragen. Neben einer kurzen Erwähnung von Bertil Malmberg in einer Fußnote (S. 105) findet sich nur ein einziger Verweis auf die vermeintliche Tradition: »Tatsächlich stellt Vallgrens Buch […] das polemischste und radikalste seiner Art dar, und nicht ohne Grund ist es von der Kritik mit Strindbergs Hassbriefen über Schweden verglichen worden« (S. 261).
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Das zweite Beispiel stammt aus Kapitel III, in dem die Texte nicht nur als Reflexionsorgane für individuelle und kollektive Identität verstanden werden sollen, sondern als performative Äußerungen, die selbst an der Herausbildung und Transformation einer kollektiven schwedischen Identität beteiligt sind:
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[I]ndem nämlich die Literatur einerseits von sozialgeschichtlichen Entwicklungen beeinflusst und von kulturspezifischen Bedingungen geprägt ist, wirkt sie durch die Reflexion und Darstellung derselben sowie in Form des durch sie herausgeforderten Dialogs mit den Rezipienten umgekehrt ebenso aktiv auf diese ein. (S. 318)
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Dieser Schritt in eine kulturwissenschaftliche Betrachtungsweise ist an sich sinnvoll, man muss sich jedoch fragen, wie ein Nachweis der kulturbeeinflussenden Kraft überhaupt sinnvoll zu führen wäre, beziehungsweise ob sie bei Texten, die erst einige Jahre alt sind, überhaupt nachzuweisen ist. Herrmann geht den Weg, die Rezensionen der Bücher im schwedischen Feuilleton ausführlich zu referieren. Das Referat wertet sie dann als »überzeugende[n] Beweis […], dass Literatur eine Form kultureller und gesellschaftlicher Kommunikation ist, und sie mit ihrem kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld in einem wechselwirksamen Verhältnis steht« (S. 318). Doch sieht man sich die Struktur der Argumentation genauer an, dann hätte Herrmann die Rezensionen gar nicht paraphrasieren müssen; denn ihre eigentliche Pointe ist, dass die Bücher ihrer Autoren überhaupt besprochen wurden; bereits die Tatsache, dass sie rezensiert wurden, gilt als Beweis ihrer performativen Kraft. Wie wenig stichhaltig dieses Argument ist, erkennt man, wenn man die Beweisrichtung umkehrt: Nach derselben Logik hätte bereits das völlige Fehlen von Rezensionen die These von der kulturkonstituierenden Kraft der Literatur widerlegt.
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Postcolonial studies?
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Schließlich noch eine Anmerkung zur Einbettung der Studie in die postcolonial studies: Herrmann fasst ihre Untersuchung damit zusammen, dass das »Schreiben zwischen zwei Kulturen […] nicht nur Folge als auch Ausdruck einer selbst erfahrenen doppelten Zugehörigkeit« ist, sondern den AutorInnen einen Raum eröffnet, in dem sie eine »multiple und transitorische Identität« herausbilden können (S. 319), wobei sie mit der letzten Formulierung Homi Bhabha zitiert. Doch zeigt sich in den Texten tatsächlich eine »literarisch vollzogene Umsetzung einer solchen Hybridität« (S. 319)? Herrmann hat klar nachgewiesen, dass die AutorInnen sich durch den Umzug in ein anderes Land, dessen Kultur sich aber durchaus »homogen« (S. 14) zu ihrer schwedischen Ausgangskultur verhält, neu entwerfen. Doch Hybridität meint mehr. Bhabhas Terminus charakterisiert eine Zusammensetzung aus verschiedenen, ursprünglich disparaten Einzelteilen, die den Glauben an unwandelbare kulturelle Identitäten untergräbt. Wo also transponiert Gustafsson schwedische Diskurse in sein US-amerikanisches Leben? Wo treffen sich deutsche und schwedische Versatzstücke und verschmelzen zu einer neuen Einheit in Vallgrens Schwedenbeschimpfung? Oder wo wird kulturelle Identität durch die Begegnung mit einem kulturell Anderen unterminiert? Herrmanns überzeugende Beobachtung, dass auch die schlimmste Schmähung der Heimat als eine versteckte Aufrechterhaltung der Kommunikation gewertet werden muss, zeigt – so meine ich – eher das Gegenteil. Man muss sich also fragen, inwieweit das modisch gewordene begriffliche Inventar der postcolonial studies sinnvoll auf Herrmanns Untersuchungsfeld – den »kulturellen Wechsel […] zwischen homogenen [meine Hervorhebung, J.S.] Kulturen« – zu übertragen ist. Denn ein Hybrid aus zwei mehr oder weniger identischen Entitäten wird sich vielleicht nicht sonderlich von den Ausgangsformationen unterscheiden.
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Doch glücklicherweise ist die etwas schief geratene Applikation des Hybriditätsbegriffs ein einmaliger Ausrutscher. Herrmann gelingt es über weite Strecken sich von modisch-entleerter Kulturtheorie fernzuhalten. Deshalb kann ihre Studie Das Ich im Dialog mit dem Wir – trotz der erwähnten Kritikpunkte – ohne Einschränkungen all denen empfohlen werden, die sich für die kulturelle Migration im Werk der besprochenen Autoren interessieren.
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