Bartels über Barbetta: Der Frosch mit den Masken

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Klaus Bartels

Der Frosch mit den Masken
Die neo-phantastische Lektüre eines Serienmörder-Romans

  • María Cecilia Barbetta: Poetik des Neo-Phantastischen. Patrick Süskinds Roman "Das Parfum" (Epistemata. Würzburger wissenschaftliche Schriften. Reihe Literaturwissenschaft; 354) Würzburg: Königshausen & Neumann 2002. 252 S. Broschur mit Fadenheftung. EUR (D) 35,-.
    ISBN 3-8260-2222-1.


Metamorphosen des Frosches

Es ist ein verbreiteter Brauch, die Mitglieder eines Volkes nach den von ihnen bevorzugten Speisen zu benennen, die Italiener nach den Spaghetti, die Deutschen nach dem Sauerkraut und die Franzosen nach den Fröschen. Wegen ihrer (vermeintlichen) Vorliebe für Frosch-Schenkel heißen die Söhne Frankreichs bei ihren europäischen Nachbarn bekanntlich Jean Grenouille (Johannes Frosch). Wird nun jemand auf den Namen Jean-Baptiste (Johannes der Täufer) getauft und trägt den Nachnamen Frosch wie Jean-Baptiste Grenouille, der Held in Patrick Süskinds Roman, haben wir es mit einem schweren theologischen Zeichen zu tun, so jedenfalls María Cecilia Barbettas Argumentation.

Im fünften Kapitel ihres Buches (S. 163–195) legt sie entsprechend eine Geschichte des Frosch-Mythos vor, mit einem Abstecher zu Herbert Achternbuschs Inszenierung des Verhältnisses von Frosch und Christus. Sie unterscheidet insgesamt vier historische Schichten des Mythos:

  1. Ursprung des Froschkultes in Ägypten als ein Kult der Fruchtbarkeit und (gottähnlicher) Wiedergeburt.

  2. Synkretismus von Frosch- und Christusbild zu Beginn des Christentums.

  3. Allmähliche Verdrängung des Frosch-Kultes aus dem öffentlichen Bewußtsein.

  4. Rückkehr des Verdrängten als "böser und skandalöser Frosch" (S. 188).

Süskinds Roman enthalte alle vier Schichten bis hin zur Frosch-Apotheose gegen Ende des Romans, als der von Geburt an geruchslose Grenouille, besprenkelt mit Aromen aus fünfundzwanzig Jungfrauenleichen, seiner geborgten Aureole gewissermaßen, auf dem Schafott, seinem "Golgatha", vor die Bürger der Parfumstadt Grasse tritt und sie sich als leibhaftiger Anti-Christ untertan macht. Dies ist ein karnevalesker Auftritt, aber anders, als ihn Barbetta versteht, die sich nachgerade panisch jeden Gedanken an das der Grenouilleschen Aureole zugrundeliegende Jungfrauenfleisch versagt, obwohl nun gerade dessen Auflösung in Geruchsstoffe der volksetymologischen Deutung des Karnevals als "Fleischwegnahme" (carnelevare) eine ironische Variante hinzufügt.

Nicht weniger ironisch wird der Tod Grenouilles auf dem Friedhof von Paris erzählt, wo er geboren ward und wo er sich einigen durch sein Parfum angelockten Kriminellen und Desperados als Speise opfert. Statt eines Heiligen Abendmahls gibt es einen Frosch, denn die Frosch-Mahlzeit ist, folgen wir Barbetta ("Grenouilles Geschichte liest sich wie eine schwarze Messe, an deren Beginn der verdrängte Frosch aufersteht und seine Laufbahn als böser umgekehrter Christus beginnt, um schließlich die einst verlorene Herrschaft zu übernehmen", S. 177), Bestandteil einer schwarzen Messe und nicht zuletzt eine Parodie auf die Essgewohnheiten der Franzosen. Vielleicht hat Süskind auch nur der ersten deutschen Edgar Wallace-Verfilmung (Der Frosch mit der Maske, 1959) ein Denkmal setzen wollen.

Nomen est omen
als literaturwissenschaftliche Methode

Barbetta läßt sich vom Frosch-Namen leiten, der auf wundersame Weise einen Prätext zu Süskinds Parfum generiert:

Das Parfum liest sich für uns wie der zweite Teil einer anderen Geschichte, die im Roman nicht erzählt wird, aber auf die man stößt, wenn man sich von der Formel Nomen est omen leiten läßt. (S. 176)

Grenouilles Froschnatur freilich bleibe den Roman-Protagonisten verborgen. Seine Geruchslosigkeit sei die perfekte Tarnkappe. Niemand nehme ihn wahr, so lange er nicht eine seiner (proportional zur Anzahl der Leichen ansteigend) perfekten Duft-Kreationen trägt. Ungerochen heiße ungesehen. Ohne Anstoß zu erregen, könne der Romanheld daher seinen Geschäften als Serienmörder, Vampir, Gespenst oder Monster nachgehen und in diversen anderen, dem neo-phantastische Repertoire entliehenen Masken auftreten.

Die Formel Nomen est omen gelte auch für den Titel des Buches. Der Roman sei komponiert wie ein Parfum, und der Autor erweise sich als großer Parfumeur, "der alle möglichen Ingredienzien für sein Buch versammelt, um sie nach einem neuen Rezept zusammenzumischen" (S. 204). Der Leser, seinen Assoziationen gehorchend, lese gewissermaßen mit der Nase, folge dieser oder jener Duftspur, so daß sich aus den unzähligen Einzeldüften Das Parfum zusammensetze:

Das macht den Roman als phantastischen, genauer als neo-phantastischen Roman aus. Daß er sich aus unzähligen Einzeldüften zu einem große Duft, zu einem Parfum zusammensetzt. Und der Erfolg des Romans zeigt, daß er zauberhaft wirkt. Dieser Zauber ist Teil des Neo-Phantastischen. (S. 204)

Ob sich mit der Formel des Nomen est omen valide Erkenntnisse gewinnen lassen, scheint Barbetta selbst ein wenig zweifelhaft. Sie wehrt sich ausdrücklich gegen den Verdacht, auch ihre Untersuchung könnte, wie die meisten der von ihr im ersten Kapitel (S. 13–16) kritisierten literaturwissenschaftlichen Arbeiten zum Parfum, die Merkmale der freien Assoziation tragen (S. 200). Aber nicht einmal die im zweiten Kapitel (Phantastik und Neo-Phantastisches, S. 23–84) vorgelegte Theorie einer Poetik des Neo-Phantastischen (warum nicht >Neo-Phantastik<?) kann die Zweifel zerstreuen, das Neo-Phantastische sei der Sammelbegriff für Beliebigkeit.

Das Neo-Phantastische

Die Kategorie des Neo-Phantastischen übernimmt Barbetta von dem argentinischen Literaturwissenschaftler Jaime Alazraqui. 1 Dabei handele es sich um eine aus Elementen der Erzähltechniken Franz Kafkas (Die Verwandlung) und Julio Cortázars zusammengesetzte Mischkategorie, die sie gegen die europäische und insbesondere die deutsche Erzähltradition (Günter Grass' Blechtrommel ist ein Exkurs gewidmet, S. 38–41) abgrenzt. Ihre Behauptung lautet, Süskind habe im Parfum den seinerzeit auf dem deutschen Buchmarkt boomenden neo-phantastischen Ton lateinamerikanischer Schriftsteller (u.a. Borges, Cortázar, Márques) nachgeahmt und – auf der Schwelle zwischen der Generation der Betroffenen und der Generation Golf – eine gut konsumierbare, außerordentlich verkäufliche Mixtur aus E- und U-Literatur angefertigt, wie sie vor allem der Großvater der Pop-Literaten Leslie A. Fiedler in seinem Resümee der sechziger Jahre Cross the Border – Close the Gap (1970) 2 gefordert hatte (S. 78–80;
vgl. auch Kapitel drei Der Auftritt des >Dichter-Animateurs< , S. 85–104).

In erster Linie beschäftigt Barbetta sich mit der Riß-Theorie Roger Caillois'. Nach Caillois setzt das Phantastische (im Unterschied zum Märchen!) die Festigkeit der realen Welt voraus. Der Sitz des Phantastischen sind die kaum merkbaren Risse in dieser Welt, durch die das Übernatürliche und Bedrohliche eindringt. 3 Im Neo-Phantastischen, so Barbetta, gewinne der Riß den Charme einer "unmöglichen Begebenheit" (S. 82), mit der sich der Betroffene (wie Kafkas Gregor Samsa und dessen Umwelt) abfinde und arrangiere. Von einer vorgängigen festgefügten Welt gehe das Neo-Phantatische nicht aus (was die Frage impliziert, woran dann noch die Unmöglichkeit einer Begebenheit erkannt werden kann und worin der Unterschied zum Märchen besteht, das eine physikalische festgefügte Welt nicht kennt).

Ein zweite Neuerung des Neo-Phantastischen betreffe die Funktion der Metapher, gemeinhin als verkürzter Vergleich verstanden, in dem qua Analogie (Ähnlichkeit) das vergleichende Wort das >eigentliche< ersetzt (z. B. Löwe für Achill, um dessen Mut zu kennzeichnen). Im Neo-Phantastischen gebe es keine eigentliche Bedeutung der Metapher. Bedeutung ergebe sich vielmehr aus der Interaktion der Metapher mit dem Kontext. Kurz gesagt: Wir haben es nicht mit Phantastik und Neo-Phantastik zu tun, sondern mit zwei unterschiedlichen Metapherntheorien, der Substitutionstheorie (Roman Jakobson) und der Interaktionstheorie (Max Black), wodurch Tzvetan Todorovs 4 Ausführungen über die Allegorie (und die fantastische Literatur) unterlaufen werden.

Eine wirklich ernsthafte Genre-Diskussion findet nicht statt. Barbetta ignoriert programmatisch jeden Hinweis auf die der traditionellen Phantastik implizite Struktur des Unheimlichen (Todorov), 5 obwohl sich sämtliche von ihr erhobenen neo-phantastischen Befunde in Süskinds Parfum problemlos unter Philip L. Simpsons Konzept des "Neo-Gotizismus" und damit unter das Serienkiller-Subgenre 6 subsumieren lassen und obwohl der Autor selbst mit dem Untertitel Die Geschichte eines Mörders seinen Text diesem Genre zuordnet.

Von der Enthäutung zur Entauratisierung

Er gibt damit zu verstehen, daß es wohl weniger der Erfolg der lateinamerikanischen Autoren in Deutschland war, der ihn zu diesem Roman inspiriert hat, als vielmehr die öffentliche Debatte über Medien und Gewalt im Anschluß an die Ausstrahlung von Ausschnitten aus Horrorvideos in ARD und ZDF am 1. März 1984. Grundiert wurde die Debatte durch eine damals in den USA grassierende Serienkiller-Hysterie. Auch hier entstand wie in der Bundesrepublik der (falsche) Eindruck, die Medien trügen die Verantwortung für die angeblich eskalierende Gewalt.

Am Medienprofi Süskind (Drehbücher, meist in Zusammenarbeit mit Helmut Dietl, für die Fernsehserien Monaco Franze , 1983, Kir Royal, 1986, und für den Kinofilm Rossini, 1997) ist diese auch im Bundestag und seinen Ausschüssen geführte Diskussion mit Sicherheit nicht spurlos vorübergegangen. Möglicherweise hat er aus den Medien auch erfahren, daß der am 13. Juni 1983 verhaftete, angeblich sechshundertfache Serienmörder Henry Lee Lucas, ein Auslöser der US-amerikanischen Serienkiller-Panik, über keinen Geruchssinn verfügte (und dementsprechend mörderisch stank). 7 Süskind brauchte das Motiv nur umzukehren. Nicht entgangen ist ihm mit Sicherheit das internationale Interesse, auf das ein Serienmörder-Roman stoßen mußte (Thomas Harris war ihm mit Red Dragon 1981 erfolgreich vorausgegangen).

Während die Protagonisten im Slasher-, Splatter- und Zombiegenre ihre Opfer in bester Ed Gein-Manier enthäuteten und sich wie Leatherface in The Texas Chainsaw Massacre (1974) eine Gesichtsmaske aus Frauenhaut bastelten, spezialisierte sich Süskinds Held darauf, den Duft der getöteten Jungfrauen, ihre "Aura", wie eine Haut 8 abzuziehen und sich mit ihren Aromen zu betupfen, um die Liebe, zu der die ursprünglichen Besitzerinnen inspirierten, auf sich umzulenken. Aber was ist die Aura, die Grenouille seinen Opfern "abschmeichelt"? Barbetta geht auf diesen von Süskind erstmals in Zusammenhang mit dem ersten geglückten "Kontakt-Abzug" einer menschlichen Leiche 9 und danach mehrfach 10 verwendeten Begriff überhaupt nicht ein.

Exkurs über die Aura

Die ausführlich beschriebene Prozedur der Aromagewinnung erinnert (vermutlich nicht ohne Absicht) an einen fotografischen Kontakt-Abzug: Grenouille fettet ein feines Leinentuch an den Körpergeruchs-Kontaktstellen, wo die Düfte am intensivsten sind, mit aromabindender Pomade ein. Anschließend wickelt er den Leichnam in das Tuch und schmilzt nach einer gewissen "Beduftungszeit" die eingefangene Aura aus (Enfleurage).

Es fällt schwer, in diesem Kontext nicht an das natürliche "Porträt" Christi auf seinem in Turin aufbewahrten Leichentuch zu denken, für André Bazin die "Synthese von Reliquie und Fotografie." 11 Noch schwerer fällt es, im Auradieb Grenouille keinen Agenten der mechanischen Reproduktionstechniken zu identifizieren, die nach Walter Benjamin bekanntlich für den Verlust des Kultwertes und die Zertrümmerung der Aura des Kunstwerks haftbar zu machen sind. Zwar reproduzieren Grenouilles Kontakt-Abzüge individuelle Duftbilder 12 und keine Fotografien oder Filmbilder, um die es bei Benjamin geht, aber Süskind zapft offenkundig die Quelle Benjamins an, die den Aura-Begriff ausdrücklich mit Gerüchen in Verbindung bringt. Die Rede ist von Ludwig Klages und seinem Buch Vom kosmogonischen Eros (1922). 13

In diesem Buch definiert Klages die Aura eines Gegenstandes als eine nahe Ferne, wobei die Dinghaftigkeit des Gegenstandes für seinen Nahcharakter und die Bildhaftigkeit für seinen Charakter der Ferne steht. 14 (Nach Benjamin ist die Aura die "einmalige Erscheinung einer Ferne, so nahe sie sein mag." 15 ) Inbegriff der Aura ist für Klages der kosmogonische Eros, ein Gott der Ferne, strikt zu unterscheiden vom geschlechtlichen Sexus. Er vergleicht die (erotische) Fernwirkung dieses Gottes gern mit Blumendüften, überwiegend mit dem Duft von Flieder oder Veilchen:

In fliederduftender Sommernacht bei ungewiß flackerndem Lichterschein traf uns mit unaussprechlicher Glücksverheißung aus feuchten Augen ein schimmernder Strahl, durchbebte und verwandelte uns das geheimsinnige Lächeln, umfing mit magnetischem Zauber der knisternde Liebreiz der vorüberschwebenden Gestalt: ein Strom des Entzückens zerlöste uns, und die Flamme der Liebe auflodernd berührte das kreisende Firmament. Aber wehe uns, solange wir unweise diesen Augenblick der Erfüllung für nichts als eine Verheißung nahmen, den Reiz der Erscheinung mit deren leibhaftigem Träger vertauschen und vom mystischen Wink uns ließen hineinverführen in ein besitzergreifendes Liebesverhältnis. 16

Es ist immer ein ferner "Mädchenblüten"-Duft, der Grenouille anlockt und in ihm den unwiderstehlichen Wunsch nach physischer Präsenz des Duftobjekts und dessen vollständigem Besitz weckt. Sein Verbrechen besteht darin, dem kosmogonischen Eros durch serielle mechanische Reproduktion von Geruchsbildern olfaktorisch dauernde Nähe verliehen, die Verheißung in ein besitzergreifendes Liebesverhältnis umgewandelt und damit die Aura seiner Opfer zertrümmert zu haben. 17 Eine Betrachtung des Aura-Begriffs bestätigt die Vermutung Maria Tatars, daß Kunsttheorien und -praxen der 1920er und -30er Jahre die ästhetischen Bezugspunkte Süskinds sind. 18

Ein nekrophiles Experiment

Den wenigsten Lesern, unter ihnen Barbetta, ist aufgefallen (vielleicht hat es nicht einmal der Autor bemerkt), daß sich in die per Kontakt-Abzug gewonnenen Pheromone der ermordeten Jungfrauen zwangsläufig die Ausdünstungen der Panik im Moment des Mordanschlags und der Leichengeruch des Opfers mischen. Insofern extrahiert Grenouille auch den Geruch des Todes, ein makabres nekrophiles Experiment. Nekrophilen nämlich geht es in erster Linie um den erotischen "odor of death." 19

Grenouille stieg, wie später der gleichfalls mit einem außergewöhnlichen Geruchssinn ausgestattete Hannibal Lecter (im Unterschied zu seinem Rivalen Jame Gumb, der auf der Ed Gein-Stufe stehenblieb) durch Sublimation zur Aristokratie der Pop-Dämonen auf, was sogar die seriöse Literatur-Kritik ergötzte. Die Entauratisierung hat schließlich auch Barbetta derart benebelt, daß sie alle Spuren im Parfum, die auf das Serienkiller-Subgenre verweisen, in Abrede stellt:

Die Zahl der Verbrechen (fünfundzwanzig!) ist nicht proportional zu dem Stellenwert, der dieser Thematik im Roman eingeräumt wird. Trotz der ungeheuren Zahl an Mädchenmorden geht es nicht um eine Auseinandersetzung mit dem Serienmörder. Das Serielle ist nicht thematisiert, wohl aber dargestellt: indem der Teil, der sich mit den Mordfällen beschäftigt, wohl der langweiligste ist. (S. 112)

Warum der Frosch (k)ein Serienmörder ist

Leider vergißt Barbetta den sechsundzwanzigsten Mord, den Grenouille zu Beginn seiner kriminellen Karriere an einem Mädchen in der Rue Marais zu Paris begeht, den Pilotmord zur Serie. Dieser Mord, beziehungsweise der Duft der ermordeten Jungfrau, verfolgt ihn bis in sein siebenjähriges Exil in einer Einöde. Dort berauscht er sich in der Phantasie vor allem am Duft der erschlagenen Jungfrau, bis ihn dieser imaginäre Rausch nicht mehr befriedigt und er, getrieben von der Erinnerung an die Pariser Pheromone, zur Realisierung seiner Phantasien schreitet, zur Entauratisierung von Jungfrauen.

Dieses Verhalten entspricht exakt dem Serienmörder-Phantasma der FBI-Profiler: Der eigentlichen Mord-Serie gehen jahrelange exzessive Phantasien voraus, die der Serienmörder nach Ablauf einer Latenzphase irgendwann Punkt für Punkt, so wie er sie phantasiert hat, in die Wirklichkeit umsetzt. Zuerst probt er an Tierkadavern, so auch Grenouille 20 (der ja die Gerberei erlernt hat), experimentiert wie Grenouille mit Menschenleichen 21 und beginnt dann, unterbrochen von immer selteneren >cooling off<-Phasen, seine Serie, stets bemüht, die Phantasie befriedigend zu verwirklichen (ein "Duftdiadem" 22 zu schmieden, das alle umhaut).

Nach John Douglas, Ex-FBI-Profiler, ist das Handeln des Serienkillers von drei Motiven bestimmt: "Dominanz, Manipulation und Kontrolle". 23 Barbettas Behauptung, Grenouille sei kein Serienmörder, weil es ihm lediglich um die Inszenierung seiner Macht geht (S. 113), ist daher völlig unsinnig. Sie entspringt der Verwechslung von Serien- mit Lust- oder Sexualmord. Aber nicht jeder Serienmörder begeht seine Verbrechen, um sich an den Leichen seiner Opfer zu vergehen. Der berüchtigte mehrfache Kindermörder Albert Fish schrieb der Mutter eines seiner Opfer, er habe ihre Tochter nicht angerührt, um ihr zugleich mitzuteilen, wie er sie gebraten und gegessen habe. 24 Die Tatsache, daß alle Opfer Grenouilles jungfräulich aufgefunden werden (S. 112), spricht nicht dagegen, daß er ein Serienmörder ist.

Alle von Barbetta mobilisierten Gegenargumente bestätigen das gängige FBI-Konstrukt Serienkiller: Grenouille stammt aus zerrütteten Verhältnissen (Mutter als Kindsmörderin hingerichtet, Vater unbekannt), weist ein signifikantes Vorleben auf (Waisenhausaufenthalte, sadistische Experimente mit Tierkadavern und menschlichen Leichnamen), hat mehr als drei Morde begangen und stirbt neunundzwanzigjährig im besten Serienkilleralter. Es gibt sogar einen Profiler, Antoine Richis, den Vater des letzten Opfers Laure. Er erstellt ein zutreffendes psycholgisches Profil des Grasser Serienmnörders, ohne es freilich an Grenouille festmachen zu können.

Süskind und die deutsche Tradition

Einen völlig anderen Traditonszusammenhang als Barbetta stellt die schon erwähnte Maria Tatar her. Das Erzählkonzept, auf das sie Süskinds Parfum bezieht, stammt aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Sie geht von der These aus, daß diejenigen, die in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg "Morde auf der Maler-Leinwand, auf Buchseiten und Filmleinwänden begingen, [...] mit den reproduktiven Kräften von Frauen rivalisierten oder aber darauf abzielten, die Gesetze der biologischen, an den weiblichen Körper gebundenen Zeugung zu transzendieren." 25 Gemeint sind, exemplarisch, die Lustmord-Malereien von Otto Dix und George Grosz, Alfred Döblin mit seinem Roman Berlin Alexanderplatz und Fritz Langs Film M.

Tatars Überlegung läßt sich grob folgendermaßen zusammenfassen: Die Materialschlachten des Ersten Weltkrieges hätten auch dem hartnäckigsten Heroen die Verwundbarkeit des männlichen Körpers offenbart. Aus dem Schlachthaus des Krieges zurückgekehrt, seien die Krieger, ehemals bis zur Selbstaufopferung bereite Agenten des Terrors, unversehens hineingeschlüpft in die Rolle der "Märtyrer" und "Opfer": Opfer der gegnerischen Streitkräfte, einer unfähigen militärischen Führung und der daheimgebliebenen Zivilisten, alles dies Bausteine der "Dolchstoßlegende", des Trost-Phantasmas, im Felde unbesiegt geblieben zu sein.

In Malerei, Literatur und Film habe die Herstellung der weiblichen Leiche, die Verwandlung des intakten Frauenkörpers in einen fragmentierten zeichenähnlichen Strukturzusammenhang, der Wiedergewinnung männlicher Identität gedient. Über die semiotische Zerstückelung der Frau, implizit auch ein Racheakt am "inneren Feind", habe sich die zweite Geburt des Mannes vollzogen. Künstlerische Produktivität sei als ein der weiblichen Gebärfähigkeit ebenbürtiges, wenn nicht gar überlegenes Surrogat eingetreten.

Diese während der Weimarer Republik entstandene ästhetische Doktrin wirkt nach Tatar bis in Süskinds Roman hinein. In historischem Kostüm variiere Süskind lediglich das Weimarsche Muster von Terrorismus, Opfergang und männlicher Selbstvergewisserung über den ästhetisch repräsentierten toten Frauenkörper (das Parfum). Tatsächlich bewirken der Mord an der Jungfrau in der Rue Marais und die vollständige Inhalation ihres Aromas die zweite, eigentliche Geburt 26 Grenouilles. Ab diesem Zeitpunkt beginnt ein neues Leben, das er weder Vater oder Mutter, noch dem lieben Gott, sondern ausschließlich der (reproduktiven) Kunst des von ihm erfundenen seriellen olfaktorischen Kontakt-Abzugs zu verdanken hat, das er mit dem Duftdiadem aus fünfundzwanzig Jungfrauenleichen krönen und am Ort seiner ersten Geburt, dem Cimetière des Innocents, opfern wird.

Jean Grenouille meets John Doe:
Ein Resümee

In amerikanischen Akten firmieren Herr und Frau Jedermann unter John und Jane Doe (nahe Verwandte der deutschen Hänschen und Lieschen Müller), und es käme keiner auf die Idee, aus der Tatsache, daß der Serienmörder in David Finchers Se7en (1995) John Doe heißt, dem Mythos dieses Namens nachzugehen. Jean Grenouille ist das französische Gegenstück, eine Art Statthalter für den Gedanken, daß Jeder, der, wie Süskinds Romanheld, von zweifelhafter Herkunft und mit auffälligen physischen Stigmata versehen ist (Geruchslosigkeit, Krötenhaftigkeit, Klumpfuß), von der Umwelt als potentiell kriminogen abgestempelt werden kann und später die ihm zugetrauten Verbrechen auch begeht.

Mit Recht verweist Barbetta auf Lavaters physiognomische Fragmente, speziell auf die Tafeln mit dem Titel Vom Frosch zu Apoll (1803), auf denen die Entwicklung vom Frosch- zum Götterkopf in vierundzwanzig Bildern festgehalten wird (S. 214), gehört Lavater doch zu den Urahnen der lombrosianischen Kriminalbiologen, die einen Verbrecher schon an seiner tierischen Physiognomie erkennen zu können vorgaben, zum Beispiel an seinem Froschkopf. Es ist jedoch nicht jedem vergönnt, die Froschhaftigkeit seiner Gesichtszüge zu überwinden und einen Götter-Schädel auszubilden, der umgekehrte Weg von Apoll zum Frosch zurück ist ebenso denkbar. Der Rückschritt (Atavismus) einiger Individuen ins Animalische ist für Kriminalbiologen ein Hinweis auf deren angeborene Kriminalität: Als "feindseliges Animal" stößt Pater Terrier das ihm anbefohlene Baby Grenouille aus der Gemeinschaft der Gläubigen aus. 27 Tiernamen kennzeichneten im 18. Jahrhundert, der fiktiven Zeit, in der Süskinds Roman spielt, den Verbrecher. Schillers Verbrecher aus verlorener Ehre (1792) trägt denn auch den Namen Christian Wolf.

Das Leitmotiv des solitären "Zecks" 28 verortet Grenouille entsprechend in einer eher ethologischen als menschlichen Ordnung. Der vom Romanhelden verwendete chemische Kode der Gerüche und Aromen ähnelt dem der Insekten, die über Tropholaxe (den gegenseitigen Austausch von Nahrungsstoffen und Hormonen) >kommunizieren< anstatt über Wörter. Chemische Kommunikation ersetzt die bei Grenouille rudimentär entwickelte Fähigkeit zur Linguolaxe (sprachliche Tropholaxe). 29 Aufgrund seiner sprachlichen Defizite wird er von seinem Lehrer für schwachsinnig gehalten. 30

Diese kriminalbiologischen Implikationen des Tier- / Insektenmotivs im Parfum berücksichtigt Barbetta in keiner Weise. Sie beschränkt sich auf die Mythologie des Froschnamens. Während diese immerhin plausibel ist, scheint der Bezug auf lateinamerikanische Theorien über das Neo-Phantastische nicht unbedingt zwingend, zumal sich, um diesen Gedanken zu wiederholen, sämtliche neo-phantastischen Befunde in diesem Kontext unter das Serienkiller-Subgenre subsumieren lassen.

Erhellender war für mich Tatars Rückführung des Serienmördermotivs auf die deutschen Traumata nach dem Ersten Weltkrieg. Süskinds Parfum, hierin den Serienmörder-Kunstwerken zwischen den beiden Weltkriegen vergleichbar, verarbeitet die internationalen Traumen des Vietnam-Krieges. Vielleicht erklärt sich daraus der Erfolg dieses Welt-Bestsellers. Erst Mitte der 1970er, Anfang der -80er Jahre, nach Beendigung des Vietnam-Krieges, wurde das deutsch-europäische Motiv des Serienmörders zu einem amerikanischen. 31 Süskind hatte bei diesem Transfer eine wichtige Vermittlerfunktion.


Prof. Dr. Klaus Bartels
Universität Hamburg
Institut für Germanistik II
Von-Melle-Park 6
D-20146 Hamburg
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Ins Netz gestellt am 14.01.2003
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Redaktionell betreut wurde diese Rezension von Lena Grundhuber.


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Anmerkungen

1 Jaime Alazraqui: En busca del unicornio: Los cuentos de Julio Cortázar. Elementos para una poética de lo neofantastico. Madrid 1983.    zurück

2 Leslie A. Fiedler: Cross the Border – Close the Gap. In L. A. F.: Cross the Border – Close the Gap. New York: Stein and Day 1972, pp. 61–85.   zurück

3 Vgl. Roger Caillois: Das Bild des Phantastischen. Vom Märchen zur Science Fiction. In: Rein A. Zondergeld (Hg.): Phaicon 1. Almanach der phantastischen Literatur. Mit Illustrationen von Dieter Asmus, Jörg Krichbaum, Friedrich Meckseper, Reiner Schwarz. Frankfurt am Main: Insel 1974, S. 44–91.   zurück

4 Tzvetan Todorov: Einführung in die fantastische Literatur. Frankfurt am Main, Berlin, Wien: Ullstein 1975, S. 55–68.   zurück

5 Ebd., S. 40–54.   zurück

6 Philip L. Simpson: Psycho Paths: Tracking the Serial Killer Through Contemporary American Film and Fiction. Carbondale and Edwardsville: Southern Illinois University Press 2000. Zu Simpson die Rezension von Klaus Bartels in IASLonline: http://www.iasl.uni-muenchen.de/rezensio/liste/bartels.html, ins Netz gestellt am 12.03.2002.   zurück

7 Joel Norris: Serial Killers. New York 1988, p. 123.   zurück

8 Patrick Süskind: Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders. Zürich: Diogenes 1985, S. 218.   zurück

9 Ebd., S. 239.   zurück

10 Ebd., S, 267, 304, 306.   zurück

11 André Bazin: Was ist Kino? Bausteine zur Theorie des Films. Mit einem Vorwort von Eric Rohmer, Die >Summe< von Bazin, und einem Nachwort von François Truffaut, Il faisait bon vivre. Hg. von Hartmut Bitomsky, Harun Farocki und Ekkehard Kaemmerling. Köln: DuMont Schauberg 1975, S. 25.   zurück

12 Süskind (Anm. 8), S. 239.   zurück

13 Zu Klages als Quelle von Benjamins Aura-Begriff vgl. Michael Pauen: Dithyrambiker des Untergangs. Gnostizismus in Ästhetik und Philosophie der Moderne. Berlin: Akademie Verlag 1994, S. 187–189.   zurück

14 Ludwig Klages: Vom kosmogonischen Eros. München: Georg Müller 1922,
S. 96.   zurück

15 Walter Benjamin: Kleine Geschichte der Photographie. In W. B.: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Drei Studien zur Kunstsoziologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1963, S. 65–94, hier S. 83.   zurück

16 Klages (Anm. 11), S. 71.    zurück

17 Die Übereinstimmungen zwischen Klages und Süskind betreffen noch weitere Punkte, beispielsweise die synästhetische Wahrnehmung der Welt. Synästhesie wird nach Klages durch die Fernmedien, die alles in unmittelbare Präsenz verwandeln, ausdifferenziert in ein arbeitsteiliges Funktionssystem der Sinne: Wörter sind Wörter, Töne sind Töne, Bilder sind Bilder. Die Übertragungs- und Reproduktionsmedien vernichten das Bewußtsein, daß wie bei Grenouille (Süskind, Anm. 8, S. 33) Wörter riechen können. Im Falle Grenouilles führt das undifferenzierte synästhetische Vermögen zu einem der Aphasie ähnlichen Sprachverhalten. Vergleichbare Sprachstörungen lassen sich im übrigen auch bei Musils Serienmörder Moosbrugger aus dem Mann ohne Eigenschaften nachweisen. (Bei Musil tritt Klages als Meingast auf.)   zurück

18 Maria Tatar: Lustmord. Sexual Murder in Weimar Germany. Princeton, New Jersey: Princeton University Press 1995, pp. 178–183.   zurück

19 Nach Aussage der Ende 1979 verhafteten nekrophilen Amerikanerin Karen Greenlee ging es ihr in erster Linie um den Todesgeruch: "Sure, I find the odor of death very erotic." Vgl. Jim Morton: The Unrepentant Necrophile: An Interview with Karen Greenlee. In: Adam Parfrey (Ed.): Apokalypse Culture. Expanded & Revised Edition. [Portland, OR]: Feral House 1990, pp. 28–35, loc. cit. p. 29. Greenlee hat im übrigen als Angestellte eines Bestattungsunternehmens einige Opfer des "Vampire Killers" Richard Trenton Chase einbalsamiert (ibid., p. 32).    zurück

20 Süskind (Anm. 8), S. 236.   zurück

21 Ebd., S. 238.   zurück

22 Ebd., S. 246.   zurück

23 John Douglas / Mark Olshaker: Die Seele des Mörders. 25 Jahre in der FBI-Spezialeinheit für Serienverbrechen. Aus dem Amerikanischen von Jörn Ingwersen. Hamburg: Spiegel-Buchverlag 1996, S. 129.   zurück

24 Das Dokument ist abgedruckt in: Cosmic Retribution. The Infernal Art of Joe Coleman. Second Edition. Seattle and Portland, OR: Fantagraphics Book, Feral House 1994, p. 14.   zurück

25 Tatar (Anm. 18), p. 7 (Übersetzung v. Verf.).   zurück

26 Süskind (Anm. 8), S. 57.   zurück

27 Ebd., S. 24.   zurück

28 Das Leitmotiv des Zecks wird, gemeinsam mit dem Bakterium, eingeführt ebd., S. 27: "Er war zäh wie ein resistentes Bakterium und genügsam wie ein Zeck [...]." Das Motiv des Bakteriums wird nicht fortgeführt. Zur leitmotivischen Verwendung der Zecke vgl. Gerhard Neumann: Patrick Süskind: "Das Parfum." Kulturkrise und Bildungsroman. In: Dieter Borchmeyer (Hg.): Signaturen der Gegenwartsliteratur. Festschrift für Walter Hinderer. Würzburg: Königshausen & Neumann 1999,
S. 185–211, hier S. 204 f.    zurück

29 Vgl. hierzu Humberto Maturana und Francisco Varela: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. 2. Aufl. Bern, München, Wien: Scherz 1987, S. 202, 228, 236, 253, 273.   zurück

30 Süskind (Anm. 8), S. 35.   zurück

31 Karl Juhnke: Das Erzählmotiv des Serienmörders im Spielfilm. Eine filmwissenschaftliche Untersuchung. Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Kiefer. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag 2001. (Zugl.: Diss., Braunschweig: Hochschule für Bildende Künste 2000). Zu Juhnke die Rezension von Joachim Linder bei IASLonline: http://iasl.uni-muenchen.de/rezensio/liste/linder.html
(ins Netz gestellt am 26.05.2002).    zurück