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- Silke Arnold-de Simine: Leichen im Keller. Zu Fragen des
Gender in Angstinszenierungen der Schauer- und Kriminalliteratur (1790-1830).
(Mannheimer Studien zur Literatur- und Kulturwissenschaft 22)
St. Ingbert:
Röhrig 2000. 535 S. Geb. DM 74,-.
ISBN 3-86110-263-3.
1. Deutsches Forschungsdesiderat
Gleich in mehrfacher Hinsicht betritt Silke Arnold-de Simine
mit ihrer Mannheimer Dissertation Neuland innerhalb des Forschungsterrains
deutscher Literaturwissenschaft. Denn sie widmet sich einem hierzulande immer
noch verpönten und daher vernachlässigten Forschungsfeld, das im
angelsächsischen Raum schon seit Ende der siebziger Jahre präsent
ist: dem Genre des deutschen Schauerromans in seiner Konjunkturphase zwischen
1790 und 1830. Als einem Phänomen der Massenliteratur, das zudem
"eine >auffällige [...] Affinität zur Frau als Autorin, Heldin
und Leserin< aufweist" (S.10), hat der deutsche Schauerroman im
Unterschied zum englischen Gothic Novel bislang kaum eine
literaturgeschichtliche Rolle gespielt.
In ihrer Untersuchung, die somit erstmals
überhaupt ein Textkorpus dieses Genres für die Zeit um 1800
zusammenstellt, 1 kann Arnold-de Simine daher
mit gängigen Vorurteilen der deutschen Forschungspraxis auf diesem
Gebiet aufräumen, insbesondere mit der Vorstellung von einer ins
Triviale abgesunkenen Übernahme englischer Vorbilder. Gleichzeitig lassen sich an ihrem, stark an die wegweisenden
Studien anglo-amerikanischer Feministinnen anknüpfenden Konzept aber
auch Vor- und Nachteile einer Textlektüre im Dienst genderorientierter
Genretheorien ablesen. 2
2. Stellenwert der theoretischen Überlegungen:
Genderorientierte Historisierung von Angstdiskursen
Nahezu die Hälfte der umfangreichen Arbeit macht eine
theoretische Verortung des Themas aus. Sie besteht aus einer, für den
bereits im Titel aufgestellten Zusammenhang von schauerliterarischem Genre
und geschlechterdifferenter Ausgestaltung der Thematik notwendigen, die
unterschiedliche soziokulturelle Verortung der Geschlechterrollen
berücksichtigenden Historisierung von Angst-Begrifflichkeit und deren
Diskursivierung Ende des 18. Jahrhunderts:
Der >Angst<-Begriff bleibt also nicht auf eine rein
textimmanente Verwendung beschränkt, sondern wird auch auf der Ebene der
Literaturproduktion und -rezeption eingesetzt, wo er sich nicht allein auf
Texte bezieht, sondern zudem auf konkrete Personengruppen. Die Fragestellung
bewegt sich daher auf produktions- und rezeptionstheoretischer wie auch auf
textanalytischer Ebene. Sie bemüht sich um eine Synthese der
verschiedenen Ebenen, indem die in die Texte eingeschriebenen
Wirkungspotentiale, Leserrollen und Leerstellen als Angebote gewertet werden,
die dem Lesepublikum die Möglichkeit geben, durch eine sinnliche und
affektive Inszenierung der literarischen Modelle Angstbilder zu entwerfen und
ihnen gleichzeitig durch die narrative Struktur Sinn zu verleihen. (S.14)
2.1 "Engendering Elias"
Im Unterschied zu Theorien menschlicher Angst als allgemein
anthropologisch-existentieller Konstante entwickelt Arnold-de Simine in ihrem
Kapitel "Engendering [Norbert] Elias" (S.80-94) eine
geschlechtsspezifische Ausdifferenzierung zunehmend entkonkretisierter
Angstquellen im "Prozeß der Zivilisation". Dies läßt sich in Analogie zu Karin Hausens
Habermas-Modifikation eines geschlechtsspezifischen
"Strukturwandel[s] der Öffentlichkeit" 3 lesen: Auf der Basis einer unterschiedlichen Zuweisung von
>männlich< konnotierter Öffentlichkeit und >weiblich< definierter
Privatsphäre als spezifisch bürgerlichem Ausdruck einer
Polarisierung der >Geschlechtscharaktere< seit der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts seien bei Frauen und Männern unterschiedliche Formen
der Angsterzeugung und -bewältigung zu beobachten. Sie vollzögen
sich vor dem Hintergrund eines in diesem Zeitraum der Modernisierung
stattfindenden, "fundamentale[n] Wandel[s] in den Funktionsweisen und
Inhalten der privaten und öffentlichen Autoritäts- und
Herrschaftsstrukturen" (S.39).
Für den im öffentlichen Erwerbsleben stehenden Mann
gestalteten sich die Hierarchieverhältnisse in einem zunehmend
bürokratisierten Staatswesen dabei immer unpersönlicher. Soziale
Gewaltverhältnisse sind den gesellschaftlichen Strukturen auf abstrakter
Ebene immanent. Demgegenüber weise das jetzt auf die patriarchalisch
organisierte bürgerliche Kernfamilie statt auf das umfangreichere
Sozialgebilde >ganzes Haus< konzentrierte Lebensumfeld von Frauen eine
anachronistisch wirkende "Zunahme personal [an die Gewalt des Ehemannes;
J. B.] gebundener Abhängigkeiten auf" (S.82). Gleichzeitig werde
die Frau durch ihre stellvertretende Hypostasierung zum
bürgerlich-häuslichen Tugendideal in besonderer Weise von der
zivilisatorischen Affektreduzierung durch verinnerlichte und zum Teil
widersprüchliche Zwänge betroffen, welche Angst auslösend
wirkten. Dem bürgerlich disziplinierten Mann wiederum böte sich so
gerade die Möglichkeit, Ängste abzuspalten und auf literarisch
wirksame Imaginationen von Weiblichkeit als das zu verdrängende und
auszugrenzende >Andere< (Natur, Triebleben, Sexualität) zu
übertragen.
2.2 Sublimes versus Erhabenes
Gleichzeitig entstehen mit den Theorien des Sublimen in
England und des Erhabenen in Deutschland auch auf ästhetischer Ebene
Diskursmöglichkeiten, die einen sublimierten Genuß der
Einbildungskraft an einer angstbesetzten, realiter inzwischen jedoch als
zunehmend beherrschbar erfahrenen Macht der Natur ermöglichten. Ihre
dafür charakteristischen Erscheinungen wie Felsmassive, Gewitterwolken
oder aufgewühlte Meereswogen bilden ebenfalls typische Szenarien des
Schauerromans. Im Vergleich zwischen einer in beiden Ländern daraus
resultierenden "Ästhetik des Schreckens und der Angst, deren
zentrales Anliegen die lustvolle Inszenierung des Beängstigenden
ist" (S.142), macht Arnold-de Simine für eine solche Gattungspoetik
der Schauerliteratur vor allem im deutschsprachigen Raum wiederum auf damit
verbundene geschlechterdichotomische Aufladungen des ästhetischen
Diskurses aufmerksam.
Denn im Unterschied zu Edmund Burkes Abhandlung "A
Philosophical Enquiry into the Origins of our Ideas of the Sublime and
Beautiful" verbänden die in der zweiten Hälfte des 18.
Jahrhunderts daran kritisch anknüpfenden Autoren in Deutschland
Lessing, Kant und Schiller ebenso wie Carl Grosse, Verfasser damals
populärer Schauerromane mit ihrem produktions- wie
rezeptionstheoretischen Konzept des Erhabenen sehr viel stärker eine
vernunftgeleitete und ethisch motivierte Erhebung des (männlichen)
Subjekts über die zunächst überwältigend erscheinenden
Objekte der (zumeist ausdrücklich weiblich konnotierten) Natur. Dadurch
fänden sich "die antagonistischen Geschlechterstereotype auf den
Gegensatz zwischen Schönem und Erhabenem projiziert" (S.156).
Innerhalb einer solchen Konzeption jedoch funktioniere Weibliches lediglich
als passives Objekt abwehrender männlicher Betrachtung. Darüber
hinaus werde Frauen das ambivalente Gefühl der >Angstlust< des Erhabenen
abgesprochen:
Die Theorien Kants und Schillers fungieren also
verstärkt über Ausschlußmechanismen, während Burkes
ästhetischer Entwurf, obwohl auch er geschlechtsspezifische Zuweisungen
vornimmt, auf einer integrativen Voraussetzung basiert: Prinzipiell ist allen
Menschen die Empfindung des Erhabenen (und dementsprechend auch des
Schönen) gemeinsam. Sie unterscheiden sich lediglich im Grad ihrer
Sensibilität, so daß sie das Erhabene mehr oder weniger stark
wahrnehmen können. (S.168)
2.3 >Trivialliteratur< versus >Hochliteratur<
Damit bietet Arnold-de Simine einen Erklärungsansatz,
der zugleich verdeutlicht, warum sich in Deutschland, im Unterschied zu
England, im Zuge von Genieästhetik und Autonomisierung der Literatur im
letzten Drittel des 18. Jahrhunderts und parallel zur Lesemode und der
starken Beteiligung von Frauen am literarischen Diskurs eine radikale
Spaltung des Literaturbetriebs in >Hoch<- und >Trivialliteratur< durchgesetzt
hat. Denn
[d]as sich selbst ermächtigende, souveräne Subjekt,
das [nun] im Kern jeder literarischen Schöpfung gesehen wird und als
>Garant der Bedeutung [und] des damit verbundenen Werkbegriffs< gilt,
widerspricht dem als Natur der >Frau< entworfenen >weiblichen<
Geschlechtscharakter. (S.103)
Bevorzugte Frauengenres wie Brief oder Tagebuch werden
>vorästhetischen Räumen< der Alltagskultur zugeordnet und im
Gegensatz zur autonomieästhetischen Literaturkonzeption jetzt als
>dilettantisch-trivial< abgewertet. Damit sind sie aus dem Kanon der
sogenannten >Höhenkamm<-Literatur ausgeschlossen. Mit dieser These folgt
Arnold-de Simine einem inzwischen gängigen Paradigma feministischer
Literaturwissenschaft zur genderorientierten Werk- und Texttheorie und ihren
spezifischen Produktions- und Rezeptionsbedingungen im 18. und 19. Jahrhundert. 4 Ein weniger
detailliertes Referat der einschlägigen Forschungspositionen wäre
daher an dieser Stelle lesefreundlicher gewesen.
Das gilt im übrigen ebenso für das
ausführliche Kapitel über die Bilder von Männlichkeit und
Weiblichkeit in Freuds Psychoanalyse (S.168-216). Diese sieht Arnold-de
Simine zwar zu Recht als Fortschreibung aufklärerischer Angstdiskurse
und patriarchalischer Weiblichkeitsmythen vor dem Hintergrund
bürgerlich-kleinfamiliärer Sozialisation. Aber auch hier hätte
sich, schon um Redundanzen zu vermeiden, eine stärkere Konzentration auf
die in ihrem Zusammenhang wesentliche, wiederum auf implizite
Geschlechtsstereotypen hin kritisch hinterfragte Theorie des Unheimlichen als
einer Verkehrung des eigentlich >Heimlich<-Vertrauten angeboten.
3. terror versus horror
Auf der so erstellten Basis historisch und
geschlechtsspezifisch verorteter Angstdiskurse entwickelt Arnold-de Simine im
zweiten Teil ihrer Arbeit nun Geschichte und Typologie des deutschsprachigen
Schauerromans Ende des 18. Jahrhunderts. Entgegen der auch heute noch in
Literaturlexika anzutreffenden Auffassung vom genuin englischen Genre der
Gothic Novel zeigt die Autorin dabei ein sich gegenseitig
beeinflussendes Netz deutsch-englischer Literaturbeziehungen auf. Damit
widerspricht sie gleichzeitig der in England bis heute üblichen,
umgekehrten Auffassung vom spezifisch deutschen Phänomen der
Schauerliteratur. Denn hier sind vorwiegend die Ritter- und
Räuberdramatik der Stürmer und Dränger, Goethes
Faust, Räuber-, Geister- und Geheimbundromane, deutsche
Volkssagen und Schauerballaden, wie Bürgers Lenore, im
Kontext der Schauerromantik rezipiert worden.
Analog zum bereits hergeleiteten Austausch zwischen
schauerromantisch->trivialen< und >hochliterarisch<-poetologischen Diskursen
bei der Theoriebildung des Erhabenen kann Arnold-de Simine jetzt auch bei der
Etablierung des Genres, das sich in den 1790er Jahren zu einer regelrechten
Massen- und Modeliteratur entfaltet, zeigen,
daß der Rezeptionsprozeß zwischen Höhenkamm-
und Unterhaltungsliteratur keineswegs nur von >oben< nach >unten<, sondern
vielmehr in beide Richtungen verlaufen ist. (S. 27)
So fand "im Widerspruch zur Mär von der
>Dienstboten-Literatur<" (S.225) die zweite Übersetzung von
Horace Walpoles englischem Schauerroman The Castle of Otranto
1794 begeisterte Aufnahme bei Goethe und Schiller, die sich daraufhin mit
eigenen Bearbeitungs- und Fortsetzungsplänen des Genrestoffs
befaßten. Als ein weiterer Verehrer lasse sich August Wilhelm Schlegel
ausmachen, dem sogar eine eigene Übersetzung des Walpoleschen Romans
zugeschrieben wird.
Aber auch der üblichen Vorstellung von einem
trivialliterarischen Absinken eines in seinen Anfängen noch
ästhetisch innovativen Genres kann hier widersprochen werden:
Übersehen werde dabei, daß kanonisierte Autoren wie Jean Paul,
Heinrich von Kleist oder E.T.A. Hoffmann erst nach 1800 die Tradition der
Schauerromane in abgewandelter Form fortgeführt haben. Statt dessen
werde so weiterhin der Mythos von den "Goetheschen und Schillerschen
Archetypen" tradiert (S.233), der durch die
Literaturgeschichtsschreibung des frühen 19. Jahrhunderts sogar für
den Bereich des Trivialen aufgebracht worden sei. Ein Lehrstück für
die damit einhergehende Marginalisierung weiblicher Autoren bei der
schöpferischen Herausbildung selbst später abgewerteter Genres, wie
demjenigen der dem bürgerlichen Weiblichkeitsideal zudem
entgegenstehenden, >unsittlich-brutalen< Schauerliteratur, liefert dabei das
von Arnold-de Simine zunächst vorgestellte Beispiel Benedikte Nauberts..
3.1 Eine deutsche Radcliffe
Gilt Nauberts prägender Einfluß auf die
europäische Schauerliteratur in der angelsächsischen Forschung
schon seit den siebziger Jahren als unumstritten, so sei ihr literarisches
Werk in Deutschland bislang lediglich im Kontext des empfindsamen
Familienromans und des historischen Erzählens rezipiert worden. Dabei
stammten von ihr eine Mehrzahl der ins Englische übertragenen
Schauerromane. Als Übersetzer fungierte hier unter anderem Matthew
Gregory Lewis, der so Anregungen für seinen berühmten Schauerroman
The Monk bezog.
Die durch Lewis maßgeblich vertretene school of
horror läßt sich dabei durch die Darstellung unvermittelter
Grausamkeit und Gewalt charakterisieren, deren Schrecken an das Individuum
von außen, objektiviert in anderen >bösen< Figuren, zum Beispiel
dämonisierten Frauengestalten, herantreten. Die dabei wirksamen
übernatürlichen Mächte werden rational nicht aufgelöst.
Demgegenüber entspräche Nauberts Erzählweise vielmehr dem
subtilen terror, welcher in der englischen Forschung der Female
Gothic einer Ann Radcliffe zugeordnet wird. Denn das Gefühl des
terror speist sich in erster Linie aus den inneren, uneindeutigen
Bildern der Protagonistinnen, ausgelöst durch Gefährdungen in dem
ihnen zugeschriebenen, vorgeblich harmonischen Bereich der Familie und des
eigenen Heims. Damit stellten diese Romane gerade "einen Gegendiskurs
zum empfindsamen Familienroman dar, der die herrschende Familienideologie
propagiert" (S.284).
3.1.1 explained supernatural
Durch die dabei zugleich angewandte Technik des explained
supernatural werden die angeblichen Geistererscheinungen zudem auf
erklärbare Ursachen zurückgeführt. Letzteres fungierte dabei
häufig als Anlaß, solche Texte als minderwertiger, da
ästhetisch eindeutiger zu bewerten. Am Beispiel von Nauberts Werken
kommt Arnold de-Simine hingegen zu einem anderen Schluß: Neben
schauerromantischen Zügen erkennt sie an dieser Technik bereits
"die typischen Merkmale späterer Kriminalgeschichten" (S.262).
Steht in ihnen doch gerade die detektorische Aufklärung anfangs
mysteriös erscheinender Verbrechen im Vordergrund. Wie Arnold-de Simine
später an Texten von Caroline de la Motte Fouqué und E.T.A. Hoffmann
aufzeigt, "bietet die analytische Erzählweise [außerdem] die
Möglichkeit, tabuisierte Themen anklingen zu lassen, ihre direkte und
ausführliche Darstellung jedoch auszusparen" (S.479f.). Eine
vorschnelle Diskreditierung dieser Methode greife daher zu kurz, weil sie
"die Parallelen und gegenseitigen Einflüsse zwischen [den] zwei
Genres" Schauer- und Kriminalliteratur übersehe (S.438). Ihr
Auftreten sei somit nicht, wie im sozialhistorischen Rückgriff auf die
spätere Entwicklung von außerliterarischen Techniken der
Kriminalistik gemeinhin konstatiert, als unabhängiges Nacheinander,
sondern als zeitliche Überschneidung zu sehen.
3.1.2 Herstory
An Nauberts schauerliterarischem Roman Herrmann von
Unna, eine Geschichte aus den Zeiten der Vehmgerichte (1789) und ihrer
Erzählung Die weiße Frau (1792) arbeitet Arnold-de
Simine darüber hinaus "eine alternative Form von
Geschichtsschreibung" heraus (S.249). Im Sinne einer Herstory
werde hier einerseits versucht, im quellenunterstützten fiktionalen
Rahmen des historischen Erzählens die neben den titelgebenden
männlichen Helden vergessenen weiblichen Anteile an Geschichte
nachzutragen. Dies finde sich in Nauberts Herrmann von Unna
exemplifiziert an den ausführlich dargelegten Taten und Schicksalen der
dem männlichen Protagonisten parallel geschalteten weiblichen Figuren
Ida Münster und Marie, Königin von Ungarn. Auf der anderen Seite
finde auch mit der Entwicklung und Entschärfung weiblicher Mythen von
der >dämonischen Frau< als Rächerin oder verderbender
Verführerin eine kritische Auseinandersetzung statt.
So sei in der Handlungsführung von Nauberts
gleichnamigem Schauermärchen den Lesern die zeitgenössische
Motiventwicklung der unheimlichen >weißen Frau< "von einer
blutrünstigen Medea zur ergebenen Mutter und Hausfrau [...] ironisch
gebrochen und in ihrer ganzen Ambiguität vor Augen" geführt
(S.330f.). Auch in den, dieser Thematik gleichfalls verpflichteten
Erzähltexten von Sophie Albrecht (Das höfliche
Gespenst; 1797) und Karoline von Woltmann (Die weiße
Frau; 1821) diene dieser sagenhafte Topos einer ruhelos- >untoten<
Ahnherrin darüber hinaus dazu, matrilineare Erbfolgen, weibliche
Sozialisationsschicksale und Adoleszenzkrisen sowie
Mutter-Tochter-Beziehungen, kurz: "Die Auseinandersetzung mit dem
weiblichen Erbe, weiblicher Genealogie und Tradierung weiblicher
(Lebens-)Geschichte" zu thematisieren (S.348).
3.1.3 Schreckens-Topographien
Doch nicht nur die Handlungsstrukturen verweisen, laut
Arnold-de Simine, in den von ihr untersuchten weiblichen Schauerromanen
verstärkt auf "die Familie, die Kindheit, die Sozialisation als
Quelle der Angst" (S.284). Auch die für das Genre
charakteristischen und zum Teil bereits im Titel annoncierten Innenräume
einsam gelegener gotischer Burgen, Schlösser oder Klöster seien als
weiblich codierte Orte angelegt, in denen in der Regel tabuisierte
Familiengeschichte verhandelt werde. Die angeführten Textbeispiele von
Nauberts Herrmann von Unna, Albrechts Graumännchen
oder die Burg Rabenbühl (1799) und Johanna Neumanns Clara
von Pappenheim oder die nächtlichen Erscheinungen im Schlosse
Waldburg (1828) führten dabei bevorzugt Heldinnen in ihrer
Eingeschlossenheit in labyrinthisch verzweigten Räumlichkeiten vor, in
denen sie sich ihren verborgenen Ängsten zu stellen hätten. In der
Ambivalenz als zugleich bergender und einschränkender Ort mit
klaustrophobischer Wirkung versinnbildlichten diese häuslichen
Räume auf manifester wie subtextueller Ebene gerade die angstbesetzte
Zwiespältigkeit des bürgerlich-weiblichen Lebensentwurfs sowie die
damit zwangsläufig auch verbundenen Negativaspekte matrilinearer
Traditionsfolgen:
Festzuhalten bleibt, daß in diesen Texten >weiblich<
codierte Orte zu Imaginationsräumen der Angst werden. Auf einer ersten
Ebene wird der familiäre Raum aus einem Schutzraum zu einem Ort, an dem
den Frauenfiguren Gefahr droht, umgedeutet. In einer weiteren Brechung wird
der weibliche Körper selbst zum Ort des Eingesperrtseins für die
Frauenfiguren. Das heißt, die Frauenfiguren nehmen den Schrecken
innerhalb ihres eigenen Körpergefängnisses wahr, in das sie durch
die biologistische und ontologisierende Theorie der Geschlechtscharaktere
eingeschrieben sind. Die Heldin Agnes in Albrechts
Graumännchen wird im Burgturm eingesperrt, der zu ihrem
mütterlichen Erbteil gehört. Nimmt man das Bild wörtlich, so
ist sie im weiblichen Leib gefangen, der das mütterliche
Vermächtnis im wahrsten Sinne des Wortes >verkörpert<. (S.287)
So sehr solche Textbeobachtungen Arnold-de Simines in sich
stimmig sind und auf dem zuvor von ihr ausführlich dargelegten
historischen Hintergrund genderorientierter Angstdiskurse einleuchten, so
wird ein solcher Eindruck an dieser Stelle der Arbeit leider durch ein Manko
der Textauswahl getrübt. Es resultiert aus der hier nahezu
ausgeblendeten (Gegen-)Perspektive von schauerliterarischen Texten
männlicher Autoren in Deutschland. Denn die Kategorie
des Geschlechts läßt sich innerhalb einer produktiven Form von
Geschlechtergeschichte und ihrer literarischen Imaginationen
schließlich nur als Beziehung untersuchen. 5
Widerspruch provoziert in dieser Hinsicht vor allem das
Kapitel zum Figurentyp der Femme fatale in der Schauerliteratur von
Autorinnen (S.306-327). Denn die hier unter anderem aufgestellte These von
einem über diesen weiblichen >Tatmenschen< zwar als sexuell
gefährlich stigmatisierten, aber gleichzeitig breit ausgeführten
Ausleben unbürgerlich->unweiblichen< Verhaltens (S.325) ließe sich
so durchaus auch an Texten männlicher Autoren beobachten. Unter der Hand wird ihnen damit die Fähigkeit zum
(selbst)kritischen Hinterfragen von Geschlechtsstereotypen abgesprochen. 6 Einen eigenen Versuch, diesem Dilemma zu
entgehen, liefert Arnold-de Simine am Schluß selbst durch eine
Gegenüberstellung der Angst-Inszenierungen in schauerliterarischen
Texten von Autorinnen und Autoren nach 1810. Im Zentrum steht ein dabei
wiederum nicht ganz unproblematischer Vergleich der Erzählstrategien in
Werken von E.T.A. Hoffmann und Caroline de la Motte Fouqué, der lange Zeit
vergessenen Frau Friedrich de la Motte Fouqués. Als Erfolgsautorin ihrer Zeit
hatte sie mit der Präsenz ihrer Werke die damaligen
Leihbibliothekskataloge angeführt.
3.2 Caroline de la Motte Fouqué contra E.T..A. Hoffmann?
Ausgangspunkt für einen Vergleich ist Caroline de la
Motte Fouqués Roman Magie der Natur von 1812, der
schauerliterarische Strukturen vor dem Hintergrund der Auswirkungen von
Französischer Revolution und Mesmerismus ansiedelt. Ähnlich wie in
E.T.A. Hoffmanns vier Jahre später mit einem ebensolchen Themenkomplex
arbeitender Erzählung Der Sandmann werden zugleich dunkle
Familiengeheimnisse mit den Gefährdungen im Prozeß
bürgerlicher Individuation und sexueller Initiation verbunden. In beiden
Fällen fände die rational nicht endgültig auflösbare
Inszenierung des Unheimlichen im so schließlich auch durch Freud
analysierten familiären Umfeld des "fremdgewordene[n] Bekannte[n],
Vertraute[n] und Geliebte[n]" statt (S.418). Eine geschlechtsspezifische
Unterscheidung nach englischem Vorbild in Terror und Horror Gothic
, explained supernatural und supernatural ist hier also
nicht mehr möglich. Statt dessen ließen sich jedoch andere, der
jeweiligen Erzählweise inhärente Unterschiede konstatieren.
Während die Angst auslösenden und empfindenden
Instanzen bei Hoffmann klar voneinander getrennt erschienen (der Sandmann,
Clara und Olimpia als Auslöser von Nathanaels Ängsten), seien der
mesmeristische Marquis und seine dämonisierte Tochter Antonie bei Fouqué
als unheimliche Figuren gleichzeitig auch diejenigen, die selbst am meisten
Angst empfänden: "Täter und Opfer [fallen] zusammen"
(S.426). Würden in beiden Fällen dabei Konstruktionen von
Weiblichkeitsimagines vordergründig wirksam, auf einer
tiefenhermeneutischen Ebene allerdings entlarvt, fänden sich weitere
geschlechtsspezifische Unterschiede in der formalen Umsetzung dieser
subversiven Erzählakte:
Während Hoffmann seinen literarischen Text mit
poetischen Mitteln übercodiert und damit auf einer formalen Ebene
agiert, schreibt Fouqué die Brüche und Widerständigkeiten ihrem
Text auf einer inhaltlichen Ebene ein. Damit agieren beide letztlich doch
wieder gemäß der herrschenden Geschlechterideologie, die dem
>Mann< die Form, die Ebene des Diskurses, der >Frau< dagegen die Materie, die
Ebene der Mimesis, zuweist.
Fouqué ringt für sich um einen Ort des Schreibens und
versucht, ein Erzähl-Ich zu konzipieren, von dem aus sie erst so etwas
wie Kohärenz herstellen könnte. Hoffmann dagegen destruiert den Ort
des schöpferischen, autonomen Ichs, der ihm zugeschrieben wird und von
dem aus er, aller Erwartung nach, sprechen sollte. Über die Formen der
literarischen Tradition verfügend, spielt er mit dem ihm darin
zugewiesenen Ort und entzieht sich dadurch einer eindeutigen Vereinnahmung.
(S.435)
Damit hat Arnold-de Simine einmal mehr die prekäre
Wirkungsmacht >geschlechtscharakteristischer< Vorstellungsmuster aufgezeigt,
die sich bis in die ästhetische Struktur der Texte einschreibt. Selbst
auf Autorinnen mit standesbewußt-unbürgerlichen
Lebensvorstellungen wie Caroline de la Motte Fouqué konnten sie Einfluß
nehmen. Gleichzeitig macht Arnold-de Simine so am deutschsprachigen Genre der
Schauerliteratur zwischen Spätaufklärung, Empfindsamkeit, Sturm und
Drang, Klassik und Romantik deutlich, daß und warum Literatur von
Frauen aus dieser Zeit nicht kanonisiert worden ist. Ihre Untersuchung
liefert damit auch eine notwendige Reflexion der in diesem Zeitraum
maßgeblich geprägten, bis heutige gültigen
literarästhetischen Wertmaßstäbe.
Das ebenfalls nach diesen
Maßstäben eingestandene ästhetische Gefälle zwischen
Hoffmanns und Fouqués Text jedoch kann dadurch nicht ausgeräumt werden.
7 Denn die von Arnold-de Simine bemühten
multiperspektivischen Elemente dialogischen und szenischen Erzählens
erscheinen mir auf der auktorialen Erzählfolie von Fouqués Magie
der Natur wenig wirksam und konventionell. Dies wird
besonders im Vergleich mit Hoffmanns komplex perspektivierter Erzählung,
aber auch im Unterschied zu thematisch wie ästhetisch innovativen
späteren Werken Fouqués deutlich, wie etwa ihrem in Briefform
gestalteten Ehebruchsroman Resignation (1829) oder ihrer
großstädtisch-feuilletonistischen Dialogprosa Fragmente aus
dem Leben der heutigen Welt (1819/20). 8
4. "Leichen im Keller" ein Fazit
Die blinden Flecken innerhalb eines solchen methodischen
Ansatzes verweisen somit auch auf die eigenen >Leichen im Keller<
genderzentrierter Untersuchungsweisen. Statt Literatur von
Frauen als Sonderfall und Gegenentwurf zu postulieren, wäre "die
Geschlechterdifferenz als eine Kategorie unter anderen in der kulturellen
Gesamtkonstellation aufzufassen". 9 Nur
dadurch ist einem, trotz aller hier bewiesenen (literar-)historischen Umsicht
und Sorgfalt, so immer auch latenten Biologismus zu entgehen, der andere
soziale und individuelle Differenzen zwischen wie innerhalb der
Geschlechtergruppen ausklammert. Dies könnten beispielsweise die
unterschiedlichen Lebensentwürfe und Schreibmotivationen nahelegen, die
Arnold-de Simine in ihrem nützlichen Anhang zu Leben und Werk der von
ihr wiederentdeckten Autorinnen rekonstruiert hat (S. 491-498). Daß
sich deren Werke, die spezifischen Bedingungen ihrer Entstehung wie ihrer
Rezeption aber langfristig in die allgemeine Literatur- und Kulturgeschichte
einschreiben, damit diese zu einer Geschichte beider Geschlechter
werden kann, dafür hat Silke Arnold-de Simine mit ihrer Studie zum
schauerliterarischen Genre in der deutschen Literatur Ende des 18.
Jahrhunderts einen unverzichtbaren Beitrag geleistet.
Dr. Julia Bertschik
Freie Universität Berlin
Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften
Institut für Deutsche und Niederländische Philologie
Habelschwerdter Allee 45
D-14195 Berlin
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Ins Netz gestellt am 28.08.2001

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Anmerkungen
1 Irritierend wirkt dabei allerdings die
wiederholte Ausweisung des vorliegenden Textkorpus als >exemplarisch< (S.25,
327). Dadurch bleibt ungeklärt, ob hier noch weitere Texte existieren,
die (aus welchen Gründen?) nicht in die Untersuchung einbezogen
wurden. zurück
2 Vgl. hier vor allem Sandra M. Gilbert /
Susan Gubar: The Madwoman in the Attic. The Woman Writer and the
Nineteenth-Century Literary Imagination. New Haven, London: Yale University
1979 und Juliann E. Fleenor (Hg.): The Female Gothic. Montreal, London: Eden
1983. zurück
3 Karin Hausen: Überlegungen zum
geschlechtsspezifischen Strukturwandel der Öffentlichkeit. In: Ute
Gerhard u. a. (Hg.): Differenz und Gleichheit. Menschenrechte haben (k)ein
Geschlecht. Frankfurt/M.: Helmer 1990, S.268-282. zurück
4 Vgl. neben den für diesen Zeitraum
wesentlichen Studien von Silvia Bovenschen: Die imaginierte Weiblichkeit.
Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen
Präsentationsformen des Weiblichen. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1979 und
Christa Bürger: Leben Schreiben. Die Klassik, die Romantik und der Ort
der Frauen. Stuttgart: Metzler 1990 dazu inzwischen auch die entsprechenden
Forschungsüberblicke bei Ina Schabert: Gender als Kategorie einer neuen
Literaturgeschichtsschreibung. In: Hadumod Bußmann / Renate Hof (Hg.):
Genus. Zur Geschlechterdifferenz in den Kulturwissenschaften. Stuttgart:
Kröner 1995, S.162-204 oder, durchaus kritisch: Jutta Osinski:
Einführung in die feministische Literaturwissenschaft. Berlin: Schmidt
1998, S.170-172. zurück
5 So, bezogen auf die
Geschichtswissenschaft, auch Gisela Bock: Geschichte, Frauengeschichte,
Geschlechtergeschichte. In: Geschichte und Gesellschaft 14 (1988) 3, S.
364-391, hier S.379f. zurück
6 Vgl. hier hingegen beispielsweise zur
sowohl affirmativen wie kritischen Aneignung schauerliterarisch tradierter
Geschlechterbilder im Frühwerk Wilhelm Raabes: Julia Bertschik:
Maulwurfsarchäologie. Zum Verhältnis von Geschichte und
Anthropologie in Wilhelm Raabes historischen Erzähltexten.
(Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte 78) Tübingen: Niemeyer
1995, S.153-193. zurück
7 Zu einer ähnlichen Bewertung der im
zeitlichen Umfeld von Magie der Natur entstandenen Erzählungen
Caroline de la Motte Fouqués im Vergleich mit kanonisierten romantischen
Texten männlicher Autoren kommt dabei auch Birgit Wägenbaur:
Romantik für Jedermann. Caroline de la Motte Fouqués Erzählungen.
In: Jahrbuch der Fouqué-Gesellschaft Berlin-Brandenburg (1999),
S.98-118. zurück
8 Vgl. zu diesen Texten Julia Bertschik:
"Geschichte(n) der Moden". Zur Bedeutung der Kleidung bei Caroline de la
Motte Fouqué. In: Tilman Spreckelsen (Hg.): Friedrich und Caroline de la
Motte Fouqué. Wissenschaftliches Colloquium zum 220. Geburtstag des Dichters.
Brandenburg/H.: Hochschulforum 1998, S.85-105, hier S. 101f., 104f. und Petra
Kabus: Caroline de la Motte Fouqué: "Resignation". Ein Roman zwischen den
"Wahlverwandtschaften" und "Effi Briest". In: Jahrbuch der
Fouqué-Gesellschaft Berlin-Brandenburg (2000), S.106-120. zurück
9 So lautet, im Anschluß an Ina
Schabert, auch das Plädoyer von Jutta Osinski (Anm. 4), S.178f.
zurück
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