Bertschik über Arnold-de Simine: Leichen im Keller

IASLonline


Julia Bertschik

Häuslicher Horror:
Deutschsprachige Schauerliteratur zwischen genre und gender

  • Silke Arnold-de Simine: Leichen im Keller. Zu Fragen des Gender in Angstinszenierungen der Schauer- und Kriminalliteratur (1790-1830). (Mannheimer Studien zur Literatur- und Kulturwissenschaft 22)
    St. Ingbert: Röhrig 2000. 535 S. Geb. DM 74,-.
    ISBN 3-86110-263-3.


1. Deutsches Forschungsdesiderat

Gleich in mehrfacher Hinsicht betritt Silke Arnold-de Simine mit ihrer Mannheimer Dissertation Neuland innerhalb des Forschungsterrains deutscher Literaturwissenschaft. Denn sie widmet sich einem hierzulande immer noch verpönten und daher vernachlässigten Forschungsfeld, das im angelsächsischen Raum schon seit Ende der siebziger Jahre präsent ist: dem Genre des deutschen Schauerromans in seiner Konjunkturphase zwischen 1790 und 1830. Als einem Phänomen der Massenliteratur, das zudem "eine >auffällige [...] Affinität zur Frau als Autorin, Heldin und Leserin< aufweist" (S.10), hat der deutsche Schauerroman im Unterschied zum englischen Gothic Novel bislang kaum eine literaturgeschichtliche Rolle gespielt.

In ihrer Untersuchung, die somit erstmals überhaupt ein Textkorpus dieses Genres für die Zeit um 1800 zusammenstellt, 1 kann Arnold-de Simine daher mit gängigen Vorurteilen der deutschen Forschungspraxis auf diesem Gebiet aufräumen, insbesondere mit der Vorstellung von einer ins Triviale abgesunkenen Übernahme englischer Vorbilder. Gleichzeitig lassen sich an ihrem, stark an die wegweisenden Studien anglo-amerikanischer Feministinnen anknüpfenden Konzept aber auch Vor- und Nachteile einer Textlektüre im Dienst genderorientierter Genretheorien ablesen. 2

2. Stellenwert der theoretischen Überlegungen:
Genderorientierte Historisierung von Angstdiskursen

Nahezu die Hälfte der umfangreichen Arbeit macht eine theoretische Verortung des Themas aus. Sie besteht aus einer, für den bereits im Titel aufgestellten Zusammenhang von schauerliterarischem Genre und geschlechterdifferenter Ausgestaltung der Thematik notwendigen, die unterschiedliche soziokulturelle Verortung der Geschlechterrollen berücksichtigenden Historisierung von Angst-Begrifflichkeit und deren Diskursivierung Ende des 18. Jahrhunderts:

Der >Angst<-Begriff bleibt also nicht auf eine rein textimmanente Verwendung beschränkt, sondern wird auch auf der Ebene der Literaturproduktion und -rezeption eingesetzt, wo er sich nicht allein auf Texte bezieht, sondern zudem auf konkrete Personengruppen. Die Fragestellung bewegt sich daher auf produktions- und rezeptionstheoretischer wie auch auf textanalytischer Ebene. Sie bemüht sich um eine Synthese der verschiedenen Ebenen, indem die in die Texte eingeschriebenen Wirkungspotentiale, Leserrollen und Leerstellen als Angebote gewertet werden, die dem Lesepublikum die Möglichkeit geben, durch eine sinnliche und affektive Inszenierung der literarischen Modelle Angstbilder zu entwerfen und ihnen gleichzeitig durch die narrative Struktur Sinn zu verleihen. (S.14)

2.1 "Engendering Elias"

Im Unterschied zu Theorien menschlicher Angst als allgemein anthropologisch-existentieller Konstante entwickelt Arnold-de Simine in ihrem Kapitel "Engendering [Norbert] Elias" (S.80-94) eine geschlechtsspezifische Ausdifferenzierung zunehmend entkonkretisierter Angstquellen im "Prozeß der Zivilisation". Dies läßt sich in Analogie zu Karin Hausens Habermas-Modifikation eines geschlechtsspezifischen "Strukturwandel[s] der Öffentlichkeit" 3 lesen: Auf der Basis einer unterschiedlichen Zuweisung von >männlich< konnotierter Öffentlichkeit und >weiblich< definierter Privatsphäre als spezifisch bürgerlichem Ausdruck einer Polarisierung der >Geschlechtscharaktere< seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts seien bei Frauen und Männern unterschiedliche Formen der Angsterzeugung und -bewältigung zu beobachten. Sie vollzögen sich vor dem Hintergrund eines in diesem Zeitraum der Modernisierung stattfindenden, "fundamentale[n] Wandel[s] in den Funktionsweisen und Inhalten der privaten und öffentlichen Autoritäts- und Herrschaftsstrukturen" (S.39).

Für den im öffentlichen Erwerbsleben stehenden Mann gestalteten sich die Hierarchieverhältnisse in einem zunehmend bürokratisierten Staatswesen dabei immer unpersönlicher. Soziale Gewaltverhältnisse sind den gesellschaftlichen Strukturen auf abstrakter Ebene immanent. Demgegenüber weise das jetzt auf die patriarchalisch organisierte bürgerliche Kernfamilie statt auf das umfangreichere Sozialgebilde >ganzes Haus< konzentrierte Lebensumfeld von Frauen eine anachronistisch wirkende "Zunahme personal [an die Gewalt des Ehemannes; J. B.] gebundener Abhängigkeiten auf" (S.82). Gleichzeitig werde die Frau durch ihre stellvertretende Hypostasierung zum bürgerlich-häuslichen Tugendideal in besonderer Weise von der zivilisatorischen Affektreduzierung durch verinnerlichte und zum Teil widersprüchliche Zwänge betroffen, welche Angst auslösend wirkten. Dem bürgerlich disziplinierten Mann wiederum böte sich so gerade die Möglichkeit, Ängste abzuspalten und auf literarisch wirksame Imaginationen von Weiblichkeit als das zu verdrängende und auszugrenzende >Andere< (Natur, Triebleben, Sexualität) zu übertragen.

2.2 Sublimes versus Erhabenes

Gleichzeitig entstehen mit den Theorien des Sublimen in England und des Erhabenen in Deutschland auch auf ästhetischer Ebene Diskursmöglichkeiten, die einen sublimierten Genuß der Einbildungskraft an einer angstbesetzten, realiter inzwischen jedoch als zunehmend beherrschbar erfahrenen Macht der Natur ermöglichten. Ihre dafür charakteristischen Erscheinungen wie Felsmassive, Gewitterwolken oder aufgewühlte Meereswogen bilden ebenfalls typische Szenarien des Schauerromans. Im Vergleich zwischen einer in beiden Ländern daraus resultierenden "Ästhetik des Schreckens und der Angst, deren zentrales Anliegen die lustvolle Inszenierung des Beängstigenden ist" (S.142), macht Arnold-de Simine für eine solche Gattungspoetik der Schauerliteratur vor allem im deutschsprachigen Raum wiederum auf damit verbundene geschlechterdichotomische Aufladungen des ästhetischen Diskurses aufmerksam.

Denn im Unterschied zu Edmund Burkes Abhandlung "A Philosophical Enquiry into the Origins of our Ideas of the Sublime and Beautiful" verbänden die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts daran kritisch anknüpfenden Autoren in Deutschland – Lessing, Kant und Schiller ebenso wie Carl Grosse, Verfasser damals populärer Schauerromane – mit ihrem produktions- wie rezeptionstheoretischen Konzept des Erhabenen sehr viel stärker eine vernunftgeleitete und ethisch motivierte Erhebung des (männlichen) Subjekts über die zunächst überwältigend erscheinenden Objekte der (zumeist ausdrücklich weiblich konnotierten) Natur. Dadurch fänden sich "die antagonistischen Geschlechterstereotype auf den Gegensatz zwischen Schönem und Erhabenem projiziert" (S.156). Innerhalb einer solchen Konzeption jedoch funktioniere Weibliches lediglich als passives Objekt abwehrender männlicher Betrachtung. Darüber hinaus werde Frauen das ambivalente Gefühl der >Angstlust< des Erhabenen abgesprochen:

Die Theorien Kants und Schillers fungieren also verstärkt über Ausschlußmechanismen, während Burkes ästhetischer Entwurf, obwohl auch er geschlechtsspezifische Zuweisungen vornimmt, auf einer integrativen Voraussetzung basiert: Prinzipiell ist allen Menschen die Empfindung des Erhabenen (und dementsprechend auch des Schönen) gemeinsam. Sie unterscheiden sich lediglich im Grad ihrer Sensibilität, so daß sie das Erhabene mehr oder weniger stark wahrnehmen können. (S.168)

2.3 >Trivialliteratur< versus >Hochliteratur<

Damit bietet Arnold-de Simine einen Erklärungsansatz, der zugleich verdeutlicht, warum sich in Deutschland, im Unterschied zu England, im Zuge von Genieästhetik und Autonomisierung der Literatur im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts und parallel zur Lesemode und der starken Beteiligung von Frauen am literarischen Diskurs eine radikale Spaltung des Literaturbetriebs in >Hoch<- und >Trivialliteratur< durchgesetzt hat. Denn

[d]as sich selbst ermächtigende, souveräne Subjekt, das [nun] im Kern jeder literarischen Schöpfung gesehen wird und als >Garant der Bedeutung [und] des damit verbundenen Werkbegriffs< gilt, widerspricht dem als Natur der >Frau< entworfenen >weiblichen< Geschlechtscharakter. (S.103)

Bevorzugte Frauengenres wie Brief oder Tagebuch werden >vorästhetischen Räumen< der Alltagskultur zugeordnet und im Gegensatz zur autonomieästhetischen Literaturkonzeption jetzt als >dilettantisch-trivial< abgewertet. Damit sind sie aus dem Kanon der sogenannten >Höhenkamm<-Literatur ausgeschlossen. Mit dieser These folgt Arnold-de Simine einem inzwischen gängigen Paradigma feministischer Literaturwissenschaft zur genderorientierten Werk- und Texttheorie und ihren spezifischen Produktions- und Rezeptionsbedingungen im 18. und 19. Jahrhundert. 4 Ein weniger detailliertes Referat der einschlägigen Forschungspositionen wäre daher an dieser Stelle lesefreundlicher gewesen.

Das gilt im übrigen ebenso für das ausführliche Kapitel über die Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit in Freuds Psychoanalyse (S.168-216). Diese sieht Arnold-de Simine zwar zu Recht als Fortschreibung aufklärerischer Angstdiskurse und patriarchalischer Weiblichkeitsmythen vor dem Hintergrund bürgerlich-kleinfamiliärer Sozialisation. Aber auch hier hätte sich, schon um Redundanzen zu vermeiden, eine stärkere Konzentration auf die in ihrem Zusammenhang wesentliche, wiederum auf implizite Geschlechtsstereotypen hin kritisch hinterfragte Theorie des Unheimlichen als einer Verkehrung des eigentlich >Heimlich<-Vertrauten angeboten.

3. terror versus horror

Auf der so erstellten Basis historisch und geschlechtsspezifisch verorteter Angstdiskurse entwickelt Arnold-de Simine im zweiten Teil ihrer Arbeit nun Geschichte und Typologie des deutschsprachigen Schauerromans Ende des 18. Jahrhunderts. Entgegen der auch heute noch in Literaturlexika anzutreffenden Auffassung vom genuin englischen Genre der Gothic Novel zeigt die Autorin dabei ein sich gegenseitig beeinflussendes Netz deutsch-englischer Literaturbeziehungen auf. Damit widerspricht sie gleichzeitig der in England bis heute üblichen, umgekehrten Auffassung vom spezifisch deutschen Phänomen der Schauerliteratur. Denn hier sind vorwiegend die Ritter- und Räuberdramatik der Stürmer und Dränger, Goethes Faust, Räuber-, Geister- und Geheimbundromane, deutsche Volkssagen und Schauerballaden, wie Bürgers Lenore, im Kontext der Schauerromantik rezipiert worden.

Analog zum bereits hergeleiteten Austausch zwischen schauerromantisch->trivialen< und >hochliterarisch<-poetologischen Diskursen bei der Theoriebildung des Erhabenen kann Arnold-de Simine jetzt auch bei der Etablierung des Genres, das sich in den 1790er Jahren zu einer regelrechten Massen- und Modeliteratur entfaltet, zeigen,

daß der Rezeptionsprozeß zwischen Höhenkamm- und Unterhaltungsliteratur keineswegs nur von >oben< nach >unten<, sondern vielmehr in beide Richtungen verlaufen ist. (S. 27)

So fand – "im Widerspruch zur Mär von der >Dienstboten-Literatur<" (S.225) – die zweite Übersetzung von Horace Walpoles englischem Schauerroman The Castle of Otranto 1794 begeisterte Aufnahme bei Goethe und Schiller, die sich daraufhin mit eigenen Bearbeitungs- und Fortsetzungsplänen des Genrestoffs befaßten. Als ein weiterer Verehrer lasse sich August Wilhelm Schlegel ausmachen, dem sogar eine eigene Übersetzung des Walpoleschen Romans zugeschrieben wird.

Aber auch der üblichen Vorstellung von einem trivialliterarischen Absinken eines in seinen Anfängen noch ästhetisch innovativen Genres kann hier widersprochen werden: Übersehen werde dabei, daß kanonisierte Autoren wie Jean Paul, Heinrich von Kleist oder E.T.A. Hoffmann erst nach 1800 die Tradition der Schauerromane in abgewandelter Form fortgeführt haben. Statt dessen werde so weiterhin der Mythos von den "Goetheschen und Schillerschen Archetypen" tradiert (S.233), der durch die Literaturgeschichtsschreibung des frühen 19. Jahrhunderts sogar für den Bereich des Trivialen aufgebracht worden sei. Ein Lehrstück für die damit einhergehende Marginalisierung weiblicher Autoren bei der schöpferischen Herausbildung selbst später abgewerteter Genres, wie demjenigen der dem bürgerlichen Weiblichkeitsideal zudem entgegenstehenden, >unsittlich-brutalen< Schauerliteratur, liefert dabei das von Arnold-de Simine zunächst vorgestellte Beispiel Benedikte Nauberts..

3.1 Eine deutsche Radcliffe

Gilt Nauberts prägender Einfluß auf die europäische Schauerliteratur in der angelsächsischen Forschung schon seit den siebziger Jahren als unumstritten, so sei ihr literarisches Werk in Deutschland bislang lediglich im Kontext des empfindsamen Familienromans und des historischen Erzählens rezipiert worden. Dabei stammten von ihr eine Mehrzahl der ins Englische übertragenen Schauerromane. Als Übersetzer fungierte hier unter anderem Matthew Gregory Lewis, der so Anregungen für seinen berühmten Schauerroman The Monk bezog.

Die durch Lewis maßgeblich vertretene school of horror läßt sich dabei durch die Darstellung unvermittelter Grausamkeit und Gewalt charakterisieren, deren Schrecken an das Individuum von außen, objektiviert in anderen >bösen< Figuren, zum Beispiel dämonisierten Frauengestalten, herantreten. Die dabei wirksamen übernatürlichen Mächte werden rational nicht aufgelöst. Demgegenüber entspräche Nauberts Erzählweise vielmehr dem subtilen terror, welcher in der englischen Forschung der Female Gothic einer Ann Radcliffe zugeordnet wird. Denn das Gefühl des terror speist sich in erster Linie aus den inneren, uneindeutigen Bildern der Protagonistinnen, ausgelöst durch Gefährdungen in dem ihnen zugeschriebenen, vorgeblich harmonischen Bereich der Familie und des eigenen Heims. Damit stellten diese Romane gerade "einen Gegendiskurs zum empfindsamen Familienroman dar, der die herrschende Familienideologie propagiert" (S.284).

3.1.1 explained supernatural

Durch die dabei zugleich angewandte Technik des explained supernatural werden die angeblichen Geistererscheinungen zudem auf erklärbare Ursachen zurückgeführt. Letzteres fungierte dabei häufig als Anlaß, solche Texte als minderwertiger, da ästhetisch eindeutiger zu bewerten. Am Beispiel von Nauberts Werken kommt Arnold de-Simine hingegen zu einem anderen Schluß: Neben schauerromantischen Zügen erkennt sie an dieser Technik bereits "die typischen Merkmale späterer Kriminalgeschichten" (S.262). Steht in ihnen doch gerade die detektorische Aufklärung anfangs mysteriös erscheinender Verbrechen im Vordergrund. Wie Arnold-de Simine später an Texten von Caroline de la Motte Fouqué und E.T.A. Hoffmann aufzeigt, "bietet die analytische Erzählweise [außerdem] die Möglichkeit, tabuisierte Themen anklingen zu lassen, ihre direkte und ausführliche Darstellung jedoch auszusparen" (S.479f.). Eine vorschnelle Diskreditierung dieser Methode greife daher zu kurz, weil sie "die Parallelen und gegenseitigen Einflüsse zwischen [den] zwei Genres" Schauer- und Kriminalliteratur übersehe (S.438). Ihr Auftreten sei somit nicht, wie im sozialhistorischen Rückgriff auf die spätere Entwicklung von außerliterarischen Techniken der Kriminalistik gemeinhin konstatiert, als unabhängiges Nacheinander, sondern als zeitliche Überschneidung zu sehen.

3.1.2 Herstory

An Nauberts schauerliterarischem Roman Herrmann von Unna, eine Geschichte aus den Zeiten der Vehmgerichte (1789) und ihrer Erzählung Die weiße Frau (1792) arbeitet Arnold-de Simine darüber hinaus "eine alternative Form von Geschichtsschreibung" heraus (S.249). Im Sinne einer Herstory werde hier einerseits versucht, im quellenunterstützten fiktionalen Rahmen des historischen Erzählens die neben den titelgebenden männlichen Helden vergessenen weiblichen Anteile an Geschichte nachzutragen. Dies finde sich in Nauberts Herrmann von Unna exemplifiziert an den ausführlich dargelegten Taten und Schicksalen der dem männlichen Protagonisten parallel geschalteten weiblichen Figuren Ida Münster und Marie, Königin von Ungarn. Auf der anderen Seite finde auch mit der Entwicklung und Entschärfung weiblicher Mythen von der >dämonischen Frau< als Rächerin oder verderbender Verführerin eine kritische Auseinandersetzung statt.

So sei in der Handlungsführung von Nauberts gleichnamigem Schauermärchen den Lesern die zeitgenössische Motiventwicklung der unheimlichen >weißen Frau< "von einer blutrünstigen Medea zur ergebenen Mutter und Hausfrau [...] ironisch gebrochen und in ihrer ganzen Ambiguität vor Augen" geführt (S.330f.). Auch in den, dieser Thematik gleichfalls verpflichteten Erzähltexten von Sophie Albrecht (Das höfliche Gespenst; 1797) und Karoline von Woltmann (Die weiße Frau; 1821) diene dieser sagenhafte Topos einer ruhelos- >untoten< Ahnherrin darüber hinaus dazu, matrilineare Erbfolgen, weibliche Sozialisationsschicksale und Adoleszenzkrisen sowie Mutter-Tochter-Beziehungen, kurz: "Die Auseinandersetzung mit dem weiblichen Erbe, weiblicher Genealogie und Tradierung weiblicher (Lebens-)Geschichte" zu thematisieren (S.348).

3.1.3 Schreckens-Topographien

Doch nicht nur die Handlungsstrukturen verweisen, laut Arnold-de Simine, in den von ihr untersuchten weiblichen Schauerromanen verstärkt auf "die Familie, die Kindheit, die Sozialisation als Quelle der Angst" (S.284). Auch die für das Genre charakteristischen und zum Teil bereits im Titel annoncierten Innenräume einsam gelegener gotischer Burgen, Schlösser oder Klöster seien als weiblich codierte Orte angelegt, in denen in der Regel tabuisierte Familiengeschichte verhandelt werde. Die angeführten Textbeispiele von Nauberts Herrmann von Unna, Albrechts Graumännchen oder die Burg Rabenbühl (1799) und Johanna Neumanns Clara von Pappenheim oder die nächtlichen Erscheinungen im Schlosse Waldburg (1828) führten dabei bevorzugt Heldinnen in ihrer Eingeschlossenheit in labyrinthisch verzweigten Räumlichkeiten vor, in denen sie sich ihren verborgenen Ängsten zu stellen hätten. In der Ambivalenz als zugleich bergender und einschränkender Ort mit klaustrophobischer Wirkung versinnbildlichten diese häuslichen Räume auf manifester wie subtextueller Ebene gerade die angstbesetzte Zwiespältigkeit des bürgerlich-weiblichen Lebensentwurfs sowie die damit zwangsläufig auch verbundenen Negativaspekte matrilinearer Traditionsfolgen:

Festzuhalten bleibt, daß in diesen Texten >weiblich< codierte Orte zu Imaginationsräumen der Angst werden. Auf einer ersten Ebene wird der familiäre Raum aus einem Schutzraum zu einem Ort, an dem den Frauenfiguren Gefahr droht, umgedeutet. In einer weiteren Brechung wird der weibliche Körper selbst zum Ort des Eingesperrtseins für die Frauenfiguren. Das heißt, die Frauenfiguren nehmen den Schrecken innerhalb ihres eigenen Körpergefängnisses wahr, in das sie durch die biologistische und ontologisierende Theorie der Geschlechtscharaktere eingeschrieben sind. Die Heldin Agnes in Albrechts Graumännchen wird im Burgturm eingesperrt, der zu ihrem mütterlichen Erbteil gehört. Nimmt man das Bild wörtlich, so ist sie im weiblichen Leib gefangen, der das mütterliche Vermächtnis im wahrsten Sinne des Wortes >verkörpert<. (S.287)

So sehr solche Textbeobachtungen Arnold-de Simines in sich stimmig sind und auf dem zuvor von ihr ausführlich dargelegten historischen Hintergrund genderorientierter Angstdiskurse einleuchten, so wird ein solcher Eindruck an dieser Stelle der Arbeit leider durch ein Manko der Textauswahl getrübt. Es resultiert aus der hier nahezu ausgeblendeten (Gegen-)Perspektive von schauerliterarischen Texten männlicher Autoren in Deutschland. Denn die Kategorie des Geschlechts läßt sich innerhalb einer produktiven Form von Geschlechtergeschichte und ihrer literarischen Imaginationen schließlich nur als Beziehung untersuchen. 5

Widerspruch provoziert in dieser Hinsicht vor allem das Kapitel zum Figurentyp der Femme fatale in der Schauerliteratur von Autorinnen (S.306-327). Denn die hier unter anderem aufgestellte These von einem über diesen weiblichen >Tatmenschen< zwar als sexuell gefährlich stigmatisierten, aber gleichzeitig breit ausgeführten Ausleben unbürgerlich->unweiblichen< Verhaltens (S.325) ließe sich so durchaus auch an Texten männlicher Autoren beobachten. Unter der Hand wird ihnen damit die Fähigkeit zum (selbst)kritischen Hinterfragen von Geschlechtsstereotypen abgesprochen. 6 Einen eigenen Versuch, diesem Dilemma zu entgehen, liefert Arnold-de Simine am Schluß selbst durch eine Gegenüberstellung der Angst-Inszenierungen in schauerliterarischen Texten von Autorinnen und Autoren nach 1810. Im Zentrum steht ein dabei wiederum nicht ganz unproblematischer Vergleich der Erzählstrategien in Werken von E.T.A. Hoffmann und Caroline de la Motte Fouqué, der lange Zeit vergessenen Frau Friedrich de la Motte Fouqués. Als Erfolgsautorin ihrer Zeit hatte sie mit der Präsenz ihrer Werke die damaligen Leihbibliothekskataloge angeführt.

3.2 Caroline de la Motte Fouqué contra E.T..A. Hoffmann?

Ausgangspunkt für einen Vergleich ist Caroline de la Motte Fouqués Roman Magie der Natur von 1812, der schauerliterarische Strukturen vor dem Hintergrund der Auswirkungen von Französischer Revolution und Mesmerismus ansiedelt. Ähnlich wie in E.T.A. Hoffmanns vier Jahre später mit einem ebensolchen Themenkomplex arbeitender Erzählung Der Sandmann werden zugleich dunkle Familiengeheimnisse mit den Gefährdungen im Prozeß bürgerlicher Individuation und sexueller Initiation verbunden. In beiden Fällen fände die rational nicht endgültig auflösbare Inszenierung des Unheimlichen im so schließlich auch durch Freud analysierten familiären Umfeld des "fremdgewordene[n] Bekannte[n], Vertraute[n] und Geliebte[n]" statt (S.418). Eine geschlechtsspezifische Unterscheidung nach englischem Vorbild in Terror und Horror Gothic , explained supernatural und supernatural ist hier also nicht mehr möglich. Statt dessen ließen sich jedoch andere, der jeweiligen Erzählweise inhärente Unterschiede konstatieren.

Während die Angst auslösenden und empfindenden Instanzen bei Hoffmann klar voneinander getrennt erschienen (der Sandmann, Clara und Olimpia als Auslöser von Nathanaels Ängsten), seien der mesmeristische Marquis und seine dämonisierte Tochter Antonie bei Fouqué als unheimliche Figuren gleichzeitig auch diejenigen, die selbst am meisten Angst empfänden: "Täter und Opfer [fallen] zusammen" (S.426). Würden in beiden Fällen dabei Konstruktionen von Weiblichkeitsimagines vordergründig wirksam, auf einer tiefenhermeneutischen Ebene allerdings entlarvt, fänden sich weitere geschlechtsspezifische Unterschiede in der formalen Umsetzung dieser subversiven Erzählakte:

Während Hoffmann seinen literarischen Text mit poetischen Mitteln übercodiert und damit auf einer formalen Ebene agiert, schreibt Fouqué die Brüche und Widerständigkeiten ihrem Text auf einer inhaltlichen Ebene ein. Damit agieren beide letztlich doch wieder gemäß der herrschenden Geschlechterideologie, die dem >Mann< die Form, die Ebene des Diskurses, der >Frau< dagegen die Materie, die Ebene der Mimesis, zuweist.
Fouqué ringt für sich um einen Ort des Schreibens und versucht, ein Erzähl-Ich zu konzipieren, von dem aus sie erst so etwas wie Kohärenz herstellen könnte. Hoffmann dagegen destruiert den Ort des schöpferischen, autonomen Ichs, der ihm zugeschrieben wird und von dem aus er, aller Erwartung nach, sprechen sollte. Über die Formen der literarischen Tradition verfügend, spielt er mit dem ihm darin zugewiesenen Ort und entzieht sich dadurch einer eindeutigen Vereinnahmung. (S.435)

Damit hat Arnold-de Simine einmal mehr die prekäre Wirkungsmacht >geschlechtscharakteristischer< Vorstellungsmuster aufgezeigt, die sich bis in die ästhetische Struktur der Texte einschreibt. Selbst auf Autorinnen mit standesbewußt-unbürgerlichen Lebensvorstellungen wie Caroline de la Motte Fouqué konnten sie Einfluß nehmen. Gleichzeitig macht Arnold-de Simine so am deutschsprachigen Genre der Schauerliteratur zwischen Spätaufklärung, Empfindsamkeit, Sturm und Drang, Klassik und Romantik deutlich, daß und warum Literatur von Frauen aus dieser Zeit nicht kanonisiert worden ist. Ihre Untersuchung liefert damit auch eine notwendige Reflexion der in diesem Zeitraum maßgeblich geprägten, bis heutige gültigen literarästhetischen Wertmaßstäbe.

Das ebenfalls nach diesen Maßstäben eingestandene ästhetische Gefälle zwischen Hoffmanns und Fouqués Text jedoch kann dadurch nicht ausgeräumt werden. 7 Denn die von Arnold-de Simine bemühten multiperspektivischen Elemente dialogischen und szenischen Erzählens erscheinen mir auf der auktorialen Erzählfolie von Fouqués Magie der Natur wenig wirksam und konventionell. Dies wird besonders im Vergleich mit Hoffmanns komplex perspektivierter Erzählung, aber auch im Unterschied zu thematisch wie ästhetisch innovativen späteren Werken Fouqués deutlich, wie etwa ihrem in Briefform gestalteten Ehebruchsroman Resignation (1829) oder ihrer großstädtisch-feuilletonistischen Dialogprosa Fragmente aus dem Leben der heutigen Welt (1819/20). 8

4. "Leichen im Keller" – ein Fazit

Die blinden Flecken innerhalb eines solchen methodischen Ansatzes verweisen somit auch auf die eigenen >Leichen im Keller< genderzentrierter Untersuchungsweisen. Statt Literatur von Frauen als Sonderfall und Gegenentwurf zu postulieren, wäre "die Geschlechterdifferenz als eine Kategorie unter anderen in der kulturellen Gesamtkonstellation aufzufassen". 9 Nur dadurch ist einem, trotz aller hier bewiesenen (literar-)historischen Umsicht und Sorgfalt, so immer auch latenten Biologismus zu entgehen, der andere soziale und individuelle Differenzen zwischen wie innerhalb der Geschlechtergruppen ausklammert. Dies könnten beispielsweise die unterschiedlichen Lebensentwürfe und Schreibmotivationen nahelegen, die Arnold-de Simine in ihrem nützlichen Anhang zu Leben und Werk der von ihr wiederentdeckten Autorinnen rekonstruiert hat (S. 491-498). Daß sich deren Werke, die spezifischen Bedingungen ihrer Entstehung wie ihrer Rezeption aber langfristig in die allgemeine Literatur- und Kulturgeschichte einschreiben, damit diese zu einer Geschichte beider Geschlechter werden kann, dafür hat Silke Arnold-de Simine mit ihrer Studie zum schauerliterarischen Genre in der deutschen Literatur Ende des 18. Jahrhunderts einen unverzichtbaren Beitrag geleistet.


Dr. Julia Bertschik
Freie Universität Berlin
Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften
Institut für Deutsche und Niederländische Philologie
Habelschwerdter Allee 45
D-14195 Berlin
Homepage

Ins Netz gestellt am 28.08.2001
IASLonline

Copyright © by the author. All rights reserved.
This work may be copied for non-profit educational use if proper credit is given to the author and IASLonline.
For other permission, please contact IASLonline.

Diese Rezension wurde betreut von unserem Fachreferenten PD Dr. Rolf Parr. Sie finden den Text auch angezeigt im Portal Lirez - Literaturwissenschaftliche Rezensionen.


Weitere Rezensionen stehen auf der Liste neuer Rezensionen und geordnet nach

zur Verfügung.

Möchten Sie zu dieser Rezension Stellung nehmen? Oder selbst für IASLonline rezensieren? Bitte informieren Sie sich hier!


[ Home | Anfang | zurück ]



Anmerkungen

1 Irritierend wirkt dabei allerdings die wiederholte Ausweisung des vorliegenden Textkorpus als >exemplarisch< (S.25, 327). Dadurch bleibt ungeklärt, ob hier noch weitere Texte existieren, die (aus welchen Gründen?) nicht in die Untersuchung einbezogen wurden.   zurück

2 Vgl. hier vor allem Sandra M. Gilbert / Susan Gubar: The Madwoman in the Attic. The Woman Writer and the Nineteenth-Century Literary Imagination. New Haven, London: Yale University 1979 und Juliann E. Fleenor (Hg.): The Female Gothic. Montreal, London: Eden 1983.   zurück

3 Karin Hausen: Überlegungen zum geschlechtsspezifischen Strukturwandel der Öffentlichkeit. In: Ute Gerhard u. a. (Hg.): Differenz und Gleichheit. Menschenrechte haben (k)ein Geschlecht. Frankfurt/M.: Helmer 1990, S.268-282.   zurück

4 Vgl. neben den für diesen Zeitraum wesentlichen Studien von Silvia Bovenschen: Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1979 und Christa Bürger: Leben Schreiben. Die Klassik, die Romantik und der Ort der Frauen. Stuttgart: Metzler 1990 dazu inzwischen auch die entsprechenden Forschungsüberblicke bei Ina Schabert: Gender als Kategorie einer neuen Literaturgeschichtsschreibung. In: Hadumod Bußmann / Renate Hof (Hg.): Genus. Zur Geschlechterdifferenz in den Kulturwissenschaften. Stuttgart: Kröner 1995, S.162-204 oder, durchaus kritisch: Jutta Osinski: Einführung in die feministische Literaturwissenschaft. Berlin: Schmidt 1998, S.170-172.   zurück

5 So, bezogen auf die Geschichtswissenschaft, auch Gisela Bock: Geschichte, Frauengeschichte, Geschlechtergeschichte. In: Geschichte und Gesellschaft 14 (1988) 3, S. 364-391, hier S.379f.   zurück

6 Vgl. hier hingegen beispielsweise zur sowohl affirmativen wie kritischen Aneignung schauerliterarisch tradierter Geschlechterbilder im Frühwerk Wilhelm Raabes: Julia Bertschik: Maulwurfsarchäologie. Zum Verhältnis von Geschichte und Anthropologie in Wilhelm Raabes historischen Erzähltexten. (Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte 78) Tübingen: Niemeyer 1995, S.153-193.   zurück

7 Zu einer ähnlichen Bewertung der im zeitlichen Umfeld von Magie der Natur entstandenen Erzählungen Caroline de la Motte Fouqués im Vergleich mit kanonisierten romantischen Texten männlicher Autoren kommt dabei auch Birgit Wägenbaur: Romantik für Jedermann. Caroline de la Motte Fouqués Erzählungen. In: Jahrbuch der Fouqué-Gesellschaft Berlin-Brandenburg (1999), S.98-118.   zurück

8 Vgl. zu diesen Texten Julia Bertschik: "Geschichte(n) der Moden". Zur Bedeutung der Kleidung bei Caroline de la Motte Fouqué. In: Tilman Spreckelsen (Hg.): Friedrich und Caroline de la Motte Fouqué. Wissenschaftliches Colloquium zum 220. Geburtstag des Dichters. Brandenburg/H.: Hochschulforum 1998, S.85-105, hier S. 101f., 104f. und Petra Kabus: Caroline de la Motte Fouqué: "Resignation". Ein Roman zwischen den "Wahlverwandtschaften" und "Effi Briest". In: Jahrbuch der Fouqué-Gesellschaft Berlin-Brandenburg (2000), S.106-120.   zurück

9 So lautet, im Anschluß an Ina Schabert, auch das Plädoyer von Jutta Osinski (Anm. 4), S.178f.   zurück