Große Kracht über Erinnerungsorte

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Klaus Große Kracht

Erinnerung à la carte

  • Etienne Franšois / Hagen Schulze (Hg.): Deutsche Erinnerungsorte. 3 Bde. München: C.H. Beck 2000 / 2001. 2250 S. Geb. € 104,30.
    ISBN 3-406-47225-7.


"Deutsche Erinnerungsorte? Das wäre sicherlich ein Mißerfolg." So urteilte 1993 ein deutscher Neuzeithistoriker hinsichtlich der Übertragbarkeit des zehn Jahre zuvor von Pierre Nora in Frankreich geprägten Begriffs der lieux de mémoire auf deutsche Verhältnisse. 1 Daß sich diese Vorhersage indes nicht bewahrheitet hat, belegen allein schon die Verkaufszahlen des vorliegenden dreibändigen Werkes über Deutsche Erinnerungsorte, das rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft im vergangenen Jahr abgeschlossen wurde und dessen erster Band mittlerweile bereits in dritter, durchgesehener Auflage vorliegt. Auch Gerd Krumeich, von dem die oben zitierte skeptische Einschätzung stammt, scheint sich eines Besseren belehrt haben zu lassen, hat er doch für das opulente Werk einen äußerst lesenswerten Beitrag über den "Mythos" der Schlacht bei Langemarck verfaßt, demzufolge am 11. November 1914, wie es im Bericht der Obersten Heeresleitung hieß, "junge Regimenter unter dem Gesange >Deutschland, Deutschland über alles<" an der Westfront "die erste Linie der feindlichen Stellungen" einnahmen (Bd. III, S. 292–309).

Vom Ereignis zum Gedächtnis

Aber ist "Langemarck", so fragt Krumeich zu Beginn seines Essays zu Recht, überhaupt ein "deutscher Erinnerungsort"? Die Herausgeber umschreiben den Begriff in Anlehnung an Pierre Nora mit folgenden Worten:

[...] Erinnerungsorte können ebenso materieller wie immaterieller Natur sein, zu ihnen gehören etwa reale wie mythische Gestalten und Ereignisse, Gebäude und Denkmäler, Institutionen und Begriffe, Bücher und Kunstwerke – im heutigen Sprachgebrauch ließe sich von "Ikonen" sprechen. Erinnerungsorte sind sie nicht dank ihrer materiellen Gegenständlichkeit, sondern wegen ihrer symbolischen Funktion. Es handelt sich um langlebige, Generationen überdauernde Kristallisationspunkte kollektiver Erinnerung und Identität, die in gesellschaftliche, kulturelle und politische Üblichkeiten eingebunden sind und die sich in dem Maße verändern, in dem sich die Weise ihrer Wahrnehmung, Aneignung, Anwendung und Übertragung verändert. (Bd. 1, S. 17f.)

"Erinnerungsorte" sind somit die Topoi des kollektiven Gedächtnisses, die Gemeinplätze des Geschichtsbewußtseins, die jeder schon irgendwann einmal gehört hat und mit einem mehr oder weniger diffusen Sinn verbindet: "Neuschwanstein", "Auslandsdeutsche", "Türken vor Wien". In der historisch-politischen Sprache werden solche "Erinnerungsorte" immer dann gern aufgerufen, wenn es darum geht, auf dem Weg historischer Vergewisserung Identität, Abgrenzung und Gemeinschaft zu erzeugen: "Der deutsche Wald", "Karl Marx", "der Schrebergarten", um nur drei weitere Beispiele aus dem Inhaltsverzeichnis zu nennen.

Der eigentliche "Erinnerungsort" umfaßt dabei gewissermaßen den semantischen Raum, der zwischen dem historischen Ereignis und seiner heutigen Erinnerung liegt und in den sich die Geschichte seiner Deutung eingeschrieben hat. Auch die Schlacht bei Langemarck ist in diesem Sinn ein deutscher "Erinnerungsort" par excellence, selbst wenn der Topoi von den >jungen Regimentern< mittlerweile seine suggestive Kraft verloren hat: "Viel lebendiger als das Ereignis von 1914 selber ist heute das Bewußtsein, daß hier ein >falscher Mythos< aufgebaut worden war, eine problematische Erinnerung gepflegt wurde – eine monströse und irgendwie gefährlich-verführerische Ideologie geformt wurde" (Bd. III, S. 292).

Die "geteilte" Erinnerung

Daß solche "Erinnerungsorte" eine Geschichte haben, in der sie oftmals ihre Bedeutung ändern, zwischenzeitlich vergessen und eines Tages wieder aktiviert werden, stellen die einhunderteinundzwanzig Essays, die in den drei Bänden gesammelt sind, eindrucksvoll unter Beweis. Bei der thematischen Auswahl haben sich die Herausgeber im wesentlichen von drei Gesichtspunkten leiten lassen: So wurde erstens der Schwerpunkt auf das 19. und 20. Jahrhundert gelegt, da sich erst im Zuge des deutschen " nation-building", so die Begründung der beiden Herausgeber, ein deutsches "memory-building" vollzogen habe (Bd. I, S. 19).

Gleichwohl wollen Franšois und Schulze ihr Projekt nicht als Versuch einer Kanonisierung deutscher Geschichtskultur verstanden wissen. Deshalb legen sie zweitens – und in deutlicher Abgrenzung von der stark nationalgeschichtlich geprägten Perspektive Noras – besonderes Gewicht auf europäisch "geteilte Erinnerungsorte" – "solche also, die für Deutschland wie für benachbarte Nationen gleichermaßen bedeutsam sind: das Straßburger Münster, Versailles, Tannenberg / Grunwald, Rom, Karl der Große" (ebd.). Wie sehr das Projekt der Deutschen Erinnerungsorte den im Titel anklingenden nationalen Horizont bereits hinter sich gelassen hat, zeigt neben den beruflichen Karrieren der beiden Herausgeber, von denen einer zur Zeit das Deutsche Historische Institut in London leitet, der andere hingegen das Frankreich-Zentrum an der Technischen Universität Berlin, die bewußte Einbindung von Wissenschaftlern aus Polen, Frankreich, Tschechien, Israel, Großbritannien und den USA: Jeder fünfte Autor ist nicht-deutscher Nationalität.

Als dritten Gesichtspunkt ihrer Auswahl nennen die Herausgeber die Absicht, ein möglichst vielfältiges, plurales Bild der deutschen Erinnerungskultur zu zeichnen, ohne diese auf ein vorgefertigtes Konzept zu reduzieren:

Bewußt haben wir daher jede Form der Hierarchie zwischen "bedeutenden" und "trivialen" Themen vermieden – tatsächlich kann die kulturelle oder politische Wirksamkeit eines "trivialen" Erinnerungsortes (etwa die Bundesliga, der Schrebergarten oder der Schlager) die eines "bedeutenden" (beispielsweise Idealismus, Goethe, Beethovens Neunte) übertreffen oder überdauern. Es gibt die lebendigen Orte, die sofort eine Fülle präziser und affektvoller Assoziationen hervorrufen – etwa die Berliner Mauer, der Sozialstaat, die Staatssymbole, der Karneval –, neben den verschütteten, die früheren Generationen präsent waren, mit denen aber heutzutage kaum noch jemand etwas verbindet – Canossa, Königin Luise, Tannenberg ... Es gibt erwartete Erinnerungsorte, die gewissermaßen auf der Hand liegen, wie das Brandenburger Tor, die D-Mark oder der Duden, aber auch unerwartete, wie Vornamen, Wyhl oder den Feierabend. (Bd. 1, S. 19f.)

Genau einhunderteinundzwanzig solcher "Erinnerungsorte" finden in den drei Bänden ihre Bearbeitung. Die thematische Breite reicht von "Faust" bis zum "Feierabend", vom "Bolschewik" bis zur "Bundesliga" und vom "Westfälischen Frieden" bis zum "Weißwurstäquator". Selbst an den "Struwwelpeter", den "Volkswagen" und den deutschen "Schlager" haben die Herausgeber gedacht. Warum allerdings ein Buch wie Felix Dahns "Ein Kampf um Rom" oder die "Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft" (die heutige Max-Planck-Gesellschaft) Aufnahme gefunden haben, bleibt unklar. Zum anderen hätte sich der Leser gewünscht, nicht nur etwas über den "Bamberger Reiter und Uta von Naumburg" zu erfahren, sondern auch über den >Gastarbeiter< oder die >Trümmerfrau<, über den >deutschen Herbst< oder das >deutsche Reinheitsgebot<. Die beiden Herausgeber sind sich der Grenzen ihrer Sammlung dabei selbst bewußt und räumen bereitwillig ein, daß ihre Auswahl die "weitgehend bildungsbürgerliche, westliche und auch berlinische Prägung des Unternehmens" und seiner Initiatoren widerspiegle (Bd. I, S. 22).

Dennoch bleibt festzuhalten, daß Franšois und Schulze mit ihren drei Bänden ein umfassendes Panorama der deutschen Erinnerungslandschaft vorgelegt haben, das in der Breite der Perspektive einen überzeugenden Querschnitt der deutschen Geschichtskultur bietet.

Zwischen Ironie und Respekt

An jedem einzelnen dieser zahlreichen "Erinnerungsorte" nehmen die über hundert Mitarbeiter nun ihre historischen Tiefbohrungen vor. Je nach Vorliebe und Handhabung des Instrumentariums fallen ihre Ergebnisse aus: Der Großteil der Essays zeigt, wie mit dem Begriff "Erinnerungsort" heuristisch sinnvoll umgegangen und zugleich ein Stück deutscher Erinnerungskultur auf gut fünfzehn bis zwanzig Seiten leserfreundlich präsentiert werden kann. Nur wenige Artikel verzichten hingegen vollständig auf den Begriff und den in ihm angelegten gedächtnisgeschichtlichen Ansatz. Doch auch diese Beiträge halten manche Überraschungen bereit: So erfährt der Leser, um nur ein Beispiel zu nennen, im ersten Band so manche Kuriosa über das "Weißwurst-Syndrom" der Bajuwaren (Bd. I, S. 471), ohne daß klar wird, wie der Autor am Ende seines amüsanten Beitrags selbst eingestehen muß, weshalb die eigentlich "kämpferisch gemeinte Idee der Mainlinie peu à peu zum gemütlicheren >Weißwurstäquator< mutierte" (Bd. I, S. 482).

Daß auch das "Bürgerliche Gesetzbuch" in seiner langen Geschichte so mancher Mutation unterlag, kann hingegen im zweiten Band nachgelesen werden. Der Autor schreibt an dieser Stelle allerdings weniger über die Gedächtnisgeschichte des BGB – etwa über die Generationen von Jura-Studentinnen und -Studenten, die sich durch die Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuches quälen mußten. Vielmehr begnügt er sich damit, gegen Ende seines Beitrags den geschichtspolitischen Zeigefinger zu erheben, fehlt seiner Meinung nach dem deutschen Gesetzgeber gegenwärtig doch "jeglicher Respekt vor dem über 100 Jahre alten BGB", wie der Autor es namentlich den Äußerungen der amtierenden Bundesjustizministerin meint entnehmen zu können (Bd. II, S. 534).

Auch andere Autoren beklagen, wenn auch mit weniger Vehemenz, das Verschwinden ihres "Erinnerungsortes", handelt es sich nun um "Goethe", der mittlerweile "weitgehend in die Philologie abgewandert" sei und dessen "Sonne" heute nur mehr wenigen leuchte (Bd. I, S. 206), oder um "Charlemagne – Karl den Großen", der angesichts der bevorstehenden Ost-Erweiterung der EU möglicherweise schon bald in Vergessenheit gerate: "Es könnte sein, daß ein über den alten lateinischen Raum hinaus unmäßig [sic !] erweitertes Europa mit seiner Gründerfigur nichts mehr anzufangen weiß" (Bd. I, S. 55).

Pars pro toto

Unterschwellige kulturpessimistische Töne dieser Art finden sich in den drei Bänden insgesamt jedoch nur selten. Bei den meisten Autoren herrscht eine reflektierte, analytische Herangehensweise an ihren Gegenstand vor, die jenseits von sentimentaler Nostalgie und bloßer Amüsiertheit die gedächtnishistorische Anekdote als pars pro toto deutscher Erinnerungskultur auszuweisen versucht: So zeigt beispielsweise Erhard Schütz am Beispiel des "Volkswagens", wie ein Überbleibsel nationalsozialistischer Konsumplanung zur Ikone des Wirtschaftswunderlandes wurde und schließlich sogar bei einer Jugend als >Kultmobil< Verehrung fand, "die ansonsten alles ablehnte, was von den Eltern kam" (Bd. I, S. 369). Der "Käfer" – ein deutscher Exportschlager sondergleichen – wurde dabei zum "Inbegriff aller erdenklichen >deutschen< Tugenden: Ausdauer, Bescheidenheit, Einfallsreichtum, Ehrlichkeit, Leistungsfähigkeit, Sparsamkeit und Zuverlässigkeit. Ja, schließlich sogar – wahrlich nicht im deutschen Kanon voran – Humor, Witz und Selbstironie" (Bd. I, S. 353).

Zivilcourage und Mut zum Widerstand wird man demgegenüber kaum zu den spezifisch >deutschen< Tugenden rechnen können. Doch auch sie haben ihren Platz in den Deutschen Erinnerungsorten gefunden, angefangen vom "Bauernkrieg" bis hin zu "Achtundsechzig" und dem Leipziger Ruf "Wir sind das Volk". Daß auch Protestbewegungen durchaus ihre eigene Geschichtspolitik verfolgen, zeigt das Beispiel der Atomkraftgegner von "Wyhl", die das "Bild des vermeintlichen Bauernkriegers mit >Fryheit<-Flagge" wieder hervorkramten und sich damit in die symbolische longue durée deutscher Widerstandsgeschichte einzureihen versuchten (Bd. II, S. 661). Auch die "Besinnung auf die alemannische Stammesidentität" spielte im Wyhler Wald ihre Rolle: "Deutsche und französische Kernkraft- und Bleichemiegegner dichteten Gesänge in derselben alemannischen Mundart. Die grenzüberschreitende Alemannen-Identität wurde in der Wyhler Nuklearkontroverse für das Konzept eines >Europa von unten< mobilisiert" (Bd. II, S. 660).

So scheint es geradezu ein inneres Konstruktionsgesetz von "Erinnerungsorten" zu sein, daß sie spezifische Identitätsbereiche und die dazugehörigen Traditionen zu konservieren und gegen andere Gedächtnislinien abzugrenzen versuchen. Im kleinen entspricht diese Praxis, wie Hermann Rudolph am Beispiel des "Schrebergartens" zeigt, gewissermaßen der "Suche" des Kleingärtners nach "territorialer Identität":


Garten und Gärtner gehen sozusagen spielerisch mit den Vorstellungen um, die diese Identität konstituieren – der vertraute Raum, der in der eigenen Parzelle erfahrbar wird, die Grenzen, die die eigene kleine Welt gegenüber dem Nachbargrundstück abgrenzen, dem Geflecht der sozialen Beziehungen, das im Schrebergarten-Verein praktiziert wird. Das alles kann die emotionale Zuflucht ausmachen, in der Heimat entsteht. (Bd. III, S. 368)

Der Konflikt der Traditionen

Doch "Erinnerungsorte" sind keine Parzellen der Gemütlichkeit. Wie sehr sie selbst, gleichsam wider Willen, in den Streit unterschiedlicher Deutungen geraten können, zeigt Gilbert Badia in einem meisterhaften Essay über "Rosa Luxemburg", in dem der Leser nicht nur vom >Briefmarkenstreit< 1973 erfährt, als der damalige Postminister Horst Ehmke ein Postwertzeichen mit dem Portrait der KPD-Gründerin schmücken wollte, dies jedoch von einer breiten Allianz aus konservativen Abgeordneten und Leserbriefschreibern, die das "linksextremistische Flintenweib" nicht als postalische Wertträgerin geehrt sehen wollten, verhindert wurde.

Wichtiger als diese Posse war freilich der Kampf um das Erbe in der DDR, hatte deren Führung doch für sich in Anspruch genommen, die Verwirklichung all dessen zu sein, wofür Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ihr Leben gelassen hatten. Dieser selbstgesetzte Anspruch hinderte die Machthaber jedoch nicht, die Spruchbänder mit dem berühmten Luxemburg-Zitat von der Freiheit als Freiheit der Andersdenkenden überall in Stücke zu reißen, wo sie ihrer habhaft werden konnten. Übrigens machte sich auch Bundeskanzler Kohl im Wahlkampf 1994 das Luxemburg-Zitat, um das sich die ostdeutsche Bürgerrechtsbewegung in den späten achtziger Jahren geschart hatte, zu eigen, fügte jedoch sofort hinzu, daß dies das einzig Gute sei, was >diese Frau< jemals geschrieben habe (Bd. II, S. 105–121).

Daß die deutsche Teilung zugleich eine Teilung der nationalen Erinnerungslandschaft war, stellen auch andere Beiträge überzeugend unter Beweis, und dies keineswegs nur im Hinblick auf typische DDR-"Orte" wie "Stasi" und "Mauer" oder "Jugendweihe" und "Palast der Republik". Auch an anderen Orten, etwa "Rapallo", "Wartburg" oder dem "20. Juli" wird deutlich, daß die "gespaltene Nation", wie Jürgen Danyel am Beispiel des unterschiedlichen Umgangs mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus in beiden deutschen Staaten schreibt, auch ein "gespaltenes Verhältnis zur eigenen Geschichte" hatte (Bd. II, S. 235). Denn auch die Erinnerungsgeschichte, so scheint es, kennt Sieger und Verlierer: So habe die alte Bundesrepublik nicht zuletzt auch "auf dem Gebiet der Erinnerung die kulturelle Hegemonie über den Vereinigungsprozeß" ausgeübt: "Jene Traditionen und Symbole, über die sich die DDR definiert hatte, darunter auch der ostdeutsche Antifaschismus, wurden von einem Tag auf den anderen entwertet" (Bd. II, S. 236f.).

Plurale Identität

Die Deutschen Erinnerungsorte zeigen jedoch, wie durchlässig und porös die gegenwärtige Geschichtskultur in Deutschland verfaßt ist. So wird das Streben nach >kultureller Hegemonie< im Kampf um die Begriffe und Deutungen der Vergangenheit gerade durch die plurale Anlage der drei Bände unterlaufen, die, wie die Herausgeber schreiben, "kein sinnstiftendes oder staatstragendes Projekt" abgeben wollen (Bd. I, S. 23). Bereits 1989, noch bevor die Mauer fiel, stellte Hagen Schulze die berechtigte Frage, ob es überhaupt so etwas wie eine deutsche Geschichte geben könne: "Was sind die Bewohner der Bundesrepublik Deutschland: Deutsche, Westdeutsche, Bundesrepublikaner, Europäer?" 2 Schon damals war sich Schulze im klaren darüber, daß die Antwort auf diese Frage nicht mehr im "Entwurf eines einheitlichen, stromlinienförmigen Bildes der deutschen Nationalgeschichte" liegen könne. "Die Frage kann heute nicht mehr lauten: Was ist die deutsche Geschichte? Sie muß vielmehr lauten: Wie weit ist der Spielraum, innerhalb dessen wir über deutsche Geschichte reden können?" 3

Genau diesen "Spielraum" versuchen die Deutschen Erinnerungsorte auf ihren 2250 Seiten auszuloten: "Niemand besitzt nur eine Identität. [...] Deshalb die Vielzahl von Erinnerungsorten, deren scheinbar objektive Existenz im Wettstreit der Identitäten Halt und Selbstbewußtsein vermittelt" (Bd. III, S. 567). Die Deutschen Erinnerungsorte setzen damit an die Stelle einer einheitlichen nationalen Großerzählung das Bekenntnis zu den kleinen Sinnregionen unseres Herkommens, die – häufig zwar einander widerstreitend und nur von partieller Bedeutung – Reste an Identität und Wir-Gefühl ermöglichen. Die drei Bände präsentieren die nationale Identität der Deutschen somit in einem kaleidoskopartigen Bild einer Allemagne plurielle , 4 in der soziale, konfessionelle und regionale Minderheiten in ihren jeweils partiellen Identitätsansprüchen Berücksichtigung finden können.

Das ist begrüßenswert und schafft Perspektiven für ein plurales Geschichtsbild. Gleichwohl droht der Kollektivsingular >deutsche Geschichte< damit wieder in seinen vormodernen Plural aufgelöst zu werden. An die Stelle der >Geschichte< schlechthin tritt dann die unendliche Vielzahl von Geschichten im Plural, von lokalen Erinnerungsangeboten, die sich im vor- wie postmodernen Zugriff immer wieder neu arrangieren lassen, deren Bedeutung für das Ganze sich jedoch leicht im Relativen verliert.

Topoi ohne Topographie

So fühlt sich der Leser im Getümmel der vielen "Erinnerungsorte" von den Herausgebern schließlich ein wenig allein gelassen. Kaum eine Leseempfehlung, geschweige denn eine anleitende Orientierung wird ihm bei seiner Reise durch die deutsche Erinnerungslandschaft mit auf den Weg geben.

Auch die Gliederung der drei Bände hilft da kaum weiter. Denn die einzelnen Einträge folgen weder einer chronologischen noch einer geographischen Ordnung. Auch die thematischen Bezüge lassen sich nicht immer herstellen. Zwar haben sich die Herausgeber bemüht, die über einhundertundzwanzig Beiträge nach insgesamt achtzehn Oberbegriffen zu ordnen, die von "Bildung" bis "Zerrissenheit" und "Disziplin" bis "Schuld" das >kollektive Gedächtnis< der Nation gewissermaßen semantisch aufspannen sollen. Doch die Ordnung überzeugt nicht wirklich, gehört es doch gerade zum Wesensmerkmal eines "Erinnerungsortes", daß er sich aufgrund seiner Interpretationsoffenheit nicht auf eine einzige Bedeutungslinie festlegen läßt.

So fragt sich der Leser beispielsweise, warum "Friedrich der Große" in die Rubrik "Identitäten" und nicht in das Oberthema "Disziplin" fällt. Warum findet "Heinrich Heine" seinen Ort unter "Zerrissenheit" und nicht unter "Freiheit", wo beispielsweise "Schiller" Platz nimmt? Denkbar wäre auch gewesen, daß sowohl "Heine" als auch "Schiller" unter "Dichter und Denker" abgebucht worden wären, wo jetzt der "Deutsche Idealismus" seinen Platz behauptet, der sich ebensogut in der Nachbarschaft der "Brüder Humboldt" in der Rubrik "Bildung" ausgenommen hätte. Diese Beispiele zeigen bereits: Die angebotene Gliederung erzeugt keine Matrix, keine Landkarte der Erinnerung, statt dessen entsteht ein Kaleidoskop aus vielen kleinen Erinnerungsstückchen, die je nach Blickwinkel und Lichteinfall ein neues Muster entwerfen. Oder, wie die beiden Herausgeber schreiben:

So entstehen Bündelungen, vergleichbar mit einem Spiegelkabinett, die nach der Logik des Gedächtnisses funktionieren, die eine ganz andere ist als die des rationalen Diskurses. Es geht um freie Assoziationen und Querverweise, um Widerspiegelungen und Brechungen. (Bd. I, S. 20)

Doch gerade die "Logik des Gedächtnisses", um die es den beiden Herausgebern zu tun ist, gerät dabei aus dem Blick. Denn das >Gedächtnis< verfährt gerade nicht, wie wir seit den klassischen Untersuchungen von Maurice Halbwachs wissen, nach freier Assoziation, sondern ist eingebunden in die >sozialen Rahmen< seiner Träger und empfängt von diesen her seine Bedeutung. 5 Solche >Rahmen<, d.h. gemeinsame generationelle Erfahrungen, geteilte Weltbilder und Mentalitäten, strukturieren das >kollektive Gedächtnis<, führen Unterscheidungen und Hierarchisierungen ein: Das "evangelische Pfarrhaus" mag beispielsweise für den Bildungsbürger und Kulturprotestanten ein "deutscher Erinnerungsort" sein, nicht aber für den katholischen Arbeiter. Und "Flucht und Vertreibung" mögen für den, der sie erlebt hat, vor "Stalingrad" rangieren, während Jüngeren vermutlich weder das eine noch das andere wirklich etwas bedeutet.

Die jeweiligen Anordnungsmuster der "Erinnerungsorte", ihre jeweiligen >sozialen Rahmen<, bleiben in den drei Bänden letztendlich unterbelichtet. Werden die >Wege< – die mal krumm, mal gerade – die einzelnen >Orte< miteinander verbinden, jedoch ausgeblendet, entsteht nur das halbe Bild der Erinnerung. Was Hagen Schulze und Etienne Franšois in ihren drei voluminösen Bänden anbieten, sind somit letztlich Topoi ohne Topographie, Orte ohne Landschaft: "Auschwitz" und der "Schrebergarten", "Stalingrad" und "Bach", der "Bauernkrieg" und "Walther Rathenau".

Doch ist das alles beliebig miteinander kombinierbar? Oder gibt es nicht doch >Grenzen< und >Wege< zwischen den einzelnen >Orten<, die diese erst zu einer sinnvollen, identitätsrelevanten Erinnerungslandschaft zusammenfügen? Die unterschiedlichen Höhengrade der Erinnerung, auf denen der "Führerbunker" und die "Bundesliga", der "Kniefall" Willy Brandts und der "Struwwelpeter" liegen, verlieren sich jedoch in der ebenerdigen Nebenordnung einer Anthologie, die die strukturierende Interpretation des Ganzen bewußt an die Leser delegiert: Erst diese, so schreiben Franšois und Schulze über das offene Ende ihres Experiments, "werden bestimmen, was dieses Buch eigentlich ist und bedeutet" (Bd. I, S. 24).

Die Entortung der Erinnerung

Die Deutschen Erinnerungsorte leisten damit, so paradox es erscheinen mag, gerade einer >Entortung< der Erinnerung Vorschub. Sie präsentieren das >kollektive Gedächtnis< als eine Art Vorratslager, aus dem sich jeder nach seinen Bedürfnissen bedienen kann.

Daniel Levy und Natan Sznaider haben kürzlich am Beispiel des weltweiten Holocaust-Gedenkens gezeigt, wie sehr das >kollektive< Erinnern in der globalisierten und medial gesteuerten Geschichtskultur der Gegenwart solchen >Entortungsprozessen< unterliegt: Die jeweiligen Erinnerungsbilder lösen sich immer mehr aus ihren konkreten sozialen >Rahmen< – für die Holocaust-Erinnerung heißt dies: aus den Erfahrungen der Opfer und Täter – und werden frei verfügbar, um je nach gegenwärtiger Interessenlage benutzt und gedeutet zu werden. 6 Eine ähnliche Diagnose findet sich auch in Peter Reichels Beitrag über "Auschwitz" im besprochenen Werk: "Längst ist der Name zu einem ortlosen, einem globalen Erinnerungsort geworden" (Bd. I, S. 621), der – das zeigen Levy und Sznaider anhand von Wortschöpfungen wie >Kosovocaust< oder >roter Holocaust< (für die Verbrechen des Stalinismus) – aus seinen Ursprungskontexten herausgenommen und für jeweils unterschiedliche Zwecke erinnerungspolitisch eingesetzt werden kann.

Die Erinnerung, so schreibt Reichel, "wählt aus, ergänzt und erfindet, sie verharmlost, verklärt, verteufelt und versachlicht, mit einem Wort: sie verändert und vereinnahmt das Vergangene, aus welchen politischen Motiven auch immer" (Bd. I, S. 620). Die Deutschen Erinnerungsorte beschreiben einfühlsam und genau die einzelnen Prozesse dieser Vereinnahmung und >Entortung<, der Wanderung der Erinnerung durch die verschiedenen sozialen und politischen Kontexte der deutschen und europäischen Geschichte. Zugleich ermöglichen sie dem Leser, an genau dieser Wanderung teilzunehmen, laden sie doch ein zum Schmökern im Familienalbum der Nation, bei dem je nach Stimmungslage die eine oder andere Seite übersprungen oder die eine oder andere Anekdote mit ins nächste Kapitel genommen werden kann.

So bieten die beiden Herausgeber eine Art Erinnerung à la carte: ein faszinierend reichhaltiges Angebot, meisterhaft serviert – die Menüfolge aber stellt der Gast ganz allein nach seinem Geschmack zusammen, zuweilen auch >zum Mitnehmen<.


Dr. Klaus Große Kracht
Zentrum für Zeithistorische Forschung
Am Neuen Markt 1
14467 Potsdam

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Ins Netz gestellt am 14.05.2002
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Anmerkungen

1 "[...] des >lieux de mémoire< allemands? Ce serait un échec assuré" (Gerd Krumeich: Le >Grand Nora<. In: Magazine littéraire 307 (Feb. 1993), S. 51–54, hier: S. 54). Vgl.: Pierre Nora (Hg.): Les lieux de mémoire. 7 Bde. Paris: Gallimard 1984–1992; Etienne Franšois (Hg.): Lieux de mémoire – Erinnerungsorte. D'un modèle franšais à un projet allemand. Berlin: Centre Marc Bloch 1996.   zurück

2 Hagen Schulze: Gibt es überhaupt eine deutsche Geschichte? Berlin: Siedler 1989, S. 64.   zurück

3 Hagen Schulze (Anm. 2), S. 65f.   zurück

4 Vgl. Peter Schöttler / Patrice Veit / Michael Werner (Hg.): Plurales Deutschland – Allemagne Plurielle. Festschrift für Etienne Franšois. Göttingen: Wallstein 1999.   zurück

5 Maurice Halbwachs: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen. 2. Auflage. Frankfurt / M.: Fischer 1985; ders.: Das kollektive Gedächtnis. 2. Auflage. Frankfurt / M.: Fischer 1985.    zurück

6 Daniel Levy, Natan Sznaider: Erinnerung im globalen Zeitalter: Der Holocaust. Frankfurt / M.: Suhrkamp 2001.   zurück