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- Margot Berghaus: Luhmann leicht gemacht. Eine Einführung in die Systemtheorie (UTB 2360) Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2003. 283 S., 125 Abb., 13 Tab., 28 Fotos. Kart. EUR (D) 19,90.
ISBN 3-8252-2360-4.
Einer der weniger substantiellen, dafür aber pragmatisch um so folgenreicheren Einwände gegen die soziologische Systemtheorie Niklas Luhmanns ist das Problem der Zugänglichkeit: Zwar fehlt es der Theorie nicht an Anknüpfungspunkten für andere Disziplinen, 1 und es mangelt auch nicht an Versuchen, sie durch die Bereitstellung von Einführungsbänden und Glossaren für breitere Interessentenkreise zu öffnen, doch eilt Luhmann angesichts einer auf den ersten Blick hermetisch-selbstbezüglichen Begrifflichkeit nach wie vor der Ruf voraus, schwierig und kaum anschlussfähig zu sein.
Da nützt es wenig, dass diese Begrifflichkeit die unvermeidbare Konsequenz der Komplexität eines Theoriegebäudes ist, in dem sämtliche Flügel und Stockwerke einerseits simultan-reflexiv in sich selbst zurückzulaufen scheinen, während doch andererseits ein Netzwerk komplex funktionierender Ver- und Entsorgungsschächte dafür sorgt, daß kein Gebäudeteil unabhängig von allen anderen betrachtet werden kann. Wenn dann in jüngerer Zeit verstärkt die differenztheoretischen Parallelen zu ähnlich verrufenen Theorien wie Poststrukturalismus und Dekonstruktion betont werden, sind sämtliche Vorurteile bedient, 2 und manch einer wird den immer wieder einmal auftauchenden Vorschlag der Rechtschreibüberprüfung eines vielgenutzten Textverarbeitungsprogramms, >Luhmann< durch >Buhmann< zu ersetzen, mit einem wohlwollenden Kopfnicken quittieren.
Dies ist der Ausgangspunkt von Margot Berghaus' soeben erschienener Einführung in die Systemtheorie Niklas Luhmanns, und es gehört schon Mut dazu, nach dem Erscheinen zahlreicher Einführungsbücher ganz ähnlichen Zuschnitts den Titel "Luhmann leicht gemacht" zu wählen. Doch, dies sei vorweggenommen, der Anspruch wird eingelöst. In 21 übersichtlich strukturierten und sinnvoll aneinander anschließenden Kapiteln gelingt es Berghaus, "den Kern seiner Systemtheorie samt Anwendung auf Kommunikation, Medien und Massenmedien so aufzuschließen, dass der Zugang einfach und einladend wird – kurz: vom >Buhmann< zum Luhmann zu führen" (S. 12), wie es einleitend programmatisch heißt. Ihr Ziel, nicht nur ihren Computer samt Textverarbeitungsprogramm, sondern auch den geneigten Leser oder die geneigte Leserin zum "Luhmann-Fan" (S. 11) zu machen, erscheint nach der Lektüre des Buches nicht unrealistisch.
Dabei kommt folgendes Verfahren zur Anwendung: 1. Knappe, an alltäglichen Erfahrungen orientierte Erläuterungen führen zu systemtheoretischen Begriffen hin. 2. Die so eingeführte Terminologie wird dann in einer Vielzahl von geschickt ausgewählten und immer pointierten Luhmannzitaten im Originalton rekapituliert und ergänzt, so daß man angesichts der hier immer wieder aufscheinenden humoristisch-aphoristischen Eigenschaften vieler Formulierungen Lust bekommt, Luhmann im Original zu lesen. 3. Zu dieser durchaus unterhaltsamen Strategie tritt eine Vielzahl von Illustrationen, die – häufig von der Hand der Autorin selbst oder dem alltäglichen massenmedialen Angebot entnommen – ebenso pointiert die wichtigsten Punkte wieder auf alltägliche Situationen zurückprojizieren. Die humoristische Seite dieser Illustrationen mag Geschmackssache sein, sie hat aber zumindest dem systemtheoretisch nicht unvorbelasteten Rezensenten die Lektüre kurzweilig gemacht und gelegentlich sogar neue Einsichten bereitet. Auf jeden Fall verschafft diese Technik Verschnaufpausen auf dem dann doch gelegentlich anspruchsvollen Weg, und dies sollte insbesondere Neueinsteigern entgegenkommen.
Der auf die beschriebene Weise eingeschlagene Weg der programmatischen (und durch die Theorie legitimierten) Reduktion von Komplexität beginnt dabei nach einleitenden Bemerkungen zu Luhmanns Person, Arbeitsweise und Werk samt Luhmann-Habermas Kontroverse (Kap. 2) mit einer knappen Positionierung der Systemtheorie Luhmannscher Prägung als >konstruktivistischer Supertheorie<, die radikale Konsequenzen hinsichtlich des durch die Theorie implizierten Menschenbildes und hinsichtlich der Möglichkeiten sprachlicher und bildlicher Darstellung mit sich bringt (Kap. 3). Auf dieser Grundlage erfolgt sodann eine Beschreibung der autopoietisch-prozeßhaften Seinsweise von Systemen in ihrer jeweils spezifischen Differenz zu den durch die Systemoperationen erzeugten Umwelten samt Beobachtung und Selbstbeobachtung (Kap. 4) und die Übertragung dieser Überlegungen auf die im Mittelpunkt von Luhmanns Werk stehenden sozialen Systeme in ihrer >co-evolutionären< Abhängigkeit von psychischen Systemen (Kap. 5).
Kapitel 6 und 7 erläutern auf luzide Weise den immer wieder als Provokation empfundenen Luhmannschen Kommunikationsbegriff mit seinen drei nicht mehr an den Menschen bzw. psychische Systeme gekoppelten Selektionsebenen >Information<, >Mitteilung< und >Verstehen<. Dies ist die wohl größte Herausforderung für die von alltäglichen Erfahrungen ausgehende Darstellungsweise, die jedoch wiederum gemeistert wird und unter der Überschrift "Kommunikation ganz neu aufgefaßt" (S. 77) in folgende hilfreiche Merksätze mündet: "1. Keine Übertragung von Information" (S. 78), "2. Der Sender ist nicht mehr der Boss" (79), "3. Nicht Verständigung / >Konsens<, sondern Differenz" (S. 80) und "4. Aufrichtigkeit ist nicht kommunizierbar" (S. 82). Die Kapitel 8 und 9 beschließen sodann die Einführung in die Grundzüge der Theorie mit Überlegungen zum Zusammenhang von Kontingenz und Medien im Lichte des für die moderne Gesellschaft charakteristischen Verhältnisses von prinzipieller Unwahrscheinlichkeit und gesellschaftlich generierter Wahrscheinlichkeit einerseits und zum Sinnbegriff als unhintergehbarem Modus der (jeweils systemspezifischen) Weltbeobachtung andererseits.
Mit Kapitel 10 setzt die Beschäftigung mit denjenigen spezielleren Themen ein, die einleitend als inhaltlicher Schwerpunkt des Bandes angekündigt wurden (vgl. S. 13): Sprache (Kap. 10), Schrift (Kap. 11), Buchdruck (Kap. 12), elektronische Medien (Kap. 13), und die Massenmedien (Kap. 14–19 mit Unterkapiteln zu >Nachrichten und Berichten<, >Werbung<, >Unterhaltung< und >Öffentliche Meinung<). Dieser Schwerpunkt verrät einerseits die disziplinäre Herkunft der Verfasserin – sie ist Professorin für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Mannheim; er ist andererseits jedoch für eine Einführung in Luhmanns Denken sehr geeignet, zumal medientheoretische und medienhistorische Überlegungen in Luhmanns Spätwerk eine zentrale Rolle spielen 3 und die Massenmedien in zunehmendem Maße den Letzthorizont der Weltbeschreibungsmodelle der modernen Gesellschaft markieren. 4 Darüber hinaus, und hier spricht der Rezensent aus seiner disziplinären Perspektive, macht dieser Schwerpunkt die Einführung interessant für die literatur- und kulturwissenschaftliche Arbeit, da das Potential der Luhmannschen Medientheorie im Hinblick auf die medien- und kulturwissenschaftliche Neuorientierung in zahlreichen geisteswissenschaftlichen Disziplinen noch keineswegs ausgeschöpft scheint. 5
Der Band endet mit zwei zusammenfassenden Kapiteln, von denen das erste rückschauend die in Luhmanns Theorie thematisierten Paradoxien gesellschaftlicher Selbstbeschreibung und die sich daraus ergebenden methodischen Probleme noch einmal aufgreift (Kap. 20), während das zweite abschließend die offene Zukunft der mit Hilfe der Zentralbegriffe System, Kommunikation und Evolution beschriebenen modernen Gesellschaft und ihrer medial vermittelten Welt(en) in den Blick rückt (Kap. 21). Etwas unvermittelt bezieht die Verfasserin hier (d.h. auf der vorletzten Seite des Buches) mit Verweis auf eigene Arbeit plötzlich persönlich und kritisch Stellung und stellt die durchaus interessante These auf, dass zu "Zeiten der globalen, universellen Kommunikationserweiterung und -veränderung [...] die altbewährte, nahe, interpersonelle Kommunikation – die Interaktion unter Anwesenden – nicht an Bedeutung [verliert], sondern im Gegenteil: sie gewinnt an Wichtigkeit als Selektionsinstanz" (S. 277). Hier hätte man gern mehr gehört, und so erscheint diese überraschende Schlusswendung als eine anregende Markierung des Punktes, an dem jenseits der Lektüre von "Luhmann leicht gemacht" das eigene Weiterdenken und die kritische Auseinandersetzung beginnen.
Abschließend bleibt zu bemerken, dass weder die einzelnen Funktionssysteme (mit Ausnahme der Massenmedien) noch die in historischer Hinsicht aufschlußreiche Wechselbeziehung von Gesellschaftsstruktur und Semantik in Berghaus' Einführung ausführlich erläutert werden, doch erscheint diese Einschränkung angesichts griffiger Formulierungen in Luhmanns Werk und vielen anderen Einführungen verschmerzbar. 6 Alle wichtigen Aspekte der Systemtheorie sind in Berghaus' Einführung abgehandelt und, um auf die am Beginn dieser Rezension stehende Schlagzeile zu sprechen zu kommen, im positiven, Vorurteile widerlegenden Sinne des Wortes >tiefergelegt<: mit Bodenhaftung und der damit einhergehenden verbesserten Straßenlage, die höhere Geschwindigkeiten (der produktiven Aneignung) erlaubt.
Dieses Buch sei nicht nur theoretisch orientierten Lesern und Leserinnen ans Herz gelegt, sondern allen, die an einer differenzierten Beschreibung der Gegenwart interessiert sind.
Prof. Dr. Christoph Reinfandt
Eberhard Karls Universität Tübingen
Seminar für Englische Philologie
Wilhelmstr. 50
D-72074 Tübingen
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Ins Netz gestellt am 05.12.2003

IASLonline ISSN 1612-0442
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Anmerkungen
1 Vgl. Henk de Berg / Johannes F.K. Schmidt (Hg.): Rezeption und Reflexion. Zur Resonanz der Systemtheorie Niklas Luhmanns außerhalb der Soziologie. Frankfurt / M.: Suhrkamp 2000 und Helga Gripp-Hagelstange (Hg.): Niklas Luhmanns Denken. Interdisziplinäre Einflüsse und Wirkungen. Konstanz: Universitätsverlag Konstanz 2000. zurück
2 Vgl. Oliver Jahraus: Das dekonstruktive Moment der Systemtheorie (15.05.2001). In: IASLonline. URL: http://www.iasl.uni-muenchen.de/rezensio/liste/jahraus2.html (4.11.2003). zurück
3 Vgl. Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt / M.: Suhrkamp 1997: Bd. 1, S. 190–412. zurück
4 Vgl. ebd., Bd. 2, S. 1096–1109 sowie als zentralen Bezugstext für Berghaus' Darstellung Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien. 2., erw. Aufl. Opladen: Westdeutscher Verlag 1996. zurück
5 Vgl. dazu bereits Christoph Reinfandt: Systemtheorie und Literatur. Teil IV. Systemtheoretische Überlegungen zur kulturwissenschaftlichen Neuorientierung der Literaturwissenschaften. In: IASL – Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 26,1 (2001), S. 88–118, hier S. 107–110. zurück
6 In idealer Weise lässt sich Berghaus in dieser Hinsicht ergänzen durch die knappe Darstellung in Frank Becker / Elke Reinhardt-Becker: Systemtheorie. Eine Einführung für die Geschichts- und Kulturwissenschaften. Frankfurt u.a.: Campus 2001, denen wiederum die mediale Dimension völlig fehlt. zurück
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