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Mit dem Band legt die bis zu ihrer Emeritierung als Professorin für Wissenschaftsgeschichte an der University of Glasgow tätige Johanna Geyer-Kordesch das aus der Handschrift edierte Reisetagebuch der Fürstin Louise von Anhalt-Dessau (1750–1811), der Gattin des Fürsten Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau,
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nach England im Jahre 1775 vor. Sie knüpft damit an ihre Studie Luise von Anhalt-Dessau – Liberty, Sensibility , and Nature
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an, in der sie die selbst vollzogene Hinwendung der Fürstin zur Empfindsamkeit und die damit einhergehende Flucht aus ihrer Rolle als fürstlicher »Landesmutter« als »revolutionary route to female liberty«
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interpretierte. Die in dieser Studie schon anklingende Bezugnahme des Begriffs der individuellen Freiheit der empfindsamen und künstlerisch ambitionierten Frau hin zum Liberty-Verständnis der oppositionellen Whig-Protagonisten, die die Fürstin und ihr Gemahl besuchten, wird im Vorwort zum Reisetagebuch stärker kontextualisiert.
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Die Reise, an der neben anderen auch der Architekt und Berater des Fürsten, Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, teilnahm, dauerte von Anfang Juli bis Ende Oktober 1775. Die Fürstin hielt in ihrem Tagebuch aufmerksam ihre Beobachtungen fest, schilderte die Reiseeindrücke, die Begegnungen und Besuche ebenso wie die Alltagserlebnisse. Ihr Tagebuch vermittelt den einzigen authentischen Bericht von dieser Englandreise, denn weder vom Fürsten Franz noch von den anderen Reisebegleitern sind Aufzeichnungen überkommen. Im Gegensatz zur Reise des Fürsten von 1763/64 und 1765, von der wir Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorffs Reiseaufzeichnungen
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bzw. Georg Heinrich Berenhorsts Notizen aus seinem Journal
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besitzen, sind wir über die anderen Reisen des Fürsten bisher nur wenig unterrichtet.
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Die fünfundzwanzigjährige Louise von Anhalt-Dessau unternahm das erste Mal eine derart lange Reise. Auf England war sie außerordentlich gespannt, hatte sie doch der zehn Jahre ältere Fürst mit seinen Schilderungen und Eindrücken seiner früheren Reisen neugierig gemacht. Durch ihre Lektüre der neuesten englischen Literatur hatte sie sich selbst intensiv auf diese Reise vorbereitet. England und der englische Geschmack gaben vielfach den Vergleichsrahmen ab für den kleinen Territorialstaat Anhalt-Dessau mit seinen Gärten und Bauten, seinen aufklärerischen ökonomischen und pädagogischen Unternehmungen, die weit über die Region hinaus in den kulturellen Zentren des Alten Reichs Beachtung fanden. Zwar verstand die junge Fürstin die englische Sprache noch nicht und litt darunter, oft von der Konversation ausgeschlossen zu sein, doch nahm sie gern die Sprachstunden bei einem Prediger an, auch wenn die didaktischen Methoden dieses Lehrers dem Lernfortschritt enge Grenzen setzten.
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Das Reisetagebuch vermittelt die intime Selbstverständigung der Fürstin über das Gesehene. Es verarbeitet die zum Teil langwierige Reise mit der Postkutsche oder dem Paketboot; die aufgrund der schlechten Wege und Herbergen als außerordentlich strapaziös empfundenen Bedingungen. Die Fürstin berichtet auch amüsant von Missgeschicken, etwa davon, wie sie nur knapp einer üblen Dusche entging, da jemand in eine Vase auf dem Kamin, die der Fürst beim Warten musternd in die Hand nahm, üble Flüssigkeit deponiert hatte (S. 192). Lebendig und frisch, gelegentlich sogar humorig schildert sie ihren Kampf mit den Flöhen in schlechten Unterkünften oder den eine Dame ihres Standes fordernden Auf- und Abstieg vom Schiff zum Beiboot. Im Gegensatz zu den Tagebüchern späterer Jahre oder späteren Briefen, die oft ausführlich über ihre körperlichen Leiden berichten, ist das Tagebuch zwar empfindsam geprägt, doch meist munter und lebensbejahend geschrieben.
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Den unmittelbaren Anlass der Reise bildete eine Badekur des Fürsten in Bath, der sich davon eine Erleichterung von seinem Hüft- und Beinleiden erhoffte, das er sich durch einen Reitunfall zugezogen hatte. Wie bei Badereisen üblich verband der Fürst damit auch die Kontaktpflege zu alten Bekannten und politischen Freunden, die er nicht nur in London oder im Treffpunkt der höheren Gesellschaft in Bath betrieb. Der Fürst führte seine Frau durchaus liebevoll und fürsorglich in die kulturellen und politischen Eigenheiten der bewunderten Großmacht ein. Oftmals scheinen – mangels eigener Vergleichsmöglichkeiten – seine Urteile in ihren Tagebuchnotizen durch, nicht selten aber sind die getroffenen Geschmacksurteile ihrer eigenen ästhetischen Wahrnehmung geschuldet. Der Fürst wollte offenbar die Fürstin auf dieser Reise bei sich haben, war doch der zuhause gebliebene vierjährige Erbprinz Friedrich, um dessen Wohlergehen sich die Fürstin aufgrund meist monatelanger fehlender Nachrichten im Innern sehr ängstigt, das bisher einzige Kind geblieben, und sollte es aufgrund der später immer offenbarer werdenden Unvereinbarkeit des Fürstenpaares auch bleiben.
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Die Reise führte unter anderem zu berühmten Landsitzen und Gärten wie Painshill, Stourhead, Rousham, Bowood Park, Stowe, High Wycombe, West Wycombe, Oatlands, Wooburn Park, Whitton House, Park Place, Weybride Farm, Blenheim, Kew Palace, Richmond Park, Windsor Park. Freilich erfolgten die Nennungen und Beschreibungen im Tagebuch oft nur sporadisch und knapp, die Fürstin machte die Notizen für sich privat und nicht als im Auftrag des Fürsten angefertigte Gedächtnisstütze, wie etwa Erdmannsdorffs italienisches Reisejournal oder die Tagebücher des jungen Franz Waldersee, der, als unehelicher Sohn des Fürsten, diesen auf seinen Reisen begleiten und sich im Protokollieren schulen sollte.
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Politische und kulturelle Perspektiven auf England
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Ohne hier auf die Breite der Beobachtungen und die teils aufschlussreichen Kontakte (zu Rousseau in Paris, zu Naturwissenschaftlern und Entdeckungsreisenden wie John Priestley, den Forsters, die mit ihrem Lärm, Rauch und Schmutz als abstoßend empfundenen (Groß-)Städte wie London oder Bath u.v.m.) eingehen zu können, nahm die Fürstin durchaus wahr, dass der Fürst mit vielen der besuchten Lords und Offiziere bereits gut bekannt war und mit ihnen politische Erfahrungen und Überzeugungen teilte. Die Herausgeberin hebt aufschlussreich hervor, dass die meisten dieser Lords, Offiziere und Diplomaten der Partei der jüngeren oppositionellen Whig-Partei um William Pitt und Lord Shelburne angehörten. Viele von ihnen hatten im englisch-preußischen Heer in Deutschland oder in Nordamerika im Siebenjährigen Krieg gegen die Franzosen gedient und waren verbittert und enttäuscht über den vorzeitigen, als Verrat empfundenen Rückzug des Königs vom Kontinent. Denn »Canada was won on the Elbe« (S. 28), so lautete der Spruch des Premierministers William Pitt. Der Siebenjährige Krieg ist vor allem im anglo-amerikanischen Raum, spätestens seit Fred Andersons umfassender Studie Crusible of War. The Sevens Years‘ War and the Fate of Empire in British North America, 1754–1766 (London 2000), seit einiger Zeit auch unter deutschen Historikern
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in seiner europäischen, ja globalen Dimension neu betrachtet worden. Johanna Geyer-Kordesch überträgt einige der Weiterungen, die aus dem Blickwechsel auf die Dimension dieses Konfliktes im Reich folgen, auf das Interesse des Fürsten Franz an England. Dies ist durchaus innovativ und verspricht besonders für die Zukunft noch weitere neue Einsichten. Vor Jahren hatte bereits Bernard Korzus auf diese Zusammenhänge aufmerksam gemacht, nun liegt mit dem Tagebuch eine neue Quelle vor aller Augen. Die Whig-Partei fürchtete im Zuge der Politik nach dem Siebenjährigen Krieg und der neuen rigorosen Amerikapolitik eine Rehabilitierung der absolutistischen Monarchie und damit eine erneute Stärkung des Königtums zuungunsten der parlamentarischen Rechte, die in der Glorious Revolution errungen worden waren.
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Die Fürstin reflektierte diese Prozesse freilich nicht ausführlich in ihrem Tagebuch; oft schließt die Herausgeberin den politischen Hintergrund der Reiseziele in ihren insgesamt lesefreundlich und übersichtlich gehaltenen Anmerkungen aus den historischen Konstellationen und den Biographien der Besuchten. Bemerkenswert ist hier insbesondere der Briefwechsel zwischen Lord Shelburne und dem Fürstenpaar, den die Herausgeberin in den »British Library Manuscript Collections« eingesehen hat. Dort dankt der Fürst Lord Shelburne, etwa am 1. Oktober 1775, kurz vor der Abreise aus England, »for remembering so kindly the poor Prussian is a new testimony of your unwearied endeavours in promoting the happiness of our Fellow Creatures«. Der Fürst bezeichnete sich hier höchst selbst als »armen Preußen«, offenbar um anzuzeigen, dass er die Kritik der Pitt-Shelburne-Partei am König, das verbündete Preußen (und mit ihm Anhalt-Dessau) im Krieg quasi im Stich gelassen zu haben, teilt. Es scheint dem Rezensenten diese Wortwahl des Fürsten ein seine eigene These stützender Beleg zu sein, dass es sich nämlich bei der angeblichen Preußenfeindschaft des Fürsten Franz nur um ein aus dem jeweiligen Zeitgeist gespeistes Wunschbild der Geschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts handelt. Dass auch die Fürstin in ihrer eigenen Familiengeschichte die traditionelle Allianz im Kampf gegen den französischen Absolutismus erblickte, macht ihre Bemerkung in Blenheim deutlich, dass ihr Großvater Leopold I. von Anhalt-Dessau, der Alte Dessauer (Fürst Franz und seine Gattin stammten aus [familien-]politischen Gründen beide von ihm ab), im Spanischen Erbfolgekrieg mit den Preußischen Truppen am gemeinsame Sieg bei Hochstädt mehr Anteil gehabt habe als Lord Marlborough (S. 187). Auch erscheint m.E. das andeutungsweise im Tagebuch gezeigte Mitgefühl mit den in ihren Selbstvertretungsrechten beschnittenen und gedemütigten Kolonien (z.B. S. 127) als Symptom eher einer altständischen Freiheitsauffassung geschuldet als einer modernen. Das wird sicher weiter zu diskutieren seien.
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Einige Beobachtungen am Text, die dem Rezensenten bei der Lektüre des Reisetagebuches gekommen sind, seien noch angefügt. Die Fürstin teilte die Einschätzungen des Fürsten, dass sich die gelobte englische Kultur, Politik und Moral seit seinen letzten Besuchen deutlich verschlechtert hätten, ja er »erkannte fast in nichts die ersten Sitten« (S. 101) der Engländer wieder. Ein Leutnant Lloyd entschuldigte sich etwa über das zunehmend eigensüchtige Benehmen und modisch Gezierte vieler seiner Landsleute, er war »gewiß einer von denen Engländern, die noch völlig das Edle, Charakteristische dieser Nation beibehalten haben« (S. 209). Die geäußerte Kritik trifft z.B. auf die »neue Mode der Engländer« zu, Besucher nach Stand und Namen zu taxieren (S. 88) oder die Gärten nur an bestimmten Tagen zu öffnen (S. 101, 193 f.). Die Fürstin selbst verhielt sich übrigens durchaus patriotisch und standesbewusst, tat dies aber mit einer gelassenen Dezenz und gewohnten und erwarteten Selbstverständlichkeit. (z.B. S. 97, 123, 206) Überall vergleicht sie die Einrichtung der besuchten Anlagen und Landhäuser aus einem jugendlichem Stolz heraus mit »dem lieben Wörlitzer« Garten (S. 86, 89, 191 u.ö.), wobei sie den für sie sichtbar werdenden (neuen) Hang zu Luxus und Prunk in einigen Gärten der aus Handel und Bankgeschäften reich gewordener Geldaristokraten als »kostbare(n), ausgekünstelte(n), geldstarrende(n) Geschmack« kritisiert (Osterley Park, S. 87 f.). »Es war alles völlig im anthiquen Geschmack, wie Wörlitz, aber alles 10 Mal kostbarer, 10 Mal sauberer verzierter und 10 Mal mehr ausgeschmückt und geendiget«. Die Fürstin sah diese Entwicklung als durchaus symptomatisch für ganz England an. Stowe House erschien ihr »würdig, ein Königsschloss zu sein« (S. 182). Die britischen Lords beeindruckten mit ihren repräsentativen Sitzen und ihrem Selbstbewusstsein, mit dem sie ihre Interessen und Auffassungen im Parlament und in der Öffentlichkeit vertraten, den Fürsten und die Fürstin, wünschen sie sich doch Ähnliches für das Alte Reich (wieder). Friedrich Reil, der Probst des Fürsten, deutete im Rückblick auf das prägende Vorbild des englischen Landlebens in seiner Ambivalenz aus bewusster Vita activa und Vita contemplativa hin, wenn er festhielt:
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Er (Fürst Franz) betrachtete Sich am liebsten wie einen englischen Lord, der, sich auf einige Zeit von Staatsgeschäften zurückziehend, im Kreise seiner Familie das Landleben genießt.
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Die deutsche Fürstin empfand im Vergleich mit den großen, üppig mit Kunst ausgestatteten Landsitzen, ihre eigene Position als bescheiden, sah das aber mit patriotischem Stolz auch als Vorteil an. Sie habe sich, so resümiert sie, »von deren Lande und Nation … sehr hohe Begriffe gemacht … Ich gestehe das, wiewohl es diesen nicht völlig entsprach, so gefiel es mir doch sehr«. Sie zählte dann aber auffälligerweise auf: »Pflanzungen, Gärten, Landhäuser und Grasungen (…).«
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In dieser Richtung ging auch ihre mit kritischer Distanz bemerkte, die französischen Moden nachahmende Putzsucht der Damen der britischen Oberschicht (S. 123, 210). Die großen Vorstellungen des Landes seien aber »durch ihre jetzige Veränderung« in ihren Augen »gefallen« (S. 210). Die Fürstin gibt zu, dass sie die Belastbarkeit ihre Einschätzungen aufgrund ihrer begrenzten kommunikativen Möglichkeiten einschränken müsse. Auch dürfte der Eindruck des tendenziellen Verlustes ehemaliger Werte durch die nun in die Jahre gekommenen und an Gebrechlichkeit leidenden Bekanntschaften des Fürsten verstärkt worden sein. Die Wahrnehmung der aus den Kolonien und aus Geldgeschäften üppig fließenden Einnahmen nach 1763 und des sich seither verstärkt verbreitenden Luxus trifft aber wohl den Kern. Und dies trotz der Tatsache, dass alle Stände unter den großen Steuerlasten, die im Ergebnis des Krieges erhoben worden waren, litten.
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Die verdienstvolle Edition des Reisetagebuchs ist Teil eines mit Mitteln des Bundeskulturministeriums geförderten gemeinsamen Projektes der Kulturstiftung DessauWörlitz und des Landeshauptarchivs Sachsen-Anhalt, alle Tagebücher der Fürstin – ein einmaliges, kultur-, literatur- und sozialgeschichtliches Dokument der Goethezeit im Umfang von einigen Tausend Seiten – zu publizieren.
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