Max Weber: Briefe 1913-1914. Hg. von M. Rainer Lepsius und Wolfgang J. Mommsen, in Zusammenarbeit mit Birgit Rudhard. (Max Weber Gesamtausgabe, Abteilung II: Briefe, Bd. 8) Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 2003. XXX, 902 S. Leinen. EUR 279,00. ISBN: 3-16-147920-3.
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In den intellektuellen Kontroversen um die kulturelle Moderne wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer neue Verbindungslinien zwischen Ästhetik, Ethik, Politik und sozialer Lebenswelt gezogen. Selbst Max Weber trug sich mit der Idee, die Literatur für seine soziologischen Grundfragen zu nutzen. Für das Frühjahr 1912 hatte Weber ein Buch über Tolstois Ethik angekündigt, 1 und noch 1913 drängte ihn seine Ehefrau Marianne Weber, die sich zu dieser Zeit ebenfalls einen Namen als Publizistin machte, diesen Plan zu verwirklichen. In Webers Briefen dieses Jahres ist dann viel von den neuen Wegen seiner Soziologie, aber nicht mehr vom Tolstoibuch die Rede. Die Grundfragen der ethischen Orientierung des modernen Menschen in den heterogenen Lebensordnungen einer kulturell pluralisierten und polarisierten Industriegesellschaft ziehen sich gleichwohl als roter Faden durch Webers professionelle Korrespondenz mit den sozialwissenschaftlichen Kollegen, den privaten Austausch mit Verwandten und Freunden wie auch die scharfen gelehrtenpolitischen Urteile zu unterschiedlichen Zeitproblemen.
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Intellektuelle Streitkultur
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Briefeditionen können den kürzesten Weg weisen, um Gelehrte, Künstler oder Philosophen in das intellektuelle Macht- und Kraftfeld ihrer Zeit zu stellen. Die in Frankreich intensiv betriebene historische Intellektuellensoziologie bevorzugt für eine derartige epochale Verortung die analytische Unterscheidung zwischen Orten und Netzwerken der Geselligkeit, generationsspezifischer Milieubildung und individuellen Lebensstadien (itinéraire) sowie Situation und Ereignissen des politischen Engagements. Auf die Auswertung von Briefquellen läßt sich das mit Gewinn anwenden, ergänzt durch den in der angelsächsischen Tradition seit Josef Schumpeter geschärften Blick auf die sozialen Muster geistiger Streitkultur. 2
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Für Max Weber begann das Briefjahr 1913 mit dem Säbel. Er forderte seinen nationalökonomischen Kollegen Bernhard Harms wegen »schamloser Ehrabschneiderei« zum Duell, »auszutragen am 4./5. Januar in Kiel« (2.1.1913). Der Waffengang der Gelehrten kam nicht zustande, anders als der Waffengang der Nationen eineinhalb Jahre später. Und wenn selbstverständlich beide Ereignisse in keinerlei ursächlichem Zusammenhang stehen, die erste Briefsequenz dieses vierten der bisher erschienenen Bände der zweiten Abteilung der Max Weber-Gesamtausgabe hat etwas Gleichnishaftes.
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Schon beim ersten Aufschlagen des großzügig und leserfreundlich ausgestalteten Bandes trifft uns Webers durchdringlicher Blick im feldgrauen Rock des Militärischen Mitglieds der Heidelberger Reserve-Lazarettkommission in einer Photographie des ersten Kriegsjahres. Webers Briefsprache liebt das Rigoristische und Kompromißlose, ist so rechthaberisch gegen andere wie fordernd gegen sich selbst. »Ich bin dem Verlag und den Autoren mit meiner Ehre engagiert«, mahnt er den säumigen Kollegen Johann Plenge, der das Manuskript zu dem von Weber in größter Arbeitsanstrengung betreuten Grundriß der Sozialökonomik nicht rechtzeitig liefert. Der GdS, das völlig neuartig konzipierte Handbuch der historisch – ökonomischen Sozialwissenschaften, in dessen Rahmen das »Jahrhundertbuch« von Webers Wirtschaft und Gesellschaft entstand, 3 verklammert den Briefband der Jahre 1913 / 14 in dem Sinne, daß hier Webers wissenschaftliche Lebensleistung sichtbar wird. Die strenge Selbstdisziplinierung der wissenschaftlichen Arbeit als Beruf und die leidenschaftliche Streitlust erscheinen durchgängig als die zwei Seiten derselben Persönlichkeit des Gelehrten-Intellektuellen.
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Max Weber führte in den pulsierenden Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ein Leben von hoher geistiger und institutioneller Selbständigkeit und literarischer Produktivität. Einerseits unabhängig durch den Rückzug aus dem universitären Amt, und gesichert durch die Vermögenslage seiner Frau Marianne und Zuwendungen der Mutter Helene, blieb er gleichwohl gebunden durch erhebliche akademische Schreibverpflichtungen. Zugleich fand er überdurchschnittlich Zeit, sich innerhalb seines Bekanntenkreises intensiv um Probleme prekärer Lebenslagen zu kümmern, sei es, daß sein Gutachten dazu verhalf, den Sohn der Franziska von Reventlow vom Militärdienst zu befreien, sei es, daß er seine Frühjahresaufenthalte in Askona damit zubrachte, die ethisch-erotischen Experimente der Frieda Gross zu studieren und juristischen Rat zur Zukunft ihrer Kinder aus den Beziehungen zu dem Psychoanalytiker Otto Gross und dem Anarchisten Ernst Frick zu bieten.
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Die Herausgeber Rainer M. Lepsius und Wolfgang J. Mommsen schlagen in ihrer knappen und prägnanten Einleitung vor, die Briefe als repräsentative Zeugnisse seiner wissenschaftlichen Leistung, seiner intellektuellen Beziehungsnetze und seiner persönlichen Lebensverhältnisse zu lesen. Gegenüber einer feuilletonistischen Reduktion auf die Naturmenschen, Zauberweiber und andere erotische Fundstücke, die sich den Reisebriefen an Ehefrau Marianne aus der Kolonie der Künstler, Lebensreformer und Anarchisten auf dem Monte Verità bei Ascona entnehmen lassen, 4 eröffnen Max Webers Briefe, von denen insgesamt nur ein Bruchteil überliefert ist und zu denen in der Regel die Gegenbriefe fehlen, gleichwohl einen so beziehungsreich bislang nicht bekannten Blick auf den Typus des Gelehrten-Intellektuellen an der Schwelle des Ersten Weltkrieges.
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383 Briefe an 62 Briefpartner kommen hier zum Abdruck. Weber korrespondierte so gut wie täglich, im Krieg weniger. Die Hauptgruppe bildet der Schriftverkehr mit dem Verleger Paul Siebeck und den Autoren des neuen Grundriß der Sozialökonomik sowie Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Eine zweite Gruppe bildet der ebenfalls regelmäßige Austausch mit nahen Verwandten, Ehefrau Marianne, Mutter Helene, und engen Freunden wie Frieda Gross. Eine dritte Gruppe bilden die zum Teil nur gelegentlichen Briefe an Partner unterschiedlicher intellektueller Ausrichtung wie Heinrich Rickert, Georg von Lukács, Karl Jaspers, Emil Lask, Friedrich Gundolf oder Ernst Lesser.
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Die Maßstäbe der textkritischen Präsentation sind nach den Editionsregeln hoch. Weber fürchtete im Krieg, seine Schreiben könnten »wegen Unleserlichkeit als verdächtige Chiffre-Briefe behandelt« werden und die Adressaten nicht erreichen, das illustriert die hier vorliegende Transkriptionsleistung. Unverzichtbar sind die akribischen Kommentare und Einführungen in die einzelnen Briefkomplexe, in denen sich die arvchivalischen Detailrecherchen der vier Bandbearbeiter niederschlagen und die zuweilen besser durch die Wissenschafts- und Kulturgeschichte der Epoche führen als manche Monographie. Sichtbar werden die Strategien, mit denen Weber seine Autorität in der nationalökonomischen Forschung sichern und gleichzeitig seine eigenen Konzepte einer soziologischen Wissenschaft einführen will. Nachvollziehbar wird die Beobachtung Marianne Webers zu seiner persönlichen Streitbarkeit in allen Lebensfragen, »der Kampf als solcher regt ihn an, vermittelt ihm das Leben und bietet ihm Entspannung von bloßer Denkarbeit« (S. 11). »Kampf« durchzog seine Korrespondenzen, bevor er als »soziologischer Grundbegriff« in die Kategorienlehre von Wirtschaft und Gesellschaft einging. 5 Erkennbar wird schließlich die geistige Geselligkeit, die Weber im bildungsbürgerlichen Milieu Heidelbergs und auf Reisen pflegte und die ihn als kompromißlosen intellektualistischen Zeitbeobachter und Kritiker der sozialen und politischen Entwicklung ausweist.
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Wissenschaft als Beruf
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Wissenschaftlich sind die Jahre vor dem Weltkrieg die Zeit, in der nahezu allen Disziplinen ihre Wissensbestände kritisch prüfen und in neu konzipierte Handbücher und Enzyklopädien umschreiben. Die Briefe an seinen Hausverlag J.C. B. Mohr (Paul Siebeck) und die Kollegen Werner Sombart, Robert Michels oder Johann Plenge weisen Max Weber als einen Protagonisten dieses Wissenschaftswandels aus. Karl Bücher, der Repräsentant der alten volkswirtschaftlichen Generation »sieht dem öden Alter entgegen« (S. 58), vom alten Gustav Schönberg, der dem Standardwerk des kaiserzeitlichen Ökonomiestudiums bislang den Namen gab, sei »die radikale Streichung jeder Zeile [...] unumgänglich« (S. 71).
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Weber empfand seine Texte zu Wirtschaft und Gesellschaft als »das systematisch Beste, was ich bisher geschrieben habe« (S. 87). Die Forschung kennt bereits den Schlüsselbrief an den Verleger Paul Siebeck vom 30. 12. 1913, in dem Weber seine »geschlossene soziologische Theorie und Darstellung« ankündigt,
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welche alle großen Gemeinschaftsformen zur Wirtschaft in Beziehung setzt: von der Familie und Hausgemeinschaft zum ›Betrieb‹, zur Sippe, zur ethnischen Gemeinschaft, zur Religion (alle großen Religionen der Erde umfassend: Soziologie der Erlösungslehren und der religiösen Ethiken, – was Troeltsch gemacht hat, jetzt für alle Religionen, nur wesentlich knapper), endlich eine umfassende soziologische Staats- und Herrschafts-Lehre. Ich darf behaupten, daß es noch nichts dergleichen gibt, auch kein Vorbild.
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Die Pläne reichten kulturwissenschaftlich sogar weiter, wie jetzt zu lesen ist: »Später hoffe ich Ihnen dann einmal eine Soziologie der Cultur-Inhalte (Kunst, Literatur, Weltanschauung) zu liefern, außerhalb dieses Werkes oder als selbständigen Ergänzungsband« (S. 449 f.).
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Wer sich für das Dampfablassen von Herausgeberfrustrationen interessiert, mag auch die Briefe lesen, in denen sich Weber mit den säumigen Beiträgern nach jahrelangen Planungen herumschlägt. Immerhin, der Grundriß der Sozialökonomik kommt zustande, und obwohl Weber im ersten Kriegsjahr jeden wissen läßt, daß er nach Kriegsende mindestens ein Jahr schreibunfähig sein wird, kann auch sein eigener Anteil daran, die erste Lieferung von Wirtschaft und Gesellschaft, noch vor seinem plötzlichen Tod im Juni 1920 erscheinen. Die Institutionalisierung der Soziologie läuft jedoch nicht nach seinen Vorstellungen. Die »Deutsche Gesellschaft für Soziologie« falle in die Hand von Ignoranten und fuße nicht auf seiner Prämisse der Werturteilsfreiheit: »Mit Herrn Goldscheid als Spiritus rector [Präsident der DGS] arbeite ich nicht zusammen« (S. 442). Und die große Zeitungsenquete, die er als Schatzmeister und Ideengeber der DGS angeregt hatte, um die mentalitätsprägende Macht der Massenmedien in der Moderne zu eruieren, verebbt auf dem Niveau einzelner Dissertationen.
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Durchgängig zeigt Weber starkes Interesse an interdisziplinären Konstellationen. Engagiert begleitet er das Habilitationsverfahren von Karl Jaspers zwischen Philosophie und Psychologie. Heinrich Rickert bleibt sein wichtigster Partner für die erkenntnistheoretischen Probleme der »Kulturwerte«. Ihm gegenüber fällt der aufschlußreiche Hinweis auf das »Manuskript meiner Religionssystematik« (S. 262), 6 womit Weber die enge Verzahnung von Wirtschaft und Gesellschaft und der Wirtschaftsethik der Weltreligionen deutlich macht. Nicht zuletzt war 1913 das Jahr, in dem sich die schriftstellerische Gemeinschaft des Ehepaares Weber zu zentralen Fragen der Kulturanalyse niederschlug. »Ich bin begierig was sie macht, es ist das erste Mal, daß ich davon gar nichts Bestimmtes gesagt bekomme« (S. 179). Im Logos, der neuartigen Internationalen Zeitschrift für Philosophie der Kultur, für dessen russische Ausgabe Max Weber ursprünglich die Tolstoi-Romane deuten wollte, veröffentlichte er seine grundlegende Studie Über einige Kategorien der verstehenden Soziologie und nennt sie »sehr abstract« (S. 358), während Marianne Weber im gleichen Heft ihre Kontroverse mit Georg Simmel unter dem Titel Die Frau und die objektive Kultur führte. 7
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Bürgerliche Lebensordnung und persönliche Lebensführung
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Viele Briefe lassen erkennen, wie Webers Beobachtungen objektiver Lebenslagen sich mit den Sphären subjektiver Lebensbewältigung mischen. Für die Kulturgeschichte des wilhelminischen Bürgertums sind sie eine Quelle erster Ordnung. Stoff für ein Strindberg-Stück liefert beispielsweise Hauptmann Arthurs Pferd. Max Webers jüngerer Bruder Arthur hat sich als Offizier in die teure Reichshauptstadt Berlin verlegen lassen und trotz knappster finanzieller Mittel geheiratet. Max rechnet nun allen Familienmitgliedern unentwegt vor, mit welchem Unrecht Arthur für seine »standesgemäße« Lebensführung Zuwendungen aus dem Familienvermögen einfordere und selbst nicht einmal den Hafer für sein Dienstpferd aufbringen könne, drängt seinen Bruder, den Dienst zu quittieren und will sogar persönlich beim Kommandeur vorsprechen. Entschieden tritt Weber für die im Jahr 1913 im Reichstag beschlossene »Kriegssteuer« ein, eine Vermögensabgabe für die Erhöhung der Heeresstärke, die »ich als Politiker auch wünschen muß« (S. 235). Die Fortsetzung der imperialistischen Machtpolitik mit kriegerischen Mitteln lag für Weber in Reichweite. Die Briefe zeigen auf der anderen Seite, wie penibel der »Rechner« in Weber dem militärischen Repräsentationsbedürfnis der Epoche die bürgerliche Gegenbilanz vorhält.
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Einen biographischen Zug geben die Briefe mehr als alles andere preis. Weber ist ein Konsequentionalist. In der größer werdenden Kluft zwischen bürgerlichen Konventionen und sezessionistischen Revolten faszinieren ihn Lebensentwürfe und Welthaltungen, die von innerer Stringenz geleitet sind und mit den sozialen Ordnungsgeboten den offenen Konflikt suchen. Dem Psychiater und Kraepelin-Schüler Hans Walter Gruhle gegenüber sieht er sich gedrängt, seine teilnehmende Beobachtung für das erotische Leben von Franziska von Reventlow und Frieda Gross in ein rationales Erklärungsmuster zu bringen:
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Was mich interessiert, ist ein allgemeineres, ganz unpersönliches Problem: inwieweit in jenen ›Ordnungen‹, die Sie ›Conventionen‹ nennen – was sie in erster Linie und überwiegend auch sind – in verstümmelter Form andre, feste, innere Ordnungen des Lebens stecken, die, wenn man sich ihnen entzieht, ihre Rache nehmen und ›objektiven‹ Charakters sind, indem sie, so wie jenes Unaussagbare, was das Kunstwerk zum Kunstwerk macht, den Menschen zum vollen Menschen machen. (S. 238)
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In dieser Weise und immer wieder versucht Weber, erotische Passionen zu intellektualisieren und zu soziologisieren. Mit Karl Jaspers diskutiert er am Fall des »Sexualneurasthenikers« Emil Lask auch für sich, ob er »persönlich dem leidenschaftlichen Wollen einer schönen Frau Widerstand geleistet hätte« (S. 242). Was er nicht tat, aber inzwischen empfand er das Verhalten der geliebten Else Jaffé und deren Zuwendung zum jüngeren Bruder Alfred als tiefe Kränkung und wollte sie in Ascona nicht sehen (S. 205 f.). Erotisches Begehren wurde umgegossen in juristische Unterstützung, insbesondere von Frieda Gross, für deren Kampf gegen den Schwiegervater Hans Gross um das Sorgerecht für den Sohn Peter aus der Ehe mit dem drogenabhängigen Psychoanalytiker Otto Gross er erfolgreiche Schriftsätze verfaßte. Jeweils das Frühjahr 1913 und 1914 verbrachte Weber auf dem Monte Verità in Ascona, dem europäischen Zufluchtsort der Lebensreformer aller Schattierungen, und berichtete nahezu tagebuchartig Marianne nach Heidelberg. Frieda speise ihr Selbstgefühl durch das »Pathos der Distanz«, bemüht er Nietzsche, könne aus Revolte gegen die »Gesellschaft« ihr zartes feines Wesen aber urplötzlich in den »vollkommensten Kokotten-Typus« verwandeln, läßt er Marianne am 18. April 1913 wissen. Und »Frick hat Tiefe«, schreibt er ihr genau ein Jahr später (5. April 1914) und will Friedas aus dem Gefängnis entlassenen Lebensgefährten, dem Schweizer Künstler und Anarchisten Ernst Frick, Dostojewskis Brüder Karamasow und Lukács’ Von der Armut am Geiste zur Stärkung des Selbstbewußtseins zu lesen geben.
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Die für die wilhelminische Kultur- und Literaturgeschichte oft bemühten Beziehungsgeschichten um Otto Gross und die Künstlerkreise auf dem Monte Verità 8 erhalten durch diese jetzt vorliegende Edition und ihre Kommentierung eine solidere Quellenbasis. Die »antinomische Struktur« (Wolfgang J. Mommsen) seines Denkstils, alles so scharf wie möglich in Gegensätzen zu typisieren, spiegelt sich in Webers Habitus gegenüber den Freunden und Bekannten. Das hat vielen den Umgang mit ihm verleidet, Werner Sombart etwa beklagte sich über eine »verweberte« Wissenschaft. Zeitgenössische Publizisten und Literaten waren besonders betroffen. Auf seinen Reisen nach Süden waren Weber die Cafés beliebte Treffpunkte mit vielen Freunden, was ihn nicht hinderte, diesen typischsten Ort der Intellektuellengeselligkeit bei Bedarf zu perhorreszieren. Erich Mühsam rechnete er zu den »Caféhaus-Anarchisten«, der befreundete Schriftsteller Franz Jung und der Herausgeber der sozialrevolutionären Aktion Franz Pfempfert seien »Schwachköpfe«, die »den ehrlichen Namen ›Revolution‹ mit ihrem Maulheldentum auf dem Papier beschmutzen« (S. 440). Hier formt sich das Bild, das Weber in der Revolution von 1918 / 19 so vehement gegen jede Art von »Literaten-Politik« polemisieren läßt.
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Geselligkeit und Politik
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»Geselligkeit« und »Streit« sind von Georg Simmel, dem stets ironisierten Freund, für dessen Hochschulkarriere sich Weber gleichwohl rückhaltlos einsetzte, zu Leitkategorien der formalen Soziologie erklärt worden. Gelehrten-Korrespondenzen des Kaiserreichs liefern genügend Belege, daß geistige Geselligkeit und Streit zwei Seiten derselben intellektuellen Selbstinszenierung sind. Weber geht gern mit eindringlichen Belehrungen auf zugesandte Werke ein, immer weiß er es besser. Für das »Unaussagbare« der Kunst liest er alles, was Georg von Lukács gerade schreibt, diskutiert darüber auf dem sonntäglichen jour fixe in seinem Haus und baut gegenüber einem Redakteur des französischen Figaro Lukács zum »eschatologischen« Gegenpol von Stefan George auf. Zuweilen argumentiert er mit Sigmund Freuds Theorien, aber sein ureigenstes Feld sind die »Knäuel von Kulturwerten«, in denen sich wissenschaftliche Analyse ständig verfange. Das bekommen Werner Sombart, Heinrich Rickert oder Robert Michels, mit denen er in engerem Austausch steht, in langen Sequenzen immer wieder zu lesen. Sombart, dem Konkurrenten auf dem literarischen Markt um die Deutung des modernen Kapitalismus, dankt er für »Anregungen, grade auch da, wo ich es für gänzlich falsch halte« und nennt die zugesandte Neuerscheinung (Der Bourgeois. Zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen, 1913) »schlechte Ware aus zweiter Hand« (S. 415–417). Mit Rickert streitet er um die philosophische Begründung einer »Rangordnung« kultureller Werte und ethischer Gesinnungen (S. 408). Und der von ihm lange Zeit geförderte politische Soziologe Robert Michels kommt ihm jetzt mit einem eigenen Handbuch der Soziologie in die Quere.
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Wenige Briefe zeigen das »animal politicum« in Weber. Der aussagekräftigste faßt eine Diskussion mit dem jüdischen Mediziner Ernst Josef Lesser über die Chancen der zionistischen Bewegung zusammen. Der jüdischen Siedlungspolitik attestiert er darin alle äußeren Erfolge, von blühenden Plantagen über jemenitische Arbeitskräfte bis zu leistungsfähigen Universitäten. Das zentrale Fundament scheint ihm dagegen zu fehlen, »der Tempel und der Hohepriester«, also die wiederbelebte jüdische Religion als Garant eines modernen Nationalstaates (S. 312–315). Das ist ganz aus der Werkphase seiner weltgeschichtlichen Religionsvergleiche heraus in die Gegenwart übertragen.
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Ein Briefband zu den Jahren 1913 / 1914 lenkt politisch naturgemäß den Blick auf die Rolle des Intellektuellen in der »geistigen Mobilmachung« des Ersten Weltkriegs, 9 und in der Tat erhält man nur durch die Briefe Aufschlüsse über den politischen Weber dieser Jahre. Sein politisches Engagement gilt bis zum Kriegsausbruch primär der Sozialpolitik. 1913 ist das Jahr der »Sammlung der produktiven Stände«, der wieder aufflammenden Klassenpolitik der Großindustriellen und Agrarier gegen die Gewerkschaften und Sozialdemokratie. Weber präsentiert sich in seiner wissenschaftlichen und staatsbürgerlichen Doppelrolle. Im Verein für Sozialpolitik kämpft er um das Prinzip der Werturteilsfreiheit sozialwissenschaftlicher Untersuchungen. In anderen Briefen und Rundschreiben an die gleichen Kollegen wirbt er dafür, nationalökonomischen Sachverstand für eine offensive linksbürgerliche Sozialreform zu aktivieren. Zwischen dem 27. Juli und dem 4. August 1914, den Tagen, in denen die europäischen Großmächte im unerbittlichen Kalkül ihrer Bündnisse einander den Krieg erklären, verfaßt er nur kurze Geschäftsbriefe an seinen Verleger. Am 28. August schildert er seine militärische Tätigkeit als Premier-Lieutenant der Reserve in der Badischen Lazarett-Kommission:
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Ich habe die Lazarette hier einzurichten und 13stündigen harten Arbeitstag, der mir doch sehr ungewohnt und anstrengend ist und mich stumpf und müde macht. Alle meine Brüder sind vor dem Feind, wie Ihre Söhne. Käme ich doch auch noch hin. Denn dieser Krieg ist groß und wunderbar, was auch der Erfolg sein mag. (S. 783)
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Den Intellektuellen wird in der Weltkriegshistoriographie eine überproportionale Verantwortung für die Prägung einer verblendeten Kriegseuphorie an der Heimatfront zugeschrieben. Bei Weber klingt das biblisch-apokalyptische »Groß und wunderbar« im Zusammenhang der geistigen Erschöpfung eher wie eine dumpfe Gewöhnung an das vaterländische Pathos des »Augusterlebnisses«. Formelhaft gestanzt vom Meister des ethischen Rigorismus liest sich auch das Kondolenzschreiben an den Vater zum »Heldentod« von Robert Siebeck:
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Nun ist er mit der gleichen Begeisterung, wie für seine Kunst, für die Existenz unseres Staates und unsrer Kultur in die Schranke getreten und durch den schönsten Tod, den das Schicksal an uns, die wir Alle sterben müssen, zu vergeben hat, abgerufen worden. (S. 787)
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Das Unaussagbare übernimmt die Kunst, – Weber fügt zwei Gedichtzeilen aus dem Schlachtentod 1849 von Karl Esmarch an. Zweifellos rechtfertigte Weber den Krieg als historisch unvermeidlich. Um so verhängnisvoller erschien ihm, daß die Deutschen von einer verantwortungslosen politischen Elite in die Schützengräben geführt würden, »Hunderttausende bluten für die entsetzliche Unfähigkeit unserer Diplomatie« (an Ferdinand Tönnies am 15. Oktober), mit dem Dilettanten-Kaiser an der Spitze. Das Jahr 1914 beschloß Weber gegenüber Robert Michels in depressiven Vermutungen, »in welcher geistigen Verfassung ich aus diesem Kriege einmal herauskomme« (S. 802).
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Die jetzt insgesamt für den Zeitraum von 1906–1914 vorliegenden Briefbände der Max Weber – Gesamtausgabe vermitteln trotz der so uneinheitlichen Überlieferungslage die entscheidenden Einsichten in die wissenschaftlichen Energien, persönlichen Beziehungen und politischen Ansichten, die zugleich für die Werkerschließung unverzichtbar sind. In dem hier vorliegenden neuesten Band bringt besonders ein Brief Webers intellektuelle Verfassung auf den Punkt. Aus Ascona schreibt er dem Tübinger Kollegen und politischen Gesinnungsfreund Robert Wilbrandt zu seinem Daueranliegen, der werturteilsfreien Wissenschaft, und fügt eine Selbstcharakterisierung hinzu:
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Ich halte den unausgleichbaren Conflikt, also die Notwendigkeit steter Compromisse, für das die Werthsphäre Beherrschende; wie man die Compromisse machen soll, kann Niemand, es sei denn eine ›offenbarte‹ Religion, zwingend entscheiden wollen. (2. April 1913)
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Für diese existentielle Grundhaltung gegenüber dem »ewigen Kampf der Götter« 10 hat Weber im Frühjahr 1920, als er sich nach größtem Engagement für die Neuordnung Nachkriegsdeutschlands 11 aus der Parteipolitik zurückzog, die knappste Formel seines Verständnisses von Gelehrten-Intellektuellen gefunden: »Der Politiker muß Kompromisse machen- der Gelehrte darf sie nicht decken.« 12
Prof. Dr. Gangolf Hübinger Europa-Universität Viadrina Kulturwissenschaftliche Fakultät Postfach 1786 DE - 15207 Frankfurt / O.
Redaktionell betreut wurde diese Rezension von Natalia Igl.
Empfohlene Zitierweise:
Gangolf Hübinger:
Der Gelehrten-Intellektuelle.
Max Weber in seinen Briefen. (Rezension über: Max Weber: Briefe 1913-1914. Hg. von M. Rainer Lepsius und Wolfgang J. Mommsen, in Zusammenarbeit mit Birgit Rudhard. Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 2003.) In: IASLonline [02.11.2004] URL: <http://www.iaslonline.de/index.php?vorgang_id=679> Datum des Zugriffs:
Zum Zitieren einzelner Passagen nutzen Sie bitte die angegebene Absatznummerierung.
Max Weber: Briefe 1911–1912. Hg. v. M. Rainer Lepsius und Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Birgit Rudhard und Manfred Schön (Max Weber Gesamtausgabe, Abteilung II: Briefe, Band 7) Tübingen 1998, S. 343 f.; zu den Tolstoiplänen im Kontext der literarischen Debatten der Zeit vgl. Edith Hanke: Prophet des Unmodernen. Leo N. Tolstoi als Kulturkritiker in der deutschen Diskussion der Jahrhundertwende (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur, Bd. 38). Tübingen 1993, bes. S. 171 ff.. zurück
Vgl. den systematischen Aufbau des Dictionnaire des intellectuels francais. Les Persons. Les Lieux. Les Moments. Paris 1996, 2. erweiterte Aufl. 2003; ferner Randall Collins: Über die Schärfe in intellektuellen Kontroversen. In: Leviathan 31 (2003), S. 258–284. Einen Überblick über die deutsche Forschung bietet Jutta Schlich (Hg.): Intellektuelle im 20. Jahrhundert in Deutschland (11. IASL-Sonderheft) Tübingen 2000. zurück
Vgl. Wolfgang Schluchter: Max Weber – Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie (1921 / 22). In: Walter Erhart und Herbert Jaumann: Jahrhundertbücher. Große Theorien von Freud bis Luhmann. München 2000, S. 93–106. zurück
Max Weber: Über einige Kategorien der verstehenden Soziologie. In Logos 4 (1913), Heft 3, S. 253–294; Marianne Weber: Die Frau und die objektive Kultur, ebd., S. 328–363. Vgl. die beiden Beiträge von Ingrid Gilcher-Holtey: Modelle »moderner Weiblichkeit. Diskussionen im akademischen Milieu Heidelbergs um 1900, und Christa Krüger: »Doppelsternpersönlichkeiten«. Konzept einer Partner-Ehe. In: Bärbel Meurer (Hg.): Marianne Weber. Beiträge zu Werk und Person. Tübingen 2004, S. 29–58 und S. 59–76. Vgl. auch Rüdiger Kramme: »Kulturphilosophie« und »Internationalität« des »Logos« im Spiegel seiner Selbstbeschreibungen. In: Gangolf Hübinger, Rüdiger vom Bruch und Friedrich Wilhelm Graf (Hg.): Kultur und Kulturwissenschaften um 1900 (II): Idealismus und Positivismus. Stuttgart 1997, S. 122–134. zurück
Vgl. zuletzt Andreas Schwab und Claudia Lafranchi (Hg.): Sinnsuche und Sonnenbad. Experimente in Kunst und Leben auf dem Monte Verità. Zürich 2001. zurück
Dazu Kurt Flasch: Die geistige Mobilmachung. Die deutschen Intellektuellen und der Erste Weltkrieg. Ein Versuch. Berlin 2000. Es ist in der Tat ein belesener Versuch, der einer systematischeren Fundierung bedarf, vgl. in einer umfassenderen Perspektive bereits Wolfgang J. Mommsen (Hg.): Kultur und Krieg. Die Rolle der Intellektuellen, Künstler und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg. München 1996. zurück
Max Weber: Wissenschaft als Beruf. In: M.W..: Wissenschaft als Beruf (1917 / 1919). Politik als Beruf (1919). Hg. von Wolfgang J. Mommsen und Wolfgang Schluchter in Zusammenarbeit mit Birgitt Morgenbrod (Max Weber Gesamtausgabe, Abteilung I, Band 17) Tübingen 1992, S. 104. zurück
Max Weber: Zur Neuordnung Deutschlands. Schriften und Reden 1918–1920. Hg. von Wolfgang J. Mommsen in Zusammenarbeit mit Wolfgang Schwentker (Max Weber Gesamtausgabe, Abteilung I, Band 16) Tübingen 1988. zurück