Mariacarla Gadebusch Bondio

Delinquente Nato - Kriminalanthropologische Karrieren im 20. Jahrhundert




  • Mary Gibson: Born to Crime. Cesare Lombroso and the Origins of Biological Criminology. (Italian and Italian American studies) Westport, CT (USA): Greenwood Publishing Group Praeger 2002. 296 S. Gebunden. EUR 60,49.
    ISBN: 0-275-97062-0.


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Die Gründungsfiguren
der ›Scuola positiva‹
der Kriminalanthropologie

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Cesare Lombroso gehört zu jenen Autoren und Persönlichkeiten, die eine beinahe ununterbrochene und noch andauernde Faszination auf die nachfolgenden Generationen ausgeübt haben. Unzählige Autorinnen und Autoren aus naturwissenschaftlichen, historischen, aber auch belletristischen Bereichen haben sich mit ihm und seiner ›Lehre‹ beschäftigt. 1 Fast könnte man versucht sein, zum Erklärungsmodell der Energie-Zirkulation zu greifen, das Stephen Greenblatt für die Literaturgeschichte erarbeitet hat, 2 um der Gründe für die longue durée der Ausstrahlung Lombrosos habhaft zu werden. Bei näherer Betrachtung der Publikationen, die sich mit dem italienischen Vater der Kriminalanthropologie befassen, sticht jedoch bald die stetige Präsenz eines Konkurrenten ins Auge, der mit Lombroso um den Spitzenplatz der Prominenz ringt: der Atavus, der geborene Verbrecher, der unzertrennlich an den Namen seines Schöpfers gebunden bleibt und dessen Nachwirkungen zu steuern scheint.

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Im Titel ihres Buches wird Mary Gibson beiden, dem geborenen Verbrecher und Lombroso, gerecht. Doch indem sie »Born to Crime« als Haupttitel setzt und Cesare Lombroso mit dem Ursprung der biologischen Kriminologie im Untertitel auf gleicher Ebene platziert, findet automatisch eine Hierarchisierung statt.

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Die Erforschung der Ursprünge der ›Kriminalbiologie‹, die in den Jahren der faschistischen Diktatur in Italien beherrschend war, kann sich nicht darauf beschränken, Lombroso als alleinigen Urheber und sein Œuvre als einzige Ursache eines komplexen und überaus vielschichtigen Prozesses erscheinen zu lassen. Entsprechend tritt Lombroso in der Studie Gibsons stets in Begleitung der zahlreichen Anhänger seiner ›Scuola positiva‹ auf, was auch der tatsächlich gelebten Praxis des angesehenen Professors und international berühmten Wissenschaftlers entsprechen mag. Schon nach dem ersten Kapitel treten die Schüler Lombrosos zusehends in den Vordergrund der Darstellung. Sie erscheinen als Promotoren einer Theorie, die bereits zu Lebzeiten ihres Stifters mehrfach verformt und revidiert worden war und die sich angesichts harter Kritik immer wieder chamäleonartig zu behaupten wusste. Und ähnlich wie Lombroso rückt der ›geborene Verbrecher‹ bereits ab dem zweiten Kapitel in den Hintergrund und lässt Raum für andere ›Verbrechertypen‹ wie die Prostituierte, wie Mörderinnen, verbrecherische Kinder und Jugendliche etc.

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Das erste Kapitel der Studie konzentriert sich auf die Rekonstruktion des wissenschaftlichen Diskurses über ›den Kriminellen‹ im soeben vereinigten Italien. Einer Struktur folgend, die auch für die anderen fünf Kapitel beibehalten wird, definiert Gibson zunächst das behandelte Problem, indem sie den Leser mit einem konkreten Kriminalfall konfrontiert, anschließend wird der Kontext analysiert und in einem dritten Schritt schliesslich das jeweilige Hauptthema behandelt.

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Die Lombros’sche Konzeption des Verbrechers wird unter Hinweis auf die Bedeutung der damals kursierenden Phrenologie, auf evolutionistische Theorien und auf Degenerationsvorstellungen knapp dargestellt (S. 19–30). Gibson zeigt, wie sich das Lombros’sche System und die dort fixierten Verbrechertypologien im Laufe der Zeit verändern und sie betont dabei die Funktion der Kritiker Lombrosos innerhalb der von ihm gegründeten ›Scuola positiva‹.

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Gibsons Aussage: »Although his practical advice became increasingly specialized over the years, Lombroso’s basic philosophy of punishment never changed« (S. 26), kann lediglich in bezug auf das Grundprinzip einer flexiblen und offenen Bestimmung der nach der individuellen Gefährlichkeit (und nicht etwa nach der jeweiligen Tatschuld) bemessenen Strafe verstanden werden, das Lombroso und seine Schüler immer vehement vertreten haben. Bezogen auf die Strafform, die Lombroso für geborene Verbrecher vorsieht, gilt diese Behauptung hingegen schon nicht mehr. Gerade in der Diskussion über die Bestrafung des ›delinquente nato‹ erweist sich immer wieder, wie anpassungsfähig Lombroso war. Ich erinnere hier nur an die Tatsache, dass Lombroso die Todesstrafe, die er bis dahin befürwortet hatte, auf dem IV. Internationalen Kongress für Kriminalanthropologie ausdrücklich verwarf. 3

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E. Ferri und R. Garofalo, die engsten Schüler Lombrosos, folgen ihm in Gibsons vergleichender Darstellung der Theorien über den Verbrecher. Neben der inhaltlichen und methodisch-epistemologischen Charakterisierung der Begründer der ›Scuola positiva‹, bespricht Gibson auch ihre jeweilige politische Orientierung. Die Darstellung der Kritik an der anthropologisch-deterministischen Auffassung des Verbrechens, die an ganz verschiedenen ideologisch-politischen Fronten vorgetragen wurde (F. Turati, N. Colajanni, A. Gemelli), leitet die anschliessende Blickerweiterung ein. Die europäische Reaktion auf die Kriminalanthropologie verdichtete sich in der zunächst in Frankreich vorgetragenen Ablehnung der biologischen Sichtweise zugunsten einer Berücksichtigung der gesellschaftlichen Ursachen der Kriminalität.

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Die Verbrecherin, die Prostituierte
und die ›normale‹ Frau

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Mit dem Beispiel eines Kriminalfalles, dessen Protagonistin eine zur Mörderin gewordene Prostituierte ist, leitet die Autorin ihre Analyse der kriminalanthropologischen Auffassung der weiblichen Kriminalität im zweiten Kapitel der Studie ein. Der Verantwortlichkeitsgrad der Frau und die geeigneten Strafen für Verbrecherinnen bilden den Kern der kriminalanthropologischen Diskussion um die weibliche Devianz, die allerdings auch eine psycho-physische und anthropologische Konzeption der ›normalen‹ Frau beinhaltet. Das Werk von Lombroso und Guglielmo Ferrero über die Delinquentin, die Prostituierte und die normale Frau (La donna delinquente, la prostituta e la donna normale, 1893) untersucht die Autorin im Kontext der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Wahrnehmungen weiblicher Devianz, so dass ein differenziertes Bild der weiblichen Realität um die Jahrhundertwende entsteht. Hier gelingt es Gibson, die immanenten Widersprüche einer Schule aufzudecken, die sich als humanitär und fortschrittlich definiert, aber zugleich eine der reaktionärsten Theorien über die abweichende und die ›normale‹ Frau erarbeitet.

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Spätestens bei der Darstellung der kritischen Reaktionen von Anhängerinnen der Frauenbewegung (M. Marselli-Valli, F. P. Diane, H. Kulischoff) und den männlichen Befürwortern ihrer emanzipatorischen Bestrebungen (F. Turati, N. Colajanni) werden die methodologischen und logischen Schwächen einer Theorie aufgedeckt, in der die psycho-physische Minderwertigkeit der Frau durch die vermeintlich exakte Methode anthropometrischer Messungen quantitativ zu belegen versucht wird.

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Verbrechen und Rasse

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Im dritten Kapitel wird die Bedeutung des Konzepts der ›Rasse‹ für die kriminalanthropologische Erklärung der Delinquenz untersucht. In den Jahren der institutionellen Etablierung der Anthropologie als akademische Disziplin in Italien wendeten sich Kriminologen wie Lombroso enthusiastisch den anthropologischen Forschungsmethoden zu. Diese versprachen Objektivität durch Ansammlung quantitativer Daten. Die anthropometrischen Messungen von kriminellen Frauen und Männern, von Geisteskranken, aber auch von Bewohnern verschiedener Regionen waren dazu bestimmt, Abweichungsmerkmale festzulegen. Dazu gehörte auch die Aufstellung von Typologien, die nach Gruppierungskriterien wie Geschlecht, Alter, Herkunft und nicht zuletzt ›Rasse‹ aufgebaut waren. Doch, wie die Autorin bemerkt, fehlte in den von den Kriminologen aufgestellten Typologien eine grundlegende Definition von Rasse, was die entsprechenden Annahmen über die rassischen Komponenten des Verbrechens einigermassen arbiträr erscheinen liess.

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Als Jude, Sozialist und Gegner der kolonialistischen Bestrebungen seiner Zeit tritt Lombroso, Darwin folgend, als Vertreter des Monogenismus auf. Er befürwortet die von anderen Wissenschaftlern als kontaminierend erachtete und daher gefürchtete ›Rassenmischung‹, die er als Grundlage für die evolutive Verbesserung der physischen und intellektuellen Potenziale der Menschheit betrachtet. Allerdings verblasst die fortschrittliche Seite des Vaters der Kriminalanthropologie in dem Moment, in dem es darum geht, die Phänomene der ›Mafia‹ und ›Brigantaggio‹ im Rahmen der gespannten sozialen Lage nach der Vereinigung des Landes zu untersuchen. Den positivistischen Wissenschaftlern aus dem Norden erscheint die Bevölkerung des südlichen Italiens nicht weniger exotisch als die der afrikanischen Kolonien. Diese Fassungslosigkeit gegenüber den Problemen des Südens führt zur Anwendung rassistischer Deutungsmuster, deren grundlegend deterministischer Biologismus die unmittelbare Reaktion einiger süditalienischer Intellektueller provozierte.

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Gibson stellt sich die Frage, ob die Kriminalanthropologie als Wegbereiterin der rassistischen Ideologien des Faschismus gedient hat. Trotz der theoretischen Inkonsistenz und der vagen Terminologie rassebezogener Gedanken in der Schule Lombrosos, der Mängel und ›ambiguities‹, die die Autorin zuvor betont hat, trägt ihrer Meinung nach die Kriminalanthropologie dazu bei, den Rassenbegriff zu popularisieren und »[...] a solid intellectual tradition of scientific racism« (S. 121) zu stiften. Die Logik dieses ›Erfolgs‹ erschliesst sich der Leserin nicht recht, zumal, wie sich im letzten Kapitel zeigt, ausgerechnet im Rahmen des faschistischen Strafgesetzes (Codice Rocco) eugenisches Gedankengut nur ansatzweise im Sinne einer ›positiven Eugenik‹ appliziert wird.

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Polizei und Kriminalitätsbekämpfung

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Wissenschaftliche Polizei (Kapitel 4) und Jugendkriminalität (Kapitel 5) bilden zwei Gebiete praktischer Anwendung der Prinzipien der positiven Schule in den Jahren nach dem Tod Lombrosos. Die Untersuchung dieser weiten Felder der staatlichen Handhabung der Kriminalität leitet zum abschliessenden Kapitel über, in dem erneut kriminologische Theorien sowie das Strafgesetz während der faschistischen Diktatur Mussolinis untersucht werden (Kapitel 6). Die ›polizia scientifica‹ stellt die erfolgreiche Institutionalisierung einiger Inhalte der Lombros’schen Kriminologie dar und gehört zu den Ergebnissen der stetigen Bemühungen von S. Ottolenghi, die Ideen seines Lehrers der veränderten politischen Lage Italiens anzupassen. Voraussetzung dafür ist Ottolenghis Eintritt in die faschistische Partei – nach einer sozialistischen Vergangenheit an der Seite von Lombroso und E. Ferri.

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Gibson sieht in der Begeisterung der Faschisten für die von Ottolenghi vorgeschlagene Neugestaltung der Polizei einen grundsätzlichen Widerspruch, der sich in der Frage kristallisiert: Wie konnte die neue, vom Idealismus geprägte Politik Mussolinis, Thesen und Ideen, ja sogar Programme akzeptieren, die von positivistisch und materialistisch geprägten Wissenschaftlern erarbeitet worden waren? In der Anpassungsfähigkeit Ottolenghis und Ferris, der sich nach dem Tod des Meisters ebenfalls dem Faschismus zuwandte, liegt sicherlich ein Grund der Vereinbarkeit der zugrundeliegenden antagonistischen Ideologien. Doch auch inhaltliche Gemeinsamkeiten machen die Liaison möglich. Der leitende Präventionsgedanke und die damit verbundenen ›wissenschaftlich abgesicherten‹ Erweiterungsmöglichkeiten der staatlichen Kontrolle über vermeintlich gefährliche Schichten der Bevölkerung kamen dem faschistischen Regime mehr als entgegen.

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Wie die ›positivistische‹ Auffassung von Jugend und Jugendkriminalität zunehmend die pessimistischen Visionen des autoritären Staates beeinflussen und lenken konnte, zeigt Gibson, indem sie die Entwicklungsetappen der Festlegung der Jugend-Strafgesetze rekonstruiert. Unter den Vorwänden des ›Jugendschutzes‹ und der Verbrechensvorbeugung wurden bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts disziplinierende Sanktionen eingeführt, die dann im Rahmen der Zuspitzung der sozialen Kontraste nach dem 1. Weltkrieg weiter verschärft wurden (Reform der Gesetze zu Mutterschaft und Jugend). Diese Tendenz fand im Codice Rocco (1930) eine weitere Eskalierung.

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Die dritte Generation der
Kriminologen und der Faschismus

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Das letzte Kapitel befasst sich mit der dritten Generation der Kriminologen, die in den 1930er Jahren wirkten (B. Di Tullio, S. De Sanctis, M. Patrizi, Vidoni, G. Viola, N. Pende). Letzteren schreibt Gibson die Rolle zu, die positivistische Kriminologie zwischen 1910 und 1940 am Leben gehalten zu haben. Damit positioniert sich die Autorin kritisch gegenüber der These von R. Villa, dem »latest and best biographer« (S. 129) Lombrosos, der den Beginn des Unterganges der Lombros’schen Kriminalanthropologie mit dem Tod ihres Urhebers gleichsetzt. 4

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Um die von der ›Scuola positiva‹ hinterlassene unverwischbare Spur sichtbar zu machen, muss Gibson einen Schritt zurück setzen und die zwei Epigonen-Stränge näher definieren, die unmittelbar aus Lombrosos Schule hervorgingen: Wissenschaftlich teilten sich die Nachfolger in die Gruppe derjenigen, die eine monokausale (vor allem psychologische) Deutung des Verbrechens vertraten, und in die größere Gruppe der Anhänger einer multikausalen anthropologisch-biologischen Erklärung. Politisch lassen sich erneut zwei Tendenzen beobachten: die dem Sozialismus treu gebliebenen Schüler (Ferrero und Carrara) und diejenigen, die die sozialistischen Überzeugungen verliessen und Faschisten wurden (Ferri und Garofalo).

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Die bedeutendsten Vertreter der dritten Generation der Kriminologen bilden die »Konstitutionalistische Schule« (Pende, De Sanctis und Viola). Sie erörtert die Rolle von Hormonen bei der Herausbildung und Vererbung psycho-physischer Anomalien, die zum kriminellen Verhalten prädisponieren könnten. Di Tullio führt den Begriff der ›kriminellen Konstitution‹ ein und es entstehen nun Biotypen (Vidoni), deren Definition eine neue Gewichtung rassischer Merkmale vorsieht. Diese Schule sah sich auf einer Linie mit der Lombros’schen Kriminalanthropologie, was Gibson veranlasst, von einer positivistischen Konstante der italienischen Kriminologie zu sprechen.

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Doch spätestens hier verspürt die Leserin bei der Anwendung der Termini »positivist« und »positivism« ein gewisses Unbehagen und weißt nicht mehr, ob ›Scuola positiva‹ mit »Positivist School« übersetzt dem Positivismus und der positivistischen Methode gleichgesetzt werden darf.

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Anlässlich der Analyse der faschistischen Gesetze zur Reglementierung von Prostitution, Pornographie, Alkoholismus und Drogen führt die Autorin ihre theoretischen Grundlagen vor. Die »positivistische Kriminologie«, – die ich hier im weiteren Sinne als die von Lombroso gegründete Schule und ihre anschliessende facettenreiche Weiterentwicklung durch zwei Generationen von Kriminologen, Psychiatern, forensischen Ärzten und Soziologen verstehe –, hatte das vermeintlich wissenschaftliche Gerüst geliefert. Mit dem letzten Unterkapitel »The Rocco Code and Eugenic« wird die Perspektive auf die eugenischen Elemente des faschistischen Strafgesetzbuches erweitert.

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Im eklektischen Codice Rocco finden sich jedoch nebeneinander Fragmente des alten Strafgesetzbuches und neue Ansätze. Die von den Kriminalanthropologen geförderten Prinzipien des ›Schutzes der Gesellschaft‹ und der Zumessung von Strafe nach der Gefährlichkeit überwogen zwar hier gegenüber den alten Prinzipien des freien Willens und der nach Verbrechensart und Tatschuld festgelegten Strafmaßnahmen. Doch die eugenischen Vorschläge jener Wissenschaftler, die in Italien für die Institutionalisierung der Eugenik als Disziplin gesorgt hatten, blieben erfolglos. Obwohl Mussolini 1927 die Ansätze der positiven Eugenik zur ›Verbesserung der italienischen Rasse‹ mit Begeisterung aufgenommen hatte, realisierten sich diese doch ausschliesslich in Massnahmen zur ›Erhaltung der Rasse‹, also im Abtreibungs- und Verhütungsverbot.

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Fazit

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Mit ihrer Untersuchung stellt Gibson eine der brisantesten Fragen der Geschichte der Kriminologie zur Diskussion. Die Erforschung von Wirkung und Rezeption kriminalanthropologischer Theorien in der faschistischen Zeit stellt ein in Italien erst seit kurzem behandeltes Kapitel der Geschichte dar. 5 Gibsons Studie bereichert die nicht unbeträchtliche Literatur zur Kriminalanthropologie im Allgemeinen und über Lombroso im Besonderen. Indem sie zum Schluss die internationale Verbreitung der kriminalanthropologischen Theorien knapp skizziert, weist die Autorin auf mögliche Forschungsfelder der Zukunft hin.

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Unabhängig davon, ob man mit den Thesen der Autorin einverstanden ist oder nicht, bietet dieses Werk denjenigen, die das verwickelte Verhältnis von Wissenschaft, Ideologie und Politik am Beispiel der Kriminalanthropologie verfolgen möchten, bzw. sich noch einmal von Lombroso und dem geborenen Verbrecher faszinieren lassen wollen, einen wichtigen Ausgangspunkt. Imagination und Phantasie werden auch durch die Bilder von Verbrechertypen, tätowierten Delinquenten, Kraniometern und Kerker-Palimpsesten, von denen die Autorin eine Auswahl bietet, auf das Tüchtigste beflügelt.


PD Dr. Mariacarla Gadebusch Bondio
Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald
Institut für Geschichte der Medizin
Walter-Rathenau-Straße 48
DE - 17487 Greifswald

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Ins Netz gestellt am 29.04.2004

IASLonline ISSN 1612-0442

Diese Rezension wurde betreut von unserem Fachreferenten Dr. Joachim Linder (1948-2012). Sie finden den Text auch angezeigt im Portal Lirez – Literaturwissenschaftliche Rezensionen.

Redaktionell betreut wurde diese Rezension von Lena Grundhuber.

Empfohlene Zitierweise:

Mariacarla Gadebusch Bondio: Delinquente Nato - Kriminalanthropologische Karrieren im 20. Jahrhundert. (Rezension über: Mary Gibson: Born to Crime. Cesare Lombroso and the Origins of Biological Criminology. Westport, CT (USA): Greenwood Publishing Group Praeger 2002.)
In: IASLonline [29.04.2004]
URL: <http://www.iaslonline.de/index.php?vorgang_id=787>
Datum des Zugriffs:

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Anmerkungen

Die Rezensentin hat sich selbst durch Cesare Lombroso und sein Werk faszinieren lassen, s. dazu Mariacarla Gadebusch Bondio: Die Rezeption der Kriminalanthropologischen Theorien Cesare Lombrosos in Deutschland von 1880–1914 (Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften 70) Husum: Matthiesen 1995; ich weise auch auf die zuletzt erschienene Arbeit hin: Delia Frigessi: Cesare Lombroso. (Biblioteca di cultura storica 241) Torino: Einaudi 2003.   zurück
Stephen Greenblatt: Shakespearean Negotiations. The Circulation of Social Energy in Renaissance England. Oxford: Clarendon Press 1988.   zurück
So die Aussage Lombrosos, dass die › zu grosse Anzahl der geborenen Verbrecher (36%)‹ ihm gezeigt habe, ›dass diese Strafe zu grausam ist.‹ Übersetzt aus: Rapport de M. Lombroso: Le traitement du criminel-né et du criminaloïde. In: Compte rendu des travaux de la quatrième session du Congrés International d'Anthropologie Criminelle (1896). Gèneve 1897, p. 330–331. Zugänglich über die französische Nationalbibliothek unter URL: http://visualiseur.bnf.fr/Visualiseur?nompage=WEBCCACAT&lan=FR&adr=172.176.0.171&Interne=false&O=NUMM-84127&Notice=37289357& (20.3.2004).   zurück
Renzo Villa: Il deviante e i suoi segni: Lombroso e la nascita dell'antropologia criminale. (Studi e ricerche storiche 54) Milano: Angeli 1985.   zurück
Vgl. Roberto Maiocchi: Scienza italiana e razzismo fascista. (Biblioteca di storia 75) Scandicci (Firenze): La Nuova Italia 1999.   zurück