Gérard Naziri: Paranoia im amerikanischen Kino. Die 70er Jahre und die Folgen. (Filmstudien 35) St. Augustin: Gardez! 2003. 348 S. Kartoniert. EUR 24,95. ISBN: 3-89769-087-7.
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Panoptikum des Absurden
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Unter der Schlagzeile »Panoptikum des Absurden« berichtete das Nachrichtenmagazin Der Spiegel in seiner Ausgabe vom 8. September 2003 über die gegenwärtige Konjunktur von »Enthüllungsliteratur«. Insbesondere nach den Anschlägen auf das World Trade Center profitierte eine stattliche Anzahl selbsternannter Wahrheitsverkünder von der publizistischen Verbreitung skurriler Verschwörungstheorien. Derartige »Amokläufe einer entfesselten konstruktivistischen Phantasie« (Neue Zürcher Zeitung) sind indes keineswegs neu. Seit langem füllen konspirative Erklärungsmodelle regelmäßig journalistische Sommerlöcher und werfen ewig neues Licht auf die »wahren« Hintergründe etwa der Todesumstände von John F. Kennedy, Uwe Barschel oder Lady Diana. Erst recht steht auf einschlägigen Internetseiten nahezu jede offizielle Version eines ungewöhnlichen Ereignisses zur Disposition, von der Explosion der Hindenburg bis hin zur Mondlandung. Die vorliegende Studie von Gérard Naziri lässt deutlich werden, dass vergleichbare Phänomene auch im Spielfilm beheimatet sind, und zwar keineswegs in dubiosen Independent-Produktionen, sondern im Mainstream des großen Hollywood-Kinos.
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Filmauswahl
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Naziri begrenzt sein Untersuchungsfeld auf sechs Filme: Francis Ford Coppolas The Conversation (1974), Sydney Pollacks Three Days of the Condor (1975), Oliver Stones JFK (1991) sowie die von Alan J. Pakula inszenierten Filme Klute (1971), The Parallax View (1974) und All the President’s Men (1976). Diese Auswahl wirkt auf den ersten Blick überraschend schmal. Die an sich schon geringe Zahl der untersuchten Filme erscheint durch die äußerst enge Zeitspanne von 1971–76, aus der lediglich Stones JFK herausfällt, sowie durch die Beschränkung auf vier Regisseure (darunter drei Vertreter des sog. New Hollywood) zusätzlich verengt.
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Auf der anderen Seite lässt die Studie bereits anhand der sechs behandelten Filme erkennen, wie breit die Palette der Herangehensweisen an das Thema »Paranoia« im amerikanischen Kino ist. Zum einen gehen die Regisseure sehr unterschiedlich mit Zeitgeschichte um: Während einige der behandelten Filme lediglich eine allgemeine Atmosphäre der Bedrohung, der Verunsicherung und des Misstrauens gegenüber amerikanischen Regierungsbehörden evozieren (z.B. Klute und The Conversation), nehmen andere expliziten Bezug auf spezifische historische Ereignisse (die Ermordung von Präsident Kennedy in JFK und die Watergate Affäre in All the President’s Men). Die Darbietung derartiger historischer Ereignisse kann zudem, so belegt Naziris Studie, ganz erheblich zwischen den Polen von angestrebter Geschichtsdokumentation (All the President’s Men) und spekulativer Geschichtsrevision (JFK) variieren. In typologischer Hinsicht besitzen alle sechs gewählten Filme eine Affinität zum Genre des Thrillers, setzen jedoch auch hierbei unterschiedliche Schwerpunkte, so dass sie sich in der Wahrnehmung des Publikums klar voneinander abheben. Während Three Days of the Condor sowohl Polit- als auch Spionagethriller ist und The Parallax View als Actionthriller gelten kann, rückt Klute in die Nähe des Psychothrillers und JFK in die des Gerichtsdramas. All the President’s Men wiederum beinhaltet Elemente des Kriminalfilms, und The Conversation beschreitet mit seiner albtraumhaften, streckenweise surrealen Atmosphäre ebenfalls eigene Wege.
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Naziri zählt noch weitere, teilweise alternative Subgenres auf (S. 12) und kommt daher zu dem Schluss, dass es problematisch ist, vom »Paranoiafilm« als einem eigenständigen Genre zu sprechen, allenfalls handele es sich hierbei um ein »sehr flexibles und intentional gestaltbares Gebilde« (S. 12).
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Detaillierte Filmanalysen
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Neben der oben skizzierten typologischen und thematischen Breite wird der scheinbare Nachteil der schmalen Filmauswahl zudem dadurch ausgeglichen, dass die inhaltliche und formale Analyse der zu Grunde gelegten Filme um so detaillierter ausfallen kann. Und hier liegt zweifellos die Stärke des vorliegenden Bands. Naziri nimmt sich außergewöhnlich viel Raum für seine Einzelanalysen, die rund 90 Prozent des gesamten Buchumfangs beanspruchen und sich jeweils grob in zwei Schwerpunkte gliedern:
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[S]pielt auf der einen Seite der Wirklichkeitsbezug der jeweiligen filmischen Erzählung eine wesentliche Rolle in der Untersuchung, bestimmt sich das analytische Interesse auf der anderen Seite durch die Frage nach der Herstellung der Atmosphären der Angst und Verunsicherung im filmischen Medium. (S. 28)
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Naziri nutzt den ihm zur Verfügung stehenden Raum für tiefgehende Einblicke in die Funktionalität der filmischen Gestaltung. Seine teilweise minutiösen Erörterungen einzelner Szenen oder Einstellungen sind von fundiertem technischem Verständnis getragen und bereiten ausgesprochenes Lesevergnügen. Dabei greift die Studie immer wieder über den gesteckten Untersuchungsrahmen hinaus und diskutiert Problemstellungen von übergeordnetem Interesse, so beispielsweise in dem Abschnitt zum Verhältnis von Filmproduktion und Geschichtswissenschaft (S. 220–224).
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Ungenutzte Perspektiven
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Der Preis für diese Konzeption der Studie ist, dass sie nur einen schmalen Ausschnitt dieses bislang nur wenig beachteten Subgenres beleuchtet. Die ausführlichen Analysen, so vortrefflich sie im einzelnen auch gelungen sind, verengen den Blick auf wenige Fallstudien, wo eine tour d’horizon angebracht gewesen wäre. Die Chance auf eine Historisierung und Systematisierung des Genres wird allzu leichtfertig vergeben.
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Nur knapp zwei Seiten widmet das Einleitungskapitel einigen als »Ursprünge des Paranoia-Kinos« (S. 13) bezeichneten Science Fiction-Filmen der 50er Jahre, obwohl deren prototypischer Charakter einigen Aufschluss über Konventionen und Variabilität des Genres hätte geben können. Auch muss gefragt werden, weshalb die Studie keine Anbindung an die aktuelle Konjunktur von Verschwörungsfilmen wie The Pelican Brief (1993), The Net (1995), Wag the Dog (1997), Conspiracy Theory (1997), The Game (1997), Absolute Power (1997), Enemy of the State (1998) oder The Matrix (1999) anstrebt. Der Umschlagtext argumentiert diesbezüglich mit der Wucht epochaler politischer Ereignisse während der 60er und 70er Jahre:
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Auf dem Nährboden von Ereignissen wie dem Präsidentenattentat, dem Vietnam-Trauma und der Watergate-Affäre erlebten die paranoiden Ängste vor der Übernahme von Regierungsgeschäften durch eine im Dunklen operierende Geheimgesellschaft eine Blütezeit.
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Angesichts der eher größeren Blütezeit des Genres in den 1990er Jahren wäre es interessant gewesen zu untersuchen, ob sich die These eines kausalen Zusammenhangs zwischen Politik und Filmproduktion auch für diesen Zeitraum bestätigt hätte.
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Gerade weil die Studie auf eine historische und systematisch-typologische Auseinandersetzung mit ihrem Untersuchungsgegenstand verzichtet, fällt die rund 100 Titel umfassende Filmographie besonders unbefriedigend aus. Wenigstens hier hätte man eine systematische und kommentierte Zusammenstellung dessen erwartet, was Naziri als »Paranoia-Kino« bezeichnet. Stattdessen bietet die Filmographie eine undifferenzierte Auflistung inhaltlich sehr heterogener Filme, von denen man bei einigen vermutet, bei anderen sicher ist, dass sie keinesfalls zum Genre des Verschwörungsthrillers gezählt werden können. So unterschiedliche Filme wie Rashomon, Psycho, Blow-Up, Don’t Look Now, Rocky, Taxi Driver, Alien, Poltergeist, When Harry Met Sally, Dances with Wolves und Sleepless in Seattle werden zwar aufgelistet, aber ob und wie sie in Verbindung zum Thema von Verschwörung und Paranoia stehen, erschließt sich nur denjenigen Rezipienten, die das komplette Buch lesen oder bei kursorischer Lektüre zufällig auf einen der Titel stoßen. Ein Index der Filmtitel wäre deshalb überaus hilfreich gewesen, doch auch diesen an sich selbstverständlichen Service lässt das Buch vermissen.
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Als Fazit bleibt daher festzuhalten: Die vorliegende Studie bietet überaus anregende, stellenweise brillante Analysen von sechs typologisch verwandten Filmen und ist für jeden an Filmanalyse und am Thema des Verschwörungsthrillers interessierten Leser empfehlenswert. Eine historische und systematische Aufarbeitung des Genres des »Paranoia-Kinos« bleibt indes noch zu leisten.
Prof. Dr. Jörg Helbig Alpen-Adria-Universität Institut für Anglistik und Amerikanistik Universitätsstr. 65-67 AT - 9020 Klagenfurt
Redaktionell betreut wurde diese Rezension von Natalia Igl.
Empfohlene Zitierweise:
Jörg Helbig:
Die Paranoia New Hollywoods. (Rezension über: Gérard Naziri: Paranoia im amerikanischen Kino. Die 70er Jahre und die Folgen. St. Augustin: Gardez! 2003.) In: IASLonline [04.03.2004] URL: <http://www.iaslonline.de/index.php?vorgang_id=836> Datum des Zugriffs:
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