Albrecht Classen

Kunst und Literatur in mittelalterlichen Frauenklöstern




  • Susan Marti: Malen, Schreiben und Beten. Die spätmittelalterliche Handschriftenproduktion im Doppelkloster Engelberg. (Zürcher Schriften zur Kunst-, Architektur- und Kulturgeschichte 3) Zürich: Zurich Interpublishers ZIP Verlag 2002. 311 S. 144 s/w, 32 farb. Abb. Gebunden. EUR 58,00.
    ISBN: 3-909252-10-9.


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Während in der älteren Kunstgeschichtsschreibung die sogenannte »Nonnenkunst« des Mittelalters gewöhnlich noch mit relativer Verachtung behandelt wurde, haben wir mittlerweile ganz andere Perspektiven gewonnen, denn die intellektuellen und kunstästhetischen Leistungen von mittelalterlichen Klosterfrauen verdienen allemal unsere Anerkennung, wie nicht nur der erste Anschein vor Augen führt, sondern ebenso die detaillierte, wissenschaftliche Untersuchung. Die scheinbar »primitive« Ausführung von Handschriftenillustrationen reflektiert nicht notwendigerweise künstlerische Unfähigkeit, sondern kann ebensogut selbstgewählte Bescheidenheit und Demut anzeigen. Keine Handschrift entstand in Einzelproduktion, sondern war stets das Resultat von einem ganzen Team von Mitarbeitern und darf ohne weiteres als »Gesamtkunstwerk« beschrieben werden. Nonnen erwiesen sich in der Hinsicht als genauso fähig und begabt wie Mönche, und manchmal scheint es sogar zu sehr interessanter Zusammenarbeit gekommen zu sein, besonders wenn es sich um Doppelklöster handelte. Susan Marti widmet sich deswegen in ihrer für den Druck gekürzten und überarbeiteten Zürcher Dissertation den von den Nonnen hergestellten illuminierten Psalterhandschriften des benediktinischen Doppelklosters Engelberg aus dem 14. Jahrhundert.

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Psalterhandschriften
aus Frauenklöstern

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In der Stiftsbibliothek von Engelberg befinden sich heute noch zwei Psalterhandschriften (Cod. 60 und Cod. 62), dazu kommen, eng mit ihnen verwandt, drei Psalter in englischen Bibliotheken (Ms. Add. 22279 und Ms. Add. 22280 der British Library in London und Ms. lat. 95 der John Rylands University Library in Manchester). Mindestens vier von ihnen entstanden in Engelberg 1 und legen damit Zeugnis für die beträchtliche Kunstfertigkeit der Nonnen ab, die sich auf diesem Gebiet genauso bewährten wie viele zeitgenössischen Nonnen in anderen Frauenklöstern, z.B. im dominikanischen St. Katharinenthal, im zisterziensischen Wonnental bei Freiburg i. Br. und St. Marienstern in Sachsen, in den westfälischen Frauenklöstern und, hier nicht erwähnt, in den berühmten Heideklöstern Wienhausen, Ebstorf, Medingen und Lüne. 2

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Anlage der Untersuchung

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Martis entscheidende Leistung besteht darin, jede der fünf Handschriften genauestens zu beschreiben und die Beziehungen zwischen Bild und Text detailliert zu erörtern, Quellen bzw. Vorlagen aufzuspüren, die symbolische Bedeutung von Blumen und Tieren aufzudecken und die einzelnen Bestandteile der Handschriften im Vergleich zueinander und mit anderen Handschriften (sowohl in Engelberg als auch anderswo) zu erörtern. Sogar die Textilproduktion in Engelberg, die eine hohe ästhetische Qualität besaß, bestätigt die außerordentliche Kunstbefähigung der Nonnen.

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Die reich illustrierte Arbeit gliedert sich in die folgenden Abschnitte: Nach einem knappen forschungsgeschichtlichen Überblick (S. 42‑44) behandelt Marti die Ausstattung der Handschriften (S. 47‑55) und skizziert dann die Geschichte des Klosters Engelberg (S. 64‑80), wobei sie auch auf die Organisation des klösterlichen Alltags eingeht und den mittelalterlichen Festkalender beschreibt. Darauf widmet sie sich den Einzelfragen nach der Provenienz der Handschriften, dem Herstellungsprozeß, den Vorlagen in der Werkstatt der Frauengemeinschaft, dem Bildprogramm von Cod. 60 und Cod. 62 (S. 81‑264) und schließt die Untersuchung mit einer kritischen Beurteilung der Nonnen als Künstlerinnen und Leserinnen bzw. Buchbenutzerinnen ab (S. 247‑261). Im Anhang finden sich noch höchst wertvolle Zusatzinformationen: ein Katalog der fünf Handschriften, ein genauer Kalender auf der Grundlage der Handschriften, eine Allerheiligenlitanei (auch wieder getrennt aufgelistet nach den fünf Handschriften), eine Liste der Bildbeischriften der Handschriften Cod. 60, Ms. Lat. 95 und Ms. Add. 22279, ein Abbildungsverzeichnis und die Bibliographie.

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Man hätte sich noch zusätzlich ein Sachregister gewünscht, denn Marti liefert oftmals sehr wertvolle Informationen allgemeiner Art, die zwar vielleicht für den Experten unnötig erscheinen, aber insgesamt doch sehr aufschlußreich sind (z.B. zum Klosteralltag, zum Psalter als Literaturgattung, zu Marias Himmelfahrt etc.). Zudem bezieht die Autorin diese Information stets auf die konkrete Situation in Engelberg, soweit sich die dortigen Verhältnisse heute noch rekonstruieren lassen. Insofern sind auch die Kapitel zur Klosterbibliothek und zum mittelalterlichen Festkalender sehr hilfreich für das Verständnis der hier behandelten Aspekte. Durch den Vergleich von bestimmten Heiligengruppen ist es dann Marti auch möglich, überzeugende Kriterien zu etablieren, mittels derer Handschriften eindeutig dem Kloster Engelberg zugewiesen werden können, z.B. »die hervorgehobene Nennung der Dreiergruppe Nikolaus, Theodor und Leonhard« (S. 78). Dies ist umso bedeutsamer, als keine der fünf Handschriften durch irgendwelche Schreibersignaturen oder Stiftungsnotiz markiert ist.

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Herstellung und Gestaltung
der Handschriften

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Marti setzt sich zudem ausgiebig mit dem Herstellungsprozeß der Handschriften auseinander, wobei sie erneut von einem allgemeinen Überblick ausgeht, um sich dann den speziellen Verhältnissen in Engelberg zuzuwenden. Ihren genauen Beschreibungen der Manuskripte ist wahrlich nichts mehr hinzuzufügen, und so auch nicht ihren Schlußfolgerungen, daß sie alle in enger Zusammenarbeit mit verschiedenen Expertinnen entstanden sind, von denen einige Mitglieder des Klosters waren, andere aber von auswärts hinzugestoßen zu sein scheinen. Einige Handschriften dürften auch von außen in Auftrag gegeben worden sein, während die Nonnen die »Schreibarbeiten und die hierarchisch niedrigeren Ausstattungsteile [...] wohl stets selbst« übernahmen (S. 139). Weiterhin überprüft Marti, welches Vorlagenmaterial von den Nonnen herangezogen worden sein konnte, was bei der reichen Tradition von Engelberg eher umfangreich gewesen sein wird (gerade die Hss. Cod. 60 und Cod. 62 erweisen sich in der Hinsicht als recht durchsichtig). Sogar gestickte Textilien dürften inspirierend auf die Nonnen gewirkt haben, die die Handschriften herstellten.

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Nicht wirklich überraschend, dennoch erwähnenswert ist die große Berücksichtigung und Wertschätzung der Jungfrau Maria, wie sie Marti sowohl in den Handschriftenillustrationen als auch in den Textilien entdeckt, denn die enge emotionale Beziehung zwischen Maria und dem Jesuskind gewinnt natürlich im Frauenkloster spezielles Gewicht, wo man diese religiös-mütterliche Fürsorge gerne als Ersatz für biologische Mutterschaft in Bild und Text ausdrückte. Diese Beispiele werden gerade für Emotionshistoriker eine große Rolle einnehmen, denn sie bestätigen erneut, wie wenig den Thesen von Philippe Ariès (1960) 3 heute noch zu trauen ist. Zu diesen Belegen darf auch die Holzskulptur vom Jesuskind (»Sarner Chindli«) gerechnet werden, die wohl immer in einer liegenden Position verehrt wurde. In vielerlei Hinsicht konstatiert die Autorin zudem, wie stark der weibliche Erfahrungsbereich körperlicher Art in den Illustrationen berücksichtigt wurde, was als zusätzlicher Beleg dafür herangezogen werden kann, daß diese vier Psalterhandschriften tatsächlich in oder z.T. für Engelberg hergestellt wurden (im letzteren Falle legten die Nonnen aber immer noch den ›letzten Schliff‹ an), wo natürlich, wie auch in den meisten anderen Klöstern, großer Bedarf an Psaltern bestand. Wieso aber die hier behandelten Psalter aus dem 14. Jahrhundert so wenige Nutzungsspuren zeigen, bleibt ein wenig unerklärlich, es sei denn, daß ihre luxuriöse Ausstattung ihnen einen auratischen Charakter verlieh und man sehr sorgsam mit ihnen umging, was auch Marti so vermutet (S. 258).

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Die systematische und klar gegliederte Abhandlung Martis ist beeindruckend und überzeugend gestaltet. Sie vermag nicht nur die vier Psalter engstens mit Engelberg zu verbinden und somit die dortigen Nonnen als die Künstlerinnen bzw. Schreiberinnen zu identifizieren, sondern zugleich die erstaunlich hohe ästhetische Qualität der Illustrationen vor Augen zu führen. Es wäre also an der Zeit, nicht mehr abfällig von »Nonnenkunst« zu sprechen, sondern diese Werke als Spitzenleistungen weiblicher Provenienz anzuerkennen. Marti hat somit nicht nur einen wichtigen Beitrag zur codicologischen Erforschung der Bibliotheksbestände des Klosters Engelberg geleistet, sondern zugleich sehr begrüßenswerte Bestätigung dafür geliefert, daß Frauen im Mittelalter durchaus als bedeutende Künstlerinnen auftraten.


Prof. Dr. Albrecht Classen
University of Arizona
Dept. of German Studies
301 Learning Services Building
US - AZ 85721 Tucson

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Ins Netz gestellt am 31.10.2004

IASLonline ISSN 1612-0442

Diese Rezension wurde betreut von unserer Fachreferentin Dr. Bettina Wagner. Sie finden den Text auch angezeigt im Portal Lirez – Literaturwissenschaftliche Rezensionen.

Redaktionell betreut wurde diese Rezension von Natalia Igl.

Empfohlene Zitierweise:

Albrecht Classen: Kunst und Literatur in mittelalterlichen Frauenklöstern. (Rezension über: Susan Marti: Malen, Schreiben und Beten. Die spätmittelalterliche Handschriftenproduktion im Doppelkloster Engelberg. Zürich: Zurich Interpublishers ZIP Verlag 2002.)
In: IASLonline [31.10.2004]
URL: <http://www.iaslonline.de/index.php?vorgang_id=1009>
Datum des Zugriffs:

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Anmerkungen

Ms. Add. 22280 dürfte anderer Herkunft sein, evtl. städtischer Provenienz, z.B. Basel oder Straßburg.   zurück
Siehe dazu jetzt meine Studie: The Medieval Monastery as a »Gesamtkunstwerk.« The Case of the »Heideklöster« Wienhausen and Ebstorf. In: Studi medievali XLIII, Fasc. II (2002), S. 503–34.   zurück
Philippe Ariès: L’Enfant et la vie familiale sous l’ancien régime (Civilisations d'hier et d'aujourd'hui) Paris: Plon, 1960. Nachdruck Paris: du Seuil, 1990 ([Collection Points / Série Histoire] 20).   zurück