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Nur bedingt fröhlich - Rückblicke auf eine 'künftige Germanistik'

  • Klaus-Michael Bogdal / Oliver Müller (Hg.): Innovation und Modernisierung. Germanistik von 1965-1980. (Studien zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte 8) Heidelberg: Synchron 2005. 263 S. Kartoniert. EUR (D) 34,80.
    ISBN: 3-935025-74-2.
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Keine Atempause –
Wissenschaftsgeschichte wird gemacht...

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Wissenschaftshistoriographie ist eine nur bedingt fröhliche Wissenschaft. Denn eher selten ist sie das alleinige Ergebnis jener wissenssoziologischen Idealperspektive, die Karl Mannheim als diejenige des ›freischwebenden Intellektuellen‹ imaginiert. Häufiger hingegen ist sie das keineswegs uneingeschränkt interesselose Resultat von Erinnerungs- und Rekonstruktionsprozessen, in denen um historiographische Deutungshoheit gestritten wird. Insofern ist Wissenschaftsgeschichtsschreibung immer Bestandteil eines konfliktträchtigen work in progress.

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Dies gilt zumal dann, wenn sich die Selbstbeobachtung zeitlich so eng an die eigenen fachgeschichtlichen Fersen heftet, wie im vorliegenden Band, der die Beiträge einer Tagung vorlegt, die im Oktober 2002 im Rahmen eines DFG-Projektes zum institutionellen Wandel, zum Paradigmenwechsel und zur disziplinären Organisation der Germanistik in den sechziger und siebziger Jahren stattgefunden hat.

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Bei zehn der zwölf Beitragenden handelt es sich um Zeitzeugen, mithin um Beobachter, die rückblickend und mit durchaus unterschiedlichem Vermögen zur Selbstdistanzierung ihre aktive Teilnahme, als Wissenschaftler oder als Studierende, an dieser »Umbruchsphase der Germanistik« (S. 7) beobachten. Dass hier zudem gerade jene historische Phase fachgeschichtlich fokussiert wird, die seit 1989 in wachsendem Maße, und meist verkürzt zur historischen Chiffre ›1968‹, zum Gegenstand medienöffentlich ausgetragener, kontroverser Bewertungsinteressen wird, erhöht sicherlich das – um noch einmal Mannheim zu bemühen – Potential der ›Seinsverbundenheit‹ des hier jeweils präsentierten Wissens über die Fachgeschichte.

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Nichtsdestoweniger liefert der vorliegende Band, auch wenn sich die Fachhistoriographie im Blick auf die Germanistik seit der zweiten Hälfte der 60er Jahre notwendigerweise noch in statu nascendi befindet, ein breit gefächertes und über weite Strecken äußerst anregendes Mosaik fachgeschichtlicher Selbstreflexion.

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Dies liegt zum einen daran, dass die Herausgeber mehr als ein Viertel des Bandes (S. 179–249) für die Wiedergabe der fruchtbaren Tagungsdiskussionen, die sich an die einzelnen Beiträge bisweilen auch als Korrektiv anschließen, reserviert haben. Ohne hier auf die Diskussionsbeiträge in erweiterter Runde im Einzelnen eingehen zu können, sei doch zumindest angemerkt, dass sie wichtige methodologische wie inhaltliche Ergänzungen und differenzierende Einsprüche bringen; sie vor allem sorgen dafür, dass sich in den meisten Fällen weder eine allzu sehr selbstbeweihräuchernd-nostalgische those-were-the-days-Atmosphäre noch ein wohlfeil-modisches ›68er-bashing entfalten kann.

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Zum anderen liegt dies daran, dass es sich bei dem von den Herausgebern einleitend erhobenen Anspruch auf »Polyperspektivität« (S. 10), die »die Reduktion auf historische Fallstudien und ebenso abstrakte vorschnelle Konzeptionalisierungen von Innovation und Fortschritt zu vermeiden« (ebd.) sucht, nicht um ein bloßes Lippenbekenntnis handelt. Die unterschiedlichen Generations- und Affektlagen der Beitragenden, die unterschiedlichen Grade ihrer institutionellen Verflochtenheit ermöglichen heterogene Perspektiven auf die Germanistik zwischen 1965 und 1980, woraus wiederum unterschiedliche Erzählungen über diese Phase resultieren.

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Makroperspektiven: Relativierungserzählungen

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Aus einer bewusst auf Historisierung und Distanzierung setzenden zeitgeschichtlichen bzw. soziologischen Makroperspektive nehmen mit Gabriele Metzler und Oliver Sill bezeichnenderweise Autoren, die generationsbedingt nicht zu den unmittelbaren Zeitzeugen gehören, die »›langen sechziger Jahre‹« als »Rahmenbedingungen der Fachgeschichte« (S. 15) in den Blick.

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Gabriele Metzlers Ausführungen über »Revolte und Reformen. Die Bundesrepublik in den sechziger und siebziger Jahren« (S. 17–31) verstehen sich als relativierenden Einspruch gegen eine Verengung des historischen Blicks auf ›1968‹. Gegen eine überbetonte Fokussierung der Studentenproteste und deren politisierte Stilisierung zum quasi-revolutionären ›Bruch‹ innerhalb der westdeutschen Nachkriegsgeschichte entfaltet Metzler das zeithistorisch fundierte Panorama einer langen, von 1957 bis 1973 dauernden Phase miteinander verwobener ökonomischer, gesellschaftlicher und kultureller Wandlungsprozesse, die auch die Rahmenbedingungen für die Reformprozesse innerhalb der Germanistik konstituierten. Diese diachrone Ausweitung der Reformzone korrespondiert übrigens durchaus mit der Grundtendenz »neuerer« Arbeiten zur germanistischen Fachgeschichte seit den 50er Jahren. 1

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Ein ähnlicher Relativierungs- und Ernüchterungsgestus, allerdings soziologischer Provenienz, kennzeichnet auch Oliver Sills »Statement« »Zwischen entwerteter Vergangenheit und ungewisser Zukunft. Germanistik und gesellschaftliche Modernisierung« (S. 33–38). Anknüpfend an die Modernisierungs- und Gesellschaftstheorien Ulrich Becks, Gerhard Schulzes und Pierre Bourdieus ist es Sills Anliegen, »die sog. Reformphase jener Jahre im Kontext gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse neu zu bedenken: als Reflex auf gesellschaftliche Veränderungen, aber auch als Teilmoment damaliger Modernisierungsschübe.« (S. 33) Aus dem Blickwinkel soziologischer Makrotheorien will Sill die Reformperiode der Germanistik zwischen 1965 und 1980 verstanden wissen als »eine Übergangsphase, die noch weit stärker im Banne bildungsbürgerlicher Traditionen gestanden hat, als es den damaligen Repräsentanten der linken, als ›fortschrittlich‹ etikettierten Germanistik bewusst gewesen sein dürfte.« (S. 37) »Angekommen in der ›zweiten Moderne‹« sei das Fach schließlich erst Anfang der 1980er Jahre, als die bildungsbürgerliche Kunstsemantik, die die Konzepte der Reformphase tiefenstrukturell noch prägte, ihre Anschlussfähigkeit verloren hätte angesichts der gewandelten Ansprüche des Arbeitsmarktes an die Germanistik und der durch die Medienkonkurrenz bedingten Delegitimation der Literatur als eines bevorzugten, bildenden Leitmediums. Belege, etwa anhand von zeitgenössischem Textmaterial, das seine durchaus bedenkenswerten Thesen hätte fundieren können, bleibt Sill jedoch angesichts der thesenhaften Gedrängtheit und Kürze seines Beitrages hier leider schuldig. 2

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Innenansichten, retrospektiv:
Erzählungen vom Scheitern und vom Erfolg

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Von der Makroperspektive der ›Nachgeborenen‹ wechselt der Band in seinen folgenden Teilen zu den wiederum unterschiedlich fokussierten Innenperspektiven der Zeitzeugen. Nachdem Peter Uwe Hohendahl den nationalen Fokus des Bandes erweitert hat, indem er den »Paradigmenwechsel in der amerikanischen Germanistik« von German literature zu German Studies (S. 41–52) analysiert, berichten die Beiträge Siegfried J. Schmidts, Hans Peter Herrmanns und Hans-Wolf Jägers von unterschiedlichen Erfahrungen des (teilweisen) Scheiterns reformbewegter Neuansätze in Forschung und Lehre.

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Als »Stationen eines glücklichen Scheiterns« (S. 53–64) erscheinen Siegfried J. Schmidt die nicht zuletzt mit seinem Namen verbundenen, seit den 1960er Jahren forcierten theoriegeschichtlichen Bemühungen, der Literaturwissenschaft – ausgerichtet an den neuen Leitdisziplinen der Textlinguistik, der Zeichentheorie und der Kybernetik – ein interdisziplinäres, empirisches und medienorientiertes Profil zu verleihen. Auch wenn sich seine Variante einer empirischen Literaturwissenschaft angesichts der disziplinären Beharrungs- und Widerstandskräfte innerhalb der Literaturwissenschaft als leitendes Paradigma nicht habe durchsetzen können, so sei es doch als (so nicht erwarteter) Erfolg zu verbuchen, dass sich außerhalb der Disziplin mit der Ausdifferenzierung einer zunehmend eigenständigen Medien(kultur)wissenschaft immerhin ein Teil seiner programmatischen Überlegungen als anschlussfähig erwiesen habe.

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Hans Peter Herrmanns materialfundierter, stets die eigene wissenschaftsgeschichtliche Eingebundenheit mitreflektierender und von persönlichen Eitelkeiten angenehm freier Beitrag rekonstruiert (s)eine »Geschichte der Reformen am Institut für Neuere deutsche Literaturgeschichte der Universität Freiburg im Breisgau 1956 bis 1977« (S. 68–107) Am Beginn seiner gelungenen Biografie-und Institutionengeschichte stehen die seit der zweiten Hälfte der 50er Jahre aus den »praktischen Notständen der Lehre« (S. 77) resultierenden Versuche vor allem des akademischen Mittelbaus (dem Herrmann zu dieser Zeit als Assistent angehört), an einer Traditionsuniversität auf dem Wege zur »Massenuniversität« neue, demokratischere Lehrformen durchzusetzen. dass dies z.T. gegen den Willen der machtbewussten, etablierten Ordinarien geschieht, verdeutlicht exemplarisch die gewichtige Rolle des akademischen Mittelbaus im Rahmen der Reformprozesse. Die für die 50er Jahre noch prägende ›stille Modernisierung‹ auf der Ebene der Lehrformen wird Herrmann zufolge in der zweiten Hälfte der 60er Jahre beschleunigt und auf die Spitze getrieben durch einen als »richtige Revolution« (S. 84) und als »Befreiung« empfundenen »Umbruch der Germanistik« (ebd.), der sich in Freiburg vor allem in einer bisher ungekannten Erweiterung des traditionellen literaturwissenschaftlichen Stoffkanons (um Science fiction, politisch engagierte Literatur, Publizistik, Gegenwartsliteratur etc.) niederschlägt. Jedoch liest sich auch Herrmanns Studie als eine Geschichte des Scheiterns reformbewegter Zielsetzungen. Sowohl die Versuche, Universitätsausbildung und Schulpraxis enger miteinander zu verzahnen, als auch die Bemühungen, »die traditionell hierarchische Struktur der deutschen Universität wirklich aufzubrechen« (S. 96), sieht Herrmann angesichts der Entwicklungen spätestens seit den 80er Jahren als gescheitert an:

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[I]n dem modernen Outfit verbergen sich die alten Hierarchien. Meiner Erfahrung nach sind (zu) viele der Nach-Achtundsechziger-Professoren so konkurrenz- und autoritätsbewusst wie ihre Vorfahren und ihre Assistenten und Assistentinnen nicht weniger angepasst als ihre Kollegen in den 50ern. (S. 97)
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Mehr anekdotisch-persönlicher Natur ist Hans Wolf Jägers Beitrag über die Entstehungsgeschichte der »Hölderlin-Edition an einer Gewerkschaftsuniversität« (S. 109–116). Auch Jäger kontrastiert die Geschichte seiner, ihm nach eigener Aussage mehr widerfahrenen als strategisch geplanten, Karriere (1972 wird er zum Professor an der neugegründeten Universität Bremen ernannt) mit der Erzählung eines gescheiterten Reformprojektes. Als der Bremer Universität, die in ihrer Profilbildung zunächst dezidiert auf Lehre und Lehrerausbildung setzt, angesichts der in den späten 70er Jahren sich abzeichnenden »Lehrerschwemme« die Legitimations- und Existenzgrundlage zu entgleiten droht, muss sie ein resonanzstrategisches Wendemanöver hin zur Forschungsuniversität inszenieren. Nicht zuletzt mit dem Ziel, auch DFG-Ressourcen mobilisieren zu können, integriert die Universität u.a. das umstrittene Projekt von Sattlers Hölderlin-Edition.

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Im letzten Teil des Bandes, der unter der Leitfragestellung »Neue Universitäten – Neue Germanistik?« den Universitätsneugründungen der 60er und 70er Jahre in NRW – in Bochum, Bielefeld und Siegen – vorbehalten bleibt (die den eigentlichen Schwerpunkt des eingangs erwähnten DFG-Projektes ausmachten), scheinen schließlich doch noch die Erfolgsgeschichten zu überwiegen. Rückblickend erzählt werden sie jeweils aus der Lehrenden- und aus der Studierendenperspektive.

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Aus der ansonsten im Band nicht vertretenen Perspektive des germanistischen Mediävisten und Sprachwissenschaftlers berichtet Siegfried Grosse, seit 1964 Professor in Bochum, über die Gründungs- und Aufbaugeschichte der Ruhr-Universität, an der er mitbeteiligt war, sowie über die Entwicklung des dortigen Germanistischen Seminars (S. 119–130). Im WS 1965 / 66 nach vierjährigem Planungsvorlauf vor allem mit dem Ziel eröffnet, die bereits bestehenden Universitäten des Landes angesichts der extrem gestiegenen Studentenzahlen zu entlasten, war die Ruhr-Universität keineswegs dezidiert als Reform-Universität konzipiert. Dennoch zeichnet sich, da man bestrebt ist, vor allem junge Nachwuchswissenschaftler an die Ruhr-Universität zu berufen, Innovation auch in der Bochumer sprachwissenschaftlichen Germanistik ab. Die Verfahrens- und Zugangsweisen einer am Strukturalismus orientierten Linguistik lösen das ältere sprachhistorische Paradigma ab und prägen Grosse zufolge in zunehmendem Maße das Bild der germanistischen Sprachwissenschaft in Bochum.

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Grosses faktenorientiertes und nüchternes Gesamtbild einer respektablen Universitätsneugründung, die vor allem aus dem Geiste eines an regionalen Bedarfslagen orientierten Pragmatismus entsteht, wird flankiert von dem eher assoziativen, von nostalgischen (Selbst-)Verklärungen nicht immer ganz freien Erlebnisbericht Horst Peter Kaspers aus der studentischen Retro(per)spektive. Zwar spricht Kasper mit dem »Paradigmenwechsel von der werkimmanenten Interpretation zur Sozialgeschichte der Literatur« (S. 131–137) sicherlich einen der zentralen disziplinären Denkstil-Umbrüche dieser Phase an, seine Ausführungen über »[m]einen Kampf gegen Staiger und andere scheinbar oder möchtegern Werkimmanente« (S. 131) lösen sich jedoch kaum einmal aus der Perspektive des erlebenden (studentischen) Ich und zeugen daher vor allem von der Wirkungsmacht und Langlebigkeit distinktiver Freund-Feind-Schemata.

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Dass die »strikte[] Ablehnung der Werkimmanenz« (S. 149) allerdings eine wichtige argumentative Ressource des kollektiven Distinktions- und Innovationsgestus‹ bei jenen Studierenden und Lehrenden bildete, die an einer methodenbewussteren und gegenstandserweiterten Germanistik interessiert waren, zeigt auch Michael Vogts »Spaziergang von Münster nach Bielefeld«, der einige »Landschaftsbilder und Innenansichten aus dem Studienalltag der 70er Jahre« (147–154) liefert. Vogt schildert seinen Weg von der westfälischen Traditionsuniversität an die nach dem Weinrich-Iser-Modell konzipierte Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft in Bielefeld als Geschichte einer persönlichen Horizonterweiterung: dazu trugen nach Vogt nicht nur neue, mit dem herkömmlichen Zwei-Stunden-Seminarbetrieb brechende Lehrformen, sondern auch der Umstand, dass das Fach »sowohl sein Instrumentarium wie auch seine Gegenstände radikal zur Disposition [stellte] und sich undogmatisch auch für Massen- und Trivialliteratur öffnete.« (S. 151)

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Wilhelm Voßkamps Beitrag über »Entstehung und Konzeption des Bielefelder ›Zentrums für interdisziplinäre Forschung‹« (S. 139–146) liefert einen informativen Überblick über Schwierigkeiten und Erfolge, die in den 70er Jahren mit dem Versuch einhergehen, Interdisziplinarität institutionell zu verankern. Über den Zusammenhang zwischen Universitätsneugründungen und »neuer Germanistik« kann die Geschichte des Zentrums jedoch kaum weitere Aufschlüsse bringen, da die Literaturwissenschaft im ZiF »bisher nur einmal mit einer Forschungsgruppe zum Zuge gekommen« (S. 144) ist.

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Den »Wert der Person für die Institution« rückt Helmut Scheuer bei seiner Betrachtung der »Germanistik an der Gesamthochschule Siegen in den 70er Jahren« (S. 155–164) in den Mittelpunkt. Demzufolge konzentrieren sich seine Ausführungen vor allem auf die Person Helmut Kreuzers, der 1972 nach Siegen berufen und zum Mitglied des Gründungssenates wurde und der die Profilbildung der dortigen Germanistik nachhaltig prägte. Ohne dessen Wirken als Forscher, Lehrer, Kollege und Wissenschaftsorganisator, so Scheuer unter stetigem Rückgriff auf schriftliche Dokumente Kreuzers, hätte sich das erfolgreiche Siegener Konzept einer interdisziplinären, internationalen und medienorientierten Germanistik nicht etablieren können. Die aus einem dergestalt veränderten Literatur(wissenschafts)begriff resultierende Diversifikation des Lehrangebots bestätigt auch Doris Rosenstein als eine persönlich beglückende, horizonterweiternde Erfahrung in ihrem Beitrag zum »Germanistik-Studium an der Gesamthochschule Siegen in den 70er Jahren« (S. 165–175). Scheuers Beitrag verdeutlicht am Beispiel Kreuzers die bedeutende Rolle, die die Generation der zwischen 1925 und 1929 Geborenen für eine Neuausrichtung des Faches gespielt hat (zu der ja u.a. mit Eberhard Lämmert und Karl Otto Conrady auch die Protagonisten des Münchner Germanistentages von 1966 gehören). Vor allem aber ist sein Beitrag als persönliche, liebevolle Laudatio an seinen Lehrer konzipiert. Als solche hat sie ohne jeden Zweifel ihre volle Berechtigung. Eine fachhistoriographische Betrachtung indes wird sich notwendigerweise eines distanzierteren Blickes befleißigen müssen, als es die persönliche Verbundenheit erlaubt. Sie wird Kreuzer, wie übrigens auch andere Akteure, Gegner wie Befürworter, der Reformphase, systematisch und typologisch als Wissenschaftsakteure in den Blick nehmen und genauer rekonstruieren müssen, wie und warum es z.B. Kreuzer, als Repräsentant eines gemäßigten Reformertums, gelingt, innerhalb des literaturwissenschaftlichen Feldes seiner Zeit erfolgreich institutionelles Kapital zu akkumulieren und zur ›richtigen‹ Zeit die ›richtigen‹ Themen zu besetzen. Sie wird nach Konkurrenzverhältnissen, Netzwerken, institutionellen Verflechtungen und Abgrenzungsstrategien fragen müssen und sie wird das Textmaterial intensiver nach Mentalitäts- und Denkstilspuren, nach Argumentationsmustern, Resonanzstrategien und Distinktionsgesten befragen müssen.

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Fazit und Ausblick

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Die Fachgeschichtsschreibung für den Zeitraum seit den 60er Jahren steht noch in den Anfängen. Eine systematisierte, methodologisch stringente Analyse der fachgeschichtlichen Reformphase zwischen 1965 und 1980, im Sinne etwa einer von Oliver Sill in der Abschlussdiskussion geforderten »Beobachtung zweiter Ordnung« (S. 235), will und kann daher der vorliegende Band sicherlich noch nicht liefern. Auch wenn z.B. der Beitrag Hans Peter Herrmanns von einem hochreflektierten Selbstdistanzierungsvermögen zeugt, so überwiegt insgesamt doch der Eindruck, dass der geringe zeitliche Abstand wie auch die eigene biografische und / oder wissenschaftsgeschichtliche Verflochtenheit der Beiträger in diese Phase einer nüchternen Rekonstruktion der »Zusammenhänge von Institutionen, Personen und Texten« (Klaus-Michael Bogdal, S. 240) nicht immer dienlich ist. Dass der Band in stärkerem Maße, als dies etwa im vor fünf Jahren publizierten Tagungsband von Silvio Vietta und Dirk Kemper der Fall ist 3 , auch die jeweiligen institutionengeschichtlichen Rahmenbedingungen der Reformphase in den Blick rückt, ist zweifellos ein richtungsweisender Gewinn. Ebenso liefern die Rückblicke und (Selbst-)Deutungen des Bandes, als Beobachtungen »erster Ordnung«, wichtiges Textmaterial für eine zukünftige Wissenschaftsgeschichtsschreibung dieser Phase.

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Welche Aufgaben und Probleme sich einer solchen zukünftigen Rekonstruktion der Fachgeschichte des letzten Jahrhundertdrittels stellen, wird größtenteils bereits im Diskussionsteil des Bandes thematisiert, lässt sich z.T. aber auch am methodologisch wie inhaltlich differenzierten Stand der Fachgeschichtsschreibung zum 19. und zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ablesen. Nur auf einige Punkte sei hier abschließend verwiesen: die Analyse der Wechselwirkungen zwischen gesellschafts-, institutionen-, personen- und text-, bzw. diskursgeschichtlichen Entwicklungen müsste vorangetrieben werden (auch das Verhältnis zur ostdeutschen Germanistik spielt in diesem Zusammenhang eine gewichtige Rolle); der Aspekt der disziplininternen Konkurrenz zwischen einzelnen Akteuren und ›Schulen‹ (vor allem auch innerhalb des Reformspektrums), der Distinktionsprozesse als Movens kognitiver Entwicklungsschübe, bestimmter, resonanzstrategischer Entscheidungen und semantischer Strategien müsste forcierter in den Blick genommen werden; eine systematisch-methodische Verknüpfung zwischen der Makroperspektive, wie sie die Beiträge von Metzler und Sill kennzeichnet, und jener Innenperspektiven, die die meisten der übrigen Beiträge prägt, müsste ermöglicht werden. Es gilt also – sozusagen auf einer mittleren Syntheseebene – ein heuristisches Modell zu entwickeln, mit dem man die meist in Texten sich manifestierenden Handlungen der damaligen Akteure beschreiben und auf ihre Strukturen hin analysieren kann, ohne dass deren Selbstdeutungen lediglich reproduziert werden, aber auch ohne dass sie aus der Höhe der makrotheoretischen Abstraktion zur quantité négligeable werden.

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Einer zukünftigen Wissenschaftsgeschichtsschreibung der einstmals ›künftigen Germanistik‹ stellt sich somit noch eine Vielzahl herausfordernder Aufgaben. Auf diesem Weg ist der vorliegende Band ein weiterer Schritt.



Anmerkungen

Von einem »kumulativen Bruch«, der seit dem Ende der 1950er Jahre einsetzt spricht bereits Marcus Gärtner: Kontinuität und Wandel in der neueren deutschen Literaturwissenschaft nach 1945. Bielefeld: Aisthesis 1997. Siehe dazu auch Stefan Scherer: Prägnanz und Evidenz. Philologische Erkenntnis und Verwissenschaftlichung der germanistischen Literaturwissenschaft im disziplinen- und gesellschaftsgeschichtlichen Umbruch der 1950er Jahre. In: Gerhard Kaiser / Matthias Krell (Hg.): Zwischen Resonanz und Eigensinn. Studien zur Geschichte der Sprach- und Literaturwissenschaften im 20. Jahrhundert. Heidelberg: Synchron 2005, S. 33–52.   zurück
Ausführlicher dazu siehe: Oliver Sill: Kein Ende und ein Anfang. Germanistische Literaturwissenschaft der sechziger und siebziger Jahre, Bielefeld: Aisthesis 2003; Siehe auch: »Neuer Wein in alten Schläuchen«? Anmerkungen zur Literaturwissenschaft zwischen 1965 und 1980. In: Gerhard Kaiser / Matthias Krell (Hg.): a.a.O., S. 53–67.   zurück
Silvio Vietta / Dirk Kemper (Hg.): Germanisitk der 70er Jahre. Zwischen Innovation und Ideologie. München: Wilhelm Fink 2000. Der in diesem Band enthaltene, von zornigen Pauschalverdikten nicht immer ganz freie Rückblick Viettas auf »Kanon- und Theorieverwerfungen in der Germanistik der siebziger Jahre« (S. 9–49) bildet im Blick auf mögliche Wertungen der Phase gleichsam die Kontrastfolie des vorliegenden Bandes.   zurück