|

- Michael Niehaus: Autoren unter sich. Walter Scott, Willibald Alexis, Wilhelm Hauff und andere in einer literarischen Affäre. Heidelberg: Synchron. Wissenschaftsverlag der Autoren 2002, 109 S. Kart. EUR (D) 14,80.
ISBN 3-935025-36-X.
Was ist ein Autor?
"Im folgenden wird eine Geschichte erzählt – oder eigentlich zwei, miteinander zusammenhängende Geschichten. Die Protagonisten dieser Geschichten sind Autoren, Autoren literarischer Texte. Es handelt sich aber nicht um Geschichten aus dem Leben dieser Autoren, sondern um Geschichten der Autorschaft." (S. 7) Mit diesen Worten beginnt Michael Niehaus' Studie. Dabei hebt die bereits zu Anfang angekündigte >Geschichte der Autorschaft< ebenso auf die Rekonstruktion eines präzise umgrenzten historischen Zusammenhangs ab, wie sie auf die narrative Qualität ihres Gegenstandes verweist. Denn was in ihrem Zentrum steht, sind literarische Ent- und Aneignungsprozesse, die sich zwischen 1823 und 1827, von der Konstitution einer spezifischen anonymen Werkzuschreibung ("Author of Waverly") ausgehend, auf dem Feld komplexer Interferenzen zwischen dem literarischen und juristischen System ereignet haben. In dieser Hinsicht zumal handelt die Studie von Begebenheiten, die zu aufsehenerregenden literarischen, aber auch Rechtsfällen geworden sind.
Als sich das ästhetisch ausdifferenzierte Literatursystem im 19. Jahrhundert in einem blühenden Literaturmarkt niederschlägt, fungiert der Autorname nicht nur als identifizierbare Markierung eines Werks, er ist vielmehr auch zum Marken- bzw. >Firmennamen< (S. 13) geworden. Ihm obliegt deshalb die Aufgabe, bei wachsender Konkurrenz Aufmerksamkeit zu bündeln, Lesererwartungen zu steuern und eine erfolgreiche Aufnahme der Publikationen zu sichern. Im Umkehrschluß deutet er zugleich auf entsprechend veränderte Produktionsbedingungen hin, indem er arbeitsteilig hergestellte Texteinheiten – zumindest wird diese Perspektive in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts bereits erwogen – als Werke zusammenzuführen ermöglicht. Autorschaft, so ein zentraler Ausgangspunkt des Textes, bildet eine entscheidende Komponente der Vermarktung von Literatur. Unter dieser Voraussetzung lassen sich die Usurpationen, die an Namen erfolgreicher Autoren der Zeit, etwa an demjenigen Walter Scotts oder H. Claurens, vorgenommen und von Michael Niehaus im einzelnen nachgezeichnet werden, als Strategien der Bewerbung von Büchern lesen.
Autornamen – Geschichten der Autorschaft
Dennoch darf von dieser Studie keine soziologische Analyse erwartet werden. Niehaus hat vielmehr ein mit philologischer Präzision erarbeitetes Buch vorgelegt, welches die soziale Dimension des Autornamens auf der Grundlage jeweils konkreter Lektüren literarischer Texte sowie der sie umgebenden Paratexte befragt. Darin liegt seine Stärke. Die hier dargestellten >Geschichten der Autorschaft< ereignen sich vor allem auf dem Feld der Autornamen – anonymer, pseudonymer oder >onymer< (Genette) bzw. bürgerlicher –, der Widmungen, Vorworte, Glossen und Kommentare. Sie bilden das eigentliche Material der Untersuchung. Entscheidend ist dabei, daß Niehaus der ahistorischen, strukturalistischen Perspektive Genettes eine dezidiert historische Kontur verleiht, die er mit diskursanalytischen und systemtheoretischen Begriffen beschreibt. Deshalb avanciert hier der Paratext zum herausragenden Kommunikationsort einer spezifischen historischen Literaturpraxis: Die das Werk einfassenden Elemente werden so zu seinem zentralen Schauplatz, läßt sich an ihnen doch ein grundlegender Konflikt der Literatur des 19. Jahrhunderts ablesen:
Der literarische Diskurs (der nicht die Literatur ist, sondern sich an ihren paratextuellen Rändern um sie rankt) verpflichtet seine Teilnehmer unter den Bedingungen des sich ausdifferenzierenden modernen literarischen Marktes auf unhaltbare Unterscheidungen. Und die grundlegendste Unterscheidung – die Unterscheidung zwischen dem Sprechen als anderer und dem Sprechen als >ich selbst< – ist die unhaltbarste von allen. (S. 99)
Während das im 18. Jahrhundert etablierte moderne Urheberrecht von der Zuordnung eines Verfassers zu einem Werk ausgeht, d.h. den Status der Autorschaft einem Rechtssubjekt, das zugleich als Schöpfer des Werks gilt, zuerkennt, werden hier Fälle geschildert, in welchen sich der Autorname zu einer literarischen Spielfigur wandelt. Anstatt das Werk von außen rechtlich abzugrenzen und einer juristischen Person zuzurechnen, werden mittels Pseudonyme, ihrer Modifikationen und Auflösungen, Werke juristischen Urhebern gleichsam entrissen und in deren Namen von anderen, also parasitär, fortgeschrieben. Definiert das seit dem 18. Jahrhundert geltende Urheberrecht Autorschaft über das Attribut einer individuellen >Handschrift<, mithin einer stilistischen >Eigentümlichkeit<, so zeigt Niehaus, wie diese Eigentümlichkeit zerbricht, sobald ein Stil reproduzierbar und imitierbar erscheint; sobald er selbst auf Produktionsbedingungen schließen läßt, die denen einer Fabrik vergleichbar sind. Ausgangspunkt ist dabei die Fallgeschichte Walter Scotts.
Der >Fall< Walter Scott
Sein anonym erschienener Roman "Waverly" hat sich eines großen Erfolgs erfreut, weshalb es für die Bewerbung der darauffolgenden Romane Scotts ausreichte, sie demselben anonymen, durch ein Erfolgsbuch gleichwohl bereits ausgewiesenen Autor zuzuschreiben: Die Angabe >Author of Waverly< garantiert steigende Verkaufszahlen und großes Interesse. Allmählich wird aber Scotts Inkognito aufgedeckt. Seine Bücher verweisen nicht nur namenlos auf sich selbst, sie werden nun auch mit einem Namen identifiziert. 1823 kann Willibald Alexis den in Wales spielenden Roman "Walladmor" daher mit dem Epitheton "Frei nach dem Englischen des Walter Scott. Von W...s." veröffentlichen. Alexis löst somit Scotts Anonymat auf und führt seinen bürgerlichen Namen zur Bezeichnung eines Textes ein, der eine freie Übersetzung suggeriert. "Von W...s" verweist auf den Übersetzer, dessen Anonymat wiederum aus dem ersten und letzten Buchstaben des tatsächlichen Verfassernamens, Willibals Alexis' besteht. Zudem entspricht es, um das Verwirrspiel noch einmal zu drehen, den Initialen Walter Scotts. Der Untertitel, "Frei nach dem Englischen", konzediert zwar Freiheit im Umgang mit dem Original. Er bekennt jedoch nicht ein, daß "Walladmor" keine englische Vorlage hat und im Sinne des modernen Urheberrechts ein Originalwerk ist, das Werk Alexis' nämlich.
Was die Anlehnung an Scott dennoch plausibel macht, sind stilistische und narrative Merkmale, die dessen Romanen nachgebildet sind. >Frei nach dem Englischen des Walter Scott< bedeutet hier, im Stil Walter Scotts, dessen Autorschaft als ungeschützter >Firmenname< behandelt wird. Darin ist die Voraussetzung gegeben, um ihn allen möglichen Produkten aufzudrucken, die zwar nicht aus Scotts Feder stammten, ihre Merkmale aber aufweisen.
Autorschaft im Paratext
Noch in seinem Erscheinungsjahr wird "Walladmor" aus dem Deutschen von De Quincey ins Englische übersetzt, dabei jedoch derartigen Modifikationen auf der Ebene der Figuren – Master Melbourne als Personifikation Scotts wird z.B. getilgt – und der Ereignisse unterzogen, daß dem als deutscher Übersetzer getarnten Autor >W...s< sein Werks auch wieder entlehnt wird. Unter Walter Scotts (bürgerlichem) Namen erscheinen somit zwei Romane, obwohl dieser als Verfasser und Rechtssubjekt weder an ihnen beteiligt war, noch seine Lizenz für sie gab. Seine Autorschaft wird von ihnen nur in paratextueller Form, d.h. als Autorname, gebraucht und durch in Vorworten, aber auch in den Erzählungen selbst vorgenommene Bezugnahmen literarisch internalisiert. Der entwendete Autorname wird – darauf laufen die hier erzählten >Geschichten der Autorschaft< hinaus – zu einem fiktiven Element und somit, wie von Alexis' und anderen Usurpatoren angenommen, der juristischen Zuständigkeit entzogen.
Fazit
Michael Niehaus hat ein eine überaus lesenswerte Abhandlung geschrieben. Er zeigt an den Zirkulationen und Vereinnahmungen der Autornamen Überreizungen literarischer Selbstreferenz auf. Einer Selbstreferenz, die sich rechtlicher Legitimationen zu entbinden sucht, zugleich aber handfeste Marketinginteressen verfolgt.
Wenn der Literaturmarkt nach den rein immanenten Gesetzen des sogenannten ausdifferenzierten Literatursystems sich selbst genug ist, sind die Autoren einem Legitimationsdefizit ausgesetzt, das nur durch eine außerhalb der Logik des Systems liegende Autorisierungsinstanz aufgefangen werden kann. (S. 102.)
Deshalb werden die hier erzählten Fälle schließlich auch zu Rechtsfällen, die vor Gericht weiter verhandelt werden müssen, aber auch diese Fortsetzung in einem weiteren Schritt literarisch sich anzueignen versuchen werden. Daran wird jedenfalls deutlich, daß zumindest das paratextuelle Umfeld des >eigentlichen< Referenztextes gegenüber der nicht-literarischen Umwelt porös ist. Es potenziert die Literatur zu einer komplizierten Gemengelage, die das unter der Protektion der Fiktionalität autopoietisch geschlossene und nur auf sich selbst gerichtete Literatursystem mit anderen gesellschaftlichen Bereichen verknüpft.
Dr. Natalie Binczek
Universität GH Siegen
Fachbereich 3
Adolf-Reichwein-Str. 2
D-57068 Siegen
E-Mail mit vordefiniertem Nachrichtentext senden:
Ins Netz gestellt am 10.07.2003

IASLonline ISSN 1612-0442
Copyright © by the author. All rights reserved.
This work may be copied for non-profit educational use if proper credit is given to the author and IASLonline.
For other permission, please contact IASLonline.
Diese Rezension wurde betreut von der Redaktion IASLonline. Sie finden den Text auch angezeigt im Portal Lirez – Literaturwissenschaftliche Rezensionen.
Redaktionell betreut wurde diese Rezension von Katrin Fischer.
Weitere Rezensionen stehen auf der Liste
neuer Rezensionen und geordnet nach
zur Verfügung.
Möchten Sie zu dieser Rezension Stellung nehmen?
Oder selbst für IASLonline rezensieren? Bitte
informieren
Sie sich hier!
[ Home | Anfang |
zurück | Partner ]
|