Doerries über Daum: Wissenschaftspopularisierung

Matthias Dörries

Andreas W. Daum: Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert. Bürgerliche Kultur, naturwissenschaftliche Bildung und die deutsche Öffentlichkeit, 1848-1914. München: Oldenbourg, 1998. XII, 617 S.


Die vorliegende Arbeit betritt eine terra incognita: Sie untersucht die Popularisierung der Wissenschaften in Deutschland. Popularisierung im 19. Jahrhundert nahm die vielfältigsten Formen an und äußerte sich in einem aktiven Vereinswesen, der Organisation von öffentlichen Vorträgen, Festen, Tagungen, der Publikation von Zeitschriften und Buchreihen, der Gründung von Museen und Gärten und vieles mehr. Daum geht es darum, die Eigenständigkeit der sich konstituierenden kulturellen Praxis der Popularisierung herauszustellen und sie in der deutschen Bildungsgeschichte des Bürgertums zu verorten.

Zum Begriff der Popularisierung

Popularisierung von Wissenschaft bedeutet für ihn mehr als bloße Wissensvermittlung, erschafft sie doch ein von Naturwissenschaftlern losgelöstes Verständnis von Natur und Naturwissenschaft, das sich gegenüber den Weltbildern der Wissenschaftler behaupten kann und andere Funktionen übernimmt. Indem er die Autonomie dieser Entwicklung herausstellt, verweigert sich Daum einem simplizistischen Diffusionsmodell, in dem die Ergebnisse bloß entlang einem Wissensgefälle in die Öffentlichkeit diffundieren.

Als mögliche Alternative zu der diesem Modell eigenen Dichotomie von reiner Wissensproduktion und passiver Rezeption diskutiert Daum den Begriff der >expository science<, die von verschiedenen Formen der Repräsentation der Wissenschaft und des Wissens spricht, für ein Kontinuum der Methoden und Praktiken plädiert und somit die vielfältigen Äußerungsformen der Forschung, der reinen Erkenntnis, der Pädagogik sowie der jeweiligen sozialen und ökonomischen Kontexte berücksichtigt. Daum entscheidet sich nichtsdestoweniger für den Begriff der Popularisierung mit dem Hinweis darauf, daß dieser von den Akteuren selbst im 19. Jahrhundert verwendet worden sei. Dennoch stellt sich die Frage, ob der Begriff der >expository science< nicht doch eher dem entspricht, was hier vom Verfasser geleistet wird, und was im Untertitel des Buches angesprochen wird: eine Geschichte der Ausweitung der Öffentlichkeit auf den Bereich der Wissenschaft und Bildung.

Daum sieht die dringende Notwendigkeit, die lange vernachlässigte Geschichte der Popularisierung der Wissenschaften fest in die Geschichte deutscher Bürgerlichkeit zu verankern: Wissenschaft formt mit dem bürgerlichen Verständnis von Bildung einen universalen Wert, und Popularisierung ist zugleich Ferment und Folge des Durchbruchs der Kommunikationsgesellschaft. Folgt aber daraus zwangsläufig, daß jede öffentliche Äußerung populär ist? Daum scheint es so zu verstehen, wenn er in seine Studie der Popularisierung öffentliche Äußerungen von Naturwissenschaftlern mit einbezieht, die sich in einem diffusen Grenzbereich bewegen und vielleicht auch von den Naturwissenschaftlern und damit von denen, die den Begriff der Popularisierung im 19. Jahrhundert ebenfalls prägten, nicht als populär verstanden worden wären.

Letztlich trägt Daum selbst diesem Umstand Rechnung mit seiner Definition von Popularisierung als einer

spezifischen Form der Wissensvermittlung und -präsentation, d.h. der über sprachliche Manifestationen oder Organisationen und soziale Handlungen vermittelte Versuch bzw. Prozeß, aus den Naturwissenschaften stammende Inhalte sowie Fragen der Analyse von Naturphänomenen öffentlich an ein Publikum, das nicht selbst im Zentrum der Wissensproduktion steht, weiterzugeben oder in eigenständiger Form naturkundliche Themen dem Publikum zu präsentieren (S. 25).
Mit dieser Definition, die sowohl den Begriff der Vermittlung als auch den der Präsentation aufnimmt, wird letztlich eine mögliche analytische Trennung wieder aufgehoben. In der Tat konstituiert sich das Wesen der Popularisierung, wie in der Arbeit deutlich wird, vielmehr in ihrer Praxis und entzieht sich einer Definition a priori.

Wo die Trennlinie zwischen professionellem und popularisierendem Diskurs gezogen wurde, hing nicht nur vom Grad der Professionalisierung der Naturwissenschaftler und vom Engagement und der Unabhängigkeit der Popularisierer ab, sondern ebenso vom erzielten Forschungsstand und den in den einzelnen Disziplinen angewandten Methoden sowie den Ansprüchen, Erwartungen und der Vorbildung des jeweiligen Publikums. Insbesondere vor dem Hintergrund der sich rapide wandelnden Wissenschaften, der Ausdifferenzierung der Untersuchungsfelder und einer gewachsenen Bedeutung der Mathematik, die sich weitgehend der Narration entzog, mußte dem öffentlichen Diskurs der Naturwissenschaftler jeweils spezifische Funktionen zukommen. So konnten unterschiedliche öffentliche Diskurse an Fachkollegen, die den hochspezialisierten Arbeiten nur begrenzt oder nicht mehr folgen konnten, an staatliche Bürokraten, private Geldgeber oder ein unschuldiges Massenpublikum gerichtet sein.

Der Autor konzentriert sich hier weitgehend auf eine detaillierte Studie der Produktion von Popularisierung und öffentlichem Diskurs und läßt – angesichts der Fülle des von ihm ausgegrabenen Materials, notgedrungenermaßen – die Rezeption und damit den Wandel und die jeweils spezifische Zusammensetzung der bürgerlichen Öffentlichkeit großenteils unbeachtet.

Der Reichtum der Arbeit liegt in ihrer breit angelegten Quellenanalyse, der auch eine Methodenvielfalt entspricht, die von Begriffsgeschichte, Bildungsgeschichte, Institutionsgeschichte, Publikationsgeschichte bis hin zur Diskursanalyse und prosopographischen Studie reicht. Neben einer Studie zum Unterricht der Naturwissenschaften an preußischen Schulen werden drei größere Blöcke der Arbeit den Vereinen und freireligiösen Bewegungen (Institutionen), dem Buch- und Zeitschriftenmarkt (literarische Medien) und letztlich den Popularisierern gewidmet. Daum wartet hier mit erstaunlichem und weitgehend völlig unbekanntem Material auf.

Vereine
als Träger der Popularisierung

Vereinsgeschichte als integraler Bestandteil der bürgerlichen Geschichte nimmt eine zentrale Stellung im Buch ein. Daum bietet eine umfassende chronologische Zusammenstellung der naturkundlich bzw. naturwissenschaftlich orientierten Vereine und geht anhand von Fallstudien deren unterschiedlichen Intentionen und Zwecken nach, die von der Orientierung über den Wissensstand, über die Vertiefung des Naturerlebens bis hin zu professionellen Standesvertretungen reichten. Hand in Hand mit den naturkundlichen Aktivitäten gingen dabei die politisch-aufklärerischen Bemühungen um mehr Demokratie und Volksbildung.

Dies wurde offenkundig bei der Gründung der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNA) durch den Naturphilosophen Lorenz Oken, der wenige Jahre zuvor aus politischen Gründen seines Amtes als Professor in Jena enthoben worden war. Die GDNA, die schnell zum Vorbild für ähnliche Institutionen im Ausland wurde, bildete das wichtigste Forum, auf dem Naturwissenschaftler der deutschen Öffentlichkeit ihr Wissen und Weltverständnis präsentierten, wobei sich neben den Fachsitzungen und eher allgemein gehaltenen Vorträgen auch eine Festkultur mit feierlichen Eröffnungen, Ansprachen und Grußadressen entwickelte. Eine weniger anspruchsvolle und eher volkstümliche Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit stellten die etwa dreißig, von Emil Adolf Roßmäßler in den 1860er Jahren gegründeten Humboldt-Vereine dar, die sich binnen weniger Jahre schon wieder auflösen sollten. Die Humboldt-Vereine hatten eine sozialreformerische Ausrichtung und entsprachen einer politischen Bildungskonzeption zwischen liberaler und sozialdemokratischer Provenienz.

Mit diesen und ähnlichen Vereinen wurden Voraussetzungen geschaffen, an die im Kaiserreich eher apolitische und kulturell ausgerichtete Institutionen anknüpfen und den Bildungsgedanken weitertragen konnten, wie etwa die 1888 gegründete Urania, als eine "der naturwissenschaftlichen Anschauung und Belehrung gewidmeten öffentlichen Schaustätte" zur "Verbreitung der Freude an der Naturerkenntnis" (S. 180) oder den über Berlin verteilten Urania-Säulen mit Zeit- und Witterungsangaben sowie statistischen Angaben. Hinzu kamen Gesellschaften, wie die 1903 in Stuttgart durch die Franckh'sche Verlagshandlung gegründete Kosmos-Gesellschaft, eine erste kommerzielle Buchgemeinschaft für die Naturkunde in Deutschland; sie war Zeichen für die sich ab 1890 zunehmend professionalisierende Volksbildungsarbeit.

Freireligiöse und
weltanschauliche Vereine

Eine zweite wichtige Gruppe unter den Vereinen stellten die weltanschaulichen Vereine dar. Schon in den 1840er und 1850er Jahren hatten freireligiöse Gruppen, wie die protestantischen Lichtfreunde und die Deutschkatholiken, natürliche Weltanschauung und das Evangelium der Natur auf ihre Banner geschrieben. Hier verbanden sich Humanitätsideologie, freidenkerisches Dissidentum und naturwissenschaftlicher Empirismus zu einer aufklärerisch-wissenschaftlichen Deutungskultur mit Weltanschaungsanspruch.

Insbesondere in den letzten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts blühten angesichts kultureller Desorientierung und eines gewachsenen Bedürfnisses nach metaphysischer Deutung Weltanschauungsvereine auf. Um 1900 fanden weitere Versuche statt, die populäre Naturkunde in eine versöhnliche Weltanschauung zu überführen und dabei eine volkstümliche Naturwissenschaft zum kulturellen Integrationsmedium zu stilisieren, um so die kulturellen Verluste durch Technisierung und Rationalisierung aufzufangen. Die Gründung des deutschen Monistenbunds war das Resultat der Forderung des Biologen Ernst Haeckel, daß sich Philosophie und Naturwissenschaft gegenseitig durchdringen sollten. Während Haeckel und der Monistenbund den Darwinismus verteidigten, sprach sich der 1907 gegründete Keplerbund zur Förderung der Naturerkenntnis gegen der Darwinismus aus. Daum gelingt es hier zu zeigen, daß die Popularisierung der Wissenschaften nicht nur von Darwinisten monopolisiert, sondern vielmehr auch von christlicher Seite her genutzt wurde. Damit wendet er sich gegen simplifizierende Vorstellungen, die von ein unversöhnlichen Konfliktlage zwischen Kirche und Naturwissenschaft im Kaiserreich ausgehen.

Literarische Normen
der Darstellung

Mit der wachsenden Autonomie der popularisierenden Literatur bildeten sich ebenfalls eigene literarische Normen der Darstellung heraus: Zur fachlichen Kompetenz sollte sich das künstlerische Talent gesellen; der Text sollte trotz Verzicht auf gelehrte Vollständigkeit nicht den Blick auf das Ganze aufgeben, Anschaulichkeit und Bezüge zum Alltagsleben sollten gezogen werden. Freilich waren diese Normen eher fließend, und es gab breite Diskussionen, etwa um den Nutzen des Gebrauchs deutscher Begriffen anstelle lateinischer Fremdwörter.

Eine Schlüsselstellung in der Geschichte der Popularisierung nimmt das in der Mitte des 19. Jahrhunderts erschienene, von Alexander von Humboldt verfaßte Werk Kosmos ein, in dem sich sowohl positivistischer Anspruch, philosophische Einheitsidee als auch Anerkennung der ästhetischen Qualität von Naturwahrnehmung miteinander verbanden. Obwohl das Buch ganz und gar nicht populär geschrieben und deshalb nur schwer zugänglich war, erfuhr es überraschenderweise eine spektakuläre Nachfrage. Das Werk bildete den Anstoß zu einer leichter zugänglichen naturwissenschaftlichen Volksliteratur, und die resultierende Kosmos-Literatur übertrug die philosophische Einheitsidee auf die Ebene der naturkundlichen Populärsprache.

Mit der Reichsgründung nahm die Popularisierung zunehmend professionelle Züge an, führte zur Entstehung eines literarischen und publizistischen Marktes und äußerte sich in Buchreihen und der Schaffung von Buchgemeinschaften sowie einer differenzierten Praxis- und Ratgeberliteratur. Naturkundemagazine blühten auf, wie etwa die Kosmos-Bände mit einer Auflage von über 100.000 Exemplaren im Jahr 1914. Daum gibt hier einen äußerst lohnenden Überblick über das breitgefächerte Spektrum der Publikationen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.

Dies gilt gleichfalls für den letzten Teil des Buchs, der sich mit den Popularisierern selbst beschäftigt und zusätzlich Kurzbiographien anbietet. Daum zeigt hier, wie eine im Vormärz sensibilisierte Generation sozialpolitische Zielsetzungen mit naturwissenschaftlicher Bildungsvermittlung verband, aber zugleich aufgrund ihrer prekären finanziellen Situation beständig in ihrer Existenz gefährdet war.

Begrenzung auf Naturkunde

Eine wesentliche Beschränkung, die vom Autor im Hinblick auf seine Thesen nicht ausreichend diskutiert wird, ist die Begrenzung auf die Popularisierung der Naturkunde, bzw. Biologie. Das angeführte Argument, daß hier ein Bereich vorliege, der besonders leicht vermittelbar sei, mag zwar auf ein besonders lohnenswertes Untersuchungsfeld hinweisen, dennoch bedarf es hier einer Hinterfragung der Repräsentativität dieses Feldes im Hinblick auf die im Titel anklingende umfassende Geschichte der Popularisierung. Andere Disziplinen drängen sich auf. Im 18. Jahrhundert kam z.B. der Popularisierung der Astronomie eine Schlüsselrolle zu, die sich im 19. Jahrhundert mit der Gründung von Sternwarten und Planetarien fortsetzte. Zum anderen hat sich die Popularisierung immer in einem unbehaglichen Verhältnis zur schwer vermittelbaren Mathematik befunden; die im 19. Jahrhundert stattfindenden Diskussionen um die (Un)vermittelbarkeit mathematischer Kenntnisse sind wesentlicher Bestandteil der Geschichte der Popularisierung und ihrer Grenzen.

Weitere vergleichende Perspektiven wären hier in der Zukunft sehr wünschenswert, so etwa zur Popularisierung in anderen Ländern. Die in diesem Zusammenhang vom Verfasser aufgestellte, aber nicht belegte Behauptung, daß die Popularisierung in Deutschland "mehr als in anderen Ländern eine postrevolutionäre Erscheinung mit deutlich politischen Implikationen" (S. 4) sei, erscheint im Hinblick auf die >vulgarisation< in Frankreich fraglich.

Einseitig bleibt die vom Verfasser implizit vermittelte Vorstellung der Naturwissenschaften und ihrer Popularisierung als einer theoretischen und weltanschaulichen Erkundung der Welt. Die Naturwissenschaften und die Popularisierung erscheinen mehr oder weniger losgelöst von ihrer eigentlichen experimentellen Praxis im Laboratorium oder in Sternwarten. Die Fertigung und der Gebrauch von Instrumenten, das Sammeln von Objekten auf botanischen Exkursionen oder etwa der Besuch von Ausstellungen, in denen neueste technische Errungenschaften, wie Eisenbahnen oder elektrisches Licht vorgestellt wurden, bildeten wichtige Stationen der Vermittlung und Präsentation. Hier bleibt zu erkunden, welche spezifische Form solche Praktiken einnahmen und wie sie sich zur textlichen Publikation verhielten.

Daums Buch ist am stärksten dort, wo es die Eigenständigkeit der Popularisierung in ihrer Funktion der Wiederverzauberung einer durch Wissenschaft und Technik steril gewordenen Welt belegt. Oft genug wurde durch die Popularisierer die technische Welt wieder naturalisiert und zugleich poetisiert. Auf diese Weise wurden die bedrohlichen und befremdenden Errungenschaften der Technik und Wissenschaft mystifiziert, in vertraute Bahnen kanalisiert und zugleich ästhetisch und moralisch überhöht. Mit seinem sorgfältig recherchierten und informierten Buch hat Daum den Schleier von einem bis jetzt weitgehend unbekannten Bereich gezogen, eine reiche, untergegangene Kultur ausgegraben und exzellente Voraussetzungen für zukünftige Arbeiten geschaffen.


PD Dr. Matthias Dörries
Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte
Wilhelmstr. 44
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Ins Netz gestellt am 10.05.1999.

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