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- Yoram Allon / Del Cullen / Hannah Patterson (ed.): Contemporary North American Film Directors. A Wallflower Critical Guide. London u.a.: Wallflower, 2nd edition 2002. 619 S. Kart. £17.99.
ISBN 1-903364-09-4;.
Konzeption und Anspruch
Contemporary North American Film Directors ist der erste Band der ehrgeizigen Lexikonreihe Critical Guides to Contemporary Film Directors, in der inzwischen auch ein Band zu britischen und irischen Filmregisseuren erschienen ist. (Die Bände Continental European Directors und World Cinema Directors sind in Vorbereitung.) Mit seinen rund 600 Einzelartikeln bietet das Lexikon einen äußerst umfassenden Überblick über zeitgenössische Regisseure, die in den vergangenen zehn Jahren in Nordamerika aktiv waren. Die Skala der behandelten Personen reicht von etablierten Regisseuren des Mainstream-Kinos (z.B. Martin Scorsese, Francis Ford Coppola) über Vertreter des Independent-Sektors (z.B. Jim Jarmusch, Ethan und Joel Coen), talentierte Newcomer, die am Beginn einer vielversprechenden Karriere zu stehen scheinen (z.B. Marc Forster, Todd Field), bis zu vemeintlichen Exoten des Regiefachs (z.B. der ehemalige Hip Hop-Musiker Ice Cube oder das schwedische Filmemacherkollektiv Traktor). Die Artikel wurden von mehr als achtzig Beiträgerinnen und Beiträgern verfasst, die aus unterschiedlichen Bereichen stammen; neben etablierten Filmwissenschaftlern finden sich unter ihnen graduierte Studenten, Journalisten, Filmkritiker, Drehbuchautoren und Filmemacher.
Das Lexikon erhebt den Anspruch, die meisten, wenn nicht alle Filmemacher aufzuführen, die in jüngerer Vergangenheit einen im Rahmen der US-amerikanischen oder kanadischen Filmindustrie produzierten Kinofilm inszeniert haben. Die 30-seitige, doppelspaltige Filmographie am Schluss des Buchs verdeutlicht die beeindruckende Fülle des verarbeiteten Materials. Der Schwerpunkt des Lexikons liegt eindeutig auf dem Spielfilm, eher geringe Beachtung finden Animations-, Dokumentar- oder Kurzfilme. Diese Gattungen sollen jedoch den Herausgebern zufolge in zukünftigen Auflagen eine stärkere Aufnahme finden.
Auswahlkriterien
Die Bezeichnung "North American film directors" legt das Lexikon sehr weitläufig aus. Es werden keineswegs nur gebürtige Amerikaner und Kanadier berücksichtigt, vielmehr gibt es zahlreiche Einträge zu ausländischen Regisseuren wie Roland Emmerich, Milos Forman, John Woo, Paul Verhoeven oder Stephen Frears, um nur wenige zu nennen, die ein Indiz für die zunehmende Globalisierung der Filmindustrie darstellen, aber auch einen Beleg für die Anziehungskraft, die Hollywood nach wie vor auf internationale Filmschaffende ausübt. Maßgeblich für die Aufnahme in das Lexikon ist auch nicht, dass eine Person hauptberuflich als Regisseur tätig ist, sondern dass sie überhaupt im fraglichen Zeitraum Regie geführt hat. Folglich stößt man wiederholt auf Schauspieler und Schauspielerinnen, die nur sporadisch ins Regiefach wechselten wie etwa Kevin Spacey, Diane Keaton, Steve Buscemi oder Robert Duvall.
Aufbau der Artikel
Die einzelnen Artikel bestehen neben knappen biographischen Informationen und einer Filmographie hauptsächlich aus einer Abfolge von Mini-Rezensionen der Filme eines Regisseurs. Trotz ihrer relativen Kürze (als grobe Faustregel lässt sich sagen, dass jede Filmbesprechung, von Ausnahmen abgesehen, rund ein Dutzend Zeilen beansprucht) vermitteln diese Kritiken in ihrer Gesamtheit einen recht guten Eindruck vom Schaffen eines jeweiligen Regisseurs. Dabei werden insbesondere die zentralen Themen und Anliegen sowie die charakteristischen Stilmerkmale der einzelnen Filmemacher deutlich – beispielsweise das wiederkehrende Motiv der moralischen und religiösen Sinnsuche in einer klaustrophobischen urbanen Landschaft in den Filmen David Finchers (Alien3, Se7en, The Game, Fight Club). Die als Randglossen gesetzten Filmographien sind graphisch übersichtlich, aber wenig informativ, da sie nur Filmtitel und Erscheinungsjahr auflisten.
Bewertung
Die sprachliche Gestaltung der Artikel ist sachlich, vermeidet aber einen theorielastigen akademischem Fachjargon, so dass das Lexikon dadurch nicht nur für Fachleute, sondern für ein breites Publikum gut zugänglich ist. Seine beiden größten Stärken spielt das Lexikon ebenso bewusst wie gekonnt aus. Dies betrifft erstens seine bestechende Aktualität. Das Buch enthält zahlreiche Filme des Erscheinungsjahrs 2002 und informiert darüber hinaus über laufende und geplante Filmprojekte (z.B. Steven Soderberghs Solaris, David Finchers Mission Impossible 3). Gegenüber der Erstauflage aus dem Jahr 2000 besitzt es 60 neue Artikel, und die Herausgeber stellen weitere Auflagen in Aussicht, um das Lexikon stets auf dem aktuellsten Stand zu halten – in Zeiten des Internet sicherlich eine mutige Verlagspolitik, die Respekt verdient.
Die andere herausragende Tugend des Buchs ist seine Informationsfülle zu Regisseuren außerhalb des Mainstreams. Während man sich in jedem gängigen Handbuch über Regisseure wie Steven Spielberg, Woody Allen oder David Lynch informieren kann, existiert kein vergleichbares Werk, das einen so umfassenden und kompakten Zugang zu weniger populären Regisseuren des nicht-kommerziellen und experimentellen Kinos eröffnet. Nicht zuletzt kann man sich hier davon überzeugen, dass weitaus mehr Frauen Regie führen als nur die bekannteren Kathryn Bigelow, Julie Taymor, Susan Seidelman oder Tamra Davis.
Dem Bemühen um Vollständigkeit im amerikanischen und kanadischen Gegenwartskino steht freilich ein zwangsläufiger Verlust an historischer Tiefe gegenüber. Viele Ikonen der amerikanischen Filmgeschichte wie John Ford, Alfred Hitchcock oder Frank Capra wird man daher vergeblich suchen. Dennoch ist Contemporary North American Film Directors ein Gewinn für jede Filmbibliothek.
PD Dr. Jörg Helbig
Universität zu Köln
Englisches Seminar
50923 Köln
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Ins Netz gestellt am 21.03.2003

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Diese Rezension wurde betreut von unserem Fachreferenten Dr. Uli Jung. Sie finden den Text auch angezeigt im Portal Lirez – Literaturwissenschaftliche Rezensionen.
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