Bernhard Jahn
Zur Typologie und Funktion von Sozietäten
Anläßlich von: Klaus Garber/Heinz Wismann (Hg. unter Mitwirkung von
Winfried Siebers): Europäische Sozietätsbewegung und demokratische
Tradition. Die europäischen Akademien der Frühen Neuzeit zwischen
Frührenaissance und Spätaufklärung. (Frühe Neuzeit 26/27)
Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1996. 2 Bde. XVIII/1840 S. Geb. DM 718,-.
Angesichts des Umfangs - nahezu zweitausend Seiten mit 71 Aufsätzen - kommt
es einem Gemeinplatz gleich, auf den Handbuchcharakter des Werkes zu verweisen. Wer
zur Sozietätsbewegung in der Frühen Neuzeit arbeiten möchte, findet
hier für alle (!) europäischen Länder zum mindesten den
Forschungsstand aufbereitet und oft noch darüber hinaus die Revision alter Thesen.
Es wäre jedoch unübersichtlich und diente lediglich dazu, die Fülle des
Materials zu dokumentieren, wenn hier jeder der 71 Aufsätze des Sammelbandes der
Reihe nach referiert würde. Auch bietet sich neben der Nutzung des Bandes als
Handbuch eine weitere Funktion an, die im folgenden vorgestellt werden soll, seine
Verwendung als Arbeitsbuch zur Sozietätsbewegung. Die als Zusammenschau
präsentierte Fülle des Materials aus ganz Europa eignet sich hervorragend
dazu, Fragen nach der Eigenart der europäischen Sozietätsbewegung in der
Frühen Neuzeit zu rekapitulieren oder neu zu stellen.
Der Doppelband ist chronologisch-geographisch gegliedert. Nach einigen
Aufsätzen zu antiken und mittelalterlichen Formen organisierter Gelehrsamkeit,
werden dann für die Frühe Neuzeit die einzelnen europäischen
Länder gesondert vorgestellt: Italien, Frankreich, Iberoromania (mit Mexiko),
England, Niederlande, Skandinavien, Ungarn, Rußland, Polen, Jugoslawien und der
deutsche Sprachraum. Das Tätigkeitsfeld der untersuchten historischen oder
imaginären Sozietäten reicht von der Produktion und Diskussion poetischer
Werke über wissenschaftliche, besonders auch naturwissenschaftliche Zielsetzungen
bis hin zu politisch-sozialen Ambitionen. Ein eigenes Kapitel wird den Akademien
gewidmet, die sich die Förderung der bildenden Künste zur Aufgabe gemacht
haben, während die zahlreichen musikalischen Akademien ausgeklammert
bleiben.
Die Funktion des Sammelbandes als Arbeitsbuch kann sicherlich auf viele Weisen
veranschaulicht werden. Ich greife hier als ein Beispiel die Frage nach dem
Sozietätsbegriff heraus. Der Untertitel des Sammelbandes suggeriert eine
Gleichsetzung von Sozietät und Akademie, in den nachfolgenden Aufsätzen
weitet sich nicht nur die Begrifflichkeit (Akademia, Sodalitas, Societas, Gesellschaft,
Loge, Orden, Club, Salon etc.), wobei selbst bei identischen Bezeichnungen noch nicht
identisch strukturierte Institutionen vorliegen müssen, sondern auch Struktur und
Funktion der untersuchten gesellschaftlichen Vereinigungen so sehr, daß sich
für nahezu jeden Aufsatz ein anderer Begriff von Sozietät ergibt. Dies ist nun
allerdings kein beklagenswerter Befund, der kritisiert und überwunden werden
müßte, sondern bietet die Chance, die Vielfalt gesellschaftlicher
Organisationsformen in der Frühen Neuzeit in ihrer ganzen Bandbreite in den Blick
zu bekommen und Zusammenhänge zu erkennen, die bei einer zu rigide
gehandhabten Begrifflichkeit verloren gingen.
Ich möchte dies zunächst an Klaus Garbers im
einleitenden Aufsatz 1 skizzierten Thesen zur
Sozietätsbewegung in der Frühen Neuzeit demonstrieren, zum einen, weil
diese Thesen den im Sammelbandtitel behaupteten Konnex zwischen Sozietäten und
demokratischer Tradition zu untermauern versuchen, zum andern, weil sie zu sehr
verallgemeinernd die Vielfalt sozietärer Formen reduzieren und so andere
Traditionslinien, etwa auch solche betont antidemokratischer Art, aus dem Blick verlieren.
Daran anschließend soll anhand der in den Aufsätzen vorgestellten Beispiele
und Systematisierungsversuche eine Typologie frühneuzeitlicher Sozietäten
entworfen werden, wobei im Rahmen kommunikationstheoretischer Erwägungen
nach den Vorteilen gefragt werden muß, die Sozietäten im Bereich der Kunst-
und Wissenschaftsproduktion gegenüber anderen Formen bieten.
Anhand dreier Stationen entwickelt Garber seine Vorstellung einer die demokratischen
Traditionen fundierenden Sozietätsbewegung. Am Beginn stehe Dante, der die
Einladung Giovanni del Virgilios zurückweist, einem gelehrten Zirkel Bolognas
beizutreten, in dem man sich der Pflege der lateinischen Sprache widmete. In diesem
Zusammenhang rechtfertigt Dante die Verwendung des Volgare gegenüber dem
Lateinischen, wenn er auf den größeren Rezipientenkreis verweist, den das
Volkssprachliche verglichen mit dem Lateinischen habe. Hierbei unterziehe er das Konzept
des Geburtsadels einer Revision und ersetze es durch eines des Tugend- oder Herzensadels,
dem auch Nichtadlige angehören können. Hierin sieht Garber implizit
"das Schema einer neuen Gesellschaftsordnung oder vorsichtiger de[n]
Grundriß eines neuen, eben des humanistischen Sozietätsmodells
vorgegeben" (S. 10). Die zweite Station bilden die Gesellschaftsentwürfe der
Schäferdichtung, wobei Garber anhand zweier Gedichte der Pegnitz-Schäfer
deren Bestreben aufzeigt, die Bildung der Frauen zu fördern und so die
Gleichberechtigung voranzutreiben. Die letzte Station schließlich stellt der Mainzer
Jakobinerclub dar, dem während der revolutionären Phase in Mainz die
"geistige und politische Führungsrolle" (S. 32) zufiel, mithin eine
Sozietät, die anders als die vorher genannten versuchen konnte, ihre utopischen
Gesellschaftsentwürfe auch zu realisieren.
Von diesen drei Beispielen leitet Garber (S. 27f.) Thesen zur Sozietätsbewegung
ab, aus denen sich eine Reihe von Merkmalen gewinnen lassen, die seine Vorstellung von
Sozietät bestimmen:
1. Sozietäten sind Vereinigungen "privatrechtlichen" Charakters,
d.h. sie sind staatlich, verfassungsrechtlich und politisch nicht sanktioniert.
2. Daraus ergibt sich ein gewisses utopisches Potential, insofern Sozietäten
Alternativen zu bestehenden Organisationsformen bereitstellen können.
3. Sozietäten sind egalitär strukturiert. Hierarchisierungen können
sich nur aufgrund sozietätsinterner, nicht externer Kriterien ergeben.
4. Sozietäten treten mit dem Anspruch der Modernisierung auf.
5. Sozietäten sind überkonfessionell.
Punkt 1 trifft sicherlich auf viele Beispiele zu, doch lassen sich mindestens ebenso
viele Gegenbeispiele finden. Gerade die großen Akademien wie die in Berlin oder
Paris werden von einem massiven Interesse des Staates, bzw. der
absolutistischen Herrscher getragen. 2 Der Staat als abstraktes
Gebilde beginnt sich in der Frühen Neuzeit auszudifferenzieren, ist aber
häufig noch an den Körper der repräsentierenden Personen gebunden.
Wenn die italienischen Fürsten aktiv an ihren Akademien teilnehmen, impliziert das,
in die Begrifflichkeit des 20. Jahrhunderts übertragen, einen mindestens
halbstaatlichen Charakter der Institution. Die Bestätigung
von Statuten und die Bewilligung von Privilegien durch den Herrscher sanktionieren die
Akademien rechtlich und heben sie über rein private Sozietäten hinaus. 3
Hinsichtlich des Innovationscharakters von Sozietäten wird man jeweils den
Gründungszusammenhang, aus dem heraus eine Sozietät entsteht, mit
berücksichtigen müssen, um dann den Innovationsgrad klären zu
können. Akademien, die im 15. und 16. Jahrhundert in Italien, und im 16. und 17.
Jahrhundert in den anderen europäischen Ländern gegründet wurden,
um verkrustete Strukturen an den Universitäten zu umgehen (Verstärkung der
naturwissenschaftlichen Forschung, Vermeidung explizit theologischer Fragestellungen),
tragen das Prädikat des Innovativen sicher zu recht. Doch auch das Akademiewesen
bildete Strukturen aus, die lähmend wirken konnten. Hier ist nicht erst mit dem
Schimpfwort von der akademischen Malerei aus dem 19. Jahrhundert ein Beleg greifbar,
sondern auch schon vorher etwa an die ablehnende Haltung der Berliner Akademie
gegenüber den deutschsprachigen Dichtern zu erinnern. Auch in
naturwissenschaftlichen Fragen nahmen die Akademien nicht selten konservative
Positionen ein, während anregende neue Forschungsergebnisse von außen
kamen. Schließlich gab es Sozietäten, wie die von
Ulrich Seelbach 4 beschriebene studentische Altdorfer Ceres-
Gesellschaft, denen es um nicht mehr als das poetisch und alkoholisch gestützte
gesellige Beisammensein ging, eher innovationsneutrale Vereinigungen also, wenn man sie
wohlgesonnen beurteilen möchte.
Uneingeschränkt innovativ im Hinblick auf die Einübung demokratischer
Formen ist hingegen der Modus, der den Ablauf der Sitzungen bei den meisten
Sozietäten bestimmt: Ein Vortrag wird mit einer Diskussion verknüpft, die die
monologische Form aufbricht und den Vortrag polyperspektivisch zu relativieren vermag.
Dabei wird auf Rationalität der Argumentation Wert
gelegt. 5
Bei der Diskussion der Frage nach der egalitären Strukturierung der
Sozietäten ist zunächst Garbers Mahnung zu bedenken, daß man die
Sozietätsentwürfe nicht gegen ihre defizitäre Praxis ausspielen
dürfe. Auch ein nicht realisierter Gesellschaftsentwurf bleibt als Entwurf gleichwohl
in der Welt. Man würde es sich also zu leicht machen, die
vielen Gegenbeispiele anzuführen, die in nahezu allen Aufsätzen über
die Praxis des Sozietätenalltags zu finden sind, doch ist vor der Auseinandersetzung
mit diesem Argument darauf hinzuweisen, das viele Sozietäten auch schon vom
programmatischen Anspruch her nicht egalitär strukturiert waren, so etwa viele der
humanistischen sodalitates, die eher nach dem Schema Meister/Schüler gegliedert
waren 6 oder italienische Akademien, die, wie Bodo
Guthmüller am Beispiel Vicenzas zeigt, im Lauf des 16. Jahrhunderts zunehmend
aristokratisch-exklusiv wurden und quasi als Ritterakademien eine
Beschäftigungstherapie für arbeitslose Jungaristokraten boten. Auch wenn
eine Sozietät sich der Egalität verschreiben hatte, bildete sie in den meisten
Fällen eine Verwaltungsstruktur aus mit einem Präsidenten an der Spitze,
beratenden Sekretären, stimmberechtigten Mitgliedern, nicht-stimmberechtigten
Mitgliedern etc. Hierbei zeigten die Verwaltungsstrukturen der Sozietäten eine enge
Anlehnung an die Regierungsformen der Staaten, in deren Machtbereich sie sich
konstituierten. So wiesen etwa die Berliner Akadémie Royale des
sciences und die Pariser Académie Royale de Peinture et de Sculpture absolutistische
Strukturen auf, mit Malpertuis und Le Brun als absolutistischen
Akademiepräsidenten, während die Schweizer Sozietäten sich eher am
Vorbild der Schweizer Kantons- und Stadtregierungen orientieren. 7
Die Form der Organisation war hier also ganz deutlich von außen bestimmt und
erwuchs nicht aus den sozietätsinternen Konzepten.
Doch ein noch grundlegenderer Einwand gegen das Egalitätsprinzip bei
projektierten wie realisierten Sozietäten ist zu bedenken. Das in den Statuten und
Entwürfen angestrebte Gleichheitsprinzip ist ähnlich dem Freiheitsbegriff sehr
implikationenreich, aber nur in den seltensten Fällen werden die Implikationen
mitformuliert. Erst in der Praxis zeigen sie sich. Der Preis der Egalität in einer
Sozietät - wenn Egalität überhaupt erreicht wird - ist hoch: Gleichheit
entsteht durch ein vorhergehendes Ausgrenzungsverfahren. Man kann daher
Sozietäten als Subsysteme der Gesellschaft über ihre als Differenzierungen
fungierenden Ausgrenzungen beschreiben. Ausgrenzung ist die negative Seite der
Medaille, die positive ist bestenfalls Egalisierung innerhalb der Sozietät. In vielen Beiträgen werden diese
Ausgrenzungen zum Thema gemacht: Der bekannteste Fall, bei dem eine implizite
Ausgrenzung explizit wird, ist der des Moses Mendelssohn, dem als Jude die Aufnahme in
die Berliner Akademie verweigert wurde. 8 Implizit werden meist
Frauen, 9 Nicht-Christen und Vertreter der unteren
Gesellschaftsschichten ausgegrenzt. Die expliziten Ausgrenzungen beziehen sich meist auf
Theologen, Jesuiten, gelegentlich auch auf Vertreter der sich jeweils in der Minderheit
befindlichen religiösen Konfession. Die Pariser
Académie Royale de Peinture et de Sculpture, als Gegenentwurf zur Zunft der Maler
gegründet, grenzt die Zunftmaler immer weiter aus, bis diese nicht mehr der
Akademie angehören dürfen. 10
Die Egalisierungsbestrebungen zeigen sich am deutlichsten im Bereich der christlichen
Konfessionen. Gegenbeispiele von nicht-
überkonfessionell angelegten Sozietäten finden sich kaum.
11 Hinsichtlich der sozialen Rangordnungen gibt es hingegen meist sehr deutliche
Differenzierungen, selbst wenn die Statuten Egalität vorsehen. So besteht etwa in
der Fruchtbringenden Gesellschaft, wie die Aufsätze von Günther Hoppe und
Ewa Pietrzak zeigen, eine implizite Differenz zwischen adligen Mitgliedern, die eher
repräsentative Funktionen haben und die geselligen Angebote der Gesellschaft
ausnützen, und bürgerlichen Mitgliedern, die für die Dichtung
zuständig sind.
Der Hinweis Hoppes auf die doppelte Funktion der Fruchtbringenden Gesellschaft -
Gelehrsamkeit und Geselligkeit - ist geeignet, den Modernisierungsanspruch (Merkmal
vier auf Garbers Liste) zu relativieren. Sicherlich entsprangen
viele Akademiegründungen dem Wunsch nach Modernisierung, wobei die
regierenden Fürsten sich gerade von den Naturwissenschaften viel versprachen,
jedoch selten bereit waren, Grundlagenforschung zu akzeptieren.
12 Ist der Geselligkeitsaspekt bei diesem Sozietätstypus ein Gewinn, den man
en passant mitverbuchen kann, so steht er bei den zahlreichen Musikakademien, die im 17.
und 18. Jahrhundert gegründet wurden, um Musiker auszubilden oder um Opern,
später auch Konzerte aufzuführen, im Mittelpunkt. Besonders für die
italienischen Akademien des 17. Jahrhunderts ist generell ein
Desinteresse an wissenschaftlicher Forschung und eher die Orientierung am
Konversationsideal des italienischen Humanismus zu konstatieren.
13
Nachdem am Material der Aufsätze gezeigt worden
ist, daß nicht alle Sozietäten durch den von Garber aufgestellten
Merkmalskatalog erfaßt werden, soll nun ein erweiterter Merkmalskatalog nebst
einer Typologie vorgestellt werden, wobei ich mich vor allem an den Vorgaben von Emil
Erne orientiere, der eine Typologie für die Schweizer Sozietäten entwickelt
hat. 14
Die Unabhängigkeit vom Staat kann, wie schon oben gezeigt, kein
Definitionskriterium sein. Von einer staatstragenden Akademie bis zum
staatsgefährdenden Illuminatenorden sind alle Positionen auf der Relationsskala
Staat - Sozietät im Verlauf der Frühen Neuzeit realisiert worden. Ein Moment
von Unabhängigkeit scheint mir jedoch in der Freiwilligkeit der Mitgliedschaft zu
liegen.
Eine Sozietät besteht demnach erstens aus Mitgliedern, die sich freiwillig
zusammengeschlossen haben und in die neue Mitglieder freiwillig eintreten können.
Die Sozietät kann die Aufnahme eines Kandidaten verweigern, aber auch der
Kandidat kann sich der Aufnahme widersetzten. Die durchgängig freiwillige
Mitgliedschaft, selbst in staatlichen Akademien, stellt eine Wahlfreiheit dar, die andere
staatliche Institutionen sonst nicht bieten. Um Sozietäten gegenüber
religiösen Orden abzugrenzen, für die das Prinzip der Freiwilligkeit ja
ebenfalls gilt, könnte als Differenzkriterium das Merkmal der
Überkonfessionalität herangezogen werden. Günstiger scheint es mir
jedoch, auf die Merkmale zurückzugreifen, die Luhmann zur Unterscheidung von
stratifikatorischen und funktionalen Gesellschaften entwickelt. Sozietäten sind
Prototypen einer funktionalen Gesellschaftsordnung. Die Mitgliedschaft in einer
Sozietät schließt die Mitgliedschaft in anderen Sozietäten nicht aus. Das
Leben der Sozietätsmitglieder ist durch die Sozietät nicht vollkommen
definiert. Hingegen fällt der Eintritt in einen religiösen Orden unter das
stratifikatorische Modell, da die Entscheidung für einen Orden alle anderen
ausschließt und den weiteren Lebensweg (z. B. Ehelosigkeit) weitgehend
festlegt.
Als zweites bestimmendes Merkmal weist eine frühneuzeitliche Sozietät
eine "feste Organisationsstruktur" (Erne) auf. Hierunter wären
ausgeklügelte, schriftlich niedergelegte Statuten ebenso zu zählen wie auch
lediglich rituell verfestigte Formen, etwa regelmäßige Treffen an bestimmten
Lokalitäten.
Drittens werden frühneuzeitliche Sozietäten zu einem bestimmten Zweck
gegründet. Sie sind intentional bestimmbar. Dieser Punkt mag als sehr vage
gefaßt erscheinen. Doch er muß das weite Feld der unterschiedlichen
Sozietätszwecke abdecken, die von der reinen Geselligkeit und Freude an
Konversation und Alkohol bis hin zur Lösung eng definierter wissenschaftlicher
Aufgaben oder dem Entwerfen ambitioniertester politischer Projekte reichen.
Viertens bilden frühneuzeitliche Sozietäten Repräsentationen aus,
um sich selbst zu definieren und gegenüber anderen darzustellen. Das System der Repräsentationen beginnt bei den
Gebäuden, 15 den Versammlungsräumen,
Bibliotheken, Salons, Konzertsälen und Opernhäusern, führt
über Statuten, eigene Publikationsreihen und Zeitschriften und eine eigene
Geschichte der Sozietät unter Umständen bis hin zu eigenen
Zeichensystemen, wie dies bei den Rosenkreuzern oder den Freimaurern der Fall war.
Fünftens schließlich: Sozietäten sind in der Frühen Neuzeit
so erfolgreich, weil sie Kommunikation erleichtern oder sogar zu bestimmten Themen
überhaupt erst ermöglichen. Sozietäten etablieren sich beispielsweise
im 16. Jahrhundert in Konkurrenz zu den Universitäten, deren verkrustete Strukturen
das Sprechen über neue poetologische Konzepte oder naturwissenschaftliche
Forschung nicht zulassen. Allerdings ist Kommunikationserleichterung immer relational zu
verstehen. So entstehen im späten 18. Jahrhundert in Berlin Salons, die in
Opposition zur Akademie die Möglichkeit zur Diskussion über (gerade auch
deutsche) Dichtung bieten. Die Errungenschaften von Sozietäten schleifen sich ab,
d.h. Kommunikationserleichterungen werden zu Kommunikationsbehinderungen bei neuen
Themen.
Ein sehr anschauliches Beispiel für die Möglichkeit der Eröffnung
von Kommunikation durch eine Sozietät bietet Jutta Held in ihrem Aufsatz zur
Pariser Académie Royale de Peinture et de Sculpture. Bestand das Wirken der der
Akademie vorausgehenden Zunft der Maler darin, eine nicht-diskursive Praxis
auszuüben - Bilder wurden gemalt, aber nicht besprochen - so entwickelte sich in der
Akademie dank der regelmäßigen Sitzungen, in denen jeweils ein Bild
vorgestellt und diskutiert wurde, ein Diskurs über Malerei, der zur Praxis hinzutritt.
Es genügt hinfort nicht mehr, Bilder zu malen, der Maler muß nun auch
über sein Bild kommunizieren können. Den Diskurs stellt die Akademie
bereit.
Unter Berücksichtigung der genannten Merkmale läßt sich
für die Sozietäten der Frühen Neuzeit folgende Typologie aufstellen,
wobei Mischformen auftreten können
1. Sozietäten zur Pflege geselliger Formen. Alle Sozietäten enthalten eine
gesellige Komponente, doch nur bei den Sozietäten dieses Typus steht sie im
Zentrum.
2. Sozietäten zur Pflege der Künste. Hierunter zählen literarische
Sozietäten ebenso wie musikalische Akademien oder solche der bildenden
Künste. Sie machen sich die Produktion von Kunst ebenso zur Aufgabe wie deren
Reproduktion und Rezeption.
3. Sozietäten zu (natur-)wissenschaftlichen Zwecken.
4. Sozietäten zur Verbesserung des Gemeinwohls im Rahmen vorgegebener
staatlicher Strukturen. Hierunter zählen die Lesegesellschaften, die die
Allgemeinbildung verbessern möchten, oder Sozietäten, die das Schulwesen,
die Infrastruktur, die Landwirtschaft, das Heereswesen etc. reformieren
möchten.
5. Politische Sozietäten. Sie möchten nicht nur innerhalb vorgegebener
Strukturen Änderungen bewirken, sondern zielen auf eine Änderung der
politischen Rahmenbedingungen ab.
Merkmalskatalog und Typologie sind einerseits eng genug gefaßt, um
mittelalterliche Formen von Gemeinschaft auszugrenzen, aber andererseits weit genug, um
die vielen informellen Zirkel und Gesprächskreise der Frühen Neuzeit
aufnehmen zu können. Bei einem weit gefaßten
Sozietätenbegriff erscheint etwa die Gründung der bayerischen Akademie der
Wissenschaften nicht als creatio ex nihilo, sondern wird von einer Vielzahl von
Sozietäten präludiert und begleitet, die sich in Klöstern oder
städtischen Gemeinschaften gebildet hatten. 16
Wenn es anhand des Typologisierungsversuchs gelungen sein sollte, die Vielfalt der
Erscheinungsformen deutlich werden zu lassen, die für die
Sozietätsbewegungen in der Frühen Neuzeit kennzeichnend ist, dann ist damit
zugleich eines der Hauptverdienste des Sammelbandes vorgestellt worden.
Dr. Bernhard Jahn
Universität Marburg
Graduiertenkolleg "Kunst im Kontext"
Wilhelm-Röpke-Str. 6A
D-35039 Marburg
Ins Netz gestellt am 10.05.1999.
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