Lau über Pincus: Base Instincts

IASLonline


Steffen Lau

Gehirn und Gewalt –
Wo ist der Zusammenhang?

  • Jonathan H. Pincus: Base Instincts: What Makes Killers Kill? New York: W. W. Norton 2001. 239 S. Geb. EUR (D) 17,95.
    ISBN 0-393-05022-X.


Der Autor und sein Anliegen

Jonathan Pincus ist Chef der neurologischen Abteilung am Veterans Administration Hospital in Washington D.C. und Professor an der medizinischen Fakultät der Georgetown University. Er hat eine Fülle von Texten zu neurologischen Fragestellungen veröffentlicht und sich im Rahmen seiner wissenschaftlichen Laufbahn auch mit dem Phänomen >Gewalttätigkeit< beschäftigt. Mit seinem Buch "Base Instincts" wagt er sich nun auf ein kriminologisches bzw. forensisch-psychiatrisches Feld vor. Der Anspruch des Autors ist dabei ausgesprochen hoch. Vor dem Hintergrund seiner langjährigen Erfahrung mit über hundert Schwerstkriminellen kündigt er die Antwort auf eine Frage an, die die Menschheit seit Jahrtausenden bewegt: Warum begehen Menschen schwere und grausame Tötungsdelikte? Mit Spannung beginnt man zu lesen. Wird der Autor sein Versprechen einlösen?

Im Prolog und im ersten Kapitel des Buches nähert sich der Autor seinem Sujet. Er trägt darin kasuistisch mehrere spektakuläre und medienwirksame Fälle von seriellen Tötungen und Massenmorden aus den USA zusammen. Obwohl in den Fällen gänzlich unterschiedliche Konstellationen beschrieben werden, lassen sich Pincus' Meinung zufolge alle von ihm beschriebenen Gewalt- und Tötungsdelikte auf identische Faktoren zurückführen. Er ist überzeugt, dass schwere Gewalttätigkeit auf der Kombination dreier Bedingungen basiert: Mörder waren

  • als Kinder fortgesetzter grausamster sexueller und körperlicher Gewalt ausgesetzt,
  • weisen Zeichen psychischer Krankheit auf und
  • zeigen Symptome einer Hirnschädigung.

Das ist zwar nichts grundsätzlich Neues, aber möglicherweise wird es Pincus gelingen, dem Interessierten diese Erkenntnisse auf spektakuläre Weise (der Titel des Buches vermittelt zumindest diesen Eindruck) erneut nahe zu bringen.

Von Menschen und ihren Lebensgeschichten

Schon die Lektüre des zweiten Kapitels überrascht jedoch den forensisch erfahrenen Leser, da hier keineswegs ein typischer Fall geschildert wird, an dem man die Auffassung des Autors nun exemplarisch nachvollziehen könnte. Pincus schildert den Fall der 13-jährigen Cynthia Williams, die im Schulbus ein Mädchen erstach, unter dem sie lange Zeit zu leiden hatte. Neun Zehntel aller Gewaltdelikte werden aber nicht von weiblichen Jugendlichen, sondern von männlichen Heranwachsenden bzw. jungen Erwachsenen begangen. Was will Pincus also mit diesem Fall illustrieren? Er lernte Cynthia Williams kennen, weil er als weiterer Sachverständiger beauftragt worden war, sie zu begutachten. Die Ungeheuerlichkeit des Verbrechens hatte (wie so oft) Zweifel daran aufkommen lassen, ob tatsächlich keine gravierende krankhafte Veränderung der Psyche der Täterin vorgelegen hatte, so wie nach ersten sachverständigen Einschätzungen postuliert worden war. Offenbar herrschte bei den Verfahrensbeteiligten die Überzeugung, dass ein solch ungeheuerliches Verbrechen nur durch eine bisher noch nicht erkannte Psychopathologie bedingt gewesen sein könnte. Mehrere Untersuchungen hatten jedoch nahe gelegt, bei der Jugendlichen lediglich >antisoziales Verhalten< zu diagnostizieren, also keineswegs eine psychiatrische Störung im klassischen Sinne.

Pincus war im ersten Kontakt mit der Probandin überrascht, denn sie entsprach nicht seinen Vorstellungen von einer Mörderin. Er war offenbar mit der Vorstellung in seine erste Begegnung mit einer >Kriminellen< gegangen, aus Äußerlichkeiten der Probandin auf bestimmte Verhaltensmuster schließen zu können. Natürlich ist eine solche Annahme durch die kriminologische Forschung längst widerlegt, es gibt aber offensichtlich noch immer das Bedürfnis, die an Lombroso angelehnten Theorien weiterhin zur Anwendung zu bringen. Im Rahmen der Exploration habe er eruieren können, dass Cynthias frühe Kindheit durch häufige Unfälle und Verletzungen geprägt gewesen seien, die er als Ausdruck fortgesetzter körperlicher Misshandlungen interpretierte. Pincus habe sich nun zum ersten Mal gefragt, ob ein aus solchen Misshandlungen resultierender Hirnschaden das gewalttätige Verhalten des Mädchens bedingt haben könnte. Gleichzeitig habe er vermutet, dass das Gewaltdelikt im Rahmen einer besonderen Form epileptischer Krampfanfälle (komplex-fokaler Anfälle) begangen worden sein könnte, schließlich habe Cynthia eine Erinnerungslücke für das Tatgeschehen und nachfolgende Müdigkeit angegeben. Pincus berichtet von einer eingehenden neurologischen Untersuchung der Angeklagten, bei der er tatsächlich krankhafte Befunde habe erheben können. So sah er seine Vermutung bestätigt, dass Hirnschädigungen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung gewalttätigen Verhaltens spielen.

Für Pincus illustrierte dieser Fall exemplarisch, dass die Erfahrung massiver Misshandlungen gerade in Kombination mit hirnorganischen Veränderungen zu aggressiven Straftaten führen. Er bringt also die bei jeglicher Begutachtung von Straftätern zu berücksichtigenden neurologischen Aspekte ins Spiel, die aber – so hat es die kriminologische Forschung gezeigt – nur einen geringen Teil von Gewaltdelikten erklären.

Zur Untermauerung seiner Überlegungen schildert Pincus im dritten Kapitel den Fall zweier Straftäter, die eine schwangere Frau entführten, sie misshandelten, vergewaltigten und schließlich ihr erstes Opfer und zwei Polizisten gezielt erschossen. Einer dieser Gewalttäter wurde von Pincus untersucht, er lässt den Leser an dieser Untersuchung teilhaben: Neben eindeutigen neurologischen Symptome stellte er fest, dass der Untersuchte unfähig gewesen sei, die einfachsten Fragen zu beantworten. Daher diagnostizierte Pincus formale Denkstörungen und vermutete das Vorliegen einer Psychose. Eine psychologische Testung hätte schließlich >bewiesen<, dass bei dem Straftäter eine psychotische Erkrankung vorgelegen habe.

Der psychiatrisch Tätige ist an dieser Stelle des Buches überrascht: Abgesehen davon, dass formale Denkstörungen allein nicht die Diagnose einer Psychose tragen können, sind testpsychologische Befunde schon gar nicht geeignet, als Beweise für eine bestimmte Art von Erkrankung zu dienen. Die erhobenen Befunde führten jedoch beim Verfasser zu der Vermutung, dass auch dieser Gewalttäter in seiner Kindheit schweren Misshandlungen ausgesetzt gewesen sein könnte: Lange Gespräche über Stunden lieferten ihm tatsächlich Hinweise auf eine feindselige und grausame Atmosphäre im Elternhaus, in dem eine alkoholisierte Mutter fortgesetzte Gewalttätigkeiten gegen ihre Kinder ausübte. Über mehrere Seiten wird von den ausgeklügelten, folterartigen Methoden der Mutter berichtet, die Pincus sich offenbar ausführlich hatte schildern lassen. Der Leser fragt sich unterdessen beklommen, wie denn eine Unterhaltung mit einem Gesprächspartner, der simple Fragen nicht versteht, so lange gedauert haben kann.

An dieser Stelle wird ein grundsätzliches Problem des Buches offensichtlich. Der Autor versucht, durch langwierige Berichte über die Lebensgeschichten seiner Probanden die Aufmerksamkeit des Lesers zu fesseln. Er erreicht damit aber meist nur das Gegenteil – man ist von den Wiederholungen der sich ähnelnden Lebensschicksale nach kürzester Zeit ermüdet. Es fällt daher auch nicht immer leicht, die jedes Kapitel abschließenden Schlussfolgerungen des Autors nachzuvollziehen, obwohl sie meist recht einfach, wenn nicht sogar zu simpel erscheinen. Die Lebensgeschichte des zuletzt geschilderten Mörders fasst Pincus beispielsweise folgendermaßen zusammen:

Er sei ein Mensch, der durchgehend u. a. durch Schläge gedemütigt worden sei. Die ärmlichen Verhältnisse im Elternhaus hätten auch zu einer nutritiven Unterversorgung geführt und somit das Gehirn des Straftäters früh geschädigt, ebenso der Alkoholkonsum der Mutter vor der Geburt. Auch durch den konstanten >Stress< des missbrauchenden Zuhauses habe der Proband somit keine stabilen Konzepte von Liebe, Demut, Lebenswerten und Fairness entwickeln können. Daher sei er schizophren geworden. Warum aber die Geschwister des Probanden keine Gewalttäter wurden, obwohl sie den gleichen Einflüssen unterlagen, bleibt unkommentiert.

Von den neurobiologischen Ursachen von Aggression

Das vierte Kapitel widmet sich der Frage nach bisher bekannten neurobiologischen Befunden zu Aggression und deren genetischer Verursachung. Pincus folgt auch hier seinem Konzept, anhand eines Fallbeispiels seine Auffassung von der Entstehung von Gewalttätigkeit zu illustrieren. Nun wird der Fall eines Straftäters angeführt, der nach einer Reihe bewaffneter Raubüberfälle drei Angestellte eines Cafés mit gezielten Kopfschüssen niederstreckte, und bei dem Pincus die Diagnose eines Aufmerksamkeitsdefizits-Hyperaktivitätssyndroms stellte. Erneut habe er in der vom ihm durchgeführten Untersuchung eruieren können, dass der Proband in der Kindheit extremen Misshandlungen ausgesetzt gewesen sei. Er stellt die kühne, aber in der kriminologischen Forschung bisher keineswegs bewiesene Behauptung auf, dass zunehmende Hirnschädigungen und vermehrte Kindesmisshandlungen Ursachen der zunehmenden Gewalttaten in den USA seien.

Im fünften Kapitel wird der Fall eines zweifachen Mörders geschildert, der bei mehreren Raubüberfällen seine Opfer bestialisch mit einem Messer attackierte und deren Köpfe durch einen Halsschnitt vom Körper trennte. In diesem Falle vermutete Pincus Veränderungen im frontalen Hirnbereichen des zweifachen Mörders. Dies gibt ihm Gelegenheit, über den in der einschlägigen Literatur schon häufig bemühten Fall des Phineas Gage (eines Patienten mit auffallendem Verlust des Mitgefühls nach einer Pfählungsverletzung seiner vorderen Hirnanteile) zu sinnieren und Parallelen zum hier beschriebenen Fall zu ziehen.

Gleichzeitig übt Pincus massive Kritik an der Diagnose >Antisocial Personality Disorder (APD)<. Er hält sie für völlig überflüssig, da sie lediglich deskriptive Funktion habe und keine Erklärung für beobachtetes Verhalten biete. Er vergleicht die Diagnose >APD< mit der Diagnose >Pruritus ani< (des Juckreizes am After), die ebenso nur beschreibe und keine Erklärung biete.

Auch das sechste Kapitel widmet sich dem Phänomen hyperaktiver Störungen. Pincus stellt dabei in psychopathologisch nicht gerechtfertigter Weise die Gruppe der Manien als Gegenpol zum Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom dar. Er geht dabei in seiner Argumentation einen Weg, der sich in der Psychiatrie als wenig verlässlich erwiesen hat: Das zur Aufmerksamkeitssteigerung bei hyperaktiven Kindern eingesetzte Medikament Methylphenidat kann manische Zustände verschlechtern, ergo stünden Manie und Hyperaktivitätssyndrom in indirekt proportionalem Verhältnis. Bei dieser Art von Erklärung verkennt Pincus jedoch, dass die Wirkung einer psychopharmakologischen Behandlung an sich keinen spezifischen diagnostischen Wert hat. Der Wirkungsmechanismus von Psychopharmaka ist viel zu unspezifisch, als dass sich daraus diagnostische Einschätzungen ableiten ließen.

Spätestens jetzt verdichtet sich der schon zuvor gewonnene Eindruck, dass der Autor in seinem Buch vieles durcheinander wirft: Befunde zum Krankheitsverlauf, zur Psychopathologie, zur Genetik und zur medikamentösen Behandlung psychischer Störungen werden mehr oder weniger plausibel miteinander verwoben, um die Überzeugungen des Autors zu stützen. Bei dieser Konfusion spielt möglicherweise eine Rolle, dass Pincus kein Psychiater, sondern Neurologe ist. Zuvor war lediglich der Eindruck entstanden, dass Pincus bei der Interpretation von Untersuchungsergebnissen gelegentlich über das Ziel hinaus schießt. Nun fällt jedoch auf, dass er sogar eindeutig Falsches behauptet. Er stellt z.B. die klinisch-psychiatrisch so nicht haltbare Behauptung auf, dass Suizide, Alkoholismus, Drogenmissbrauch, Spielleidenschaft und Promiskuität bei nahen Verwandten von Patienten bei diesen selber den Verdacht auf eine affektive Störung >nahe legen<. Im Rahmen dieser Argumentation hat der Autor nun im Übrigen auch keine Mühe mehr, die zuvor noch heftig kritisierten Kriterien der Diagnose-Manuale – Stichwort: >Pruritus Ani< – zu nutzen.

Wie Erwartungen eine Untersuchung lenken können

Erneut kehrt der Autor zur Schilderung seiner Erlebnisse zurück und berichtet, dass er auch im Falle des zuletzt beschriebenen Straftäters eine Anamnese grotesker und fortgesetzter quälender körperlicher und sexueller Misshandlungen eruieren konnte. Nun findet sich aber im Text ein ausgesprochen bemerkenswerter Hinweis, der den im Umgang mit Straftätern Erfahrenen aufhorchen lässt: Der Proband selbst hatte im Gespräch mit Pincus überhaupt keine Erinnerung an Erlebnisse von fortgesetzter Grausamkeit. Der Leser fragt sich nun, welche Erklärung Pincus für dieses Phänomen bieten wird. Nicht überraschend zieht er ein ungewöhnliches psychopathologisches Phänomen heran, das insbesondere in der letzten Zeit geradezu inflationär zur Erklärung solcher Erinnerungslücken angeführt wird, und stellt sein (allerdings recht naiv wirkendes) Konzept von >Dissoziation< dar.

Im siebten Kapitel hat man Gelegenheit, mehr über das explorative Vorgehen des Autors zu erfahren. Pincus hatte den Auftrag, einen Achtzehnjährigen zu untersuchen, der nach früh beginnender delinquenter Karriere bei einem Raubüberfall eine Angestellte tötete. Der Autor gibt an, dass er bei dieser Untersuchung schon von vornherein erwartet hatte, eine Geschichte von körperlicher Misshandlung bis in die frühe Kindheit rekonstruieren zu können. Nun sei es ihm jedoch zunächst nicht gelungen, Angaben solcher Art vom Untersuchten zu erhalten. Ebenso wenig habe er trotz akribischer Suche offizielle Befunde, die auf eine durch schwere Misshandlungen geprägte Kindheit des Probanden hingewiesen hätten, erheben können. Auch der Kontakt des Autors mit Familienangehörigen verlief in dieser Hinsicht fruchtlos.

Konnte Pincus evtl. nicht akzeptieren, dass dieser Fall seiner Theorie über die Entstehung von aggressiven Tötungsdelikten zuwiderlief? Möglicherweise aus diesem Grunde wurde das Verhalten der Angehörigen, die ebenso wenig eine Geschichte von fortgesetzten Misshandlungen bestätigen wollten, als Mauer des Schweigens interpretiert. Pincus entschloss sich daher, den Straftäter erneut über mehrere Stunden zu befragen, schließlich sogar in Anwesenheit seiner Familie. Am Ende dieses eindringlichen Gesprächs hatte Pincus die für ihn entscheidenden Informationen erhalten:

Es entstand das Bild einer Familienstruktur, in der die paranoiden Überzeugungen des Vaters in tätlichen Angriffen auf Ehefrau und Kinder mündeten. Diese Angriffe hätten zwar wiederholte ärztliche Konsultationen zur Folge gehabt, allerdings seien dort nie dramatische Verletzungen diagnostiziert worden, sondern meist Kopfschmerzen, Magenschmerzen oder Verstopfung. Als Jugendlicher entwickelte der Gewalttäter (nach Pincus' Ansicht kausal aufgrund seiner Erfahrungen) eine Alkoholsucht, die auch zu wiederholten Entzugs- und Entwöhnungsbehandlungen geführt habe. Wie ausgeführt, wurden all diese Informationen nach stundenlangem, insistierendem Fragen gewonnen und bestätigten endlich die Überzeugungen des Interviewers.

Wie Vermutungen deren Abklärung beeinflussen

Das Kapitel acht ist dem Konzept des biologischen Determinismus u. a. von Verhaltensweisen gewidmet. Pincus fasst lerntheoretische Erklärungen zur Entstehung delinquenten Verhaltens in der für ihn typischen, teilweise verkürzenden Weise zusammen: Menschen, die als Kinder gequält wurden, neigen dazu, ebenfalls zu quälen. Er meint, dass dieser (vor allem populärwissenschaftlich verbreitete) Zusammenhang zwischen Erfahrungen aus der Kindheit und Gewalttätigkeit im psychiatrischen Jargon als >Identifikation mit dem Aggressor< bezeichnet wird. Es gäbe nun zwar eine Chance, nicht so zu werden wie die gewalttätige Umwelt, dies gelinge jedoch nur unter der Voraussetzung, dass das Gehirn gesund sei. Selbst der geneigte Leser, der lange Zeit Geduld mit dem Autor gehabt hat, wird nun bei der Lektüre des Buches unruhig. Die psychoanalytische Theorie ist sicherlich anfechtbar, sie ist aber kein Bauchladen für Gemeinplätze, wie von Pincus offenbar angenommen.

Das neunte Kapitel trägt den Titel >Anatomie des Bösen<. Pincus versucht hier ein Resümee, indem er sich der extremsten Form von Gewaltdelinquenz nähert und sich mit dem Phänomen des Serienmörders auseinandersetzt. Allerdings fällt etwas Entscheidendes auf: Zusammenhänge, die in den Kapiteln zuvor noch als Mutmaßungen imponierten, werden vom Autor nun entgegen der unsicheren Erkenntnislage in der Kriminologie als feste Tatsachen dargestellt: Pincus zu Folge leiden Serienmörder grundsätzlich an affektiven Störungen, ihre Morde begehen sie fast ausschließlich während depressiver Episoden oder Manien, dazwischen führen sie ein unauffälliges und geradezu bürgerliches Leben.

Darüber hinaus bestätige sich gerade in diesen Fällen die Theorie des Autors. Im Falle eines von ihm untersuchten Serienmörders habe er erneut Informationen über bestialische Quälereien, die dieser als Kind habe erdulden müssen, eruieren können. In einer bigotten und sexualfeindlichen Atmosphäre seien sadistische Manipulationen an den Geschlechtsteilen aller Kinder an der Tagesordnung gewesen. Pincus enthält dem Leser aber zunächst vor, dass er diese Informationen anfangs nicht von dem so Misshandelten selber erhalten hatte. Der durch ihn Examinierte bestritt fortgesetzt (wie in anderen Fällen auch), solchen Quälereien ausgesetzt gewesen zu sein. Er beschuldigte seine Schwester, diese Geschichten erfunden zu haben.

Offenbar machte dieser Hinweis Pincus jedoch nicht stutzig. Er setzte seine Nachforschungen fort und interviewte u. a. den Vater. Dieser sei im Denken leichtgradig assoziativ gelockert gewesen, leide daher zwangsläufig an einer Schizophrenie oder einer Manie, ergo sei der Straftäter von väterlicher Seite genetisch mit einer psychotischen Erkrankung belastet. Damit sei auch in diesem Falle einer der nach Pincus wesentlichen Faktoren für Gewalttätigkeit nachgewiesen.

Es folgen nun Ausführungen, die das Vorgehen des Autors bei der Überprüfung der von ihm postulierten Hypothesen widerspiegeln: Auf fünf Seiten führt er aus, auf welche Art und Weise er Informationen aus Gesprächen mit Straftätern verwertete, um die von ihm erwartete Geschichte von Misshandlungen, die sich seiner Auffassung zufolge durch das Leben eines Serienmörders gezogen haben soll, zu rekonstruieren. Abgesehen davon, dass Pincus' Art der Rekonstruktion hochproblematisch ist, benutzt er dabei psychopathologische Begriffe, deren Bedeutung er nicht durchdrungen hat. Er offenbart damit seine eingeschränkte psychiatrische Kompetenz. Nähme man seine Schilderungen gänzlich ernst, so müssten im Falle eines von ihm beschriebenen Serienmörders mindestens sechs oder sieben psychiatrische Diagnosen gestellt werden, was jedoch psychiatrischerseits nicht möglich und auch unsinnig wäre.

Von der Sicherheit durch Erfahrung

Wenn Pincus schon eine ausreichende Sicherheit in psychiatrischer Diagnostik vermissen lässt, so scheint er zusätzlich – entgegen seiner immer wiederholten Behauptung – im Umgang mit forensischen Probanden nicht sehr erfahren zu sein und sich von deren Sichtweise auf ihr Leben gänzlich abhängig zu machen. Ein von ihm untersuchter Proband hatte beispielsweise lange Zeit ein angepasstes und unauffälliges Leben führen können. Dies ist eine wesentliche diagnostische Information, die von vornherein eine gravierend beeinträchtigende psychiatrische Störung ausschließt. Nun fanden sich aber in der routinemäßig durchgeführten testpsychologischen Untersuchung Befunde, die entweder auf eine schwere Frontallappenschädigung oder aber auf eine hochgradige intellektuelle Minderbegabung hindeuten müssten. Diese Diskrepanz zwischen anamnestischen und testpsychologischen Befunden wird von Pincus jedoch an keiner Stelle kritisch gewürdigt, ein diskrepanzdiagnostisches Vorgehen wird nicht deutlich. Dass die Schilderungen eines Straftäters seiner Lebensgeschichte und eines Verbrechens aggraviert oder sogar ohne reale Grundlage sein könnten, zieht er nicht in Betracht.

Auch als sich der Autor noch einmal dem Phänomen der Dissoziation und der damit theoretisch verbundenen Diagnose >Multiple Persönlichkeit< zuwendet, wird offensichtlich, welche Naivität Pincus im Kontakt mit Straftätern mit gravierender Persönlichkeitspathologie an den Tag legt. Sehr anschaulich für dieses problematische Vorgehen ist dabei das im Buch protokollierte Gespräch zwischen seiner Forschungs-Kollegin Dr. Lewis und einem Serienmörder. Das Gesprächsprotokoll offenbart keineswegs überzeugend das Vorliegen einer multiplen Persönlichkeit bei dem Interviewten. Dr. Lewis scheint bei ihrem Gesprächspartner vielmehr durch die Art der Gesprächsgestaltung den Wechsel zwischen vermeintlich unterschiedlichen Persönlichkeiten massiv zu verstärken.

Dies illustriert sehr anschaulich den Mechanismus, der nach den Ergebnissen der psychologischen und psychiatrischen Forschung höchstwahrscheinlich für die Entstehung multipler Persönlichkeiten verantwortlich gemacht werden kann: Auf spezielle Art dazu veranlagte Menschen können von Therapeuten oder anderen Behandlern, die in der Erwartung eines bestimmten Phänomens gefangen sind, zur Produktion gerade dieses Phänomens provoziert werden. Diese Erkenntnisse aus der Suggestionsforschung, die zu einem Rückgang der lange Zeit inflationär gebrauchten Diagnose >Multiple Persönlichkeit< beigetragen haben und Zweifel an der Eigenständigkeit dieser Störung nahe legen, scheinen Pincus und auch seiner psychologischen Kollegin Dr. Lewis nicht bekannt zu sein.

In den beiden letzten Kapiteln wagt der Autor schließlich einen Ausblick. Zunächst versucht er, seine Theorie der Entstehung von Grausamkeiten und fortgesetztem gewalttätigem Verhalten auch auf den Fall eines der größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts anzuwenden – auf Adolf Hitler. Gestützt auf eine sekundäre (und ausgesprochen schwache) Quelle leitet er im Falle Hitlers ab, dass auch dieser unter neurologischen Auffälligkeiten sowie paranoiden Befürchtungen gelitten habe und sogar in seiner Kindheit zumindest körperlichen, wenn nicht auch sexuellen Übergriffen von Seiten seines Vaters ausgesetzt gewesen sei.

Nach diesen Ausführungen wendet sich Pincus den Erkenntnissen über Prävention von Gewalttaten und Behandlung gefährlicher Gewalttäter zu. Er bleibt dabei jedoch auf einer Stufe der Kriminaltherapie-Forschung stehen, die die forensische Psychiatrie und Psychotherapie bereits überwunden zu haben glaubte. Er zeigt sich – abgesehen von seiner offenbar geringen forensisch-psychiatrischen Sicherheit – auch noch auf befremdliche Weise uninformiert. Pincus behauptet, dass heute in der Forschung zur Effektivität von Behandlungsmaßnahmen bei Straftätern noch immer das pessimistische Klima der siebziger Jahre herrsche: >nothing works<. Es ist dies jedoch eine hoffnungslos altmodische Vorstellung, die möglicherweise auf eine gewisse Lesefaulheit des Autors hindeutet.

Im Anhang finden sich Empfehlungen zur Vorgehensweise bei der neurologisch-psychiatrischen Untersuchung von Straftätern. Erneut wird klar, dass Pincus auch bei dieser Art von Untersuchungen nur noch durch seine Überzeugungen geleitet wird und im Sinne einer >self-fulfilling prophecy< Befunde erhebt. Einige Beispiele:

  • Der Hinweis auf fortgesetztes Bettnässen sei ein eindeutiger Beweis für erlittene Misshandlungen,
  • kindliche Brandstifter seien in jedem Falle sexuell missbraucht worden,
  • die Anzahl von Hautnarben stelle ein direkt proportionales Maß für erlittene Misshandlungen dar.

Ein theoriegeleitetes, diagnostisches Vorgehen, das auch und vor allem bei der forensisch-psychiatrischen bzw. psychologischen Untersuchung an der Prüfung von Hypothesen ausgerichtet sein sollte, ist nicht erkennbar.

Der Leser und sein Resümee

Wer meint, durch die Lektüre des Buches "Base Instincts" eine fundierte Zusammenfassung des Forschungsstandes zur Genese extremer Gewaltdelinquenz zu erhalten, wird enttäuscht. Letztendlich ist die Essenz des Buches banal: Kinder, die eine Geschichte von Missbrauch, Hirnschädigung und psychischer Krankheit aufweisen, sind in ihrem späteren Leben anfällig für Kriminalität und Gewalttätigkeit.

Um zu diesem Schluss zu kommen, der in nichts über das hinausgeht, was forensische Psychiatrie und Psychologie schon seit vielen Jahrzehnten wissen, und der auch in der Populärkultur (z.B. in Hollywood) Allgemeingültigkeit besitzt, benötigt Pincus 239 lange und immer wieder ermüdende Seiten. Sie sind angefüllt mit einer Mischung aus Anekdotischem und naiven, immer wieder ärgerlichen, weil falschen Behauptungen. Dabei gibt sich Pincus zunächst noch recht differenziert und weist auf die Schwierigkeiten hin, die die Forschung zu Gewaltdelinquenz begleiten. Offenbar macht er sich diese Erkenntnis aber nicht zu Nutze. Er kommt vielmehr wiederholt zu erschreckend banalen und teilweise auch simplifizierenden Schlüssen.

Dabei ist ein großer Teil seiner Ausführungen nicht gänzlich unhaltbar und widerspricht nicht grundsätzlich den Ergebnissen der klinischen Forschung zu Aggression und Gewaltdelinquenz. Es zeigt sich vielmehr sein entscheidender Erfahrungsmangel auf dem Gebiet der Psychopathologie. Pincus ist Neurologe und hat dadurch einen sehr speziellen Blickwinkel auf das Phänomen Gewaltverbrechen. Die neurobiologische Perspektive ist in der forensischen Psychiatrie zurzeit en vogue, allerdings nicht in der Weise, wie sie von Pincus ins Spiel gebracht wird. Die Zeiten, in denen Wissenschaftler Gehirn und Geist auf sehr eindimensionale und mechanistische Art zu verstehen suchten, sind vorbei. Kriminalität ist (wie so viele Phänomene) nur durch das Zusammenwirken vielfältiger Faktoren zu begreifen. Niemals wird sie nur auf eine einzige Ursache zurückzuführen sein. Obwohl Pincus vordergründig in die gleiche Richtung argumentiert, propagiert er letztendlich eine überholte und sehr einfache Vorstellung des Konstrukts Aggression. Sein Konzept ist jedoch erschreckend altbacken.

Man kann sich bei der Lektüre des Buches zusätzlich des Eindrucks nicht erwehren, dass es dem Autor ein nicht unerhebliches Vergnügen war, die Lebensgeschichten der untersuchten Straftäter in aller Ausführlichkeit auszubreiten und geradezu sensationslüstern die angeblich erlittenen Grausamkeiten darzulegen. Warum z.B. die minutiöse Schilderung von ausgeklügelten Folterungen, den dabei genutzten Werkzeugen und den vermeintlichen Absichten der quälenden Personen eine so entscheidende Rolle bei der Vermittlung forensisch-psychiatrischer und kriminologischer Erkenntnisse spielen soll, bleibt unklar. Gelegentlich wirken die Ausführungen dadurch unseriös. Das Buch ist so konzipiert, dass man sich notwendigerweise durch viele, schwer erträgliche Schilderungen von üblen Schicksalen kämpfen muss, um auf die vermeintlich überraschenden Schlussfolgerungen des Autors zu stoßen. Leider entschädigen diese Schlussfolgerungen nicht für die Mühe, die man sich bei der Lektüre des Buches machen muss.

Pincus' Buch beginnt spannend, man verliert jedoch rasch das Interesse, da in redundanter Weise Neuigkeiten vermittelt werden, die im Grunde keine sind. Gleichzeitig offenbart der Autor, der mit diesem Buch offenbar in journalistischem Stil sein Vermächtnis veröffentlichen wollte, dass er den Anschluss an den aktuellen Forschungsstand zur Gewaltdelinquenz verloren hat.

Der Titel des Buches spielt auf einen Kinofilm von Paul Verhoeven mit Sharon Stone in der Hauptrolle an ("Basic Instinct", 1992). Diesem Film wurde von der Kritik vorgeworfen, dem Motiv des Serienkillers nichts Neues abgewonnen zu haben und im Grunde nur Altherren-Phantasien zu bedienen. Leider hat auch der alte Herr Jonathan Pincus mit seinem Buch "Base Instincts" der Forschung zu Gewaltdelinquenz nichts Neues abgewinnen können. Er bleibt Antworten auf die eingangs gestellten Fragen schuldig.


Dr. med. Steffen Lau
Universitätsklinikum Benjamin Franklin, Freie Universität Berlin
Institut für forensische Psychiatrie
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D-12203 Berlin
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Ins Netz gestellt am 02.06.2003
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Diese Rezension wurde betreut von unserem Fachreferenten Dr. Joachim Linder. Sie finden den Text auch angezeigt im Portal Lirez – Literaturwissenschaftliche Rezensionen.

Redaktionell betreut wurde diese Rezension von Katrin Fischer.


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