Meier über Dauer: Ludwig Fulda

Hedwig Meier

Populärdramatik
in mentalitätsgeschichtlicher Sicht


Holger Dauer: Ludwig Fulda, Erfolgsschriftsteller. Eine mentalitäts-geschichtlich orientierte Interpretation populärdramatischer Texte. (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur 62) Tübingen: Niemeyer 1998. 309 S. Kart. DM 82,--.


Auch heute noch umweht ein Hauch von mangelnder Dignität populärdramatische Texte. Mancherorts wird er umso stärker und eisiger, handelt es sich um historische populärdramatische Texte, die Einzug halten wollen in den Tempel der Literaturwissenschaft. Wie kann diesen formalästhetisch nicht zur Höchstleitung gereiften Texten begegnet werden, wenn auch der "herkömmliche sozialgeschichtliche Ansatz" nicht den erhofften "Zuwachs an interpretatorischer und analytischer Subtilität" erwarten läßt?

Einen möglichen Weg, der aufschlußreiche Erkenntnisse verspricht, präsentiert Holger Dauer in seiner 1998 erschienenen Dissertation Ludwig Fulda, Erfolgsschriftsteller. Der Untertitel Eine mentalitätsgeschichtlich orientierte Interpretation populärdramatischer Texte kündigt zugleich Methode und Programm der Studie an.

Bevor jedoch der Verfasser Analyse und Interpretation der populärdramatischen Texte Ludwig Fuldas nach mentalitätsgeschichtlichen Fragestellungen vornimmt, diskutiert er das Potential "stigmatisierter Literatur" (S. 4). Um dieses näher zu bestimmen, werden die Kriterien Wertigkeit, Funktion und Erkenntniszuweisung eingeführt, deren Aussagekraft sich im Koordinatensystem der "spezifischen Entstehungsbedingungen und literarischen Eigentümlichkeiten" (S.3) begründet.

Aufgrund dieses Bezugssystems wird die Untersuchung mit einem biographisch werkgeschichtlichen Kapitel eröffnet.


Biographie und Werkgeschichte

Bereits die knappe Zusammenfassung der Forschungslage zu Leben und Werk Ludwig Fuldas erhellt seine Bedeutung für das literarische Leben im wilhelminischen Deutschland und in der Weimarer Zeit. Das öffentliche Ansehen gründet sich nicht nur auf sein umfangreiches Opus und dessen erfolgreiche Bühnenpräsenz, sondern vor allem auf die kulturpolitischen Tätigkeiten des prominenten Schriftstellers wie beispielsweise sein Amt als erster Präsident des deutschen PEN-Clubs in den Jahren von 1925 bis 1932. Der rege Briefwechsel Ludwig Fuldas erlaubt überdies Einblick in seine dichtungstheoretischen Vorstellungen, sein Verhältnis zu Publikum und Kritikern sowie in seine theaterpraktischen Kompetenzen.

Anhand der Darstellung dreier freundschaftlicher Beziehungen zu den zeitgenössischen Autoren Paul Heyse, Hermann Sudermann und Arthur Schnitzler wird sowohl Ludwig Fuldas ausgeprägte Fähigkeit, disparate literarische Richtungen in sein Werk zu integrieren, als auch sein "tiefverankertes Zustimmungsbedürfnis" (S. 33) deutlich. Eine der hervorstechendsten Eigenschaften Ludwig Fuldas, die sich in weiteren Facetten seiner Persönlichkeit als den beiden bereits genannten widerspiegelt, ist die zur Assimilation. Damit ist zugleich ein Merkmal seiner thematisch aktuellen wie dramaturgisch konservativen, also zur "Synthese fähigen" (S. 42) Bühnendramatik benannt.

Mit der Beschreibung seines Perspektivenwechsels, den der Autor in Gegenstand, Methode und Zielorientierung vor dem Hintergrund einer "den klassisch-romantischen Implikationen verpflichtete[n] Literaturwissenschaft" (S. 269) vollzieht, und seiner bereits genannten Begründung, die sozialgeschichtlichen Fragestellungen zu erweitern, wird das Kernstück der Studie, die beiden systematisch methodischen Kapitel, eingeleitet.


Das Erkenntnispotential populärer Literatur:
Affirmation der "mentalen Gesamtlage"

Zuerst gilt es aufzuzeigen, daß die Beschäftigung mit populärer unterhaltender Literatur einen Zugang zu sozialhistorischen und psychologischen Dispositionen zu öffnen vermag. Der Grund hierfür liegt in der thematischen Ausrichtung dieser Textebene, die auch gleichzeitig ihren intentionalen Charakter preisgibt. "Um ihren massenhaften Erfolgscharakter zu gewährleisten" (S. 269), reproduziert sie die lebensweltliche Realität ihrer Rezipienten. Im Vergleich zur sogenannten Höhenkammliteratur ist zu konstatieren, daß diese meist "oppositionell-innovative Muster" (S. 269) zu den zeitgültigen Verhaltensweisen, Wertvorstellungen und Lebenskonzepten entwirft. Dem Publikum wird in diesem Falle die Bestätigung seiner Anschauungen vorenthalten, während die Trivialliteratur gerade darauf hinarbeitet. Laut Holger Dauer könnte man demnach "von einem ästhetischen Affirmieren der mentalen Gesamtlage durch die populäre Literatur sprechen" (S. 270).

Im zweiten Kapitel des methodisch systematischen Teils erfolgt eine eingehende Beschäftigung mit dem Stand und der Entwicklung der mentalitätsgeschichtlichen Forschung ausgehend von den Anfängen der Annales-Schule um Lucien Febvre und Marc Bloch. Referiert werden Ansätze, vor allem auch deutsche, wie die der Historiker Peter Borscheid und Volker Sellin. Für die Analyse der Bühnendramatik Ludwig Fuldas erweist sich Volker Sellins These, Mentalitäten sedementierten sich gerade in Texten der mittleren Ebene, als grundlegend. Darüber hinaus kommen Anliegen, Ergebnisse und auch Risiken dieser Geschichtsschreibung zur Sprache, ebenso ihre methodische und inhaltliche Nähe zur amerikanischen Kulturanthropolgie, exemplifiziert anhand der Arbeiten Clifford Geertz'.


Mentalität und Ideologie

In einem weiteren Schritt wird die Bestimmung des Begriffs Mentalität in Abgrenzung zur Ideologie vorgenommen. Die Diskussion liefert das Ergebnis, daß die definitive Unterscheidung im Rahmen einer Textanalyse nicht praktikabel und ebensowenig von Nutzen ist, da ein fließender Übergang von Mentalität als "mehr unbewußt reflektierte Kategorie" und Ideologie als "strukturiert-systematische Bewußtseinsebene" (S. 270) beide Bereiche miteinander verbindet. In der historischen Kontextualisierung macht die gleichermaßen kritische wie behutsame Erörterung dieses Verhältnisses die Anschlußfähigkeit der wilhelminischen Mentalität an 1933 plausibel.

Da mentale Dispositionen sich nur innerhalb eines politischen, sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Rahmens entwickeln, mußten die zeitgültigen Bedingungen des Wilhelminismus, die ja die Folie für Ludwig Fuldas Stücke bilden, als Basismaterial für die mentalitätsgeschichtliche Textanalyse herausgefiltert werden.


Urbanisierung als Rahmen

Zum Fokus wählt Holger Dauer den Urbanisierungsprozeß im 19. Jahrhundert. Die Darstellung erfolgt am Beispiel der Großstadt Berlin, in der nahezu alle Stücke Fuldas spielen. Der sozioökonomische Strukturwandel, der sich im Zuge "der immensen Temposteigerung der allgemeinen Industrialisierung" (S. 143) vollzieht, geht einher mit tiefgreifenden Veränderungen in der Gestaltung des Alltagslebens. Aus den zeitgenössischen Zeugnissen, die zur Untersuchung herangezogen werden, spricht das große Bedürfnis, der Dynamik, der fluktuierenden Reize und des vielfältigen Angebots der Großstadt Herr zu werden. Das Bemühen um Stabilität und Harmonisierung äußert sich in einer mehr oder weniger aggressiven Kulturkritik oder konservativen Restauration, wie beispielsweise aus den zitierten Schriften des Journalisten Hermann Kesser, des Philosophen Oswald Spengler oder des Publizisten Wilhelm Stapel hervorgeht.

Die von Holger Dauer ausgewählten Quellen bezeugen als weitere wilheminische Bewältigungsstrategie die der Ambivalenz, ein zerrissenes Steckenbleiben zwischen Technikbegeisterung und -ablehnung, wie es in den Gedichten von Julius Hart und Gerrit Engelke zum Ausdruck kommt. Desweitern werden Dokumente über Diskurse aus den Bereichen der bildenden Kunst, vertreten durch Max Liebermann und Franz Lembach, und der Architektur, vertreten durch Heinrich Schackow und August Endell, präsentiert. Die zeitgenössischen Materialien und die Ausführungen des Verfassers zum Thema >großstädtische Phänomene und ihre mentalen Implikationen< erstrecken sich in ihrer Weitläufigkeit auch auf das Kino, die Lichtreklame, das Interieur etc., um nur einige zu nennen.


Wilhelminische Mentalität:
Nervosität, Harmoniesuche, Aggression

Indem Holger Dauer zahlreiche Facetten der bürgerlichen großstädtischen Lebenswelt anhand individueller Zeungisse beleuchtet, wird klar, daß es sich um kollektive Denk- und Empfindungsmuster handelt. Der Zustand der Nervosität avanciert zum Signum der Zeit, denn die Beschäftigung mit nervösen Zuständen als psychopathologisches Problem löste sich aus dem medizinischen Diskurs und beherrschte förmlich den zeitgenössischen. Als übergeordnete Bewältigungsstrategie kristallisiert sich infolge dessen "die kollektiv verankerte Disposition der permanenten Harmoniesuche" (S. 272) heraus.

Begleitet werden die harmonieorientierten Bewältigungsstrategien von einem nicht unbeachtlichen Aggressionspotential, das die mentalitätsgeschichtlich orientierte Textanalyse auf der sprachlichen sowie auf der dramaturgischen Ebene der Unterhaltungsdramatik Ludwig Fuldas offenlegt. Im ersten Fall handelt es sich um Einsatz einer "militarisierte[n] Sprache" (S. 188), die sich zur Vermittlung intensiver, kognitiv jedoch nicht durchdrungener Gefühlswallungen der Kriegsmetaphorik bedient.


"Konversion zur wahren Weiblichkeit"

Der zweite Fall betrifft die Konzeption der Beziehung zwischen den Geschlechtern. Hier deckt die Untersuchung ein subtiles Muster zur Bestätigung männlicher Hierarchien auf. Am Beispiel der als selbstbewußt und emanzipiert eingeführten Frauenfigur zu Beginn der allermeisten Stücke Ludwig Fuldas werden mittels Scheingefechte oder Äußerungen geheimster, weiblich konno-tierter Wünsche die Keime für eine ">Konversion zur wahren Weiblichkeit<" am Schluß des Unterhaltungsdramas gelegt (S. 214), die die geschlechtsspezifischen Machtverhältnisse ratifiziert.

Ludwig Fulda führt hier eine für die männlich dominierte Gesellschaftsordnung ungefährliche Version der Liberalisierung vor, indem er die Emanzipationsbestrebungen seiner Frauengestalten zwar als modisch urbane Erscheinung thematisiert, sie jedoch lediglich als jugendliche Verwirrungen im Großstadtdschungel präsentiert. Die Abwertung emanzipatorischer Bestrebungen geschieht nicht nur durch männliche Protagonisten, sondern durch das gleichsam erlösende Erkennen traditioneller weiblicher Werte der weiblichen Figur mit dem Ergebnis der ">restaurative[n] Verzückung<":

>Ich liebe ihn und will gut machen durch freudige Hingebung, was ich an ihm gesündigt habe< (S. 215).
Die als erfüllend dargestellte Übernahme des männlichen Blicks löscht die Frauengestalt in ihrer Individualität aus und reduziert sie auf die stereotype und gesellschaftlich periphere Funktion des partnerschaftlichen Ruhepols.


Problematik der >dichten Beschreibung<

Die mentalitätsgeschichtliche Analyse der populärdramatischen Texte Ludwig Fuldas nimmt im Vergleich mit den methodisch systematischen, sprachwissenschaftlich theoretischen und historisch kontextuellen Erörterungen keine die Studie dominierende Stellung ein. Entgegen der programmatischen Bedeutung des Buchtitels wie des Untersuchungszieles legt Holger Dauer das Gewicht seiner Ausführungen auf die Darstellung der mentalitätsgeschichtlichen Forschung. Das enorme Lesepensum, das der Verfasser offensichtlich bewältigt hat, und die Schwierigkeit, dieses stringent auf ein für die Textanalyse nötiges Maß zu extrahieren, spiegelt die Problematik der >dichten Beschreibung<.

Dagegen liefert die Analyse der Frauengestalten in den Bühnenstücken Ludwig Fuldas aufschlußreiche Erkenntnisse über die wilhelminische Mentalität gerade im Hinblick auf die Beziehung der Geschlechter und ihre politisch gesellschaftliche Dimension. Die in diesem Kontext vorgestellten Studien und die Anwendung ihrer Ergebnisse auf eine literaturwissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie ertragreich, aber auch arbeitsintensiv eine derartige Methode ist. Das Resultat, der ausführlich vorbereiteten und im vorletzten Kapitel durchgeführten Interpretationen, läßt auf eine Erweiterung des literaturwissenschaftlichen Kanons hoffen.


Dr. Hedwig Meier
Holsteinische Straße 19
D-10717 Berlin

Ins Netz gestellt am 22.02.2000.

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