Alfred Noe
Eine Bibliographie der Weltliteratur
in deutscher Übersetzung?
Wolfgang Rössig: Literaturen der Welt in deutscher Übersetzung. Eine chronologische Bibliographie. (Repertorien zur deutschen Literaturgeschichte; 19) Stuttgart, Weimar: J.B.Metzler 1997. 672 Seiten, geb. im Schuber, DM 298.-
In der Verlagsankündigung dieses Bandes, die kurioser Weise den Titel "Weltliteratur in deutscher Übersetzung" verwendet, wird mit Recht darauf hingewiesen, daß die meisten Daten über literarische Übersetzungen ins Deutsche bis jetzt nur durch eine zeitaufwendige Recherche in Spezialbibliographien zu erfassen sind:
Die vorliegende Bibliographie beseitigt diesen Mangel und bietet gleich in mehrfacher Hinsicht einen Überblick über die literarischen Übersetzungen ins Deutsche seit Erfindung des Buchdrucks: [...] Wer erfahren will, welche literarischen Werke aus dem Ausland in Deutschland zwischen 1933 und 1945 übersetzt und verlegt wurden, welche neuen Übersetzungen zur Goethezeit auf dem Markt waren oder mit welcher >Verspätung< bestimmte Werke in deutscher Übersetzung erschienen; wer die Anzahl und Frequenz von Übersetzungen der Klassiker von Homer bis Dostojewski wissen oder ein Bild über die Tätigkeit einzelner Übersetzer gewinnen will, wird in dieser Bibliographie, die ca. 20.000 Titel verzeichnet, schnell und gründlich bedient.
Auch wenn man derartigen Ankündigungen, deren Grundcharakter wohl nicht die Bescheidenheit sein kann, mit der gebotenen Zurückhaltung begegnet, wäre das wohl immer noch ein mehr als weihnachtliches Programm. Doch selbst äußerst wohlgemeinte Geschenke - was bei diesem Preis lediglich als rhetorische Geste zu verstehen ist - finden deshalb nicht unbedingt die unbeschränkte Zustimmung des Empfängers. Besonders dann, wenn bereits der erste Satz der Einleitung beim Leser nur empörtes Kopfschütteln verursacht:
Weltliteratur, ob sie nun aus Frankreich, Großbritannien oder Rußland, aus Amerika, Asien oder Afrika stammt, wird im deutschsprachigen Raum fast ausschließlich mit Hilfe von Übersetzungen wahrgenommen. (S. 7)
Das mag einerseits für die asiatischen und afrikanischen Literaturen, andererseits für den Zeitraum der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zutreffen; für die griechische und lateinische Literatur (wohl unbestreitbar Teil der Weltliteratur, doch zu diesem Begriff noch später) bzw. für frühere Jahrhunderte muß diese Behauptung auf Grund des fremdsprachigen Druckwesens in Deutschland, der Bibliotheksbestände und der Entlehnnachweise von öffentlichen Bibliotheken entschieden zurückgewiesen werden. 1
Auswahlkriterien
Bedauerlicherweise geht der Autor nicht explizit auf den im Titel verwendeten Begriff Weltliteratur ein; implizit ist wohl damit die unter der Zwischenüberschrift Zur Auswahl erläuterte Vorgangsweise als eine Art Definition zu verstehen:
Zu diesem Zweck wurden zahlreiche deutsche und internationale Literaturlexika ausgewertet, deren Autoreneinträge nach einer ersten Vorauswahl auf eine Datenbank übertragen und - nach Literaturen sortiert - einer Reihe von Fachleuten vorgelegt wurden. Die Endauswahl behielt sich jedoch der Bibliograph vor. Die sich daraus zwangsläufig ergebenden subjektiven Bevorzugungen bzw. Benachteiligungen einzelner Sprachen, Autoren, Originalwerke und Übersetzungstitel sind daher ihm allein zuzurechnen. (S. 7)
Ohne weitere Angaben zur Vorauswahl, zu der Reihe von Fachleuten und zur Endauswahl muß allerdings bei einem Benützer, der sich auf erklärte Subjektivität einzustellen bereit wäre, eine gewisse Ratlosigkeit aufkommen. Der einzig brauchbare Hinweis, daß der Autor Romanist ist und vermutlich in diesem Bereich eher >bevorzugt< arbeitet, soll daher in der schwerpunktmäßigen Analyse der Eintragungen Berücksichtigung finden. Daß hinter dem umfassenden Begriff der Weltliteratur eine in der Praxis kaum umsetzbare Vorstellung steht, räumt auch der Gründer der Bibliotheca Bodmeriana in Coligny, einer exziplit diesem Anspruch verpflichteten Sammlung, ein: Weltliteratur ist ein Spiegel der Welt, in welchem das zumindest wünschbare Ideal beschlossen liegt, die "Verhältnisse aller gegen alle" kennenzulernen. 2
Bodmer geht es vor allem um die Darstellung der Quellgebiete des Dichterischen, wie der Bibel, und der beherrschenden Figuren, wie Homer, Dante, Shakespeare, Goethe, deren Texte und deren Kontext, vor allem auch hinsichtlich der Verbreitungsbedingungen (Handschriften, Ausgaben) illustriert werden soll. Dem gegenüber scheinen Rössigs Literaturen der Welt eher "[...] die Gesamtheit der literarischen Produktion [...]" 3 im Auge zu haben, wie einige äußerst vage Hinweise vermuten lassen, aus welchen sich jedenfalls eine ziemlich traditionelle Auffassung von einer schönen, bildungskanonisierten Weltliteratur abzeichnet:
Nicht berücksichtigt wurden in der Regel Werke mit reinem Unterhaltungscharakter (sog. Trivialliteratur), so anfechtbar die Klassifizierung (besonders im Fall US-amerikanischer Bestsellerliteratur) im Einzelfall auch sein mag. Autoren der Kriminal- und Science-Fiction-Literatur wurden dann aufgenommen, wenn sie zur Erneuerung des Genre beigetragen haben. (S. 7; Hervorhebungen A. N.) 4
Da man freilich auf den ersten Blick nicht abschätzen kann, was alles mit diesen Begründungen nicht aufgenommen wurde, erhebt sich zunächst die Gegenfrage nach den Aufnahmekriterien einiger Titel:
Die Präsenz von Vaclav Hajek z Libocan (Kronika ceska, 1541; Böhmische Chronica, 1596) hat wohl mehr national- als weltliterarische Gründe; die Familiarum colloquiorum formulae (1518; Gespräche, 1545) von Erasmus haben als Lehrbuch eher didaktischen als literarischen Wert; Florent Dancourts Sämmtliche theatralische Werke (1761/62) fallen doch hauptsächlich unter den zitierten Begriff "reiner Unterhaltungswert"; Aurelio de' Giorgi Bertóla mit seinem Viaggio sul Reno e ne' suoi contorni fatto nell'autunno del 1787 (Malerische Rheinreise von Speier bis Düsseldorf, 1796) ist ohne Zweifel ein wichtiger Vermittler der deutschen Literatur und eines neuen Deutschland-Bildes in Italien; Umberto Eco hat mit La struttura assente. Introduzione alla ricerca semitica [sic!] (1968; Einführung in die Semiotik, 1972) oder Opera aperta (1962; Das offene Kunstwerk, 1973) sicher wichtige Beiträge zur Semiotik-Diskussion geliefert.
Aber zählt das zur Weltliteratur, oder zeichnet sich nicht letzten Endes hinter solchen Details ein unausgesprochenes Auswahlkriterium ab, das durchaus seine Berechtigung hätte: die Bedeutung dieser Werke aus deutscher Sicht, weil damit kulturelle Kontakte im weitesten Sinne geknüpft wurden. Es wäre m.E. nützlich gewesen, den (im letzten Moment gewählten ?) Begriff Literaturen der Welt als Leitprinzip insofern weiterzuverfolgen, daß man ausdrücklich solche literarische Werke verzeichnet, die nicht nur durch die Tatsache ihrer Übersetzung, sondern vor allem durch die Eröffnung neuer Horizonte im deutschen Sprachraum Bedeutung erlangten. Dann wüßte der Benützer nämlich, welche Auswahl aus den Literaturen der Welt (oder der Weltliteratur) er erwarten kann und warum Paulus Orosius (Historiae adversus paganos), Giovanni Pontano (De bello Neapolitano) oder Hernán Cortés (Cartas de relación de la conquista de Méjico) mit Recht hier verzeichnet werden.
Anwendungsmöglichkeiten
Welche praktischen Anwendungsmöglichkeiten ergeben sich trotz dieser Definitionsproblematik? Zunächst laut Prospekt:
Titel, Erscheinungsdaten und -orte des Originals und der deutschen Übersetzung samt den Übersetzern können nachgeschlagen werden; die Sortierung der Einträge nach Erscheinungsjahr sorgt dafür, daß man sich ein Bild über die Art und Weise der Übersetzungstätigkeit in bestimmten Zeiträumen machen kann. Register der Autoren, Titel, Übersetzer, übersetzte Sprachen und Erscheinungsorte machen jeden denkbaren Zugriff möglich.
Das wäre alles sehr nützlich, wenn es nicht in der Durchführung mit einer ganzen Reihe von allgemeinen Problemen behaftet wäre, auf die man den künftigen Benützer aufmerksam machen muß:
a) Daten zu Originaltexten und Übersetzungen:
Bei den Angaben zu den Erscheinungsjahren von Originalwerken überwiegt offenkundig eine Tendenz zu den Erstausgaben. Die durchgehend verwendete Jahreszahl 1516 für Ludovico Ariostos Orlando furioso ist wegen der erweiterten und wesentlich überarbeiteten Ausgaben von 1521 und 1532 zumindest als unvollständig und ohne Aussage über die tatsächliche Übersetzungsvorlage (1532) anzusehen. Auffällig ist auch die Angabe 1825/26 (im allgemeinen: Mailand 1827) für Alessandro Manzonis I promessi sposi, die allein aus zeitlichen Gründen für die ersten Übersetzungen (D. Laßmann 1832, E. v. Bülow 1837) die Vorlage sein muß. Nach der definitiven Fassung des Romans von 1840-42 jedoch gilt das wohl für die folgenden Übersetzungen (O. v. Schaching 1908; A. Holst 1909; A. Wesselski 1913; J. Schuchter 1923; A. Saager 1943; A. Lernet-Holenia 1950; E. Wiszniewsky 1959 und E. W. Junker 1960) nicht mehr.
Der mehr als komplexe Fall von Denis Diderots Le Neveu de Rameau (Goethes Übersetzung von 1805; französische Erstausgabe in den Oeuvres, Paris 1821) sei nur als zusätzliche Kuriosität erwähnt: Benützer kann lediglich aus den zeitlichen Abläufen der ersten Eintragung vielleicht schließen, daß es sich beim >Original< teilweise um eine Rückübersetzung handelt. Die Bibliographie weist nur selten (z.B. Nr. 268 Antonio de Guevara: Epistolas familiares. Valladolid 1539, erweitert 1541) 5 auf solche Veränderungen hin und verwendet bei den weiteren Eintragungen das Erscheinungsjahr eines vorgeblichen >Originals<, obwohl in der Zwischenzeit verbesserte Ausgaben erschienen sind.
Die Chronologie der Übersetzungen scheint unausgesprochen die Erscheinungsjahre der Druckausgaben als Grundlage zu haben, was natürlich bei älteren Texten grobe Mißverständnisse zur Folge haben kann. Hans Vintlers Übertragung der Sammlung Il fiore di virtù (Das buch der tugent) z.B. wird nicht unter dem Jahr der Fertigstellung (1411), sondern unter dem Jahr der Augsburger Ausgabe (1486) eingeordnet.
Darüber hinaus erfolgt eine vom Verf. niemals begründete Auswahl aus den Folgeausgaben der selben Übersetzung: Steinhöwels Übertragung von Boccaccios De claris mulieribus z.B. wird unter Nr. 7 mit dem Ulmer Erstdruck von 1473 und unter Nr. 157 mit der Augsburger Folgeausgabe von 1543 verzeichnet. Hausmann 6 zählt immerhin noch Augsburg 1479, Straßburg 1488, Augsburg 1541, Frankfurt a.M. 1566, 1569 und 1576 auf. Das ist leider kein Einzelfall, denn von Petrarcas lateinischer Fassung der 10. Novelle des 10. Tages aus Boccaccios Decamerone (im übrigen kommentarlos dem Autor Petrarca zugeordnet) werden nach der Übersetzung Steinhöwels (Augsburg 1471) von den zahlreichen Folgeausgaben und vermutlich davon abgeleiteten Bearbeitungen die Versionen von J. Fiedler (Dresden 1653) und M. v. Cochern (Dillingen 1687) ausgewählt. Nach welchen Gesichtspunkten?
Auf der anderen Seite findet man von den Trionfi Petrarcas zwar die erste Übersetzung durch D. Federmann von 1578, aber leider nicht die mindestens ebenso bedeutende Übertragung durch Ludwig von Anhalt-Köthen von 1643. Der Rückgriff auf die entsprechende Spezialbibliographie bleibt dem Benützer also gerade in solchen Fällen nicht wirklich erspart.
Im Vergleich zu den Spezialbibliographien kommt dann manchmal eine gewisse Skepsis bezüglich der Existenz von Übersetzungen auf. Gibt es die Decameron-Übersetzung von H. Leubing (Nr. 32: Die hundert neüen fabelen. Augsburg 1490) und die Übertragung von Petrarcas De remediis durch S. Wacker (Nr. 197: Von Hülff vnd Rath in Allem anliegen. Frankfurt a.M. 1561) wirklich? Weder die Ausgaben, noch die Namen dieser Übersetzer sind bei Hausmann 7 zu finden.
Neuübersetzungen ein und desselben Werkes kann man übrigens ebenso wie die oben besprochenen Folgeausgaben nur über den Umweg des Titelregisters finden; bei den Eintragungen selbst steht leider kein Hinweis.
b) Sprachangaben:
Es soll hier nicht auf die Problematik von Einteilungen wie Amerikanisch, Englisch, Englisch (Australien), Englisch (Indien) usw. oder Französisch, Französisch (Belgien), Französisch (Kanada) usw. eingegangen werden; einige der Kategorien können durchaus zeitliche (Lateinisch des Mittelalters oder der Neuzeit) oder regionale (im Fall der sog. Kolonialliteraturen) Zuordnungshilfen darstellen.
Details wie Boccaccios De claris mulieribus (Nr. 7 und 157 hier: De claribus [!] mulieribus) als neulat. und Petrarcas De insigni obedientia et fide uxoria (hier: Epistola [...] de historia Griseldis mulieris maxime constantie et patientie, Nr. 3) als mittellat., oder aber Rousseau und Madame de Staël als frz., Blaise Cendrars als frz.; Schweiz sollte man nicht immer wörtlich nehmen.
c) Übersetzer:
In der Einleitung kritisiert Rössig mit Recht die oft mangelhaften Angaben zu den Übersetzern:
Besonders mit der Angabe der Übersetzerinnen und Übersetzer gehen Bibliographien (und Verlage) nicht selten erstaunlich achtlos um. (S. 7)
Dieser Vorwurf fällt leider in Einzelbeispielen von älteren Übersetzungen auf ihn zurück, den er nennt unter Nr. 154 M. S. Vigilium, eigentlich Stephan Vigilius (Wachter), unter Nr. 279 und 307 N. Chrytraeus, eigentlich Chytraeus, sowie zwei Mal (Nr. 341 und 355) D. von der [!] Werder. Darüber hinaus scheinen die Angaben nicht immer auf dem neuesten Stand zu sein, denn unter Nr. 2 (Decameron-Übersetzung, Ulm 1471) das Pseudonym Arigo ohne Zögern H. Steinhöwel zuzuordnen, ist zumindest seit der Untersuchung von Bertelsmeier-Kierst 8 nicht mehr aktuell.
d) Statistische Gesichtspunkte:
Trotz der angeführten Detailprobleme, die zugegebenermaßen bei Daten aus den näherliegenden Zeiträumen deutlich abnehmen, soll noch die Frage einer Art von Repräsentativität des verzeichneten Materials angeschnitten werden. Sind bezüglich des Interesses des deutschsprachigen Publikums z.B. an Dante Alighieris Werken aus den hier verzeichneten Übersetzungstiteln und ihrer zeitlichen Streuung Tendenzen erkennbar? Dazu die folgende Zusammenstellung der Übersetzungen (nach Übersetzer und Jahreszahl der Erstausgabe):
| Monarchia | Commedia | Vita Nuova |
| Heroldt 1559 | Bachenschwanz 1767-9 | Oeyenhausen 1824 |
| Kannegießer 1845 | Kannegießer 1814-21 | Förster 1841 |
| Hubatsch 1872 | Streckfuß 1824-6 | Federn 1897 |
Sauter 1913 | Philaletes 1849 | Lambert 1919 |
| v.d.Steinen 1923 | Witte 1865 | Zoozmann 1921 |
| Bassermann 1892-1921 | Federn 1921 |
| Zoozmann 1908 | Thamm 1922 |
| George 1912 | Müller 1941 |
| Vézin 1926 | v. Falkenhausen 1942 |
| Borchardt 1930 | Hinderberger 1947 |
| Voßler 1942 | Hildebrandt 1957 |
| Gmelin 1949-51 | |
| Hertz 1956 | |
| Geiger 1960-1 | |
| Wartburg 1963 | |
| Köhler 1966 | |
| v.Falkenhausen 1975 | |
| Sokop 1987 | |
| Canzoniere | Convivio | De vulgari |
| Kannegießer 1827 | Kannegießer 1845 | Kannegießer 1845 |
| Federmann 1966 | Sauter 1911 | Dornseiff 1925 |
Wenn man von nicht berücksichtigten Teilübersetzungen absieht, kann man daraus zunächst die Reihenfolge in der Übersetzung der Werke ablesen (beginnend eben mit dem aus reformatorischer Sicht so interessanten De monarchia). Deutlich bestätigt sich die bekannte Tatsache, daß Dante erst nach dem positiven Urteil von Bodmer und Breitinger übersetzt wird und in erster Linie eine Entdeckung der Romantik darstellt. In dieser Hinsicht ist auch das breite Interesse an Vita Nuova verständlich, während die anderen Werke von den meisten Übersetzern offensichtlich nur noch >mitgenommen< werden.
Von den hier verzeichneten 40 Dante-Übersetzungen stammen 21 aus dem Zeitraum 1824-1924. Im Durchschnitt erscheint 1814-1987 eine Commedia-Übersetzung pro Jahrzehnt, wobei sich die Produktion zusehends steigert (1908-42 alle 7 Jahre, 1949-66 alle 3,5 Jahre), um in letzter Zeit wieder auf den Durchschnittswert abzuflachen.
Wie sieht dieses Bild bei von der Aufklärung ähnlich verachteten Autoren wie Torquato Tasso (T), Giambattista Guarini (G) und Ludovico Ariosto (A) aus?
| T: Gerusalemme | A: Orlando | T: Dialoghi |
| v.d.Werder 1626 | v.d.Werder 1636 | Rist 1650 |
| Koppen 1744 | Werthes 1778 | Hasse 1923 |
| Heinse 1781-3 | Heinse 1782-3 | Staiger 1972 |
Gries 1800 | Gries 1804-9 | |
| Streckfuß 1822 | Streckfuß 1818-25 | |
Duttenhofer 1840 | Kurtz 1840-1 | |
| Kissner 1922 | |
| G: Pastor fido | T: Aminta |
| Hoffmannswaldau 1678 | Kirchhof 1742 |
| Assmann 1678 | Oehlke 1896 |
| Taube 1962 |
Der >deutschen Erfindung< Dante mit ihrer anhaltenden Faszination stehen hier ziemlich disparate Entwicklungen gegenüber, die letzten Endes alle in ein gegenwärtiges Desinteresse münden. Die sich aus solchen Zusammenstellungen abzeichnenden Silhouetten decken sich zumindest in unscharfer Weise mit den Einschätzungen in der Forschungsliteratur.
Übersetzungen sind in ihrer zeitlichen Streuung sicher ein Ausdruck des Interesses an den Werken, 9 so daß nicht nur ihrer vereinzelten Existenz Aussagekraft zukommt, sondern auch entsprechend unschärfere Auswertungen von Gruppen zumindest Linien der weiteren Analyse vorgeben können. Und das scheint in dem Verzeichnis von Rössig durchaus machbar zu sein, wenn man z.B. den Anteil der Sprachen an den Übersetzungsvorlagen im 16. und 17. Jahrhundert betrachtet: 10
| Zeit | Latein. | Griech. | Franz. | Ital. | Span. | andere |
| 1500-09 | 8 | 3 | - | 1 | - | - |
| 1510-19 | 10 | 4 | - | - | - | - |
| 1520-29 | 20 | 5 | - | - | - | - |
| 1530-39 | 31 | 16 | - | - | - | 1 |
| 1540-49 | 15 | 10 | - | - | - | - |
| 1550-59 | 12 | 7 | 1 | 1 | 1 | - |
| 1560-69 | 12 | 3 | 1 | 1 | 1 | 1 |
| 1570-79 | 8 | 4 | 3 | 4 | 4 | - |
| 1580-89 | 10 | 3 | 2 | - | 5 | 1 |
| 1590-99 | 6 | 2 | 1 | 1 | 5 | 1 |
| 1600-09 | 6 | 4 | - | 4 | 9 | - |
| 1610-19 | 5 | 4 | 1 | 2 | 7 | - |
| 1620-29 | 5 | 2 | 2 | 2 | 7 | 1 |
| 1630-39 | 6 | 1 | 2 | 1 | 1 | 1 |
| 1640-49 | 5 | 2 | 1 | - | 7 | 1 |
| 1650-59 | 6 | - | 1 | 1 | 5 | 4 |
| 1660-69 | 2 | 2 | 9 | - | 4 | 3 |
| 1670-79 | 6 | 1 | 7 | 3 | 1 | 3 |
| 1680-89 | 3 | - | 3 | - | 1 | 4 |
| 1690-99 | 3 | 2 | 13 | 1 | 5 | 2 |
Neben dem zu erwartenden Bild von der anfangs beherrschenden, nach der Jahrhundertwende dann langsam zurücktretenden Position der klassischen Sprachen kann man daraus die oft unterschätzte Bedeutung der spanischen Literatur (vor allem des religiösen Schrifttums) ersehen, was sicher als positives Ergebnis zu werten wäre. Dieses Schema, das sich noch dazu ab 1660 mit seinem sehr deutlichen Wechsel vom Spanischen zum Französischen empfiehlt, wird allerdings der Bedeutung des italienischen Einflusses nicht gerecht. Vermutlich deshalb, weil unverhältnismäßig viele italienische Autoren in der Kategorie des Lateinischen untergehen.
Das bedeutet letzten Endes, daß man aus den Eintragungen in dieser Bibliographie durchaus korrekte und (auch didaktisch) effektvolle Übersichten zusammenstellen kann, diese aber immer einer entsprechend kritischen Kontrolle aus anderen Quellen bedürfen.
Ähnliches gilt für die Antwort auf die Frage, ob sich Modeerscheinungen der jüngeren Zeit wie die Begeisterung für lateinamerikanische Literatur Anfang der 70er Jahre oder für die italienische Literatur Anfang der 80er Jahre in den Eintragungen niederschlagen: 11
| Zeit | Anzahl | Engl. % | Franz. % | Ital. % | Span. % | andere % |
| 1970 | 186 | 30 | 18 | 6 | 5 | 41 |
| 1971 | 148 | 24 | 16 | 3 | 10 | 47 |
| 1972 | 181 | 34 | 17 | 7 | 6 | 36 |
| 1973 | 142 | 34 | 15 | 4 | 10 | 37 |
| 1974 | 152 | 26 | 17 | 7 | 5 | 45 |
Daraus kann man neben dem relativ konstanten Anteil von englisch- und französischsprachigen Übersetzungsvorlagen zumindest erkennen, daß Spanisch im fünfjährigen Durchschnitt mit 7,2% deutlich über dem italienischen Anteil von 5,4% liegt. Das müßte sich aber 10 Jahre später signifikant verändern:
| Zeit | Anzahl | Engl.% | Franz. % | Ital. % | Span. % | andere % |
| 1980 | 204 | 32 | 15 | 9 | 9 | 35 |
| 1981 | 221 | 23 | 16 | 6 | 14 | 41 |
| 1982 | 228 | 26 | 20 | 7 | 8 | 39 |
| 1983 | 201 | 29 | 15 | 7 | 6 | 43 |
| 1984 | 270 | 33 | 12 | 10 | 6 | 38 |
| 1985 | 260 | 30 | 16 | 10 | 5 | 39 |
| 1990 | 170 | 29 | 10 | 10 | 12 | 39 |
In der ersten Hälfte der 80er Jahre haben die Übersetzungen aus dem Italienischen (8,2%) also mit dem Spanischen (8%) gleichgezogen und spiegeln ein angestiegenes Interesse von seiten des Literaturbetriebs wider. Den letzten Werten von 1990 kommt m.E. weniger Bedeutung zu, weil die Gesamtzahl der Übersetzungen plötzlich drastisch zurückgeht; es hat also fast den Anschein, der Verf. wollte mit der >schönen< Zahl von 16.500 Eintragungen aufhören. Vergleicht man nun solche Ergebnisse mit Auswertungsversuchen nach dem bekannt lotteriemäßigen Index translationum, so sind hier die Gewinnchancen deutlich höher.
Register
Die fünf Register zur Erschließung der Eintragungen gestatten einen Zugang nach Autorennamen, nach Sprachrguppen der Autoren, nach Titeln der Originalwerke, nach deutschen Übersetzungstiteln aus den einzelnen Sprachgruppen und nach Übersetzernamen. Besonders der Einstieg mit dem Übersetzungstitel scheint hilfreich, denn Im vergessenen Fort oder Die Festung deuten nicht immer so direkt auf das Originalwerk Il deserto dei tartari von Dino Buzzati, wie der zuletzt gewählte Titel Die Tatarenwüste.
Die Benützung dieser Register bedarf ohne Zweifel einer gewissen Eingewöhnung: daß z.B. Dante Alighieri unter Alighieri, Dante oder der Übersetzer Adam Werner von Themar unter Themar, und nicht Werner von Themar verzeichnet sind, kann man trotz gegenteiliger Gewohnheiten noch nachvollziehen. Dem unvorbereiteten Benützer, der den Titel Galateo von G. Della Casa (unter: Trattato di Messer Giovanni Della Casa) oder die Autoren Fruttero / Lucentini (nur unter: Lucentini) sucht, muß man Geduld, Glück und Phantasie wünschen. Bei diesen Irrgängen findet man allerdings auch viele erfreuliche Dinge, die man nicht gesucht hat.
PD Dr. Alfred Noe
Institut für Romanistik
der Universität Wien
Neues Institutsgebäude, 1.Stock
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A - 1010 Wien
Ins Netz gestellt am 14.09.1999.
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