Kauffmann über Albrecht: Geopolitik und Geschichtsphilosophie

Kai Kauffmann

Ein Kompendium der Gelehrsamkeit,
ein Monstrum der Wissenschaft

Christoph von Albrecht: Geopolitik und Geschichtsphilosophie 1748-1798. Berlin: Akademie Verlag 1998. 490 Seiten. Geb. DM 98.-


Dem Vorwort des Verfassers ist zu entnehmen, daß die Untersuchung als eine germanistische Dissertation über Hölderlins Hyperion (bei Friedrich Kittler an der Universität Bochum) entstanden ist. Dies sollte man aber nicht allzu streng auslegen, handelt es sich doch eher um ein polyhistorisches Werk über die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, das die Literatur höchstens zum Anlaß nimmt, um mit ungeheurer Gelehrsamkeit über die Militärgeschichte, Philosophie-, Religions-, Revolutions-, Agrar-, Medizingeschichte und vieles andere mehr zu berichten.

Der Rezensent, dessen Kompetenz auf die Literatur und die Sozialgeschichte der Literatur im engeren Sinn beschränkt ist, sieht sich von daher nicht in der Lage, alle Teile dieser "erzählenden Ideengeschichte" (Vorwort, o.S.), die zugleich eine Realiengeschichte ist, bis in ihre letzten Verästelungen zu erfassen und zu beurteilen. Er meint aber von der Gesamtstruktur der Arbeit genug zu erkennen, um an ihrer Stringenz und Kohärenz zu zweifeln.


Hölderlins Hyperion
als "Schlüsselroman" historischer Tatsachen

Albrechts Untersuchung scheint mehrere Ausgangspunkte zu haben, von denen viele Fäden nach allen möglichen Richtungen laufen; da diese Fäden sich – geplant oder ungeplant – kreuzen, ergibt sich am Ende ein Netz von Bezügen, das ganz Europa umspannt.

Ein erster Ausgangspunkt ist der Hyperion. Albrecht liest ihn durchgängig als einen "Schlüsselroman, der auf die historischen Tatsachen hin befragt werden soll, die in ihm angedeutet sind" (S. 27), was zur Folge hat, daß die Deutung des fiktionalen Romans durch die Untersuchung der viel interessanteren historischen >Realität< ersetzt wird. Albrecht betrachtet die Ideen, Motive und Metaphern des Hyperions als Verweise, die zu Fakten, Diskursen und Techniken zurückführen.

Weil Hölderlin seinen Helden zu einem hellenischen Freiheitskämpfer macht, erzählt Albrecht die Geschichte des russisch-türkischen Krieges (1768-1774) und der französischen Besetzung von Korfu (1797), in deren Verlauf es zu griechischen Aufständen (1770 und 1797) gegen die osmanische Herrschaft kommt, und schildert zugleich die Entstehung des europäischen Philhellenismus (Kap. 2 u. 3). Dabei geht Albrecht besonders auf die Rolle des griechischen Revolutionärs Rhigas Velestinlis ein. Daß er seine eigene Anfangsfrage – "Was wußte Hölderlin von den Plänen des Rhigas Velestinlis, von dessen Verbindungen mit der französischen Revolutionsarmee und von seinem Scheitern am politischen Kalkül der Österreicher" (S. 114) – philologisch nicht beantworten kann, hindert ihn nicht daran, Rhigas als das realpolitische Vorbild auszugeben, von dem der Hyperion lediglich der idealphilosophische Abklatsch ist.

Weiter: Weil der Feldherr Hyperion gelegentlich für einen Krieg in "Blizesschnelle" schwärmt, der sich den natürlichen Gegebenheiten des Terrains anpaßt und auf die nationale Motivation der Truppen vertraut, wird die Ablösung des Festungskrieges (Kap. 1) und die Entwicklung des Bewegungskrieges durch Napoleon Bonaparte (Kap. 4) in theoretischer und praktischer Hinsicht dargestellt. Obwohl der Versuch, Hölderlins Kenntnis von Kriegsstrategien, Schlachtplänen etc. philologisch nachzuweisen, ergebnislos abgebrochen wird (vgl. S.180 u. S.192), erscheinen hier Napoleons italienische Eroberungsfeldzüge als wirkliches Substrat von Hyperions schwärmerischen Imaginationen des griechischen Befreiungskampfes.

Ferner: Weil Hölderlin diesen Befreiungskampf als Wiedergeburt einer Mensch und Natur vereinigenden Religion bzw. Politik deutet, zeichnet Albrecht die Entwicklung der französischen Geschichts-, Religions- und Revolutionsphilosophie nach (bes. Kap. 6). In dem Roman Die Ruinen oder Betrachtungen über die Revolutionen der Reiche (1791; dt. 1792) des >Ideologue< Constantin-François de Volney, den Hölderlin gekannt haben könnte, erkennt Albrecht eine >materialistische< Auseinandersetzung mit eben jenen Problemen der Geschichte, der Religion und der Revolution, die im Hyperion idealistisch verbrämt sind.

Am Ende seiner Arbeit läßt er sich doch noch, wenn auch nur beiläufig, auf die Frage ein, warum Hölderlin im Roman diese und andere Realien andeutet bzw. den Hyperion "mit historischem Tatsachenwissen anreichert":

Er will damit zeigen, daß die schlichte Metaphysik der sich verjüngenden Natur [...] überhaupt etwas mit der politischen und historischen Wirklichkeit zu tun hat. [...] Den russisch-osmanischen Krieg von 1768-74 als Thema des Romans zu wählen, war so motiviert: Die zeitgenössische Wirklichkeit von 1798, die möglicherweise bevorstehende >Befreiung< Griechenlands durch den noch >unkorrumpierten< Revolutionshelden Bonaparte, ließ sich mit einer tragischen, aber verheißungsvollen Vorgeschichte deuten. Hyperions Taktik und Strategie nehmen bereits die Realität des ersten Koalitionskrieges vorweg. Aber der Aufstand verfehlt den >richtigen Zeitpunkt<, der durch die natürlichen Zyklen der >Verjüngung< der Nationen vorgegeben ist. Bonaparte als >Sohn der Natur< dagegen würde diesmal hoffentlich mit metaphysischer Pünktlichkeit zur Revolution in Griechenland eintreffen. Die weitere Bedeutung des griechischen Sujets wäre dann die eines Präzedenzfalls für die >Verjüngung< Deutschlands gewesen. [...] In Hölderlins Metaphysik ist die Revolution der Punkt, an dem sich die Zyklen der Natur mit denen der Nationen berühren. Hier fallen Natur und Politik zusammen. [...] Hölderlin führt die Französische Revolution als den empirischen Beweis dafür an, daß die neue Religion real möglich ist. (S. 404f.)
Nach Albrecht handelt es sich also um einen erzählerischen Trick Hölderlins, durch den der spekulativen Metaphysik der idealistischen Geschichtsphilosophie eine Realität untergeschoben wird.


Die geopolitische Philosophie Rousseaus

Ein zweiter Ausgangspunkt ist die >geopolitische< Philosophie Jean-Jacques Rousseaus, die sowohl gegen ihre revolutionäre (Robespierre) und postrevolutionäre (Napoleon) Pervertierung in Frankreich als auch gegen ihre transzendental- und geschichtsphilosophische Rezeption (Kant, Herder, Hölderlin, Hegel etc.) in Deutschland in Schutz genommen wird.

Albrecht sieht in Rousseau einen >Realisten<, >Materialisten< und >Positivisten<, ja einen >Sozialtechniker< und >Kybernetiker< des auf Reformen setzenden >Konservatismus< (vgl. S. 7-25), der die wirklichen Fragen der Gesellschaft und des Staates angehe, ohne jedoch – wie die Aufklärer Voltaire und Diderot im Dienste der Zarin Katharina II. – zum philosophischen Lobsänger imperialististischer Macht zu werden.

Vor allem im Prolog der Arbeit werden Rousseaus Schriften, besonders der Contrat social und die Verfassungsentwürfe für Polen und Korsika, als Versuche interpretiert, die Kräfte, die das Gefüge des Ancien Régime zu sprengen drohten, unter dem freilich irreführenden Behelfstitel der >Natur< in ein neues Ordnungssystem zu integrieren. Für Rousseau seien >Freiheit<, >Gleichheit< und >Brüderlichkeit<, >Tugend<, >Volk< und >Nation< keine metaphysischen Ewigkeitswerte und moralischen Endziele einer guten Gesellschaft, sondern empirisch meßbare Kräfte und politisch einsetzbare Mittel eines starken Staates, der den Prinzipien der Selbstbehauptung und der Selbststeuerung folge und deshalb die Probleme der Moderne lösen könne (vgl. S. 10 u. S. 53).

Laut Albrecht gehört die von Rousseau philosophisch begründete Berechnung und Verwendung dieser Kräfte und Mittel zu derselben Sozialtechnik und Geopolitik, wie die gleichzeitige Entwicklung der französischen Kartographie (Kap. 1 u. 7), die ihrerseits mit den Reformen des französischen Militärstrategie (Kap. 1 u. 4) und des französischen Verwaltungsstaates (Kap. 7) verbunden ist. Hinzu kommen die Förderung empirischer Wissenschaften wie der Demographie und die Verbesserung praktischer Techniken im Bereich der Hygiene und des Ackerbaus (Kap. 5).


Der "philosophische Weltbürgerkrieg":
Idealismus vs. >Idéologie<

Von Rousseau aus verfolgt Albrecht die französische Tradition der Sozialtechnik und Geopolitik, die aber gegen Ende des 18. Jahrhunderts abbricht. Denn die sogenannten "Ideologues", die in ihrem "Institut national" diese Tradition fortführen, können während der Französischen Revolution nicht gegen die Jakobiner Robespierres bestehen, die sich gleichfalls auf Rousseau berufen, um ihre radikale Moral und Politik durchzusetzen. Geistig enteignet und politisch entmachtet, werden die Ideologen schließlich die Opfer ihres ehemaligen Schülers Napoleon Bonaparte, der als frisch gekrönter Kaiser Teile des "Institut" schließt und sich statt der Ratschläge des pragmatischen Geschichtsphilosophen, Kartographen und Administrators Volney die Weihen des christlichen Religionserneuerers Chateaubriand geben läßt.

Hier treffen nun die Entwicklungslinien, die Albrecht von Rousseau aus zu den Ideologen gezogen hat, auf andere, die von Kant zu Hölderlin führen. Gleichzeitig mit der französischen Tradition der Sozialtechnik und Geopolitik entwickelt sich nämlich die deutsche Tradition der idealistischen Geschichtsphilosophie, die sich zwar auf einen >umgefälschten< Rousseau beruft (vgl. S. 18), tatsächlich jedoch Kant in dem Versuch folgt, durch >Taschenspielertricks< (vgl. S. 53) die "vorfabrizierte Moralteleologie" und "Metaphysik" (S. 18) zu retten. Albrecht hat in seiner ganzen Arbeit diesen geistigen Gegensatz oder, wie er selbst sagt, diesen "philosophischen Weltbürgerkrieg" (S. 406) an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert im Auge:

Die Frontstellung um 1800 heißt: deutscher Idealismus gegen französische Idéologie, metaphysische Revolution gegen positivistischen Konservatismus. (S. 22f.)

Die >orientalische Frage<

Ein dritter Ausgangs- oder Fluchtpunkt (die Fäden laufen hin und her) ist die >orientalische Frage<. Albrecht behauptet im Prolog: "Europa ist die orientalische Frage als Gestalt." (S. 3) Diese etwas dunkle Generalthese wird erläutert, bevor Albrecht die verschiedenen Gestalt-Arten der orientalischen Frage spezifiziert (Kap. 3):
An der Grenze zwischen Orient und Okzident formierte sich die problematische Gestalt der europäischen Geopolitik und Geschichtsphilosophie. Hier fand die aufgeklärte Vernunft geeignete Testfelder für ihre methodischen Eroberungen des Raumes und der Zeit. (S.131)
Der Begriff Geopolitik wird hier in einem engeren und gewöhnlicheren Sinn verstanden. Denn Albrecht berichtet zum einen über den russisch-türkischen Krieg (1768-1774), in dem Katharina II. einen – im Hyperion poetisch gestalteten – griechischen Aufstand nur solange fördert, wie er ihren eigenen Machtinteressen am Bosporos dient; zum anderen über die französische Besetzung von Korfu (1797), die wiederum die griechische Freiheitsbegeisterung anheizt, tatsächlich aber dieselben gebiets- und handelsstrategischen Ziele verfolgt, wie der anschließende Feldzug Napoleons nach Ägypten. In all diesen Fällen wird die geopolitische Militäraktion durch eine geschichtsphilosophische Propaganda vorbereitet und flankiert. Katharinas II. Kriege werden vor allem von Voltaire, Napoleons Feldzüge unter anderem von Volney (!) als politische Befreiung Griechenlands von der Tyrannei der Osmanen und philosophischer Sieg Europas über die Barbarei der Asiaten gerechtfertigt und gefeiert. Das sind nach Albrecht die geopolitischen und geschichtsphilosophischen Gestalten der orientalischen Frage.

Von daher kann niemand anderer als Rhigas Velestinlis, der gescheiterte griechische Revolutionär, die "prosaische, aktenmäßige Gestalt der orientalischen Frage" sein, während Hölderlins Held Hyperion und Lord Byrons Child Harold als "poetische Gestalten der orientalischen Frage" figurieren müssen (S. 131). Jetzt versteht man auch ohne weitere Erklärung, daß Dionysos, der im Hyperion eine gewisse Rolle spielt, die "mythologische Gestalt der orientalischen Frage und ihres Expansionsdrangs in Richtung Indien" ist (S. 168). Und wenn man hört, daß Maria Theresias Panduren und Tolpatschen als erste den Typus des Bewegungskriegs verkörperten, weiß man, daß dies die "technische und militärische Gestalt der orientalischen Frage" (S. 175) darstellt, so wie die Meldung, daß Pascha Ali von Janina die Bezeichnung der Franzosen als der Grande Nation prägte, zu der Erkenntnis führt: "Der westliche Nationalismus ist die >orientalische Frage< als Gestalt." (S. 141) Von anderen Gestalten, etwa dem österreichen Pestkordon auf dem Balkan – der hygienischen Gestalt –, der orientalischen Frage sei hier nicht mehr die Rede.


Dekonstruktion des Hyperion

Der Rezensent, der unweigerlich in Polemik und Satire verfällt, gesteht, daß seine Zusammenfassung problematisch ist. Denn einerseits gibt sie Albrechts Werk den Anschein einer Ordnung, die in Wirklichkeit fehlt, andererseits nimmt sie ihm den Überfluß der Inhalte, der andere Leser faszinieren könnte. Auch räumt er ein, daß die folgende Kritik einem Wissenschaftsbegriff verpflichtet ist, der auf diejenigen antiquiert wirken muß, die dem modischen >anything goes< der >Fröhlichen Medien- und Kulturwissenschaft< Kittlerscher Provenienz anhängen.

In literaturgeschichtlicher Hinsicht erscheint bereits der Ansatz, der für die Behandlung von Hölderlin gewählt wird, verfehlt. Albrechts Arbeit ist weder ein philologischer noch ein historischer Kommentar, denn die behaupteten Beziehungen des Hyperion zu Texten und Fakten können an keiner entscheidenden Stelle bewiesen werden. Sie ist aber auch keine hermeneutische Interpretation, denn die Verarbeitung dieser Texte und Fakten im literarisch-philosophischen Werk wird kaum berücksichtigt, weil ja Albrecht die entgegengesetzte Richtung einschlägt. Allerdings sind Fragen stehengeblieben, die gleichsam als Ruinen der wissenschaftlichen Tradition an Philologie und Hermeneutik erinnern:

Kannte Hölderlin die zeitgenössischen Schriften über die neue Art der Kriegsführung? Wie genau spiegelt Hölderlins Hyperion diesen Wandel der Kriegsführung wider, und welche Funktion hat diese Widerspiegelung? (S. 180)
Doch auf diese allzu positivistischen Fragen wird bloß hypothetisch geantwortet, nämlich durch die fortgesetzte Rhetorik des >vielleicht<, >könnte sein<, >kaum zu entscheiden<, >schwer abzuschätzen<. Wenn Albrecht seine eigenen Fragen lästig werden, so dreht er sie einfach um, ohne freilich der Rhetorik der Vagheit zu entkommen: "Einen >Einfluß< Hölderlins auf Rhigas zu unterstellen, wäre eine zu verwegene Spekulation." (S. 122) Oder: "Fast hat es den Anschein, als hätte Pommereul den Anfang von Hölderlins Hyperion als Vorlage gewählt [...]." (S. 196) Sollte am Ende doch aus dem Geiste der Poesie und der Geschichtsphilosophie die Wirklichkeit des Aufstandes und des Krieges entsprungen sein? "Sicher ließen sich leicht ähnliche Belege in der Literaturgeschichte finden" (S. 123), sie wären aber nur schwer in Albrechts Sinn zu deuten.

In Bezug auf den Hyperion sind die wenigen Passagen am aufschlußreichsten, die – wie die oben ausführlich zitierte Stelle – tatsächlich versuchen, die Funktion der Realitätsbezüge zu bestimmen. In ihnen wird auch deutlich, was Albrecht eigentlich intendiert. Er möchte zeigen, daß die im Hyperion beispielhaft verkörperte Poesie und Geschichtsphilosophie des deutschen Idealismus eine Form der Metaphysik ist, die ihre prinzipielle Leere nur durch die rhetorische Vorspiegelung von Sachgehalten kaschieren kann. Albrecht beabsichtigt also eine Dekonstruktion des Hyperion, die zugleich eine Ideologiekritik des deutschen Idealismus ist. Ironischerweise weist er jedoch durch seine Arbeit gerade darauf hin, daß die Poesie und die Philosophie dieses Idealismus keineswegs so wirklichkeitsfern und inhaltsleer sind, konstruieren doch selbst >Anspielungen< eine Beziehung des Textes zu der sonstigen Realität, die in die Bedeutung des Werkes eingeht und auf die Wirklichkeit zurückwirken kann.

Freilich ist eine Untersuchung, in der Literatur / Philosophie und Realität als einfache Gegensätze aufgefaßt und ausgespielt werden, nicht in der Lage, solche Vermittlungen angemessen zu beschreiben.


Geopolitik vs. Geschichtsphilosophie
– Zerrbilder der deutschen Geistesgeschichte

Damit ist bereits ein zweiter Kritikpunkt berührt. In philosophiegeschichtlicher Hinsicht ist der prinzipielle Gegensatz von französischer Geopolitik und deutscher Geschichtsphilosophie, den Albrecht zum philosophischen Weltbürgerkrieg verabsolutiert, nicht zu halten. Mit einem gewissen Recht macht der Verfasser auf eine pragmatische Seite von Rousseaus politischer Philosophie aufmerksam, die besonders in der deutschen Rezeption unterbelichtet geblieben ist. Er mag auch diese Seite mit den eigentlich anders – und ganz unterschiedlich – gelagerten Begriffen Materialismus, Positivismus oder eben >Geopolitik< pointieren.

Aber die Unterstellung, der Geopolitiker Rousseau sei ohne jedes Recht von "Lessing über Kant und Herder bis Hölderlin und Hegel" (S. 18) zum Moralisten und Metaphysiker umgefälscht worden, erfüllt eben jenen Tatbestand, der den deutschen Dichtern und Philosophen vorgeworfen wird. Weil Albrecht fürchtet, daß diese Unterstellung, die seine ganze Arbeit tragen soll, durch eine Lektüre von Rousseau entkräftet werden könnte, setzt er noch schnell eins drauf: Hat doch "der Positivist Rousseau selbst zu dem Mißverständnis Anlaß gegeben, er sei Metaphysiker, Idealist, Utopist, Romantiker" (S. 14). Gut, daß da einer Rousseau gegen Jean-Jacques verteidigt.

Zumal Albrecht bei der Apologie der Geopolitik, so einseitig sie auch ist, stellenweise seine produktive Einbildungs- und Erkenntniskraft unter Beweis stellt. Es ist wohl das größte Verdienst seiner Arbeit, von Rousseau aus die Schule der Ideologen wiederentdeckt zu haben, die bei uns weitgehend unbekannt sein dürfte. So erschließen die Ausführung über Volney eine faszinierende Gestalt der französischen Geistesgeschichte, freilich auch eine ambivalente Gestalt, die sich wieder gegen das Schema Geopolitik vs. Geschichtsphilosophie wehrt.

Dagegen liefert Albrecht nur Zerrbilder der deutschen Geistesgeschichte. Sein Haß auf den deutschen Idealismus macht ihn nicht sehend, sondern blind. Es ist nicht richtig, daß Rousseau und Kant auf dieselben Probleme reagieren, es ist nicht richtig, daß Kant keine Probleme, sondern nur Scheinlösungen formuliert (vgl. S. 20), es ist nicht richtig, daß Kants Kritiken – "barocke Luftschloßarchitektonik" (S. 104) – auf die Wiedererrichtung der Metaphysik und Moralteleologie zielen. Es ist falsch, den Realisten Rousseau pauschal gegen den Idealisten Herder auszuspielen, und dreist zu behaupten, daß in Herders Anschauung der Geschichte "keine >Vertiefung< des Denkens" (S. 112) liege, als seien, um ein Beispiel anzuführen, Rousseaus natur- und verfassungsrechtliche und Herders natur- und kulturgeschichtliche Begründungen von Volk und Nation nicht gleichermaßen idealistisch und realistisch zu nennen – in jedem Fall waren beide historisch wirksam.

Gerade an solchen Beispielen zeigt sich übrigens, daß die Entgegensetzung von Geopolitik und Geschichtsphilosophie nicht funktioniert. Was die französische Entwicklung betrifft, so geht bereits aus Albrechts Darstellungen der Revolutions- bzw. Koalitionskriege und der Feldzüge in Italien, Griechenland und Ägypten mit wünschenswerter Klarheit hervor, daß sich die Geopolitik (in engeren Sinn) von Anfang an der Geschichtsphilosophie bedient, um ihre Interessen zu legitimieren, wie auch umgekehrt die Geschichtsphilosophie zur Geopolitik rät, um ihre Ideale zu realisieren.

Zwar bemüht sich Albrecht nach Kräften, die geopolitische Invasion der französischen Revolutionsarmeen nach Belgien und Deutschland auf rein materielle Gründe zurückzuführen (Sicherung der Lebensmittelversorgung) und die geschichtsphilosophischen Propaganda, etwa Volneys, für die Eroberungsfeldzüge Napoleons auf soziale und ideelle Argumente in Sinne der Aufklärung (Verbesserung der Infrastruktur und Verbreitung von Freiheit und Toleranz) zu reduzieren, doch kann auch er nicht bestreiten, wie eng der geopolitische Imperialismus und die geschichtsphilosophische Ideologie zusammenhängen:

Militärische Maßnahmen werden geopolitisch geplant. Aber zu Propagandazwecken läßt man gleichzeitig geschichtsphilosophische Prinzipien wie >Nation<, >natürliche Grenzen<, >Freiheit<, >Rasse<, >Zivilisation< oder >Humanität< hinzutreten. Diese Wörter sind nicht ganz und gar gegenstandslos. Aber ihre hermeneutische Dehnbarkeit fällt letztlich zusammen mit der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Spannkraft derjenigen Mächte, die ihren jeweiligen Sinn für sich oder andere geltend machen. (S. 25)
Was heißt das für die deutsche Geschichtsphilosophie? Sollte man nicht glücklich sein, daß sie um 1800 keine andere Wahl hatte, als sich in ästhetischer und spekulativer Form auszuleben? Im übrigen hat sie später in Mittel- und Osteuropas hinreichend bewiesen, daß auch sie eine ethno- und geopolitische Sprengkraft besaß.

Ein letztes Argument zu diesem Punkt: Albrecht versteht nicht, daß es um 1800, und zwar nicht nur in Deutschland, das >Bedürfnis< (Hegel) für eine idealistische Philosophie gab, die auf sehr unterschiedlichen Wegen nach einer "Neuen Mythologie" suchte. Man macht sich die Geschichte zu einfach, wenn man die Fortschreibung der Aufklärung durch die Ideologen für den Königsweg der Menschheit hält, der tragischerweise durch ideologische Forderungen und politische Zwänge (in Frankreich: jakobinische Revolution und napoleonische Reaktion; in Deutschland: stein-hardenberg-humboldtsche Reformen und metternichsche Restauration) verstellt worden sei (vgl. S. 18).


Die >orientalische Frage<:
ein Phantasma

Was soll man schließlich zur >orientalischen Frage< sagen? Sie bleibt bei Albrecht ein Phantasma, das durch die Geschichte geistert, ohne jemals eine wirkliche Gestalt anzunehmen. Dabei verbergen sich hier interessante Probleme. Daß das Abend- auf das Morgenland, Europa auf Asien bezogen ist, gilt seit den Anfängen der Historie in vielerlei, z.B. bevölkerungs-, sprach-, religions-, philosophie-, mathematik-, literatur-, kunst-, militär- und handelsgeschichtlicher Hinsicht. Es gilt auch für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, obwohl inzwischen andere Beziehungen, besonders mit Amerika, hinzugekommen sind.

Doch Albrecht gelingt es nicht, und das ist für seine ganze Arbeit symptomatisch, einzelne Aspekte und Komplexe so zu isolieren, daß sie sich wissenschaftlich untersuchen und darstellen lassen. Statt sich auf die russischen und französischen Kriege auf dem Balkan und im vorderen Orient zu konzentrieren, die aufs engste mit dem Thema >Geopolitik und Geschichtsphilosophie 1748-1798< zusammenhängen, schweift er immer weiter ab und springt hin und her. Alexander der Große und Katharina die Große, Persien und Polen, Antike und Moderne, Kreuzzüge und Feldzüge, Panduren und Tolpatschen, Dionysos und Drakula, irgendwie hat ja alles mit allem zu tun. Albrecht verrennt sich in einem Labyrinth, stets die >orientalische Frage< verfolgend, die er am Ende des Weges zu erblicken meint. Wenn er glaubt, sie fast erreicht zu haben, verschwindet sie flugs an einen anderen Ort. Denn sie ist überall zu sehen und nirgendwo zu fassen.


Ein Kompendium der Gelehrsamkeit,
ein Monstrum der Wissenschaft

Es dürfte klar geworden sein, worin das eigentliche Ärgernis von Abrechts Arbeit besteht. Sie ist ein Kompedium der Gelehrsamkeit, aber zugleich ein Monstrum der Wissenschaft, dem jede Methodik fehlt. Logik, Systematik und Ökonomie wissenschaftlicher Verfahren sind fast restlos beseitigt. Fragen, die keine Anworten finden, Hypothesen, denen keine Beweise folgen, dafür >frei flottierende Diskurse< und >Fakten, Fakten, Fakten< ohne Begründung, Vermittlung, Deutung. Wenn die Arbeit überhaupt einem Prinzip folgt, dann dem rhetorischen Prinzip der Digression, das potentiell eine unendliche Folge von Exkursen hervorbringt.

Allerdings scheint dieses Prinzip durch ein anderes, ebenfalls rhetorisches Prinzip, nämlich die Topik, gezügelt zu werden. Albrecht verwendet eine ganze Reihe von Mitteln, die auf verschiedenen Textebenen für die Ordnung der Stoffmassen sorgen sollen. Es gibt am Anfang des Buches eine sogenannte Übersicht, die den Kapiteln jeweils ein Stichwort zuweist. Unabhängig davon tragen die Kapitel einen Titel, der durch die (Unter)Titel der verschiedenen Abschnitte und die Marginalien am Rande einzelner Absätze spezifiziert wird. Der jeweilige Titel des Kapitels wird im linken, der Titel des Abschnitts im rechten Seitenkopf mitgeführt. Diese Mittel der Bezeichnung suggerieren ein Ausmaß an Ordnung, das in Wirklichkeit gar nicht gegeben ist. Denn bei genauerer Betrachtung stellt sich heraus, daß diese Hyper- und Paratexte häufig keinen erkennbaren Zusammenhang untereinander und zuweilen auch keinen nachvollziehbaren Bezug zum gerade laufenden Text haben. Auf diese Weise potenziert sich sogar die Unordnung des Werkes.

Doch Albrecht setzt, selbst vom Schwindel der Worte und Taumel der Dinge verwirrt, letztlich auf die magische Bannkraft von sieben Zauberformeln, die dem Phantasma Europa und dem Chaos seines Buches eine kristalline Gestalt geben sollen: "14. Juli 1798, Paris – 27. Juni 1797, Korfu – 21. Juli 1774, Kütschük-Kainardschi – 28. März 1797, Tarvis (Kärnten) – 29. Mai 1453, Konstantinopel – 19. September 1798, Gizeh – 14. Juli 1790, Paris" leuchtet dem Leser auf dem gelben Rückendeckel in roter Schrift entgegen.

Das erinnert an das von Albrecht beschriebene Verfahren der historisch-topographischen Karten, mit denen Rhigas Velestinlis die griechische Vergangenheit beschworen und zur Befreiung von der türkischen Herrschaft aufgerufen hatte; und läßt zugleich an die Technik der kulturwissenschaftlichen Ausstellungen von heute denken, die ihr heterogenes Material in kombinatorischen Tableaus arrangieren, wobei sie einerseits auf die rhetorische Überredung durch Analogien und Kontraste, Assoziationen und Dissoziationen, andererseits auf die auratische Wirkung der einzelnen Fundstücke vertrauen.

Es wird Leser geben, die Albrechts Buch zwar nicht verstehen, aber umso mehr bewundern werden.


Dr. Kai Kauffmann
Institut für Deutsche Philologie
der Technischen Universität Berlin
Straße des 17. Juni 135
D-10623 Berlin

Ins Netz gestellt am 23.11.1999.

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