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- Oliver Fink: "Memories vom Glück". Wie der
Erinnerungsort Alt-Heidelberg erfunden, gepflegt und bekämpft wurde
(Buchreihe der Stadt Heidelberg IX) Heidelberg: verlag regionalkultur 2002.
192 S. mit 30 Abbildungen. Geb.
EUR (D) 18,90.
ISBN 3-89735-209-5.
Die Uraufführung des Schauspiels Alt-Heidelberg
von Wilhelm Meyer-Förster am 22. November 1901 in Berlin drohte in einen
Eklat zu münden: Einige Schauspieler weigerten sich, die als
minderwertig und kitschig empfundene Vorlage auf die Bühne zu bringen.
Sie fürchteten, von der Kritik zerrissen zu werden. Allen Unkenrufen zum
Trotz war das Premierenpublikum begeistert, das Stück traf offenbar den
Geschmack der breiten Massen. Die Erfolgsgeschichte von Alt-Heidelberg
nahm nun ihren Lauf.
Oliver Fink legt mit seiner Heidelberger
Dissertation die Beschreibung und Analyse einer spezifischen Ausprägung
des >romantischen< Erinnerungsortes Heidelberg als nationaler Topos des
kollektiven Gedächtnisses vor. 1 Nicht
der Mythos Heidelbergs als Wirkungsstätte großer >Dichter und
Denker< und Schnittstelle intellektueller Kreise steht im Mittelpunkt der
Arbeit, sondern ein bis dato geschmähter und vernachlässigter
Aspekt, der massenwirksam national wie transnational zur Stabilisierung und
Verstärkung der Anziehungskraft dieses Mythos beigetragen hat: Der Autor
beleuchtet die Entstehung und Verbreitung von "Alt-Heidelberg" als
"Kristallisationspunkt deutschen kulturellen Gedächtnisses"
(S. 26).
"Alt-Heidelberg"
Der Begriff "Alt-Heidelberg" geht auf das Gedicht
Alt-Heidelberg, du Feine im Versepos Der Trompeter von
Säckingen von Joseph Viktor von Scheffel aus dem Jahr 1854
zurück, in dessen Zentrum die Liebe einer Adligen zu einem jungen
Bürgerlichen steht. Wilhelm Meyer-Förster griff diesen Topos mit
ungekehrtem Vorzeichen auf, als er um 1900 sein Schauspiel Alt-Heidelberg
zu Papier brachte: Ein junger Erbprinz namens Karl-Heinrich aus dem
fiktiven Sachsen-Karlsburg kann als Verbindungsstudent in Heidelberg
höfische Zwänge und Konventionen hinter sich lassen und sich
ausufernd dem studentisch-korporativen Leben der Neckar-Stadt hingeben. Hier
entbrennt seine große Liebe zur einfachen Kellnerin Käthie. Nach
nur viermonatigem Aufenthalt in Heidelberg wird die Romanze jäh beendet:
der junge Mann wird unverhofft zurück an den fürstlichen Hof
gerufen, um seiner Regierungspflicht nachzukommen und eine
standesgemäße Heirat einzugehen. Heidelberg bleibt ihm als Hort
des Glücks in sentimentaler Erinnerung, während er am Schreibtisch
sachlich-nüchtern die Geschicke seiner Untertanen zu lenken hat.
Das Stück entwickelte sich zu einem wahren
Publikumsrenner im In- und Ausland. Folgt man Fink, stellt Alt-Heidelberg
einen der größten Erfolge in der deutschen Theatergeschichte
dar. Bei allem Zuspruch polarisierte das Schauspiel: Die Kritiker sahen darin
ein Paradigma für übelsten Kitsch und Trivialität. Dessen
ungeachtet verselbständigte sich der Stoff und wurde in zahlreichen
Liedern, Musikstücken und Kinofilmen adaptiert. Egal, ob in der
Operettenversion The Student Prince In Heidelberg von Sigmund Romberg
am Broadway oder im eingängigen Schlager von Peggy March –
"Alt-Heidelberg" avancierte zum Inbegriff des >good old
Germany<.
Oliver Fink fasst den Begriff erstmals wissenschaftlich, er
definiert "Alt-Heidelberg" als eine "spezifische
Literarisierung des sozial- und mentalitätsgeschichtlich für das
19. Jh. signifikanten Daseins als (Verbindungs-)Student in Heidelberg, das
wiederum als Sinnbild deutschen Studentenlebens in dieser Zeit schlechthin
aufgefasst wurde" (S. 25).
Zur näheren Bestimmung der Wirkungsmächtigkeit
"Alt-Heidelbergs" zeigt Fink zunächst die Rahmenbedingungen
der Entstehung auf, um in den nächsten Kapiteln auf die literarische
Erfindung durch Joseph Viktor von Scheffel und die Popularisierung durch
Meyer-Försters Schauspiel einzugehen. Ausführlich widmet sich Fink
den Adaptionen, filmischen Umsetzungen und Inszenierungen. Den Abschluss der
Arbeit bildet eine Darstellung über die Kritik an Alt-Heidelberg
durch Literaturbetrieb, Bildende Kunst und nationalsozialistische
Kulturpolitik.
Den Quellenschwerpunkt bilden die Texte von Joseph Viktor von
Scheffel und Wilhelm Meyer-Förster samt ihrer Adaptionen.
Aufsehenerregend sind daneben die von Fink aufgestöberten Spielfilme
– zum Teil entlegene Produktionen aus den Jahren 1912 bis 1959.
Heidelberg als >romantischer< Erinnerungsort
Im ersten Kapitel stellt der Autor die Genese Heidelbergs zum
>romantischen< Erinnerungsort als Grundbedingung für die
Verbreitung "Alt-Heidelbergs" dar. Ausgehend von
der Entdeckung der Stadt durch die Romantiker um 1800 geht Fink auf den
vielzitierten >Heidelberger Geist< ein, der auch ein Jahrhundert
später durch die Mythen- und Legendenbildung einzelner Personen und
derer intellektueller Zirkel aus dem universitären Umfeld lebendig blieb
und in der Memoirenliteratur einen vielfältigen Niederschlag fand. 2 Aber nicht nur die sogenannten
>Geistesgrößen< des intellektuellen Lebens der Stadt
prägten das Heidelberg-Bild, sondern auch die scheinbare
Omnipräsenz der studentischen Korporationen im wilhelminischen
Kaiserreich mit ihren Erscheinungsformen und Ritualen als Voraussetzung
für die Verbreitung eines sentimentalen folkloristisch-studentischen
Heidelberg-Bildes.
Literarische Vorlagen
Philologisches Kernstück der Arbeit bildet im darauf
folgenden Teil die eingehende Interpretation Joseph Viktor von Scheffels
Gedicht Alt-Heidelberg, du Feine und Meyer-Försters
Theaterstück Alt-Heidelberg als den Ursprungstexten des Begriffs
"Alt-Heidelberg". Im Kapitel zu Scheffels Alt-Heidelberg
geht Fink vor allem rezeptionsgeschichtlich vor. In erster Linie die
Vertonungen des Gedichts, die 1927 im Singspiel Ich hab' mein Herz in
Heidelberg verloren publikumswirksam gipfeln, kommen dabei zur Sprache.
Was Meyer-Försters Drama angeht, wagt Fink mit dieser
Untersuchung den Versuch, das Stück differenziert nach Kategorien des
Kitsches zu analysieren, ohne diese negativ zu werten.
Anders als zum Beispiel Gert Richter in seinem Kitsch-Lexikon von 1985
qualifiziert Fink das Drama nicht lapidar als "bittersüße
Liebesromanze von plüschzeitlicher Wohlanständigkeit" ab,
sondern unterzieht es einer detaillierten Analyse. 3 In Anlehnung an die Studie von Gelfert Was ist Kitsch?
weist er einige Merkmale des Standardtyps
"sentimentaler Kitsch" nach, würdigt aber überzeugend
ebenso die Qualitäten auf der literarischen Gestaltungsebene.
4
Adaptionen, Filme, Inszenierungen
Besonders hervorzuheben ist das Kapitel, in dem Fink auf die
Theaterinszenierungen sowie auf Literaturverfilmungen und stoff- und
motivähnliche Filme eingeht. Fink hat erstmals alle Heidelberg-Filme
deutscher wie US-amerikanischer Produktionen systematisch erfasst und einige
Beispiele analysiert, darunter die filmhistorisch bedeutsame Verfilmung des
Stoffes durch Ernst Lubitsch. Bei seinen Recherchen ist Oliver Fink auch auf
kuriose Bearbeitungen gestoßen – so auf eine japanische Adaption aus
dem Jahre 1910, in der ein koreanischer Prinz sein Studentenleben in Kyoto
genießt. Auch wenn das Stück in dieser Variante wohl kaum zur
Verbreitung des Heidelberg-Mythos beigetragen haben dürfte, beweist es
doch den weiten Bekanntheitsgrad des Sujets, das in diesem Falle zur
Propaganda japanischer Kolonialpolitik herangezogen wurde.
Finks Zusammenstellung bietet aber mehr als nur solche
aufschlußreichen Details: Die Analyse der Produktionen offenbart eine
Form von "filmische[r] Mythenarbeit" (S. 110): Einerseits entfalten
die Filme bis in die 1950er hinein eine identitätsstiftende Wirkung,
andererseits verstärken sie nationale Stereotypen.
Seit den 50er Jahren scheint die Popularität von
Alt-Heidelberg zu schwinden, was Fink auf eine wachsende Entfremdung
der Gesellschaft von der Welt der Verbindungsstudenten zurückführt.
Seit 1959 kam keine neue Bearbeitung von Alt-Heidelberg auf den Markt.
Abgesehen von den alljährlichen Aufführungen im Rahmen der
Heidelberger Schlossfestspiele als touristisches Highlight wurde das
Stück nur vereinzelt auf die Bühne gebracht, wie Fink aus seiner
Auswertung der Spielpläne schließt. Eine Inszenierung von Uwe Jens
Jensen aus dem Jahr 1995 in Stuttgart bildet eine damals überregional
beachtete Ausnahme, als dessen wesentliches Stilmittel Fink die
Überzeichnung ausmacht.
Das Kapitel führt eindrucksvoll den Bekanntheitsgrad des
Topos vor Augen; wünschenswert wäre gewesen, diesen Abschnitt mit
einer kulturhistorischen Auslegung der sich wandelnden Bearbeitungen von
Alt-Heidelberg abzurunden.
Der Kampf gegen Alt-Heidelberg
Die ungeheure Popularität von Alt-Heidelberg galt
allerdings schon unter Meyer-Försters Zeitgenossen nicht
uneingeschränkt, wie Fink anhand vernichtender Rezensionen von Bertold
Brecht ("Saustück"), Kurt Tucholsky ("anachronistischer
Buntdruck") oder Gerhard Ihering ("fauler romantischer
Zauber") verdeutlicht. Überzeugend stellt Fink hier den
Zusammenhang zu kulturkritischem Gedankengut her.
Neben Theaterkritiken werden auch andere Textgattungen
einbezogen, wie ein wenig bekanntes Gedicht von Erich Kästner oder die
Undercover-Reportage von Harry Domela. Erfreulicherweise beschränkt sich
Fink hier nicht auf literarische Quellen: Beißende Kritik manifestierte
sich auch in Bildern, wie dem Aquarell Alt-Heidelberg, du Feine (1923)
von Georg Scholz.
Nicht nur von politisch linker Seite wurde
das Stück angegriffen, auch die nationalsozialistische Kulturpolitik
betrachtete Alt-Heidelberg als Inbegriff von Schund, Kitsch und
Pseudoromantik, die es um der historischen Romantiküberlieferung Willen
zu bekämpfen galt. 5 Die Organisatoren
der nach 1934 wiederbelebten Reichsfestspiele in Heidelberg weigerten sich,
das Stück Meyer-Försters trotz anhaltender Beliebtheit in das
Repertoire aufzunehmen, um "diese[r] süßliche[n],
aufgeweichte[n] Auffassung von Heidelberg" Einhalt zu gebieten (zitiert
nach S. 167). Abgesehen von der ästhetischen Kritik am Stück sprach
sich auch der Nationalsozialistische Studentenbund aus Opposition zu den
traditionellen Studentenverbindungen vielerorts gegen eine Inszenierung aus,
er konnte in Hannover, der Geburtsstadt von Meyer-Förster, 1934 sogar
eine Absetzung des Dramas vom Spielplan erwirken. Für das kulturelle
Leben im >Dritten Reich< aufschlußreich erscheint an dieser
Stelle der Befund Finks, daß das Sujet von Alt-Heidelberg im
Film unter dem Nationalsozialismus nicht mehr aufgegriffen wurde, das
Stück auf den Bühnen allerdings nach wie zu den
meistaufgeführten Werken zählte.
Fazit
Oliver Finks Arbeit verfolgt im Kern einen
literaturwissenschaftlichen Ansatz, auch wenn sehr gewinnbringend, wie im
Kapitel zur Kritik an Alt-Heidelberg, Methoden und Ansätze
benachbarter Disziplinen integriert werden. Die Untersuchung liefert somit
keine umfassende Kulturgeschichte des Erinnerungsortes
"Alt-Heidelberg". Daraus ist dem Autor aber kein Vorwurf zu machen.
Schon in der Einleitung schränkt er ein, nicht nur in erster Linie die
kulturhistorischen Aspekte des Heidelberg-Bildes zu beleuchten, er versteht
seine Arbeit vor allem auch als philologisch wie filmwissenschaftlich
eigenständigen Beitrag. Ihm geht es darum, das Texte wie die Filme
"in ihrer prinzipiellen Autonomie als [...] trivialliterarische
Gebilde" ernstzunehmen (S. 29). Dieses Vorhaben ist ihm glänzend
gelungen. Nicht nur, daß seine Quellen hervorragend recherchiert sind,
seine Analyse erlaubt einen unverstellten Blick auf den Gehalt der
hinzugezogenen Texte und Filme.
Dr. Julia Scialpi
Schillerstr. 30
69115 Heidelberg
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Ins Netz gestellt am 22.04.2003

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Anmerkungen
1 Vgl. dazu auch Oliver Fink: Heidelberg. In:
Etienne François / Hagen Schulze (Hrsg.): Deutsche Erinnerungsorte. Band 3.
München: Beck 2001, S. 473–487. Seine Dissertation reiht Fink in der
Einleitung in die Untersuchungen zur Erforschung nationaler
Erinnerungskulturen ein. Zur dreibändigen Ausgabe von François / Schulze
vgl. Klaus Große Kracht, Rez.: Etienne François / Hagen Schulze
(Hgg.): Deutsche Erinnerungsorte, 3 Bde. 2000/2001. In: IASLonline:
http://www.iasl.uni-muenchen.de/rezensio/liste/grosse2.html
(ins Netz gestellt am 14.05.2002). zurück
2 Vgl. dazu den Sammelband Hubert Treiber /
Karol Sauerland (Hrsg.): Heidelberg im Schnittpunkt intellektueller Kreise.
Zur Topographie der "geistigen Geselligkeit" eines
"Weltdorfes" 1850–1950. Opladen: Westdeutscher Verlag 1995.
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3 Gert Richter: Erbauliches, belehrendes wie
auch vergnügliches Kitsch-Lexikon von A bis Z, Gütersloh:
Bertelsmann 1985, S. 27–31, hier S. 28. zurück
4 Hans-Dieter Gelfert, Was ist Kitsch?. Göttingen:
Vandenhoeck und Ruprecht 2000, S. 35–37. Vgl. dazu auch aktuell den Sammelband zu einem
interdisziplinären Kolloquium an der Universität Bielefeld: Wolfgang Braungart (Hg.):
Kitsch. Faszination und Herausforderung des Banalen und Trivialen
(Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte Band 112). Tübingen: Max Niemeyer 2002.
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5 Zur Romantikrezeption im Dritten Reich vgl.
Ralf Klausnitzer: Blaue Blume unterm Hakenkreuz. Die Rezeption der deutschen
literarischen im Dritten Reich. Paderborn u. a.: Schöningh 1999. Vgl.
auch Marcus Gärtner: Kontinuität und Wandel in der neueren
deutschen Literaturwissenschaft nach 1945. Bielefeld: Aisthenes-Verlag 1997.
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