Jan Distelmeyer (Hg.):
Tonfilmfrieden / Tonfilmkrieg. Die Geschichte der Tobis vom
Technik-Syndikat zum Staatskonzern (Ein CineGraph Buch). München:
edition text + kritik 2003. 204 S. Paperback. EUR 19,50. ISBN: 3-88377-749-8.
Hans-Michael Bock / Wiebke
Annkatrin Mosel / Ingrun Spazier (Hg.): Die Tobis 1928–1945. Eine
kommentierte Filmografie. München: edition text + kritik 2003. 320 S.
Paperback. EUR 36,00. ISBN 3-88377-748-X.
[1]
Seit 1988 veranstaltet
CineGraph in Hamburg jährlich einen internationalen filmhistorischen
Kongress, dessen Vorträge stets im nachfolgenden Jahr als Band der
Reihe CineGraph Buch erscheinen. Die ersten vier Kongresse
beschäftigten sich mit Filmkünstlern des Weimarer Publikumskinos, die
zweite Staffel mit den Versuchen der Konstruktion eines »Film-Europa«
vor dem Zweiten Weltkrieg, während der dritte Teil die
Genre-Entwicklung im deutschsprachigen Film derselben Epoche
beleuchtete. Von 2000 bis 2003 waren Firmen und Produzenten im
Blickfeld der Veranstalter. Der vorliegende Band ist das Resultat des
Kongresses 2002 und schließt sich in seinem inhaltlichen Aufbau
demjenigen über den deutschen Ableger des Hollywood-Studios Universal 1
an, mit dem entscheidenden Unterschied, dass dem Band über die Tobis
eine separate und kommentierte Filmografie zur Seite gestellt wurde. 2
[2]
Ein irreführender Titel
[3]
Der Titel Tonfilmfrieden / Tonfilmkrieg
läßt zu allererst an den in einigen Beiträgen zitierten ›Pariser
Tonfilmfrieden‹ vom Juli 1930 denken, der den vorangegangenen
kriegerischen Patentstreitigkeiten ein Ende bereitete, und die Filmwelt
in eine deutsche und eine amerikanische Einflusssphäre aufteilte, und
verweist somit auf einen wirtschaftlichen Aspekt. 3 Der Untertitel Die Geschichte der Tobis vom Technik-Syndikat zum Staatskonzern wiederum
spielt besonders auf die technischen und politischen Hintergründe an,
also darauf, wie die Tobis von einer Patentholdinggesellschaft zum
Hauptproduzenten von NS-Propaganda wurde. All dies wird freilich in den
17 Beiträgen des Bandes abgehandelt, nur, der diese zusammenhaltende,
entscheidende rote Faden erschließt sich aus dem Titel nicht: Es ist
die Geschichte des verzweifelten Versuchs eines Konzerns, sich sowohl
wirtschaftlich-organisatorisch als auch, sagen wir,
ästhetisch-ideologisch international aufzustellen, und seines Scheiterns.
[4]
Aufteilung und Vernetzung
[5]
Tonfilmfrieden / Tonfilmkrieg
ist in sechs Abteilungen unterteilt. Es beginnt mit der Abteilung
Geschichtsschreibung, der ein einziger Beitrag zugeordnet ist. In
diesem geht es Frank Stern vor allem darum, nach dem Motto »Vergessen
kann nur, wer erinnert« (S. 9) für die öffentliche Freigabe und
Vorführung des NS-Filmguts zu plädieren, vor allem deshalb, weil die
meisten dieser Filme ohnehin irgendwie auf VHS oder DVD zu beziehen
seien. 4 Der Hintergrund seiner Forderung
ist die mit Beispielen untermauerte Behauptung, aus reiner Unkenntnis
würden manche Filme der NS-Zeit, z.B. Reinhold Schünzels AMPHITRYON
(1935), heute »meist als regierungs- und NS-konform, als filmische
Propaganda abgetan« (S.12), obwohl gerade dieser Film jede Menge
karikierende und persiflierende Elemente beinhalte. Nun handelt es sich
bei dem angesprochenen Film nicht um eine Tobis-Produktion, wie auch
der ganze Artikel nur insofern mit der Tobis in Verbindung steht, als,
wie in der letzten Abteilungen zu erfahren sein wird, diese als
Hauptproduzent von NS-Propaganda galt.
[6]
Damit ist der Aufsatz von Frank Stern
insofern typisch für den ganzen Band, als er dessen entscheidende
Stärke anklingen lässt, und das ist die Vernetzung der einzelnen
Beiträge. Wer das ganze Buch liest, wird mit wenig Überschneidungen zu
hadern haben, aber in den Genuss vieler Ergänzungen kommen, so dass
sich, und das war ja sicher die Grundidee, tatsächlich ein
differenziertes Bild einer der interessantesten europäischen
Produktionsfirmen vor 1945 ergibt.
[7]
Dabei schließen sich dem Beitrag Frank
Sterns eine Abteilung zu den Anfängen der Tobis, eine Abteilung zum
Thema Europa, eine zu Wirtschaft, eine zum Kapitel Staatsmacht und
schließlich eine mit ganz konkreten Filmbeispielen an. Natürlich hat
auch dieser Band schwächere und stärkere Beiträge. Im Folgenden werde
ich letztere hervorheben und ihre Querverbindungen untereinander sowie
mit dem Filmografie-Band und früheren CineGraph-Kongressen
exemplifizieren.
[8]
Startup-Unternehmen Tonfilm
[9]
Karel Dibbets schildert das Ende der
20er Jahre als eine Phase der wirtschaftlichen Hysterie: »Die
Einführung des Tonfilms löste große Erwartungen in Europa aus. Sie
verführte Menschen aus allen Lebensbereichen dazu, Luftschlösser zu
bauen« (S. 32). Zur Veranschaulichung zieht er einen Vergleich zur
näheren Vergangenheit: »Es waren die Tage einer boomenden Wirtschaft,
vergleichbar mit der Internetblase 1999« (S. 31). In dieser Zeit (1928)
versuchte ein Zusammenschluss aus potenten Finanziers und visionären
Erfindern bzw. deren Patentinhabern, die Tobis zu einem sowohl
multimedialen als auch multinationalen Konzern aufzubauen: »Obwohl die
Tobis AG in Berlin eingetragen war, war sie nur dem Namen nach eine
deutsche Gesellschaft. Von Anfang an lag die Majorität der Aktien in
den Händen von Investoren aus den Niederlanden und der Schweiz« (S.
29). Dibbets beschreibt die Gründung der Tobis als eine Art
Jahrhundertprojekt mit den Sparten Film, Radio und Phonograph sowie
sukzessiven Filialgründungen in mehreren europäischen Hauptstädten. Der
mangelnde Aufbau bzw. die Unrentabilität der letzten beiden Sparten
leitete nach einer kurzen, aber heftigen Erfolgsstory auch das Ende der
Idee eines international agierenden Konzerns ein.
[10]
Der Rest, Sprekende Films NV, wurde
der Kern einer neuen Gesellschaft mit Sitz in Amsterdam. Um einen
Neustart zu markieren, erhielt sie 1932 auch einen neuen Namen: [...]
Intertobis. [...] 1935 wurde Intertobis heimlich an die Cautio GmbH
verkauft, die als Strohmann für das Nazi-Regime in Deutschland
fungierte. (S. 32)
[11]
Kommando Expansion
[12]
Malte Hagener greift Dibbets Stichwort
des multinationalen Konzern auf und versucht nachzuzeichnen, wie die
Tobis ihre drei großen Ziele, »zum Ersten Filme selbst herzustellen und
in die Kinos zu bringen, zum Zweiten die eigene Technik zu verkaufen
oder zu vermieten und zum Dritten Lizenzgewinne zu erzielen« (S. 51
f.), »über die Gründung von autark arbeitenden Filialen in
unterschiedlichen Ländern« (S. 51) zu verwirklichen suchte. Dabei
stellt er die provozierende Frage: »War also die Tobis das erste
Franchise-Unternehmen der Filmgeschichte« (S. 51)? Im Folgenden stellt
er dann die Tobis-Filialen in Frankreich, Spanien und Portugal vor,
ohne jedoch die eingangs gestellte Frage noch einmal dezidiert
aufzugreifen und zu klären. Als Fazit bleibt so nur, die Tobis sei mit
dem Ziel der »groß angelegten Expansion« (S. 62) gestartet, habe nach
der Pleite des Phonographen-Zweiges mit der Umfirmierung in Intertobis
und neuen Unternehmungen in Spanien und Portugal sein internationales
Profil geschärft, sei dann aber durch unglückliche Umstände dazu
gezwungen worden, sich von den internationalen Märkten zurückzuziehen.
Man kann Wolfgang Mühl-Benninghaus wirklich nicht
vorwerfen, er arbeite auf einer wässrigen Faktengrundlage. Vorbildlich
trägt dieser Forscher immer wieder (besonders wirtschaftliche und
technische) Informationen aus der Zeit der Tonfilmumstellung zusammen. 6
In seinem Beitrag zu diesem Band versucht er, etwas Licht in die
ständigen Umstrukturierungen des Konzern und deren wirtschaftliche
Hintergründe zu bringen. Allerdings mit dem Ergebnis, dass der Leser
sich auch im Nachhinein nur darüber im Klaren ist, wie verwirrend es
bei einem vertikalen, internationalen Konzern zugeht (man kann ja in
dieser Hinsicht kaum von ›der Tobis‹ sprechen). Wir erfahren von den
Auswirkungen der Wirtschaftskrise, von dem wirtschaftlichen Schaden,
den die Nazis der Tobis zunächst brachten, von falscher Firmenpolitik
in den Zeiten der Krise und den späten Gegenmaßnahmen, die getroffen
wurden. Dies alles ist zweifellos hoch interessant, nur stellt sich die
Frage, welchen Erkenntnisgewinn eine so detaillierte Nachzeichnung
(niemand kann sich das merken!) letztendlich bringen soll. Wolfgang
Mühl-Benninghaus bliebt uns eine Antwort schuldig.
[17]
Die personifizierte Auslandsstrategie
[18]
Im Februar 1937 wurden Gustaf Gründgens,
Willi Forst und Emil Jannings in den Aufsichtsrat des Konzerns berufen,
berichtet Renata Helker, und »im Juni 1937 wurde Jannings zum
Stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden und zum Vorsitzenden des
neu gegründeten Kunstausschusses ernannt« (S. 151). Im Folgenden
konzentriert sich Helker auf die Person Jannings und seine Rolle sowohl
bei der Tobis als im NS-Film allgemein. Sie kommt dabei einerseits zu
dem Schluss, man müsse vorsichtig sein, wenn man Jannings aufgrund
seiner aktiven Mitarbeit (als Ideengeber und Schauspieler) bei den
einschlägigen Propaganda-Produktionen der 40er Jahre (wie z.B. Ohm
Krüger) voreilig als opportunen Nazi-Künstler abtun wolle, da gerade
seine Beziehung zu Goebbels auch andere Nuancen offenbare. Sie schlägt
damit in die gleiche Kerbe wie Frank Stern in seinem Eingangsessay und
warnt vor allzu politisch korrekter Schwarz-Weiß-Malerei.
[19]
Besonders interessant an Helkers Beitrag
ist die Herausstellung von Jannings Engagement als internationaler
Initiative des Konzerns, um »verlorene ausländische Absatzmärkte
wiedergewinnen zu können« (S. 151). Immerhin war Jannings der erste mit
einem Oscar ausgezeichnete Schauspieler. Sie ergänzt damit die in den
vorangehenden Artikeln aufgestellte Behauptung, nach 1935 habe die
Tobis keine internationalen Ambitionen mehr gehabt. Gleichzeitig baut
Helker eine weitere Brücke zu Francesco Bonos Darstellung der
Geschichte der Tobis in Österreich, in deren zweitem Teil explizit auf
die Person Willi Forst eingegangen wird, mit dessen Engagement
ebenfalls »auf die Herstellung ambitiöser Produktionen für den
europäischen Markt« (S. 86) gezielt wurde, denn »sein Name genoss
europäisches Renommee« (S. 87).
[20]
Die Blockbuster der Nazis
[21]
Die beiden Beiträge von Harro Segeberg und Tobias
Nagl »Zur Renaissance des Propagandafilms um 1940« einerseits und über
den Film Ohm Krüger (1941) andererseits, schließen räumlich und
inhaltlich direkt an Renata Helker an. Auch hier geht es um die
Feststellung, dass es sich durchaus lohnt, bei der heutigen Betrachtung
von NS-Filmen die Scham vor der »falschen« Ideologie kurzzeitig
abzulegen, um das Gerüst dieser Filme befreit betrachten zu können. 7
Dann habe man nämlich die Möglichkeit zu erkennen, wie z.B. die hier
besprochenen »biografischen Geschichtsfilme« (S. 162) durch »affektiv
überzeugende Heldenfiguren in möglichst mitreißend gestalteten
Konfliktverläufen« (S. 162) strukturell an das zeitgenössische
Hollywood-Kino erinnern, auch wenn Segebergs Definition dieser Filme
als »Utopie eines ohne den Umweg über das Wort möglichst direkt auf die
Sinne einwirkenden affektiven Überwältigungskinos« (S. 159) vor dem
Hintergrund der Dialoglastigkeit dieser Filme nicht ganz überzeugend
klingt.
[22]
Tobias Nagl sieht, besonders durch die
Parallele des benötigten und durch Medienkampagnen gewährten
»extratextuellen Vorwissens« (S. 167), noch deutlicher als Segeberg
eine Verbindung zu den »Blockbuster der Gegenwart« (S. 167). Allerdings
verpasst er es genauso wie Hagener in Bezug auf den Begriff des
Franchise-Unternehmens, diese Behauptung in der Argumentation noch
einmal aufzugreifen.
Der Vorstoß von CineGraph, sich der
Filmgeschichte aus der Perspektive bestimmter Firmen und Produzenten zu
nähern, ist ein Gewinn für die Filmgeschichtsforschung, zumal dabei
versucht wird, technische, wirtschaftliche, politische, persönliche und
ästhetische Hintergründe gleichermaßen zu beleuchten. Die
Recherchegenauigkeit und die Detailversessenheit, mit denen bei
CineGraph gearbeitet wird, und die die ausgezeichnete Filmografie
dokumentiert, suchen international ihresgleichen. Gleichzeitig sind sie
aber auch das Problem, an dem der eine oder andere Beitrag krankt
(große Ausnahme: Karel Dibbets). Klare Fragestellungen (Malte Hagener)
und übergeordnete Einschätzungen (Wolfgang Mühl-Benninghaus) geraten
immer wieder aus den Augen.
[27]
Ohne die unbestreitbare Qualität des
Bandes schmälern zu wollen muss man drei Anmerkungen zu Unterlassungen
machen. Erstens: Die vor allem in Karel Dibbets Beitrag angedeutete
Multimedialität und -nationalität des (frühen) Tobis-Konzerns hätte
eine präzisierende Studie verdient. Die Multinationalität wird auf der
wirtschaftlich-organisatorischen Ebene verfolgt, während die
zahlreichen und unterschiedlichen Versuche innerhalb des Konzerns,
geeignete Methoden zur Herstellung internationaler Filme zu entwickeln,
nicht ausreichend berücksichtigt werden. Zweitens: Auffällig ist, dass
die vier Beiträge, die sich mit konkreten Filmen beschäftigen,
ausschließlich Produktionen der 40er Jahre besprechen. Drittens: Eine
weitere Stufe bei der Betrachtung eines internationalen Filmkonzerns
wäre die Integration der Perspektive von Forschern aus den jeweils
relevanten Ländern (in diesem Band nur Karel Dibbets und Geoff Brown;
interessant wären z.B. Autoren, die über die Produktion in Portugal
berichten könnten), vor allem aber auch die stärkere Auswertung von
zeitgenössischem ausländischem Pressematerial für den Dokumentenband.
Gerade der letzte Punkt soll allerdings weniger als Kritik, denn als
Anregung verstanden werden.
Redaktionell betreut wurde diese Rezension von Natalia Igl.
Empfohlene Zitierweise:
Christoph Wahl: Der verzweifelte Kampf um internationale Geltung.
(Rezension über: Jan Distelmeyer (Hg.): Tonfilmfrieden / Tonfilmkrieg.
Die Geschichte der Tobis vom Technik-Syndikat zum Staatskonzern (Ein
CineGraph Buch). München: edition text + kritik 2003 sowie Hans-Michael
Bock / Wiebke Annkatrin Mosel / Ingrun Spazier (Hg.): Die Tobis
1928–1945. Eine kommentierte Filmografie. München: edition text +
kritik 2003.) In: IASLonline [15.07.2004] URL: <http://iasl.uni-muenchen.de/rezensio/liste/wahl.html> Datum des Zugriffs:
Zum Zitieren einzelner Passagen nutzen Sie bitte die angegebene Absatznummerierung.
Erika Wottrich (Hg.): Deutsche Universal.
Transatlantische Verleih- und Produktionsstrategien eines
Hollywood-Studios in den 20er und 30er Jahren. München: edition text +
kritik 2001. zurück
Die anderen beiden Kongresse untersuchten
eher das Schicksal bestimmter Produzentenfiguren: Erika Wottrich (Hg.):
M wie Nebenzahl. Nero – Filmproduktion zwischen Europa und Hollywood.
München: edition text + kritik 2002; voraussichtlich im Herbst 2004
erscheint Alliierte für den Film. Arnold Pressburger, Gregor
Rabinowitsch und die Cine-Allianz. zurück
Er stellt weiterhin einen Bezug her zu den
beiden Beiträgen, die direkt von der Verquickung von Film und Krieg
handeln: Jan Kindler berichtet von der Marine-Dokumentarfilmstelle in
Paris und ihrem Projekt eines Films der Kriegsmarine über den Krieg;
Donate Koch-Haag reflektiert die Darstellung von Krieg und Militär in
den Tobis-Filmen. zurück
Das Problem an seiner Argumentation ist,
dass er nur Beispiele gibt, wie Cineasten, Filmhistoriker usw. – die,
wie er selbst schildert, Mittel und Wege haben, an die Filme
heranzukommen – durch das Studium von NS-Filmen neue Perspektiven auf
dieselben erhalten können, gleichzeitig aber einen einfacheren Zugang
für die gesamte Bevölkerung fordert. zurück
Vgl. z.B.: Wolfgang Mühl-Benninghaus: Das
Ringen um den Tonfilm. Strategien der Elektro- und der Filmindustrie in
den 20er und 30er Jahren. Düsseldorf: Droste 1999. zurück