Wallas über Wilhelm Herzog

Armin A. Wallas

Wilhelm Herzog
und die Publizistik des Aktivismus.

Anläßlich zweier Neuerscheinungen
zur Geschichte der Zeitschrift "Das Forum"


Inhalt

Zur Biographie eines Verschollenen
"Das Forum" – Tribüne des Expressionismus
"Das Forum" im Krieg
pazifistisch und europäisch
Im Kreuzfeuer der Zensur
Engagement für die Revolution
Wechsel ins kommunistische Lager
Ausschluß aus der KPD. Emigration
Eine Forschungslücke wird geschlossen
Fehler in Details
Herzogs jüdisches Selbstverständnis
Zum Stand der bibliographischen Erschließung des "Forum"
Zur Rezeption des "Forum"



Lange Jahre war er vergessen: Wilhelm Herzog (geboren 1884 in Berlin, gestorben 1960 in München), Kleist-Biograph, pazifistischer Publizist und gesellschaftskritischer Zeitschriftenherausgeber, ein Angehöriger jener >verlorenen< Generation, deren Leben von expressionistischem Aufbruch, Erstem Weltkrieg, Enttäuschung über die gescheiterte Revolution von 1918/19 und der Verfolgung durch den Nationalsozialismus geprägt war.

Mit ihrem Herausgeber geriet auch die Zeitschrift Das Forum in Vergessenheit, die Herzog 1914 gegründet und (mit Unterbrechungen) bis 1929 geleitet hat. Obwohl diese Zeitschrift zu den wichtigsten Publikationsorganen des literarischen Expressionismus, vor allem jedoch des politisch engagierten Aktivismus zu zählen ist, fehlte bisher eine fundierte Darstellung ihrer Geschichte, beruhend auf der Analyse der literarischen und ideologischen Ausrichtung, der Zeitkritik, des Beiträgerspektrums und der Zensurbeschränkungen der Zeitschrift.

Dies hat sich nun geändert: Zeitgleich (und unabhängig voneinander) erschienen zwei Dissertationen – verfaßt von Carla Müller-Feyen und Claudia Müller-Stratmann 1 –, die Leben und Werk Wilhelm Herzogs in den Kontext der repressiven sozialen und politischen Verhältnisse seiner Zeit stellen, auf die er mit seinem publizistischen Engagement reagiert hat, die er mit Mitteln der "Geistpolitik" bekämpft hat und denen er letztlich unterlegen ist.

Während Müller-Stratmann die >expressionistische< Phase Herzogs (Publikationstätigkeit vor der Gründung des Forum und die beiden ersten Forum-Jahrgänge 1914/15) beleuchtet, erweitert Müller-Feyen den Untersuchungsgegenstand bis in das Jahr 1929 (Einstellung der Zeitschrift). Beide Monographien sind kenntnisreich und solide gearbeitet und stützen sich auf archivalische Quellenforschung.

An Müller-Feyens Darstellung ist besonders hervorzuheben, daß es der Verfasserin erstmals gelungen ist, Einsicht in den in Privatbesitz aufbewahrten Nachlaß Wilhelm Herzogs zu erhalten und diesen auszuwerten; als bedeutendste Entdeckung können wohl die 294 Tagebuch-Hefte bewertet werden, die Herzog von seiner Jugendzeit an bis kurz vor seinem Tod geführt hat; darüber hinaus hat Müller-Feyen die Herzog-Materialien in den Nachlässen seiner Weggefährten (unter anderem Heinrich Mann, Romain Rolland, René Schickele und Clara Zetkin) und Kontrahenten (unter anderem Conrad Haußmann und Theodor Heuss) sowie Polizei- und Zensurakten etc. aufgearbeitet.

Die Quellengrundlage der Monographie von Müller-Stratmann ist schmäler: die Verfasserin stützt sich vor allem auf das veröffentlichte Material und verwendet archivalische Quellen zur Darstellung der Zensurbeschränkungen des Forum im Ersten Weltkrieg (Akten des Kriegsarchivs München).

Die Exilzeit Herzogs, der während des Zweiten Weltkriegs auf der Insel Trinidad interniert war (1941-1945), mehrere Jahre in den USA gelebt hat und 1947 nach Europa zurückgekehrt ist, bleibt in beiden Monographien ausgespart.


Zur Biographie eines Verschollenen

1884 als Sohn des jüdischen Kaufmanns Joseph Herzog und dessen Frau Paula in Berlin geboren, gehört Wilhelm Herzog der >expressionistischen Generation< an, jener in den 80er / 90er Jahren des 19. Jahrhunderts geborenen Generation, die die Verengungen und Entfremdungserscheinungen der bürgerlichen Vorkriegsgesellschaft mit radikaler Vehemenz entlarvt und attackiert hat. In besonderer Weise waren jüdische Intellektuelle, die unter den Anfeindungen des seit Ende des 19. Jahrhunderts radikalisierten (Rassen-) Antisemitismus zu leiden hatten, sensibilisiert für die Krisen und Bedrohungen des modernen, den Erfahrungen von Großstadt, Krieg, Revolution, industrieller Massengesellschaft, Technisierung und der Auflösung des Subjekts ausgesetzten Menschen.

Über die Jugendzeit Herzogs und sein assimiliertes, kaisertreues Elternhaus informieren nur wenige Quellen, und auch in seiner Autobiographie Menschen, denen ich begegnete (1959) spart er diese Phase weitgehend aus, so daß es nicht möglich ist, die Problematik seiner jüdischen Identität zu rekonstruieren (die jüdische Herkunft wird er vornehmlich als Stigma der Ausgrenzung erfahren haben, wie der Hinweis auf antisemitisch und deutschnational gesinnte Mittelschullehrer vermuten läßt).

Nach dem Studium der Germanistik und Kunstgeschichte trat Herzog zunächst als Literaturwissenschaftler an die Öffentlichkeit. 1911 erschien seine bahnbrechende Biographie des Romantikers Heinrich von Kleist, die unter anderem von Thomas Mann und Frank Wedekind geschätzt wurde. Daneben gab er ein Kleist-Brevier (1905), Sämtliche Werke und Briefe Kleists in sechs Bänden (1908-1911) sowie eine zweibändige Edition der Schriften (Gedanken, Satiren, Fragmente, Briefe) des Aphoristikers Georg Christoph Lichtenberg (1907) heraus. 1906 bis 1909 hielt er sich in München auf, wo er mit Heinrich Mann Freundschaft schloß und mit diesem mehrere gemeinsame Reisen unternahm.

Parallel zu seinen wissenschaftlichen Arbeiten wurde Herzog journalistisch tätig, um fortan den Schwerpunkt seines Schaffens auf die Publizistik zu legen. Unter anderem arbeitete er 1907 an der liberalen Berliner Wochenschrift Die Nation mit; 1908 erschien sein erster Artikel – ein Kleist-Essay – in der Schaubühne, für die er bis 1910 vor allem als Theaterkritiker tätig war; die Zusammenarbeit endete im Konflikt mit dem Herausgeber der Zeitschrift, Siegfried Jacobsohn (daraus entwickelte sich eine jahrelange Kontroverse zwischen Herzog und der Schaubühne bzw. deren Nachfolgerin Weltbühne).

1910 bis 1912 verfaßte Herzog regelmäßig Beiträge (vor allem Theater-, Kunst- und Literaturkritik) für Das freie Volk, das wöchentlich erscheinende Organ der "Demokratischen Vereinigung". überdies trat er 1910 eine Stelle als Lektor des Paul Cassirer Verlags (Berlin) an, die es ihm möglich machte, erstmals selbstverantwortlich eine Zeitschrift zu führen: Gemeinsam mit Cassirer redigierte er den ersten Jahrgang (1910/11) der Zeitschrift Pan, seine Mitarbeit endete jedoch in einem Zerwürfnis mit Alfred Kerr, der die Zeitschrift im zweiten Jahrgang übernahm.

Unter Herzogs Leitung etablierte sich Pan als ein führendes Publikationsforum der literarischen Neuerer (vor allem der Expressionisten), zugleich jedoch als eine Tribüne zur Diskussion gesellschaftskritischer Themen (insbesondere Justizkritik und Kampf gegen die Todesstrafe) – eine Kombination, die auch das weitere publizistische Wirken Herzogs prägen wird. Neben der Zeitschrift entstand die "Pan-Gesellschaft", die private (die Zensurbeschränkungen umgehende) Aufführungen zeitgenössischer Dramen (unter anderem von Wedekind und Heinrich Mann) sowie Vortragsabende veranstaltete; darüber hinaus bildete sich rund um Herzog im Berliner Café des Westens, dem bevorzugten Treffpunkt der expressionistischen Literaturszene, ein eigener "Pan-Kreis".

Nach seinem Ausscheiden aus der Redaktion des Pan reiste Herzog nach Paris, um eine Biographie Heinrich Heines zu verfassen, brach diesen Plan jedoch ab und trat (auf Wunsch Ludwig Thomas) in die Redaktion der Münchener Rundschauzeitschrift März ein. Es gelang ihm, den provinziellen (süddeutsch ausgerichteten) Horizont der Zeitschrift aufzubrechen, sie zu einem "Forum internationaler, bzw. vor allem französisch-deutscher Verständigung" (CMF, S. 45f.) auszubauen und für "neue Zeitströmungen auf allen Gebieten des kulturellen Lebens" (CMF, S. 47) zu öffnen, aufgrund interner Intrigen wurde er jedoch bereits nach einem halben Jahr gekündigt, woran auch eine Protesterklärung zahlreicher März-Mitarbeiter nichts ändern konnte.

In seinen eigenen Beiträgen für Pan und März vertrat Herzog "eine entschieden antimonarchistische, freiheitlich-demokratische politische Meinung" (CMF, S. 29). Durch die Auswahl der Beiträge belebte er die intellektuelle Diskussion seiner Zeit, indem er die Querverbindungen von Literatur und Politik, künstlerischer Erneuerung und gesellschaftspolitischer Veränderung hervorhob. So etwa veröffentlichte er im Pan den Essay Geist und Tat von Heinrich Mann (in: Pan 1 [1910/11], H. 5, S. 137-143), einen Text, der der handlungstheoretischen Variante des Expressionismus – dem Aktivismus – eine programmatische Grundlage zur Verfügung stellte.

Heinrich Mann forderte die deutschen >Geistigen< auf, sich nicht der politischen Parteinahme zu entziehen, sondern – nach dem Vorbild der französischen Intellektuellen – aktiv in die Politik einzugreifen und den Kampf gegen Macht und Gewalt, gegen den "Faust- und Autoritätsmensch" zu führen.

Von diesem Manifest ausgehend, entstand die literarisch-politische Bewegung des Aktivismus, die vor allem von Kurt Hiller, Ludwig Rubiner, Alfred Wolfenstein, Robert Müller und (was bisher wenig beachtet wurde) Wilhelm Herzog entscheidende Impulse erhielt. Die Aktivisten strebten auf unterschiedlichen Wegen nach einer Umsetzung des >Geistes< in die >Tat<, d. h. nach einer konkreten Verwirklichung der gesellschaftspolitischen Utopien des Expressionismus.


"Das Forum"
– Tribüne des Expressionismus

Als Redakteur von Pan und März hatte sich Herzog neben Zeitschriftenherausgebern wie Franz Pfemfert (Die Aktion), Herwarth Walden (Der Sturm) oder Erich Mühsam (Kain) als Vermittler und Förderer der expressionistischen Literatur einen Namen gemacht. Wie einem im Berliner Tageblatt veröffentlichten Essay zu entnehmen ist, identifizierte sich Herzog mit den "junge[n], zukunftsfrohe[n]" Schriftstellern einer "allem Aufgeblasenen und Hohlen gegenüber schlaglustige[n] Generation" (Wilhelm Herzog: Was ist modern? In: Berliner Tageblatt, 10. 12. 1912, zit. nach CMF, S. 43).

Um dieser Generation eine "Tribüne" und einen "Kampfplatz" zur Verfügung zu stellen, gründete Herzog im April 1914 in München eine eigene, unabhängige Zeitschrift: Das Forum. Der Zeitschriftengründung ging die Veranstaltung einführender "Forum-Abende" voran, bei denen Frank Wedekind, Heinrich Mann, Thomas Mann, Herbert Eulenberg, Carl Sternheim und Franz Werfel aus ihren Werken lasen (vgl. CMS, S. 52 ff.). Der Name der Zeitschrift ging, wie Müller-Feyen anhand des Nachlasses belegt, auf einen Vorschlag Wedekinds zurück, woraufhin Alternativvorschläge wie "Die Kurve", "Der Steinbruch" oder "Das neue Europa" aufgegeben wurden (vgl. CMF, S. 75). Der programmatisch gewählte Titel der Zeitschrift assoziiert das antike >Forum< als Ort der politischen Kommunikation, des Disputs, des Meinungsstreits und der Herausbildung der Demokratie; in Anspielung auf Nietzsche (der Kultfigur eines Großteils der expressionistischen Literaten) verstand sich Das Forum überdies als "eine Tribüne [...] für alle guten Europäer" (zit. nach CMF, S. 76).

In der ersten Phase, bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, präsentiert sich Das Forum als Rundschauzeitschrift "mit dem deutlichen Akzent: jung, progressiv, kämpferisch" (CMF, S. 79). Der demokratisch-parlamentarischen, republikanischen und pazifistischen Ausrichtung der Zeitschrift entsprechend, engagierte sie sich im Kampf gegen Nationalismus, Imperialismus, Militarismus, Aufrüstung, Kapitalismus, Klerikalismus und Antisemitismus und warnte vor den Manipulationsstrategien der Presse.

Besonders vehement griff Das Forum die Kriegshetze chauvinistischer Politiker und Publizisten (insbesondere der Alldeutschen) an, stellte sich in den Dienst der deutsch-französischen Verständigung (unter anderem durch die Mitarbeit französischer Autoren wie Georges Clemenceau und Romain Rolland) und forderte – unter der an Karl Marx angelehnten Devise: "Intellektuelle aller Länder, vereinigt Euch!" – "ein aktives Vorgehen aller Geistesmenschen [...], um dem Wahnsinn eines Krieges vorzubeugen, der in Mitteleuropa ausbrechen könnte" (Wilhelm Herzog: Tagebuch. Krieg. Eine russische Herausforderung. In: Das Forum 1 [1914/15], H. 1, S. 1-4, zit. nach CMF, S. 79, und CMS, S. 56 u. 60).

Im Unterschied zu Kurt Hillers elitärem Konzept der >Geistesaristokratie< oder der antiparlamentarisch - syndikalistischen Ausrichtung von Pfemferts Aktion vertrat Wilhelm Herzog, unterstützt von Heinrich Mann, eine aktivistische >Geistpolitik< auf demokratisch-parlamentarischer Grundlage. Innenpolitisch trat Das Forum "für eine demokratische Republik mit starkem Parlament" (CMS, S. 92) ein, außenpolitisch orientierte sich die Zeitschrift an der Vision eines geeinten Europas. Die internationalistische Intention der Zeitschrift dokumentiert sich unter anderem in der Veröffentlichung französischer und russischer Literatur.


"Das Forum" im Krieg

Nach Kriegsausbruch wurde das noch im Frieden fertiggestellte August-Heft des Forum beschlagnahmt, die Auflage vernichtet und der Herausgeber wegen seines Leitartikels Patrioten gegen Patrioten, in dem er aus Anlaß der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajewo die Gemeinsamkeiten in Denken und Handeln der nationalistischen Extremisten auf beiden Seiten herausgearbeitet hatte, der "Majestätsbeleidigung" und des "Hochverrats" angeklagt (vgl. CMF, S. 91). Claudia Müller-Stratmann stellt die bis 1915 erschienenen Kriegshefte des Forum in den Kontext der zeitgenössischen Kriegspublizistik. Herzog ließ sich nicht, wie die meisten seiner Schriftstellerkollegen, zu kriegsapologetischen Äußerungen hinreißen, sondern suchte nach Möglichkeiten, seine völkerverbindenden Ideen auch unter den restriktiven Bedingungen der Kriegszeit fortzuführen.

Seine anfängliche – zumindest nach außen hin deklarierte – Zustimmung zum Krieg erklärt sich vornehmlich aus seiner antizaristischen Haltung, die zum einen aus seiner demokratischen Einstellung, zum anderen aus dem Protest gegen den vom zaristischen Regime geförderten Antisemitismus motiviert war. (So etwa veröffentlichte Herzog im Oktober-Heft 1914 René Schickeles Aufsatz Der Mord in Russland, eine Polemik gegen die Ritualmordlüge). Aus der Intention, den zaristischen Antisemitismus zu bekämpfen, erklärt sich teilweise auch die breite Kriegszustimmung unter jüdischen Intellektuellen in Deutschland und Österreich-Ungarn.

Wenngleich sich Herzog zum Krieg bekannte, betonte er stets die Notwendigkeit, diesen Kampf ohne chauvinistisches Pathos und ohne Haß zu führen:

Von Anfang an bekämpfte er mit wahrhaft moralischer Überzeugung die patriotische Phrase der Schreibtischtäter, denn er forderte, wenn nicht Objektivität, so doch souveräne Zurückhaltung (CMS, S. 117).
Die Divergenz zwischen veröffentlichter und privater Meinung läßt sich aus den von Carla Müller-Feyen erstmals zitierten Tagebüchern Herzogs ablesen, die belegen, daß er von Beginn an den Krieg abgelehnt hat. Bereits am 4. August 1914, kurz nach Ausbruch des Krieges, schrieb er: "Das große Morden hat begonnen. [...] Ich schäme, ich schäme, ich schäme mich"; und einen Tag später entwarf er das Zukunftsszenario der Selbstzerstörung der militärisch-monarchischen Elite Deutschlands:
Diese Attacke wird ihr Selbstmord werden. Und der Kriegsschluß wird keinen deutschen Kaiser, sondern eine deutsche Republik vorfinden (zit. nach CMF, S. 94).

pazifistisch und europäisch

Trotz massiver Beschränkungen durch die Zensur gelang es Herzog, im Forum die Ideale der Völkerverständigung, der Demokratie und der zukünftigen "Vereinigten Staaten von Europa" aufrechtzuerhalten:
Wie schon vor dem Krieg griff Herzog immer wieder den Europa-Gedanken auf – sollte er zunächst den Krieg verhindern, so wird er nun zur großen Hoffnung für die Zeit nach dem Krieg (CMF, S. 107).
Er baute die Zeitschrift zu einem ">Forum< Gleichgesinnter" (CMF, S. 108) aus, indem er in der Rubrik "Dokumente der Liebe" Zeugnisse der Kriegsgegnerschaft aus aller Welt – auch aus dem neutralen und >feindlichen< Ausland – sammelte. Unter anderem kam der französische, 1915 in die neutrale Schweiz emigrierte Schriftsteller Romain Rolland (mit dem Herzog seit 1912 in Kontakt stand) zu Wort, ebenso englische Pazifisten wie Bertrand Russell und George Bernard Shaw; des weiteren druckte Herzog einen "Aufruf des Nederlandschen Anti-Oorlog Raad" (gegen die Hetzkampagnen der kriegführenden Staaten) und ein "Manifest der Schriftsteller und Denker Kataloniens" ab, das sich "zum unerschütterlichen Glauben an die sittliche Einheit Europas" bekannte (zit. nach CMF, S. 109; vgl. auch CMS, S. 180f. u. 187f.). Herzog publizierte Briefe eines Chirurgen aus einem Frontlazarett, zitierte Sigmund Freuds Gedanken "Über Krieg und Tod" und veröffentlichte kriegskritische Texte von kanonisierten Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts (unter anderem von Voltaire, Flaubert, Fontane und Tolstoi). Er entwickelte Strategien des >getarnten< bzw. >verdeckenden< Schreibens, wie es auf ähnliche Weise Franz Pfemfert in der Berliner Aktion betrieb. 2 Mit Hilfe von Zitat-Collagen, die aktuelle Zeitkritik unter dem Vorwand historischer Dokumentation assoziativ heraufbeschworen, konnte Herzog – zumindest für kurze Zeit – die Zensur überlisten:
Mühelos konnte der Leser von 1914 auf diese Weise mit einer Kritik konfrontiert werden, die in zeitgenössisch-aktueller Form kaum hätte geäußert werden dürfen. Weil Herzog die Dichtung literarischer "Klassiker", in der Wortwahl der Zensur "ältere Autoren", zu seinem Sprachrohr machte, hatte die militärische Zensur keine rechtliche Handhabe gegen ihn. Das Forum wurde auch wegen dieser geschickten Zusammenstellung der Literatur verboten, da man genau die Tendenz erkannt hatte. Es war Kritik an der geforderten Norm vaterländischer Gesinnung, am unsinnigen Opferwillen des Volkes und des Heeres. [...] Den Lupismus, den Krieg aller gegen alle, trotz der negativen Erfahrungen zu bekämpfen, war nach Herzog die Aufgabe seiner Zeitschrift und der neuen geistigen Führer. Die Funktionalisierung der Literatur war für Herzog ein Schritt, Bewußtsein gegen die Unmenschlichkeit des Krieges zu schaffen. Der Kunst fiel bei diesem Erziehungsprozeß eine wichtige Rolle zu. (CMS, S. 202 u. 207)
Der pazifistisch-internationalistisch ausgerichteten Zukunftsperspektive stand die Kritik am Versagen der deutschen Intellektuellen im Krieg gegenüber.

In den "Dokumenten des Hasses" stellte Herzog kriegsapologetische Schriftsteller (unter anderem Ludwig Ganghofer und Heinrich Vierodt) an den Pranger und polemisierte gegen die rassistischen Äußerungen des Berliner Universitätsprofessors für Nationalökonomie Werner Sombart. Lajos (Ludwig) Hatvany befaßte sich satirisch-kritisch mit der deutschen "Kriegsphilosophie" und der Völkerrechtler Walther Schücking kritisierte das Versagen der Geisteswissenschaftler (insbesondere der Historiker) im Krieg. Dem vor dem Krieg geschätzten Thomas Mann, der sich mit seinen im November 1914 veröffentlichten Gedanken im Kriege in den Dienst der antizivilisatorischen Kriegspropaganda gestellt hatte, warf Herzog den Verrat an seinen bisherigen Idealen vor (vgl. CMF, S. 99 f., und CMS, S. 151-156). Ebenso wurde im Forum aber auch der nationalistische Meinungsumschwung unter Intellektuellen der Entente-Staaten (etwa am Beispiel von Georges Clemenceau, Anatole France oder H. G. Wells) kritisiert.

Unter den wenigen zeitgenössischen Literaten, die an den Kriegsheften des Forum mitgearbeitet haben, ragt Franz Werfel hervor, der mehrere Gedichte in Herzogs Zeitschrift veröffentlicht hat. Die Publikation des Gedichts Wir sind, das die Solidarisierung mit den Leidenden verkündet, wurde von der Zensurbehörde gestattet, der Vorabdruck von zwei Texten aus dem Lyrikband Einander (1915) – Die Prozession und Die Wortemacher des Krieges, eine "ungemein bittere Abrechnung mit den Kriegsapologeten" (CMS, S. 213) – hingegen wurde verboten.

Im Juli 1915 veröffentlichte Heinrich Mann im Forum einen Essay über Émile Zola (Teilveröffentlichung eines Vortrags, den Mann auf Einladung Herzogs im Juni 1915 in München gehalten hat), in dem er am Beispiel eines Schriftstellers des >feindlichen< Auslands den >Dichter< als den wahrhaft "demokratische[n] Führer" feierte und den "deutschen Geistesimperialismus" attackierte, indem er darauf hinwies, "Kultur werde allein von der Demokratie hervorgebracht" (CMS, S. 216f.).


Im Kreuzfeuer der Zensur

Seit Kriegsbeginn war Das Forum der Präventivzensur unterstellt; Herzog wurde seitens der Zensurbehörde vorgeworfen, sich "in der Propagierung eines ganz unzeitgemäßen Europäertums und einer unpatriotischen, pazifistischen Welt- und Lebensanschauung" zu gefallen (zit. nach CMF, S. 119). 3 Überdies inszenierten nationalistische Organe wie die Süddeutschen Monatshefte und die Rheinisch-Westfälische Zeitung wüste Hetzkampagnen gegen die Redaktion des Forum, der >Vaterlandsverrat< und die Unterminierung der >deutschen Einheit< vorgeworfen wurde.

Die strenge Überwachung Herzogs durch die Zensurbehörde erklärt sich auch aus seiner engen Kooperation mit dem (1916 verbotenen) Bund "Neues Vaterland", der sich die politische Aktivierung der deutschen Intellektuellen "unter parlamentarischer, demokratischer und europäischer Perspektive" (CMS, S. 193) zum Ziel setzte. Mit großer Besorgnis registrierte die Zensurbehörde die – durch den Abdruck von Feldpostbriefen dokumentierte – Lektüre der kriegskritischen Zeitschrift durch Frontsoldaten, ebenso wie die weite Verbreitung des Forum im Ausland (belegt durch die Veröffentlichung ausländischer Pressestimmen).

Zunächst begnügte sich die Zensur mit Ermahnungen und Verwarnungen, bis Das Forum im September 1915 – aufgrund des "Tatbestand[s] des Landesverrats" (CMS, S. 226) und ausgelöst durch einen geplanten Artikel über die Kriegsziele der deutschen Industrie und des Militärs (in dem Herzog Informationen verarbeitet hat, die ihm Walther Rathenau, der 1914/15 im Kriegsrohstoffamt des Preußischen Kriegsministeriums tätig war, zugespielt hat) – für die Dauer des Krieges verboten wurde. Herzog bemühte sich – über parlamentarische Interventionen und die juristische Unterstützung durch den "Schutzverband deutscher Schriftsteller" – um eine Aufhebung des Verbots, doch erst im Oktober 1918 konnte die Zeitschrift (nunmehr im Gustav Kiepenheuer Verlag, Potsdam) 4 wieder erscheinen, nachdem Herzog den Redaktionssitz von München nach Berlin verlegt hatte.

Claudia Müller-Stratmanns Darstellung endet mit dem Verbot des Kriegs-Forum 1915; das weitere Geschehen bis zur endgültigen Einstellung der Zeitschrift 1929 dokumentiert die Monographie von Carla Müller-Feyen. Die Verbotszeit von 1915 bis 1918 überbrückte Herzog durch die Herausgabe der Schriftenreihe Die Welt-Literatur, in der er – programmatisch beginnend mit Kleists Widerstandsnovelle Michael Kohlhaas – "die besten Romane aller Zeiten und Völker" (so der Untertitel) einem breiten Publikum zugänglich zu machen suchte, und durch die Publikation der kriegs- und staatskritischen Kleinen Schriften der "Forum-Gesellschaft" (die jedoch nach drei Heften abermals von der Zensur eingestellt wurden).


Engagement für die Revolution

Die Hoffnungen der aktivistischen Intellektuellen, den >Geist< zur >Tat< werden zu lassen, bündelten sich 1918/19 in ihrem Engagement für die revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft. Dementsprechend stellte Herzog das wiederbegründete Forum in den Dienst der revolutionären Agitation. Parallel zur Zeitschrift gründete er – mäzenatisch unterstützt von Erik Ernst Schwabach – am 3. Dezember 1918 die Tageszeitung Die Republik, die mit dem Forum in enger Wechselwirkung stand, im Mai 1919 jedoch auf Befehl des Reichswehrministers verboten wurde:

Das Forum wiederholte während des parallelen Erscheinens beider Blätter als politischen Beitrag nur die wichtigsten Leitartikel aus der Republik, während die literarischen Beiträge der Republik die Aufgabe hatten, informierend, aufklärend und unterstreichend die Politik zu begleiten. Entsprechend wurden in der Republik durch die Literatur Begriffe wie Verfassung, Aufklärung, Kommunismus und Bolschewismus vertieft und Dichter und Philosophen der Aufklärung, bzw. des Jungen Deutschland und des Vormärz bevorzugt herangezogen; die Themenauswahl begrenzte sich entsprechend auf das Revolutionsgeschehen, auf reaktionäre Maßnahmen, sowie auf die Menschenverbrüderung. (CMF, S. 210)
Herzog kommentierte die revolutionären Ereignisse in Deutschland (vor allem die Erfolge und die Niederschlagung der Münchener Räterepublik sowie des Berliner Spartakusaufstands), geißelte die gegenrevolutionäre Politik der sozialdemokratisch - bürgerlichen Koalitionsregierung, solidarisierte sich mit den ermordeten revolutionären Führern Kurt Eisner (mit dem Herzog seit 1912 befreundet war und der ihn im November 1918 kurzfristig die Leitung des "Presse- und Propagandabüros" des Arbeiter- und Soldatenrates in München übertragen hatte, vgl. CMF, S. 158f.), Gustav Landauer, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, bekämpfte die hetzerische reaktionäre Presse und forderte den internationalen Zusammenschluß der geistigen Elite.

Unter anderem veröffentlichte er im Forum "Dokumente der Revolution" wie auch "Dokumente der Gegenrevolution" und stellte in der Republik "Zeugnisse einer Weltanschauung [...], die uns mit Notwendigkeit in den Krieg treiben mußte", an den >Pranger<:

Wir sagen nicht: an die Laterne! Keine Rachsucht, sondern Gerechtigkeit!" (zit. nach CMF, S. 177).
Wie vor dem Krieg suchte Herzog Kontakt zu französischen Intellektuellen, unter anderem schloß er sich der von Henri Barbusse initiierten aktivistischen Vereinigung Clarté an (von der er sich jedoch zunehmend distanzierte) und interessierte sich für Romain Rollands "Ideen eines Zusammenschlusses aller Geistigen, etwa in Form einer freien internationalen Universität mit Sitz in Amerika als >Brücke zwischen Europa und Asien< oder eines Weltparlamentes" (CMF, S. 172) (die Idee eines "Weltparlaments" hatte Herzog bereits im Vorkriegs-März vertreten, vgl. CMF, S. 53).

Herzog trat der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands) bei, die sich der kompromißlerischen, antirevolutionären Haltung der Mehrheits-Sozialdemokratie (repräsentiert durch Reichspräsident Friedrich Ebert und Reichswehrminister Gustav Noske) widersetzte; im November 1919 übernahm er die Chefredaktion des USPD-Organs Hamburger Volkszeitung (nach parteiinternen Differenzen kündigte er im Januar 1921).


Wechsel ins kommunistische Lager

Schrittweise entfernte sich Herzog von der bürgerlich-demokratischen Position seiner "einstigen geistigen Leitfigur" (CMF, S. 212) Heinrich Mann zu Gunsten der Annäherung an die kommunistische Idee (nach dem Zusammenschluß des linken Flügels der USPD mit der KPD im Dezember 1920 wechselte er endgültig in das kommunistische Lager).

In dieser Phase veröffentlichte Herzog aufklärende Artikel über die Theorie und Praxis des Bolschewismus, die ihren Höhepunkt in dem – anläßlich einer Reise in die Sowjetunion im Sommer 1920 entstandenen – Russischen Notizbuch fanden (Herzog nahm am Zweiten Weltkongreß der Kommunistischen Internationale, 19. Juli bis 7. August 1920, teil); unter anderem schildert er darin Begegnungen mit Lenin, Maxim Gorki und Wassilij Kandinsky.

Trotz eines Angebots der Kommunistischen Partei, Das Forum in der krisenhaften Inflationszeit, als überdies der Vertrag mit dem Kiepenheuer Verlag gelöst wurde (1921), zu unterstützen, bemühte sich Herzog um die unabhängige Fortführung von Zeitschrift und Verlag (Wiederbegründung des Forum Verlags); vermutlich kam es jedoch zu einer "stille[n] Trägerschaft" durch die KPD (vgl. CMF, S. 282). Für wenige Wochen übernahm Herzog zudem die Leitung des KPD-Parteiorgans Die rote Fahne:

Welche Einseitigkeit Das Forum durch das politische Engagement seines Herausgebers angenommen hatte, dokumentieren die Themenwahl und die begleitenden Aufsätze, die sich fast ausschließlich mit der Parteipolitik der KPD, ihrem Verhältnis zum russischen Partner, sowie der Entwicklung der III. Internationale befaßten. (CMF, S. 276)
Mit der Eröffnung des 7. Jahrgangs im Oktober 1922 erhielt Das Forum ein neues Gesicht und eine aktualisierte Programmatik:
Wir kämpfen gegen das Bürgertum und die mit ihm seit 1914 verbündeten Sozialdemokraten. Wir kämpfen gegen den Geist, der heute wirkt: den Geist von Potsdam und gegen den Geist, der heute gilt: der Geist des juste milieu" (zit. nach CMF, S. 285).
Aufsehen erregten vor allem die satirischen Zeichnungen von George Grosz, der im Forum regelmäßig "Das Gesicht der herrschenden Klasse" karikierte. In ihrer Zielsetzung, eine "neue, freie, gerechte Welt" zu schaffen, blieb sich die Zeitschrift treu, an die Stelle der Agitation für den Klassenkampf und den Kampf gegen die "Not und Ausbeutung der Proletarier" trat aber nun die Anprangerung der "Urheber dieser Zustände" (CMF, S. 286).

Das Forum setzte sich in den Jahren 1921 bis 1923 publizistisch gegen die Gewaltpolitik der deutschnationalen Rechten zur Wehr (Analyse der politischen Morde bzw. Attentate an Matthias Erzberger, Walther Rathenau und Maximilian Harden), analysierte die politische Strategie der reaktionären Politik (Kooperation zwischen Wirtschaft, Militär und nationalistischen Wehrorganisationen) und warnte vor der faschistischen (und nationalsozialistischen) Gefahr. Bereits 1923 prophezeite Herzog das Herannahen des "Hakenkreuzzug[s]" (zit. nach CMF, S. 319).

Im Januar 1923 endete die regelmäßige Erscheinungsweise des Forum. In den folgenden Jahren erschienen Themenhefte über die französische Besetzung des Ruhrgebiets (April 1923), den Industriellen Hugo Stinnes als Symbolfigur des deutschen Kapitalismus (Juli 1923) und über die Notlage deutscher Arbeiter, die sich gezwungen sahen, nach Südamerika auszuwandern (Mai/Juni 1924) (auch in Buchform veröffentlicht); weitere Themenhefte wurden anläßlich des Todes des russischen Revolutionsführers Lenin (Februar 1924) und der Reichstagswahlen vom November 1924 publiziert.


Ausschluß aus der KPD. Emigration

Von Dezember 1924 bis Februar 1925 reiste Herzog ein zweites Mal in die Sowjetunion, bei welcher Gelegenheit er ein aufsehenerregendes Interview mit Stalin (über die Lage des Kommunismus in Deutschland) führte, das in einer von Herzog nicht autorisierten, wesentlich veränderten Fassung im Parteiorgan der KPdSU Prawda veröffentlicht wurde, woraufhin Herzog von Angehörigen der KPD heftig attackiert wurde. Angesichts "persönlicher, geschäftlicher und ideologischer" (Distanzierung von der KPD) Probleme (vgl. CMF, S. 361) stellte Herzog Das Forum für mehrere Jahre ein. Endgültig aus der KPD ausgeschlossen wurde er im November 1928 aufgrund eines Forum-Artikels gegen den "kommunistischen Hugenberg" (zit. nach CMF, S. 396) Willi Münzenberg. In weiteren Artikeln hatte er die dogmatische Entwicklung der Kommunistischen Partei kritisiert; im Tagebuch notierte er die "brutalen Kampfmethoden Stalins gegen die Opposition" (zit. nach CMF, S. 394).

Die letzten Hefte des Forum erschienen von Oktober 1928 bis März 1929, getragen von der Absicht, "gegen den kommenden Krieg und gegen die heute bereits mit äußerstem Raffinement vorbereitete Kriegspsychose" (zit. nach CMF, S. 364) anzukämpfen. Daneben kritisierte er Modeerscheinungen der >neusachlichen< Zeit wie Amerikanismus, Sport, Tempo, Jazzmusik oder Rekordstreben, denen er Geistfeindlichkeit vorwarf. Herzog schloß erneut an die Gründungsintention des Jahres 1914 an und näherte sich auch ideologisch wieder der demokratisch-pazifistischen Haltung seines einstigen Mentors Heinrich Mann:

Durch den Abdruck von Heinrich Manns Essays aus den zwanziger Jahren entstand in der Zeitschrift das Nebeneinander einer persönlichen Bilanz zweier Schriftsteller, die sich nach unterschiedlichen Wegen durch diese Zeit einander wieder angenähert hatten (CMF, S. 415).
Außer der "Idee Europa", dem Kampf gegen den Nationalsozialismus und der Warnung vor dem drohenden Krieg widmete sich Herzog in den letzten Forum-Heften vor allem der Justizkritik (Korruption und politische Beeinflussung der Rechtsprechung) (überdies verfaßte er 1927/28 das dokumentarische Theaterstück Rund um den Staatsanwalt) und polemischen Auseinandersetzungen mit Gegnern (unter anderem Kontroversen mit der Zeitschrift Weltbühne und dem Schriftsteller Arthur Holitscher). Als die Druckerei, in der die Zeitschrift hergestellt wurde, weitere Aufträge ablehnte, erkannte Herzog die Zeichen der Zeit, stellte Das Forum ein und verließ Deutschland (mit wechselnden Aufenthalten in Frankreich und der Schweiz; endgültig emigrierte er im Februar 1933).


Eine Forschungslücke wird geschlossen

Auf eindrucksvolle Weise schließen die beiden vorliegenden Monographien, verfaßt von ausgewiesenen Kennerinnen der Münchener Literaturszene des frühen 20. Jahrhunderts, 5 eine Lücke der Forschung.

Carla Müller-Feyens Studie besticht durch die größere Detailgenauigkeit und durch ihr Unterfangen, den gesamten Erscheinungszeitraum des Forum darzustellen, vor allem aber durch gründliche Quellenforschung und die ausführliche Erschließung des bisher unzugänglichen Herzog-Nachlasses.

Als äußerst nützlich erweist sich der Anhang der Monographie, der eine umfassende Bibliographie der selbständig und unselbständig erschienenen Veröffentlichungen Wilhelm Herzogs enthält 6 (CMF, S. 421-466); diese Bibliographie erstreckt sich über den erforschten Zeitraum hinaus bis zum Tod Herzogs 7 und umfaßt darüber hinaus Hinweise auf Zeitungsartikel über Herzog und eine Liste der Nachrufe. Des weiteren enthält Müller-Feyens Anhang ein Verzeichnis der verwendeten Quellen und Literatur, wobei zu bedauern ist, daß die im Herzog-Nachlaß aufbewahrten Materialien nicht im einzelnen aufgelistet sind; von S. 519 bis 555 sind mehrere herausragende Quellen (Titelblätter einzelner Forum-Hefte, Umschläge mehrerer Buchveröffentlichungen Herzogs, Auszüge aus Herzogs Tagebüchern, Briefe von und an Herzog, im Forum publizierte Zeichnungen von George Grosz etc.) in faksimilierter Form wiedergegeben. Als Register dient ein Personenverzeichnis (CMF, S. 481-516), das sämtliche der erwähnten Personen mit kurzen biographischen Angaben vorstellt.

Solcherart gewinnt Müller-Feyens Monographie den Charakter eines Nachschlagewerks, das jeder weiteren Forschung über die Publizistik des Aktivismus, die Zeitschriftenlandschaft des frühen 20. Jahrhunderts, das Verhältnis von Literatur und Zensur, die Rolle des politisch engagierten Intellektuellen in Deutschland, die Geschichte deutsch-französischer 8 und deutsch-russischer Literaturbeziehungen, die Entstehung des Gedankens eines vereinigten Europas wie auch über das literarische Leben des späten Wilhelminismus und der Weimarer Republik wichtige und neue Impulse vermitteln wird. Nicht zuletzt wird auch der Exilforschung – durch die Veröffentlichung der Personalbibliographie Wilhelm Herzogs – ein Hilfsmittel zur Verfügung gestellt. (Die Liste der Sekundärliteratur allerdings wäre ergänzungsbedürftig gewesen).

Kritisch bemerken ließe sich allenfalls, daß Müller-Feyen ihrer Entdeckerfreude allzu freien Lauf läßt, so daß die durch ausführliche Zitate unterstützte Ausbreitung der Materialien oft nur wenig Raum für die Analyse übrig läßt.

Demgegenüber bemüht sich Claudia Müller-Stratmann um die stärkere Einbindung ihres Forschungsgegenstands in epochenspezifische und interdisziplinäre Kontexte 9 (Wandel der Aufgaben bzw. der Definition des Schriftstellers / Intellektuellen zwischen Ästhetizismus und Aktivismus, Einordnung des Forum in die zeitgenössische Zeitschriftenlandschaft, Vergleiche mit ausgewählten Vertretern der deutschen und europäischen Kriegs- und Anti-Kriegs-Publizistik).

Aufgrund der Beschränkung des Untersuchungszeitraums auf die Jahre 1910 bis 1915 kann Müller-Stratmann der Interpretationsarbeit mehr Aufmerksamkeit zuwenden; überdies bezieht sie die Argumentationsstrategien der übrigen Mitarbeiter der von Herzog redigierten bzw. herausgegebenen Zeitschriften (Pan, März und Forum) stärker in ihre Darstellung ein.

Stellenweise fallen begriffliche Unsicherheiten auf. Müller-Stratmann verwendet einen undifferenzierten Avantgarde-Begriff, der manchmal mit >Moderne<, manchmal mit >Expressionismus< gleichgesetzt wird (vgl. CMS, S. 52, 65f., 70, 103 u. 128; auf S. 95 findet sich sogar der Begriff "expressionistische Avantgarde").

Wenngleich durchaus Wechselwirkungen zwischen Expressionismus und Avantgarde stattgefunden haben, so unterscheiden sich die beiden Bewegungen doch wesentlich voneinander. Wie Michael Stark nachgewiesen hat, reagierten sowohl Expressionismus als auch Avantgarde auf die "Grundlagenkrise der bürgerlichen Gesellschaft und Kultur", ihre Divergenz begründet sich aber daraus, daß sich Kunst im Expressionismus "noch im abgeschlossenen Werk" repräsentiert, während die Avantgarde-Bewegungen (beispielsweise Futurismus oder Dada) einen "prozessualen Kunstbegriff" forcierten: "Sie inszenieren Kommunikationen über Kunst als künstlerischen Akt und bilden einen reflexiven Diskurs über Kunstkommunikation aus." 10

Müller-Feyen wiederum definiert Das Forum im Untertitel ihrer Monographie als "nonkonformistische Zeitschrift", ohne diese Zuordnung begrifflich zu präzisieren; ähnlich nebulos spricht sie von einer "idealistische[n] Grundhaltung" (CMF, S. 12) Herzogs und davon, daß er sich durch die Herausgabe einer oppositionellen politischen Zeitschrift "auf der Schattenseite des journalistischen Wirkens" (CMF, S. 12) befunden habe (was unter einer solchen "Schattenseite" verstanden werden soll, wird nicht erklärt, so daß sich der Leser mit einer verunglückten Metapher alleine gelassen sieht). An anderer Stelle bezeichnet Müller-Feyen die aktivistischen Intellektuellen in unangemessener Wortwahl als "radikale Schriftstellerclique" (CMF, S. 212).

Weitere Beispiele begrifflicher Unausgewogenheit: in Zusammenhang mit Heinrich Mann vermerkt Müller-Feyen die Forderung nach der Einführung eines "parlamentarischen Regimes" (CMF, S. 32) (statt richtig: parlamentarischer Kontrolle der Regierung); an die Stelle des zeitgenössischen Begriffs der Politisierung des "Geistes" bzw. der "Geistigen" tritt einmal die unfreiwillig komisch wirkende Bezeichnung "Politisierung der Geister" (CMF, S. 33).


Fehler in Details

Bei der Schreibung von Personennamen lassen sich einige Ungenauigkeiten feststellen: So wird George Bernard Shaw von Müller-Stratmann als "Bernard Shaw", im Register gar als "Bernhard Shaw" (CMS, S. 265) bezeichnet, bei Müller-Feyen lautet der Name "George Bernhard Shaw" (CMF, S. 510). Weitere Fehler finden sich in Müller-Feyens Personenverzeichnis: der auf S. 486 erwähnte Musikpädagoge heißt nicht "Jacques Dalcroze", sondern Émile Jaques-Dalcroze (Begründer der "Rhythmischen Gymnastik" und Leiter der "Bildungsanstalt für Musik und Rhythmus" in Hellerau bei Dresden); der Name des ersten Präsidenten der Tschechoslowakei "Thomas Masaryk" lautet korrekt Tomáš Garrigue Masaryk; bei der Schreibung des Namens des tschechischen Schriftstellers Frána Šrámek fehlen die diakritischen Zeichen; Willi Münzenberg wird mehrmals in der unkorrekten Schreibweise "Willy Münzenberg" (CMF, S. 333 u. 396) angeführt.

Margarete Susman ist nicht das Pseudonym von Margarete von Bendemann (vgl. CMF, S. 512), vielmehr der Mädchenname der jüdischen Schriftstellerin und Philosophin, den sie vor ihrer Verehelichung mit dem Maler Eduard von Bendemann getragen hat und mit dem sie auch während der von 1906 bis 1928 währenden Ehe ihre Publikationen gezeichnet hat. Unerwähnt bleibt, daß "Peter Altenberg" das Pseudonym für Richard Engländer ist; der Name des Schweizer Literaturnobelpreisträgers Carl Spitteler ist nicht das Pseudonym für "Carl Felix Tandem" (vgl. CMF, S. 511), sondern umgekehrt handelt es sich bei Tandem um eines der Pseudonyme Spittelers.

Franz Werfel wird nicht so einfach als Vertreter eines "unpolitischen" Expressionismus bezeichnet werden können (vgl. CMF, S. 515), da er sich zwar vom Aktivismus Kurt Hillerscher Prägung distanziert hat, sich aber sehr wohl politisch engagiert hat (Sympathie für die >Roten Garden< und Teilnahme an den revolutionären Ereignissen in Wien im November 1918; Veröffentlichung von Anti-Kriegs-Gedichten; Thematisierung der Revolution in den Dramen Spiegelmensch und Bocksgesang etc.). Der Verfasser des berüchtigten Gedichts Haßgesang gegen England (1914), Ernst Lissauer, wird als Vertreter der "völkisch-nationale[n] Heimatkunst" (CMF, S. 501) bezeichnet; differenzierend wäre hierzu zu bemerken, daß Lissauers Texte wohl von rural-antiurbaner Idyllik charakterisiert sind, jedoch nicht als Bestandteil der "völkischen" Literatur aufgefaßt werden können, zumal der Autor selbst assimilierter Jude war.

Bei Hans Siemsen (vgl. CMF, S. 510) wird nicht erwähnt, daß er nicht nur als Journalist, sondern vor allem als (spätexpressionistischer und neusachlicher) Schriftsteller hervorgetreten ist; überdies war er nicht bloß Autor, sondern 1915/16 auch Redakteur des Zeit-Echo.

Bei der Zuordnung von Schriftstellern, die aus dem Gebiet der österreichisch-Ungarischen Monarchie stammen, nimmt Müller-Feyen eine unhistorische Projektion der 1918 (mit dem Zerfall der Monarchie) geschaffenen politischen Grenzen vor; auf diese Weise werden aus den Prager Autoren Franz Kafka und Max Brod "tschechische" Schriftsteller, aus dem in Budapest geborenen, aber seit seiner Kindheit in Wien lebenden (und später in die Schweiz emigrierten) Felix Salten ein "ungarischer" Literat (vgl. CMF, S. 56, 484 u. 509). Einer solchen Systematik zufolge müßte auch der in Kalischt in Böhmen geborene Gustav Mahler nicht als "österreichischer" (CMF, S. 502), sondern als tschechischer Komponist bezeichnet werden. Ebenso unhistorisch (mittels einer Projektion der 1945 geschaffenen staatlichen Neuordnung) wird der 1888 im damaligen Oberschlesien geborene Franz Jung als "Pole" bzw. "polnischer Schriftsteller" bezeichnet (vgl. CMF, S. 56 u. 497).

An manchen Stellen nehmen die Verfasserinnen (vor allem Müller-Feyen) zu wenig Distanz zu ihrem Forschungsgegenstand ein. Hierzu ein Beispiel: Müller-Feyen erwähnt die 1919 (vor Herzogs Eintritt in die KPD) im Forum kontroversiell geführte Bolschewismus-Debatte, in deren Zusammenhang der pazifistische Münchener Pädagogik-Professor Friedrich Wilhelm Foerster (einer der engagiertesten Friedenskämpfer im Ersten Weltkrieg) den "kommunistische[n] Bolschewismus" als "eine Bruderschaft ohne Bruderliebe" und als ein System "ohne wahrhaft geistiges Prinzip" (zit. nach CMF, S. 235) kritisiert hatte. Herzog antwortete auf diese Kritik mit dem polemischen Hinweis:

Ein Augiasstall ist mit Menschenliebe allein nicht zu säubern. [...] Kommunismus ist Liebe. Aber auch Wille! Wille zur Reinigung, zur Erneuerung. Erneuerung des Geistes kann nur werden, wenn wir vorher den Gesellschaftskörper entgiften (zit. nach CMF, S. 236).
Müller-Feyen begnügt sich damit, eine solche Stelle zu zitieren und in den publizistischen Kontext einzuordnen, aus dem heraus sie entstanden ist. Die ideologische Dimension des Zitats (Legitimierung der sowjetischen Herrschaftspraxis, implizite Befürwortung der Gewalt gegen Andersdenkende, Verwendung biologistischer Metaphorik) bleibt jedoch unkommentiert.

Ebenfalls ohne kritische Erläuterung wird folgende Äußerung Herzogs wiedergegeben, die er anläßlich der von Bertrand Russell (den er bei der Rußlandreise 1920 kennenlernte) vorgebrachten Kritik am Militarismus in der Sowjetunion notiert hat:

Wir werden diese bürgerliche Zivilisation aber vielleicht von Grund auf zerstören müssen, wollen wir alle ihre Entartungen beseitigen (zit. nach CMF, S. 255).

Herzogs jüdisches Selbstverständnis

Herzogs jüdische Herkunft wird in beiden Monographien zwar erwähnt, die Problematik seines widersprüchlichen jüdischen Selbstverständnisses jedoch nur peripher thematisiert.

Der assimilierte, ohne Bindungen an das religiöse Judentum aufgewachsene Publizist erfuhr seine jüdische Herkunft zunächst als negativ erlebte Identität (Ausgrenzung und antisemitische Anfeindung), in seinem späteren gesellschaftskritischen und revolutionären Engagement lassen sich aber durchaus Elemente jüdisch-messianischer Erlösungshoffnungen in säkularisierter Form wiedererkennen.

Ungefestigt in seiner Selbsteinschätzung als Jude verfiel Herzog des öfteren der Gefahr, antisemitische Vorurteile seiner nichtjüdischen Umgebung zu übernehmen und auf seine Gegner zu projizieren. Daraus erklärt sich die Ambivalenz seiner Argumentation: So etwa bekämpfte er in den Jahren vor und während des Ersten Weltkriegs den staatlich gesteuerten Antisemitismus in Rußland, verdächtigte jedoch zu gleicher Zeit – in Anlehnung an einen Topos des Wirtschafts-Antisemitismus – das "kapitalistische Judentum" (zit. nach CMS, S. 77), durch seine Bankgeschäfte mit Zar Nikolaus II. indirekt mitzuhelfen, "die Pogrome gegen die russischen Juden zu finanzieren" (CMS, S. 77).

Als Redakteur des März polemisierte Herzog gegen "das reiche jüdische Gesindel" (zit. nach CMF, S. 86) und kritisierte das jüdische Assimilationsstreben, woraufhin ihm vom "Verein zur Abwehr des Antisemitismus" "Radauantisemitismus" und "böse antisemitische Entgleisungen" (zit. nach CMS, S. 48) vorgeworfen wurden. Herzog reagierte darauf mit einer aggressiven Invektive gegen die "Kriecherischen und Würdelosen" seiner "Stammesgenossen", von denen "jeder wahrhaft aufrechte Jude" abrücken solle:

er meide ihre Gemeinschaft, und, wo er kann, desavouiere, beleidige er sie, gebe er ihnen Fußtritte. Nicht, ihr Abwehrmichel, weil es Juden, sondern weil es kompromittierliche, ekelhafte Individuen sind, kommerzienrätliche Brechreize männlichen und weiblichen Geschlechts. (Wilhelm Herzog: Notizbuch – Allerhand Beschwerden. In: März 7 [1913], Bd.1, S.402-404, zit. nach CMS, S.49)
Einer solchen, in ihrer Radikalität beinahe an Otto Weininger erinnernde Äußerung des >jüdischen Selbsthasses< steht gegenüber, daß Herzog selbst immer wieder zur Zielscheibe antisemitischer Anfeindung wurde. Bereits während seiner Tätigkeit bei der Zeitschrift März beklagte sich Hermann Hesse in einem Brief an Theodor Heuss (den Nachfolger Herzogs als Redakteur der Zeitschrift), daß "unter Herrn Herzog [...] kaum mehr Bücher besprochen [werden], oder doch nur Erotika von östlichen Judenjünglingen" (zit. nach CMF, S. 56).

Zu noch heftigeren antisemitischen Bemerkungen ließ sich Thomas Mann hinreißen, als er anläßlich des revolutionären Engagements Herzogs für die Münchener Räterepublik den Staat Bayern "von jüdischen Literaten" regiert sah und Herzog als einen "Geldmacher und Geschäftsmann im Geist" mit der "großstädtischen Scheißeleganz des Judenbengels" beschimpft, "der sich durch Jahre von einer Kino-Diva aushalten ließ" (Thomas Mann: Tagebücher, zit. nach CMF, S. 158f.).

(Wie aus diesem Zitat überdies zu ersehen ist, wurde Herzog – der von 1914 bis 1921 mit der Filmschauspielerin Erna Morena verheiratet war – des öfteren wegen seines Lebenswandels und seiner extravaganten äußeren Erscheinung diffamiert).

Häufig geriet Herzog unter den Beschuß der antisemitischen reaktionären Presse. Müller-Feyen unterschätzt jedoch die Sprengkraft des Vorkriegs-Antisemitismus, wenn sie vermutet, daß sich der Antisemitismus als Mittel der Politik erst nach dem Ersten Weltkrieg "voll entfalte[t]" habe (vgl. CMF, S. 86).

Eine mögliche Lösung des jüdischen Identitätskonflikts thematisierte Herzog anhand der Publikation des Essays Die Revolution und die Juden von Margarete Susman im September-Heft 1919 des Forum (vgl. CMF, S. 214f.). In diesem Text wird >dem Juden< die Rolle des revolutionären Erneuerers und des Kämpfers für die Menschheitsidee zugewiesen; dieser positiven Bewertung des unruhestiftenden Diaspora-Elements steht die Ablehnung des Zionismus 11 (Austritt aus der europäischen Kultur) und der Assimilation (Auflösung des Judentums) gegenüber. Mit einer solchen Haltung hat sich vermutlich auch Wilhelm Herzog identifiziert.


Zum Stand der bibliographischen Erschließung des "Forum"

Die Einzelbeiträge der Zeitschrift Das Forum sind indexmäßig erschlossen in Paul Raabes 1972 erschienenem Index Expressionismus 12; auf Initiative Raabes wurde 1977 ein Reprint der Zeitschrift veröffentlicht. 13 Die Angabe Müller-Feyens, daß mit Raabes Index (den sie auf S. 14, Anm. 12, übrigens unzureichend, lediglich mit der Angabe des Untertitels zitiert) Das Forum "bibliographisch umfassend erforscht" (CMF, S. 14) sei, trifft allerdings nur eingeschränkt zu. Raabe hat mit seiner Pionierleistung die Zeitschrift in den Kontext der expressionistischen Periodika eingeordnet und einen Index der Einzelbeiträge erstellt.

Es würde sich aber dennoch lohnen, eine "analytische Bibliographie" des Forum zu erarbeiten. Im Unterschied zum Index dokumentiert die analytische Bibliographie die Zeitschrift als zusammengehörigen, vom Herausgeber nach bestimmten Kriterien komponierten Text, wodurch – in den Worten Gerhard Seidels – die Einzelbeiträge "im realen >Kontext< der Zeitschrift" bibliographisch reproduziert werden und "die Komposition jedes Heftes", der "Charakter jedes Jahrgangs" und "die Entwicklung der gesamten Zeitschrift" anschaulich gemacht werden kann. 14 Unter diesem Gesichtspunkt wäre eine analytische Bibliographie des Forum durchaus wünschenswert, zumal ein solches Unternehmen insbesondere die kompositorische Leistung des Herausgebers transparent machen würde.


Zur Rezeption des "Forum"

Abschließend noch einige Bemerkungen zur Rezeption des Forum in expressionistischen und aktivistischen Zeitschriften Österreichs 15 (dieser Aspekt wird in den beiden vorliegenden Monographien weitgehend ausgeklammert). Ausführlicher findet Wilhelm Herzog lediglich in einem von Theodor Haecker verfaßten Essay im Kriegs-Heft 1915 der von Ludwig von Ficker herausgegebenen Innsbrucker Zeitschrift Der Brenner Erwähnung. In diesem (nur von Müller-Stratmann, S. 114, erwähnten) Text nimmt Haecker unter dem Titel Der Krieg und die Führer des Geistes eine (zum Teil antisemitisch argumentierende) Kritik an den kriegsapologetischen Kundgebungen deutscher und österreichischer Intellektueller vor, in die er auch Herzog einbezieht (ohne allerdings Herzogs anfängliche Kriegszustimmung im Kontext seiner späteren Kriegsgegnerschaft zu differenzieren):

Gleich nach Herrn Kerr kam Herr Wilhelm Herzog, der als "Führer des Geistes" eine eigene Zeitschrift hat und im Forum schreibt: "Wir, Freunde des Friedens und Künder einer neuen Ethik, melden uns als Kriegsfreiwillige. Wir wollen töten, wie die anderen." Hiazt, den schaugts an, sagte ich zu meinem Freund. Wild wie ein Cherusker der Hermannsschlacht! Er will töten. Herr Kerr war da viel zahmer, er wollte bloß französisch parlieren, weil er kein Blut nicht sehen kann. Bedenkt man nun, daß beide Führer des Geistes, Herr Kerr und Herr Herzog, nicht auf den Schlachtfeldern ihr Blut, sondern nur im Forum oder im Berliner Tageblatt, oder in der Frankfurter Zeitung, dem Pandämonium der geistmordenden Freidenkerphrase, ihre Tinte verspritzen, so muß man urteilen, daß der Herr Kerr doch der Klügere war. [...] Der Herr Herzog dagegen fängt an mir leid zu tun. Wer soll ihm denn glauben, daß er töten gewollt hat, wenn er in München bleibt und nur Abende zu patriotischer Erhebung inszeniert. 16
1919 findet Das Forum Erwähnung in der Wiener "Zeitschrift der Jüngsten" Aufschwung 17; im selben Jahr erscheinen Annoncen des Forum in der vom Genossenschaftsverlag – einem von Wissenschaftlern und Schriftstellern (Alfred Adler, Albert Ehrenstein, Fritz Lampl, Jakob Moreno Levy, Hugo Sonnenschein und Franz Werfel) auf genossenschaftlicher Basis geführten Verlagsunternehmen – herausgegebenen Zeitschrift Der neue Daimon und in der Theaterzeitschrift Der Maßstab, einer nach dem Vorbild der Berliner Schaubühne konzipierten, von Leo Schidrowitz herausgegebenen kritischen Rundschau des Wiener Theaterlebens.

Von den aktivistischen Organen in Wien hatte Herzog Kontakt zu der von Max Ermers geleiteten "kultursozialistischen" Zeitschrift Neue Erde, in der am 12. März 1920 eine Annonce des Forum erschien. Des weiteren führte die Zeitschrift Der Strahl, das Mitteilungsorgan des von Robert Müller initiierten "Bundes der geistig Tätigen" – der wichtigsten organisatorischen Plattform des Wiener Aktivismus – Das Forum unter den empfehlenswerten Zeitschriften an. 18

*

Insgesamt betrachtet beeindrucken die beiden vorgelegten Monographien durch die Fülle der angesprochenen Fragestellungen. Ein bisher wenig bearbeiteter Aspekt der Publizistik des Aktivismus wurde gründlich erforscht, so daß zu hoffen ist, daß Wilhelm Herzog und dem Forum in den weiteren Forschungen zu Literatur und Politik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der ihnen gebührende Platz eingeräumt wird.

Im Anschluß an die Monographien von Carla Müller-Feyen und Claudia Müller-Stratmann wäre die Erarbeitung einer analytischen Bibliographie der Zeitschrift Das Forum sowie eine ähnlich sorgfältige Darstellung der Exilpublizistik Herzogs wünschenswert; des weiteren sollte die Aufarbeitung des Herzog-Nachlasses fortgesetzt werden (eventuell in Form einer Edition seiner Tagebücher); ebenfalls überlegenswert wäre die Publikation einer kommentierten Auswahl des publizistischen Schaffens von Wilhelm Herzog.


Prof. Dr. Armin A. Wallas
Institut für Germanistik
der Universität Klagenfurt
Universitätsstraße 65
A-9022 Klagenfurt

Ins Netz gestellt am 28.09.1999.

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Anmerkungen

1 Vgl. Carla Müller-Feyen: Engagierter Journalismus: Wilhelm Herzog und Das Forum (1914-1929). Zeitgeschehen und Zeitgenossen im Spiegel einer nonkonformistischen Zeitschrift. (Europäische Hochschulschriften, Reihe III: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften 699) Frankfurt/Main u. a.: Peter Lang 1996. 555 S. Kart. – Claudia Müller-Stratmann: Wilhelm Herzog und Das Forum. "Literatur - Politik" zwischen 1910 und 1915. Ein Beitrag zur Publizistik des Expressionismus. (Regensburger Beiträge zur deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft, Reihe B / Untersuchungen 64) Frankfurt/Main u. a.: Peter Lang 1997. 268 S. Kart. - Im folgenden wird das Buch von Carla Müller-Feyen mit der Sigle CMF, jenes von Claudia Müller-Stratmann mit der Sigle CMS zitiert. zurück

2 Vgl. hierzu Ursula Walburga Baumeister: Die Aktion 1911-1932. Publizistische Opposition und literarischer Aktivismus der Zeitschrift im restriktiven Kontext. (Erlanger Studien 107) Erlangen u. a.: Palm & Enke 1996, u. a. S. 17 ff. zurück

3 Bei diesem Zitat aus einem Schreiben der Zensurbehörde des Kgl. Bayr. Kriegsministeriums an das Stellvertretende Generalkommando in Berlin, München 4.3.1915, divergiert die Transkription in den vorliegenden Monographien: während die Stelle bei CMF, S. 119, als "pazifistische Welt- und Lebensanschauung" wiedergegeben wird, lautet sie bei CMS, S. 219, "pessimistische Welt- und Lebensanschauung". zurück

4 Zum Kiepenheuer Verlag, in dem Das Forum von 1918 bis 1921 erschien, vgl. die beiden, von Müller-Feyen nicht erwähnten Anthologien (die auch Texte von Wilhelm Herzog beinhalten): Noa Kiepenheuer (Hg.): Vierzig Jahre Kiepenheuer. 1910-1950. Ein Almanach. Weimar: Gustav Kiepenheuer 1951; Thema - Stil - Gestalt. 1917-1932. 15 Jahre Literatur und Kunst im Spiegel eines Verlages. Katalog zur Ausstellung anläßlich des 75jährigen Bestehens des Gustav Kiepenheuer Verlages. Ausstellungskonzeption und Katalog: Friedemann Berger. Leipzig u. a.: Gustav Kiepenheuer 1984. zurück

5 Claudia Müller-Stratmann veröffentlichte 1994 eine Studie über den Münchener Schriftsteller Josef Ruederer (1861-1915) und Carla Müller-Feyen verfaßte 1991 eine Magisterarbeit über die kulturpolitische Zeitschrift März ("Deutsch-Französische literarische Beziehungen vor 1914"). zurück

6 Vgl. die Vorarbeit zu dieser Bibliographie: Carla Müller-Feyen: Wilhelm Herzog. In: John M. Spalek / Konrad Feilchenfeldt / Sandra H. Hawrylchak (Hg.): Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Band 4: Bibliographien. Schriftsteller, Publizisten und Literaturwissenschaftler in den USA. Bern u. a.: K. G. Saur 1994, Teil 2, S. 702-709 (diese Bibliographie beschränkt sich vorwiegend auf Veröffentlichungen Herzogs aus den dreißiger und vierziger Jahren, vermehrt um eine Zusammenstellung der Sekundärliteratur). zurück

7 Wie eine stichprobenhafte Überprüfung ergeben hat, ist die Bibliographie sorgfältig erarbeitet; bei den Publikationen Herzogs im Exilorgan Pariser Tageblatt bzw. Pariser Tageszeitung etwa fehlt lediglich folgender, unter dem Pseudonym Julian Sorel veröffentlichter Artikel: Das Jahr der Feuerzeichen. In: Pariser Tageblatt 2 (1934), H. 32, 12. 1. 1934, S. 1f. Vgl. Gerda Raßler: Pariser Tageblatt / Pariser Tageszeitung. 1933-1940. Eine Auswahlbibliographie. Berlin u. a.: Aufbau 1989, S. 55. zurück

8 Hierzu noch ein bibliographischer Hinweis (der in den vorliegenden Monographien unerwähnt bleibt): Claude Foucart: L'humanisme engagé. André Gide et Wilhelm Herzog. In: Revue de littérature comparée 65 (1991), H. 4, S. 469-586. zurück

9 Überflüssig, weil unrichtig, sind Müller-Stratmanns Bemerkungen zum Forschungsstand, wonach "der interdisziplinäre Zugriff" auf Zeitschriften weitgehend gescheut werde (dem ließe sich eine Reihe von Zeitschriften-Analysen und -Bibliographien, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden, entgegenhalten), wie auch die Meinung, daß die "gegenwärtige Entwicklung der Fachwissenschaften" "keine Gesamtschauen und fachübergreifende Ansätze" (CMS, S. 12) fördere – dies ist immer noch der Eigeninitiative des jeweiligen Forschers bzw. der Forscherin überlassen. zurück

10 Vgl. Michael Stark: "Werdet politisch!" Expressionistische Manifeste und historische Avantgarde. In: Wolfgang Asholt / Walter Fähnders (Hg.): "Die ganze Welt ist eine Manifestation". Die europäische Avantgarde und ihre Manifeste. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1997, S. 238-255. Hier S. 238 u. 243. zurück

11 Die historischen Angaben zum Zionismus, die Müller-Feyen auf S. 214, Anm. 636, mitteilt, sind ungenau: Auf dem I. Zionistenkongreß 1897 in Basel wurde nicht die "Gründung eines souveränen Judenstaates in Palästina" beschlossen, sondern die "Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte des jüdischen Volkes in Palästina" proklamiert; mit der >Balfour-Deklaration< von 1917 wurde nicht ein "souveräner Judenstaat" seitens der britischen Regierung "anerkannt", sondern eine (in Form eines Briefes von Außenminister Arthur James Balfour an Lionel Walter Lord Rothschild abgefaßte) Absichtserklärung zugunsten der Errichtung einer "nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina" abgegeben. zurück

12 Vgl. Paul Raabe (Hg.): Index Expressionismus. Bibliographie der Beiträge in den Zeitschriften und Jahrbüchern des literarischen Expressionismus. 1910-1925. 18 Bde. Nendeln / Liechtenstein: Kraus-Thomson 1972. zurück

13 Vgl. Das Forum 1-9 (1914-1929). Reprint. Nendeln / Liechtenstein: Kraus 1977. zurück

14 Vgl. hierzu Armin A. Wallas: Analytische Bibliographie der Zeitschriften und Anthologien in Österreich. In: Michael Knoche / Reinhard Tgahrt (Hg.): Retrospektive Erschließung von Zeitschriften und Zeitungen. Beiträge des Weimarer Kolloquiums, Herzogin Anna Amalia Bibliothek, 25. bis 27. September 1996. Berlin: Deutsches Bibliotheksinstitut 1997 (= Informationsmittel für Bibliotheken (IFB), Beiheft 4), S. 97-110. Hier S. 99f. Mit einem Zitat aus: Gerhard Seidel: Bibliographische Reproduktion und Erschließung deutscher literarischer Zeitschriften des 20. Jahrhunderts. Ankündigung einer Schriftenreihe. In: Weimarer Beiträge 12 (1966), S. 990-1010. zurück

15 Zu Erwähnungen Wilhelm Herzogs und der Zeitschrift Das Forum in österreichischen Periodika vgl. Armin A. Wallas: Zeitschriften und Anthologien des Expressionismus in Österreich. Analytische Bibliographie und Register. 2 Bde. München u. a.: K. G. Saur 1995, S. 590 u. 840. zurück

16 Vgl. Theodor Haecker: Der Krieg und die Führer des Geistes. (Auszüge aus einem demnächst erscheinenden Buch). In: Der Brenner 5 (1915), S. 130-187. Hier S. 142f. Haecker bezieht sich hier auf die Veranstaltung der Forum-Abende und auf den Artikel: Wilhelm Herzog: Der Triumph des Krieges I. Der große Umwerter. In: Das Forum 1 (1914/15), H. 5/6, S. 257-260. zurück

17 Vgl. Bücher des neuen Geistes. In: Aufschwung 1 (1919), H. 9/10, S. 75 f. zurück

18 Vgl. Zeitschriftenschau. Wir empfehlen folgende Zeitschriften. In: Der Strahl 1 (1920), H. 2, S. 87f. zurück