Winkler über Meier: Returning Science to the Scientists

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Stefan Winkler

Die Zukunft wissenschaftlichen Publizierens:
Self-Archiving, Open Access und Preprint?

Kurzrezension zu
  • Meier, Michael (2002) Returning Science to the Scientists. Der Umbruch im STM – Zeitschriftenmarkt unter Einfluss des Electronic Publishing. (Buchhandel der Zukunft Bd. 2) München: Peniope 2002, 240 Seiten,15 Abb., 10 Tab., brosch. EUR (D) 30,00
    ISBN 3-936609-01-2.


Diese Dissertation bearbeitet ein brandaktuelles und kontrovers diskutiertes Thema. Sie ist eine Kompilation und verständige Diskussion zentraler Analysen zur Zeitschriftenkrise und zum Electronic Publishing sowie von Initiativen der Open Access, Selfarchiving und Preprint-Server Community. Auch für mit dem Thema vertraute Leser stellt diese Dissertation eine schier unerschöpfliche Quelle von Beiträgen verschiedenster Akteure auf dem Markt elektronischer Fachinformation dar, sei es von kommerziellen oder nichtkom-mer-ziellen Verlagen, wissenschaftlichen Fachgesellschaften, Bibliotheken, etc.

Obwohl es sich hierbei um eine grundsätzlich umfassende Darstellung handelt, drängt sich einiges an Kritik auf, was viel mit den in der Einleitung geweckten aber später enttäuschten Erwartungen zu tun hat.

Meier möchte mit seiner Arbeit dem deutschsprachigen Raum "bisher unbekannte Forschungsliteratur" über die "Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens" erschließen, die "innovativsten Publikationsmodelle der USA und Australien" detailliert darstellen und deren "praktische Umsetzungsfähigkeit für den deutschen Fachinformationsmarkt bewerten" (S.7).

Abgesehen davon, daß Meier davon auszugehen scheint, daß englischsprachige Fachinformation den deutschen Wissenschaftlern nicht bekannt ist, ignoriert sein Ausgangspunkt weitestgehend die deutschsprachige Diskussion der Zeitschriftenkrise in den einschlägigen Fachzeitschriften und Mailinglisten sowie die zahlreichen, auch in Deutschland regelmäßig stattfindenden und an ein internationales Publikum gerichteten Fachkonferenzen. 1

Schade ist, daß Meier eine Beschreibung des deutschen Fachinformationsmarktes, für den er die neuen Publikationsmodelle ja bewerten möchte, in seiner Darstellung vollkommen ausspart. Weder erhält der Leser eine Vorstellung über das System der zumeist öffentlich finanzierten Fachinformationszentren, die seit den 70er Jahren vor allem bibliografische Fachdatenbanken erstellen und über kommerzielle Hosts verwerten, noch wird er mit den aktuellen Schwerpunktprogrammen zur Förderung von Digitalen Bibliotheken in Deutschland (Global Info 2 , Informationsverbünde 3, Virtuelle Fachbibliotheken 4) bekannt gemacht. Wer diese Ebene der Digital Library Szene in Deutschland nicht kennt, kann auch nicht wahrnehmen, in welchem Umfang bereits vor 10 Jahren die Konzepte des Selfarchiving, der Open Access Ejournals oder der Preprint-Server ihre Fürsprecher fanden und inzwischen auch ganz praktisch – wie z.B. im MathNet- Projekt 5 – umgesetzt wurden.

Systemtheoretischer Ansatz
und begriffliche Schwächen

Als theoretischen Hintergrund seiner Arbeit benennt Meier die Systemtheorie nach Niklas Luhmann, auch wenn davon jenseits des auf bescheidenen fünf Seiten ausgebreiteten Theoriekapitels nur noch selten die Rede sein wird. Meier operiert vor allem mit Begrifflichkeiten, die weniger der Systemtheorie als der klassischen Ökonomie entlehnt sind. Auch sonst halten sich die theoretischen Anstrengungen Meiers eher in Grenzen. Definitionen von Begrifflichkeiten fehlen z.B. weitgehend. Was mit Information, Informationsdichte 6 oder Digitaler Bibliothek gemeint ist, hat sich der Leser aus dem Kontext zu erschließen. An anderen Stellen werden begriffliche Ungenauigkeiten sogar zu inhaltlichen Fehlern, so wenn Kosten zu Gewinnen (S. 88) werden oder die – gemäß den von Meier selbst zitierten Quellen – stagnierenden bzw. langsam steigenden Bibliotheksetats unter der Hand zu sinkenden Etats werden (S. 29).

Unsicher wirkt Meier auch bei der Forschung nach den Ursachen für die Zeitschriftenkrise. So formuliert er an einer Stelle überraschend deutlich, daß die Rolle der (kommerziellen) Verlage den Dreh- und Angelpunkt der Zeitschriftenkrise darstelle, weil "ihre Preispolitik zu den wissenschaftsschädigenden Umverteilungen in den Budgets der Bibliotheken" führe, weswegen ihr "Preisdiktat" aufgebrochen werden müsse (S. 97). An anderer Stelle übernimmt er dagegen Odlyzko's These (ohne ihn zu zitieren) daß die Zeitschriftenkrise im Grunde genommen eine Krise der Bibliothekskosten sei.

Gewagte Voraussagen
zur elektronischen Fachinformation

Den Abschluß dieser Arbeit bildet in Kap. 17 ein Ausblick auf die Entwicklungen des Zeitschriftenmarktes und der Wissenschaftskommunikation der nahen Zukunft. Die Szenarien, die Meier für wahrscheinlich hält, sind, durch keinerlei Quellen belegte, teils qualitative, teils quantitative Spekulationen. Nicht viel seherische Fähigkeiten erfordert noch die Voraussage, daß bis zum Jahr 2004 in den ersten Wissenschaftsdisziplinen frei zugängliche Datenbanken entstehen, die mit der Open Archives Software durchsuchbar sind (S. 187) – diese Aussage wäre im übrigen für das Jahr 2002 genau so richtig gewesen. Gewagter sind da schon die Behauptungen, daß bis 2006 ca. 15 bis 20 % der wissenschaftlichen Institutionen auf Printzeitschriften verzichtet haben und lediglich elektronische Zeitschriften beziehen werden (S. 188) oder daß das traditionelle Verlagskonzept dabei ist, sich langsam aufzulösen, im Jahr 2008 nur noch in Resten existieren wird und nur noch einige wenige Printzeitschriften erhalten sein werden (S. 189 f).

Die Bestimmtheit, mit der diese mögliche Entwicklung ohne zu argumentieren und ohne Bezugnahme auf einschlägige Delphistudien 7 vorhergesagt wird, erstaunt und steht im Widerspruch zu anderen in dieser Arbeit gemachten Einschätzungen, wie der, daß vieles darauf hindeute, daß "die wirtschaftliche Macht der Zeitschriftenverlage systembewahrend wirkt und die Veränderungsbereitschaft der Wissenschaftler zu einer Neuorganisation des STM-Publikationswesens überlagert" (S. 117). Den durchaus offenen und hinsichtlich seines Ausgangs auch gar nicht absehbaren Machtkampf zwischen Selfarchiving / Open Access Initiativen einerseits und kommerziellen Verlagen andererseits ohne Umstände auf diese Art ausgehen zu lassen, mag wünschenswert sein - wissenschaftlich ist das jedoch nicht.

Fazit

"Returning Science to the Scientists" ist trotz einiger inhaltlicher Schwächen wie der fehlenden Beschreibung des deutschen Fachinformationsmarktes, einer etwas zu knapp geratenen theoretischen Einbettung oder begriffliche Ungenauigkeiten, eine durchaus lesenswerte Dissertation zu einem spannenden und sehr aktuellen Thema: Zeitschriftenkrise und Electronic Publishing, mit besonderem Augenmerk auf die Rolle der Self Archiving, Open Access und Preprint Server Community. Dass Meier sich zu einer Vorhersage einer rasch heraufziehenden, relativ rosigen Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens im digitalen Zeitalter hat verleiten lassen, ist wohl seinen Sympathien für diese neuen Publikationsweisen geschuldet. Ohne das spekulative Kap. 17 hätte diese Arbeit jedoch einen wesentlich solideren Eindruck hinterlassen.


Stefan Winkler
Moltkestr.5
64295 Darmstadt

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Ins Netz gestellt am 24.09.2003
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Anmerkungen

1 Vgl. http://www.dl-forum.de/Veranstaltungen/Archiv.html   zurück

2 Vgl. http://www.global-info.org    zurück

3 Gerade die derzeit neu entstehenden Informationsverbünde, die bis zum Jahr 2004 mit immerhin mehr als 10 Mio. Euro aus öffentlichen Mitteln gefördert werden, spielen eine zunehmend wichtige Rolle bei der Verwertung elektronischer Zeitschriften in Deutschland. Mit ihnen wird versucht, den elektronischen Content der Fachinformationszentren und Datenbankhosts mit den Verlags – Ejournals zu integrieren und unter einem gemeinsamen Portal z.B. als pay per view zu vertreiben. Vgl. http://www.vascoda.de/    zurück

4 Vgl. http://www.virtuellefachbibliothek.de/    zurück

5 Vgl. http://www.mathnet.de/    zurück

6 Mit dem Begriff "Informationsdichte" (S. 118) bezieht sich Meier auf das cross reference linking.    zurück

7 Keller, Alice. 2001. "Future Development of electronic journals: a Delphi survey." The Electronic Library 19:383–396. http://www.emerald-library.com/ft    zurück