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Die Angst des Prothesengottes
vor rebellischen Maschinen.

Felix Holtschoppen zur Funktion von Maschinenphantasien in der Literatur um 1900.

  • Felix Holtschoppen: Rebellische Technik. Maschinenphantasien in der literarischen Phantastik um 1900. (ZeitStimmen 6) Berlin: trafo 2005. 165 S. Paperback. EUR (D) 17,80.
    ISBN: 978-3-89626-601-9.
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Einleitendes

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Aus dem altgriechischen Begriff ›mechané‹ für Hilfsmittel und Werkzeug entstand über das lateinische Wort ›machina‹ die französische ›machine‹ und bezeichnete als ›Maschine‹ im Deutschen zunächst eine spezielle Art von Werkzeug: Kriegsgerät. Waffen und Werkzeuge stellen Menschen seit der Steinzeit her, um ihre spezifischen Schwächen auszugleichen und um zu versuchen, die Natur, die Menschen immer wieder unbändig und bedrohlich entgegentritt, zu kontrollieren.

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Je erfolgreicher wir mit dieser Domestizierung alles Wilden sind, desto gefährlicher erscheint allerdings ein unberechenbares Restrisiko. Der höchste Horror für kontrollgewohnte Menschen zeigt sich dann, wenn die Werkzeuge, die Maschinen außer Kontrolle geraten oder gar ihrerseits die Herrschaft zu übernehmen drohen. Schon die Technikdiskurse des 19. Jahrhunderts sind, stellt Hugh Ridley fest, 1 ambivalent: ›Gute‹ Technik unterstützt »die Selbstermächtigungsphantasien ihrer Benutzer« (Holtschoppen S. 23), ›böse‹ Automaten knechten diejenigen, die sie bedienen müssen. Sigmund Freuds bekanntes Diktum vom Menschen als einem Prothesengott, der sich stets davor fürchten müsse, die Kontrolle über die künstlichen Glieder zu verlieren, hat diese Angst vor einer zweischneidigen Technik explizit gemacht. 2 Und schon die Schauerliteratur des 19. Jahrhunderts nutzte den Schauder des Menschen vor seinen eigenen Geschöpfen und imaginierte künstliche Menschen, die ihre Erfinder zu beherrschen drohen und außer Kontrolle geraten. 3

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Wenn im 19. Jahrhundert in Mitteleuropa die Industrialisierung eine Automatisierung der Arbeit und eine Taylorisierung der Wirtschafts- und Gesellschaftsprozesse mit sich bringt, so sind dies Folgen einer aufgeklärten Selbstermächtigung des bürgerlichen Subjekts, und es soll Technik, menschliche Autonomie und Unabhängigkeit von überindividuellen Zwängen fördern und führt dann doch gerade in dieser Zeit ganz offenkundig dazu, dass kollektive maschinengeprägte, rationale Arbeitsprozesse immer deutlicher Macht gewinnen über individuelles menschliches Leben. Und gleichzeitig werden Automaten und automatische Abläufe zur Metapher für gesellschaftliche Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse der verschiedensten Art.

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Felix Holtschoppen geht von der Ambivalenz der Technikbilder aus und untersucht Maschinenimaginationen in der Literatur kurz nach 1900. Dort entwickeln nicht mehr nur anthropomorphe Automaten einen hinterlistigen maschinellen Eigenwillen, sondern Maschinen der verschiedensten Art, vorzugsweise in der Phantastik: Was als ›gute Technik‹ geschaffen wurde und den Erfindern und Nutzern Autonomie gewähren sollte, entpuppt sich unter der Hand als hochgradig ›böse‹ Technik und knechtet die, deren Freiheit sie doch ursprünglich garantieren sollte. Solch ›rebellischer Technik‹ widmet sich Felix Holtschoppens ausgezeichnete Magisterarbeit.

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Dass die Ambivalenz von Automaten als Diener oder Tyrannen gerade kurz nach 1900 in der phantastischen Literatur zum Thema wird, erklärt Holtschoppen unter anderem mit den »Wissens-Revolutionen« 4 jener Jahrhundertwende: Einer ›verselbständigten Welt‹ steht ein ›entmächtigtes Ich‹ gegenüber, 5 das heißt: Alltagserfahrungen im Industriezeitalter tragen wie der natur- und kulturwissenschaftliche Diskurs dazu bei, dass Vorstellungen vom autonomen bürgerlich-männlichen Subjekt, das sich seine Gesetze selbst gibt und auf seine Umgebung selbstgesteuert reagieren kann, als obsolet gelten müssen.

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Holtschoppen analysiert die Erzählungen Der Triumph der Mechanik (1906) von Karl Hans Strobl, Ein Protest (1908) von Georg Fröschel, In der Strafkolonie (1914) von Franz Kafka und Die vier Mondbrüder (1916) von Gustav Meyrink. In allen diesen Erzählungen, so verschieden ihre sprachliche und strukturelle Raffinesse und ihr Bekanntheitsgrad auch ist und so unterschiedliche Ansprüche sie an ihre Leser stellen, tauchen Maschinen auf, die ein Eigenleben entwickeln, das ihren Schöpfern und Erfindern gründlich außer Kontrolle gerät.

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Holtschoppen fragt, wie die Technik und ihr Aufbegehren oder der menschliche Kontrollverlust im einzelnen Text konzipiert sind, welche anthropologischen Grundvorstellungen aufgerufen werden, welche kulturellen Ängste sich hinter dem erzählten Horror verbergen und welche gesellschaftlichen Diskurse dieser Text – implementierend oder problematisierend – aufgreift.

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Phantastische Literatur ist für ihn mit Renate Lachmann dadurch geprägt, dass sie Ausgegrenztes, Verdrängtes und Unterdrücktes einer Kultur ans Licht holt. Beunruhigend sind solche Texte meist schon dadurch, dass die Lesenden dem Erzählten nicht ungebrochen Vertrauen schenken können, oft gar die Erzähler selbst über das Geschehen existenziell verunsichert sind. 6 Angesichts einer solch überzeugenden Konzeption phantastischer Literatur überrascht es, dass Holtschoppen eine Definition des Phantastischen mit dem Hinweis verweigert, »[d]ie Bemühungen um die Bestimmung der phantastischen Literatur als ›Gattung‹ [seien] trotz aller Versuche [...] relativ fruchtlos [geblieben]« (S. 30). Daran überrascht zweierlei: Zum einen ist ein Gebiet der Phantastik mit dem Hinweis auf Lachmanns ›Unbewusstes der Kultur‹ und auf die Bedeutung der verunsichernden oder verunsicherten Erzählerrolle hinreichend abgegrenzt, und andererseits kann es gar keine ›Gattung‹ des Phantastischen geben, da Phantastik in den verschiedensten Gattungen, in Roman, Erzählung, Drama, Comic etc., auftauchen kann. Die einzelnen Texte ziehen aus der Ambivalenz der Technik durchaus unterschiedliche Konsequenzen:

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Mal [!] steht die rebellische Technik im Zeichen einer dämonischen Weiblichkeit (Fröschel), ein anderes Mal figuriert sie als Ergebnis eines einseitigen und überzogenen rationalistischen Zweckdenkens (Meyrink); steht in einem Text der nationale Symbolcharakter der Technik im Vordergrund (Strobl), verkörpert sie in einem anderen die Destruktivität des gesellschaftlichen oder bürokratischen Disziplinarapparats (Kafka). (S. 29)
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Die zitierte Grundthese kann schon einige Stärken und Schwächen dieser Arbeit veranschaulichen: Holtschoppen verfolgt eine kulturwissenschaftlich hochaktuelle Fragestellung, liest Texte als Literaturwissenschaftler und mit interdisziplinärer Kompetenz, arbeitet genderorientiert und mit einem wachen Sensorium für kulturelle Stereotypen. Da er die Texte jeweils gesondert analysiert, lassen sich seine Ergebnisse für Leser(innen) gut nachvollziehen und überprüfen.

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Dass die Erzählungen von Fröschel, Strobl und Meyrink aus dem kulturellen Gedächtnis der Literatur zudem nahezu verschwunden sind, macht Holtschoppens Arbeit umso wichtiger. Warum er aber gerade diese vier nach Inhalt, Anspruch, Wertung doch sehr verschiedenen Erzählungen ins Zentrum einer aneinanderreihenden Untersuchung der ›rebellischen Technik‹ in der Literatur stellt, bleibt das Geheimnis des Autors. Er macht nicht deutlich, inwiefern gerade diese Texte als exemplarisch für eine Zeitströmung gelten müssen. Und dass ein weiterer Korrekturgang auf dem Weg vom Typoskript der Magisterarbeit zur publizierten Studie ratsam gewesen wäre, das zeigt das Zitat mit dem umgangssprachlichen ›mal‹ ganz nebenbei.

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Im Folgenden sollen aus Holtschoppens Arbeit exemplarisch seine Analysen von Fröschels und von Kafkas Erzählung näher betrachtet werden.

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Energetische Ströme: Georg Fröschels Ein Protest (1908)

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Georg Fröschel (1891–1979) musste vor der nationalsozialistischen Judenverfolgung 1936 in die USA fliehen und hat in Hollywood als Drehbuchautor gearbeitet. Als solcher ist er heute bekannter denn als Verfasser phantastischer Erzählungen. 7 Die Erzählung Ein Protest hat er 1908 verfasst und 1910 in der Novellensammlung Ein Schloß der Lügen veröffentlicht. Sie verunsichert die Lesenden mit Hilfe des Zusammenspiels von Rahmen- und Binnenerzählung: In einem Protestbrief wendet sich der Insasse eines Irrenhauses an den Direktor der Anstalt und bekundet seine geistige Gesundheit mit der phantastischen Geschichte seines mörderischen Lebens.

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In dieser Lebensgeschichte gerät die Maschinenwelt außer Kontrolle, weil der Erzähler, der sich als Erfinder und ehemaliger Direktor eines Elektrizitätswerks vorstellt, in das Stromnetz einen hochenergetischen menschlichen Körper einspannt. Er bestraft so seine untreue Ehefrau, deren Lust er nicht domestizieren konnte, mit dem Tod, und deren Energie lässt die Technik der Großstadt in einem infernalischen Licht- und Feuerwirbel zugrunde gehen:

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Die Bogenlampen flammten auf wie leuchtende Sonnen und schleuderten riesige Strahlenbündel in die Nacht, ihre Kandelaber wurden weiß-glühend bis zur Erde und wellten sich wie brennendes Menschenhaar, die Schienen der Straßenbahnen auf der Erde, die Drähte in der Luft erglühten in purpurfarbenem Licht, die elektrischen Wagen begannen in rasendem Laufe dahinzueilen mit einem Funkenregen um sich wie abgeschossene Raketen.
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Holtschoppen liest diese Erzählung im Licht der zeitgenössischen Geschlechter- und Nervositätsdiskurse: Das männlich konnotierte Hirn versucht weiblich konnotierte Nerven zu regulieren, scheitert aber an deren Energieströmen. Wenn Holtschoppens Klappentext Lektüren »unter narratologischen, medientheoretischen und kulturwissenschaftlichen Gesichtspunkten« verspricht, dominiert hier doch eindeutig eine kulturwissenschaftliche und kontextdominierte Analyse: Inwieweit die komplexe Erzählstruktur den patriarchalen Machtanspruch des Briefschreibers aus dem Irrenhaus unterläuft und so die Erzählung den zeitgenössischen Geschlechterdiskurs und die Zuordnung des Nervösen zum Weiblichen und eine Allegorisierung der Elektrizität als erotische weibliche Macht zu konterkarieren vermag, beleuchtet Holtschoppen nicht.

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In die Haut geritzte Ordnung:
Franz Kafkas In der Strafkolonie (1914)

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Lesen kann schmerzhaft sein: In Kafkas 1914 verfasster und 1919 publizierter Erzählung In der Strafkolonie wird ein Reisender Zeuge des Einsatzes einer Hinrichtungsmaschine, die dem Opfer, so jedenfalls beschreibt es dem Reisenden der die Maschine bedienende und ihr dienende Offizier, das Gesetz, das es übertreten haben soll, im Laufe von zwölf Stunden tödlich in die Haut einritzt. Nach sechs Stunden beginne der Gefolterte den Satz in seinen Wunden zu entziffern. Wer Kafkas Erzählung liest, wird mit dem Exekutionsprozess in quälend detaillierter Beschreibung gleich dreimal konfrontiert: Er liest die pedantische Beschreibung durch den Offizier und wird aus der Perspektive des Reisenden Zeuge der zweifachen blutigen Anwendung der Maschine. Kafkas In der Strafkolonie zu lesen erzeugt so nahezu körperliche Schmerzen. Holtschoppen analysiert in Kapitel 5.1 genau und sehr überzeugend die narrative Struktur dieser Erzählung, die durch einen »zweifelnde[n] Erzähler« (S. 116) die Lesenden auf höchst unsicheres Terrain führt.

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Erstaunlich ist dann allerdings die Wendung, die Holtschoppen zum Versuch einer eindeutigen Interpretation vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Arbeitswissenschaften nimmt: Hat er zunächst festgestellt, dass die Erzählung sich insofern einer »eindeutige[n] zeitliche[n] Zuordnung« verweigert, als »[a]bsolute Herrschaft und Disziplinargesellschaft, Folter und moderner Justizapparat [...] übereinander geblendet« werden (S. 123), so schließt er daran unmittelbar folgende Aussagen an:

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Begreift man die Einspannung eines Körpers in einen übermächtigen Apparat, welcher dem Körper seine Gebote qualvoll einschreibt, ihn somit zu- und abrichtet, bis er buchstäblich von ihnen überzogen ist, als Sinnbild einer disziplinären Einschreibungspraxis, so liegt die Parallele zur Arbeitswissenschaft auf der Hand. Denn auch diese möchte einen systematischen Zugriff auf den Körper erlangen, ihn rational durchdringen und bestimmten Gesetzmäßigkeiten unterwerfen, um seine Anpassung an das technische Ensemble der maschinellen Produktion zu gewährleisten. (S. 123)
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Holtschoppen parallelisiert im Folgenden – nicht ganz zwingend – die arbeitswissenschaftlichen Theorien Frederick W. Taylors und Alfred Webers Essay Der Beamte 8 mit Kafkas Erzählung und liest sie als Text, der den Verlust der Kontrolle über eine disziplinierende Maschine vorführt, und als kulturwissenschaftliches Dokument der Furcht vor der wuchernden Bürokratie des Habsburger Regimes und gleichzeitig einer Sorge um deren »drohenden Kollaps« (S. 145). Denn, so liest Holtschoppen, dass die Maschine sich am Ende selbst zerstört, werde »als simultaner Zerfall des stabilisierenden und Ordnung gewährleistenden Staatsapparates zur fürchterlichen Katastrophe« (S. 148). Mir scheint damit das Ende der Erzählung allerdings interpretatorisch gewaltsam ruhiggestellt zu sein und Holtschoppens vereinfachend-kulturwissenschaftliche Lektüre hinter seine vorherige detaillierte narratologische Analyse zurückzugehen.

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Aufklärungsinversion und Untergangsängste

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Die vier von Holtschoppen ausgewählten Erzählungen führen alle rebellische Maschinen vor. Wenn Phantastik für Renate Lachmann die Inversion der Aufklärung bedeutet, zeigt sich diese für Holtschoppen kurz nach 1900 in einer Abwehr des technisch-rationalen Denkens und einer Negation der Technikeuphorie. Natur als das Wilde, Unbändige, Unkontrollierbare, Gefährliche für eine patriarchale Ordnung sollte in der Neuzeit mit zwei Strategien domestiziert werden: Einerseits definieren es die herrschenden Geschlechterdiskurse seit der Epochenschwelle um 1800 als das Andere, das Weibliche. Und andererseits entwickelten die europäischen Gesellschaften immer ausgeprägtere Techniken einer Naturbeherrschung (und dazu gehört, siehe Kafka, die Kolonialisation). Technik gilt zumeist als männliche Domäne, wer an einer technischen Hochschule lehrt, hat dies bis heute täglich vor Augen.

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Diese Technik aber, das hat Freud 1930 im Unbehagen in der Kultur erkannt und das offenbart sich in der Literatur um 1900 schon manifest, entwickelt spätestens um 1900 ein Potential der Bedrohung und Beängstigung. Für Holtschoppen werden in den vier von ihm untersuchten Texten der literarischen Phantastik männliche »Untergangsängste« ausgeschrieben, Ängste vor einer machtvollen, außer Kontrolle geratenen und in solcher Bedrohlichkeit dann wiederum als das Andere und somit als weiblich konnotierten technischen Welt: Eine These, die im Lichte anderer gendersensibler literatur- und kulturwissenschaftlicher Analysen stimmig erscheint, die allerdings der komplexen Vieldeutigkeit von Kafkas In der Strafkolonie nicht ganz gerecht werden kann.

 
 

Anmerkungen

Hugh Ridley: Gute Lokomotive, böser Webstuhl. Technikrezeption in der Literatur des Vormärz. In: Erhard Schütz (Hg.): Willkommen und Abschied der Maschinen. Literatur und Technik – Bestandsaufnahme eines Themas. Essen: Klartext 1988, S. 55–68.   zurück
Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur. Wien: Internationaler Psychoanalytischer Verlag 1930, S. 50.   zurück
Vgl. zu diesem Motivkomplex die verschiedenen Veröffentlichungen von Rudolf Drux (Hg.): Der Frankenstein-Komplex. Kulturgeschichtliche Aspekte des Traums vom künstlichen Menschen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999; Peter Gendolla: Anatomien der Puppe. Zur Geschichte des MaschinenMenschen bei Jean Paul, E.T.A. Hoffmann, Villiers de l’Isle-Adam und Hans Bellmer. Heidelberg: Winter 1992; Eva Kormann / Anke Gilleir / Angelika Schlimmer (Hg.): Textmaschinenkörper. Genderorientierte Lektüren des Androiden. (Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik 59) Amsterdam, New York: Rodopi 2006. Zum Motiv in der phantastischen Literatur vgl. vor allem Richard Brittnacher: Ästhetik des Horrors. Gespenster, Vampire, Monster, Teufel und künstliche Menschen in der phantastischen Literatur. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994.    zurück
Harro Segeberg: Literatur im technischen Zeitalter. Von der Frühzeit der Aufklärung bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1997, S. 206 ff.   zurück
Vgl. Oliver Sill: Zerbrochene Spiegel. Studien zur Theorie und Praxis modernen autobiographischen Erzählens. Berlin: de Gruyter 1991.   zurück
Renate Lachmann: Erzählte Phantastik. Zu Phantasiegeschichte und Semantik phantastischer Texte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002. Tzvetan Todorov: Einführung in die fantastische Literatur. München: Hanser 1972.   zurück
Vgl. den Eintrag zu George Froeschel bei Wikipedia. In: Wikipedia. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/George_Froeschel (08.01.2009).   zurück
Frederick W. Taylor: The Principles of Scientific Management. New York, London: Harper & Brothers 1911. Alfred Weber: Der Beamte. In: Ders.: Schriften zur Kultur- und Geschichtssoziologie (1906–11958). Hg. von Richard Bräu. Marburg: Metropolis Verlag 2000 (Alfred-Weber-Gesamtausgabe 8), S. 98–117.   zurück