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Österreichische Wenden und Brüche

  • Renata Cornejo / Ekkehard W. Haring (Hg.): Wende - Bruch - Kontinuum. Die moderne österreichische Literatur und ihre Paradigmen des Wandels. Wien: Praesens 2006. 504 S. 1 s/w Abb. Paperback. EUR (D) 33,10.
    ISBN: 978-3-7069-0339-4.
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Aufzuzeigen, dass die deutsche Kultur den Begriff der »Wende« keineswegs in Erbpacht nehmen sollte, sondern dass dieser auch in Österreichs (Literatur‑)Geschichte eine wichtige Rolle spielt: dies hat sich der vorliegende voluminöse Sammelband vorgenommen, der auf ein tschechisch-österreichisches Symposium am Germanistischen Institut von Aussig (Ústí nad Labem) im Oktober 2005 zurückgeht. Ein Ansatz, dem die Stringenz keineswegs versagt bleibt, denn dabei herausgekommen ist eine beeindruckende Vielfalt an Fallstudien – die aber eines roten Fadens eher entbehrt, so sehr ihn auch das Vorwort des Mit-Herausgebers Ekkehard Haring (S. 9–16) herzustellen versucht:

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Das ausgeschriebene Ziel der Konferenz, die ambivalente Charakteristik von Wende-Ereignissen, -Zeiten oder -Prozessen zu erfassen und ihre Besonderheiten am Beispiel markanter Wendepunkte herauszuarbeiten, entbehrt nicht einer gewissen Brisanz. Entspringt nicht bereits die Fokussierung bestimmter Wendejahre, wie zum Beispiel 1900 – 1938 – 1945 – 1968 – 1989 – 2000, einer Übereinkunft, die es erst im Vollzug der angestrebten Diskussionen herzustellen gilt? Kurzum: wäre nicht das Ergebnis einer solchen Erörterung mit ihren vorgefertigten Prämissen identisch? (S. 11)
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Abgesehen davon, dass interessanterweise in dieser tschechisch-österreichischen Aufzählung die Kriegswende von 1918 (immerhin ein Gründungsdatum beider Staaten) ebenso wie die beiden österreichischen Bürgerkriege von 1934 unerwähnt bleiben, entgeht der Sammelband in der Tat auch nicht der von Haring selbst erkannten Problematik der petitio principii: dass nämlich meist a priori (historisch) festgeschrieben wird, was eine »Wende« ist, um sie dann nachher aus einem konkreten literarischen Text herauszulesen. Dahinter steht die alte Periodisierungsfrage, inwieweit sich Literatur der Geschichte öffnet, sich ihr verschließt oder als Gedächtnismedium in einem differenziellen (virtuellen?) Zeit-Raum ›lebt‹, der mit den Epochen der Geschichte nur bedingt zu tun hat. (Ein Beispiel, das sich hier aufdrängt, ist Robert Musil, der seinen Großroman über den Untergang der Habsburger Monarchie zu einer Zeit schrieb, als vor seinem Fenster am Berliner Kurfürstendamm bereits die SA lärmte.)

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Bedauerlich bleibt generell, dass im vorliegenden Sammelband Begriffe wie »Wende«, »Bruch«, »Kontinuum« – einer alten zentraleuropäischen Tradition folgend? – weitgehend theoriefreie Zonen bleiben. Geschichtsphilosophische Ansätze wie etwa Foucaults postnietzscheanisches Konzept von Bruch und Diskontinuität, Archäologie und Genealogie oder Überlegungen im Anschluss an die »Sattel-« beziehungsweise »Schwellenzeit« von Reinhart Koselleck werden nicht einmal erwähnt, geschweige denn, dass sie operationalisiert würden, um zumindest ein Korsett theoretischer Fragestellungen für die Fallstudien zu schaffen. Ebenso hätte die in letzter Zeit auch literarhistorisch wie kulturwissenschaftlich boomende Generationsforschung in Anschluss an Karl Mannheim und Sigrid Weigel gleichsam als Parallelaktion für die Gewinnung einer Propädeutik herhalten können.

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Die löbliche einzige Ausnahme von der allgemeinen Theorieenthaltsamkeit macht der Beitrag zur »Bifurkation« von Karin Wozonig (S. 385–397), der einen Zugang zur Begrifflichkeit der Wende beziehungsweise des (Um)Bruchs von der so genannten Chaostheorie aus unternimmt; bedauerlich, dass dann wieder die Berliner Mauer – und keineswegs die österreichische Literatur – als Anwendungsfall herhalten muss. Ansonsten beschränkt sich die vorherrschende Methodik weitgehend auf eine synoptische Inhaltsanalyse mit gelegentlichem close reading und narratologischen Zugängen.

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Die angesprochenen Mankos können freilich den Beitrag vieler literarischer Fallstudien zum Generalthema des Bandes nicht schmälern. Unter den Beiträger/innen findet man diverse usual suspects der österreichischen Germanistik und –Literaturkritik wie zum Beispiel Wendelin Schmidt-Dengler (über Menasses Schubumkehr, in der unbearbeiteten Vortragsfassung, S. 17–26), Hans Höller (über Handke, S. 195–210), Christa Gürtler (über Frischmuth, S. 121–138) und Sigrid Löffler (über den Literaturbetrieb als solchen, S. 251–272). Ergänzt wird die Autorenliste weiters durch ein Who is Who der tschechischen Germanistik beziehungsweise deren ältere und jüngere Generation (z.B: Ludvík Václavek über die deutsch-mährische Literatur, S. 27–36; Milan Tvrdík über Gstrein, S. 211–226; Renata Cornejo über Jelinek, S. 139–154; Eva Kolářová über deutschsprachige Dichtung in Theresienstadt, S. 365–382) sowie durch deutsche Germanisten wie zum Beispiel Joachim Storck (über Rilke, was sonst, S. 167–182) und Klaus Schumacher (über Doderer, S. 71–82), und, nicht zuletzt, diverse jüngere Kollegen und Kolleginnen, die an tschechischen Universitäten als DAAD-Lektoren gearbeitet haben. Aufgrund ihres innovativen beziehungsweise kreativen Zugangs besonders hervorzuheben sind die Miszelle von Marcela Pozarek (über Mittags- und Stammtische, S. 353–361) und der Schlussbeitrag von Martin Hainz (über das »andere« Österreich 1945 und 1999, S. 465–491).

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All diese Fallstudien sind abschnittsweise unter den thematischen Schwerpunkten »Politische Zeitwenden und Wendezeiten«, »Wende und biografisches Schreiben«, »Ein-Bruch Krieg: Ende oder Anfang?«, »Theresienstädter Bruchlinien« und »Dis-Kontinuitäten im Diskurs« (der wohl interessanteste Abschnitt in diesem Band) gruppiert, abgerundet durch besagten Beitrag von Sigrid Löffler aus der literarischen Markt-Praxis und einen »literarischen Exkurs« von Evelyn Grill (S. 155–164). So sehr der Gestaltungswille der Herausgeber hier gewürdigt werden muss, so ist doch auch das Erzwungene dieser Einteilung sichtbar.

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Wer aber seinen Weg durch das Dickicht dieses Themengeflechts findet, wird durchaus mit einigen interessanten und inspirierenden Befunden belohnt werden. Eine umfassende Darstellung von Wenden, Umbrüchen und (Dis-)Kontinuitäten in der österreichischen Literatur und Kultur kann dieser Sammelband – der großteils einfach sammelt, womit sich seine Beiträger/innen gerade beschäftigten – freilich nicht bieten; dazu fehlt neben der Theorie auch die literarhistorische Zusammenschau beziehungsweise Abrundung der diversen Einzelbefunde. Der Bruch ist hier bedauerlicherweise zum Gestaltungsprinzip geworden.