IASLonline

Lesefutter für Enthusiasten

Ein Sammelband zu Gerichtsserien im Fernsehen

  • Michael Asimow (Hg.): Lawyers in Your Living Room! Law on Television. (Section of Administrative Law and Regulatory Practice) Chicago, IL: American Bar Association ABA 2009. XXXV, 432 S. zahlr. s/w Abb. Paperback. USD 24,95.
    ISBN: 978-1-60442-328-0.
[1] 

Sehen Sie mit Vorliebe Gerichtsserien im Fernsehen? Sind Sie fixiert auf L.A. Law, Ally McBeal, Perry Mason oder Barbara Salesch? Dann ist dieses Buch für Sie geschrieben. Die Adressaten des Sammelbandes Lawyers in Your Living Room! sind Enthusiasten, die seit Jahren mit Begeisterung eine Gerichtsserie nach der anderen im Fernsehen genießen. Aber auch die Autoren der insgesamt 34 zum Teil sehr kurzen Beiträge inkludieren Freizeit-Gerichtsserien-Fans, Regisseure, Drehbuchautoren und Akademiker, die sich als fernsehsüchtig outen. Der Stil der Beiträge entspricht auch oft diesem informellen und eher unakademischen Zielpublikum. So beginnt ein Beitrag mit »Did you start reading this chapter thinking, ›girls club? What show is that?‹« (S. 243); ein anderer endet mit der Einsicht: »By combining relevance and entertainment, JAG was able to be both informative and a joy to watch« (S. 61). Die Beiträger scheuen sich auch nicht, Wertungen in drastischer Prosa abzugeben: »Boston Legal is an amped-up, reality-be-damned version of life and law […]« (S. 253) und kolloquialen Stil zu verwenden: »A single indoor set and a bunch of actors were all that was necessary« (S. 108); »Matlock, by contrast, exemplifies late night / afternoon fodder« (S. 112).

[2] 

Wer also dieses Buch mit der Erwartung in die Hand nimmt, akademisch fundierte Informationen, eine wissenschaftliche Bearbeitung des Themas, den letzten Forschungsstand in einer langen Bibliographie zu erhalten, wird von diesem Band sehr enttäuscht sein. Da es wenig Sinn macht, die Beiträge zynisch in der Luft zu zerreißen, konzentriere ich mich im Folgenden darauf, die aus meiner Sicht nützlichen Aspekte des Sammelbandes aufzulisten. Dabei werde ich nur einige der 34 Beiträge erwähnen können, da die Zahl und Vielfalt der Essays die Grenzen einer Rezension in dieser Zeitschrift sprengen würde.

[3] 

Der Band ist in sieben Abschnitte eingeteilt. Teil I führt in das Genre der Gerichtsserie ein (»Dramatic Lawyer Series«), enthält jedoch persönliche Anmerkungen einer Drehbuchautorin sowie eines Rechtsberaters (legal adviser), einen Beitrag über die Beeinflussung von Geschworenen in richtigen Verhandlungen durch Gerichtsserien und einen Aufsatz über die Ethik von bzw. in Gerichtsserien. Obwohl diese vier Essays aus gattungstheoretischer Perspektive nicht einmal den Standard einer Seminararbeit erreichen, enthalten sie insofern interessante Information, als sie dem Neophyten Einblick in die Produktion von Gerichtsserien bieten und einige der Probleme des Genres in den USA anschneiden. Insbesondere die ethischen Verfehlungen der Protagonisten in einigen Serien (z.B. Boston Legal, wo der Anwalt Bestechungsversuche unternimmt) und die Einbindung von Rechtsberatern, die rechtliche Fehler im Drehbuch anmerken sollen, sind wiederkehrende Themen im Buch, die hier eingeführt werden.

[4] 

Teil II stellt eine Reihe von Klassikern vor, wobei Perry Mason (als TV-Serie ab 1957 bis 1966 auf CBS) das Vorbild für alle weiteren Filme wurde. Perry Mason beruht auf den Romanen von Erle Stanley Gardner (geb. 1889), ein Anwalt, der seine Einkünfte mit Trivialromanen verbesserte und 1933 in The Case of the Velvet Claws die Figur des Strafverteidigers Perry Mason kreierte. Francis M. Nevins unterstreicht in seinem Beitrag nicht nur die Popularität der Fernsehserie und ihren film noir Stil mit Raymond Burr als Perry Mason; er zeigt auch, dass Gardner in seinen Romanen und dann im Film immer konformistischer wurde und – im Gegensatz zu den ersten Romanen – die Klienten von Mason nun immer unschuldig sind.

[5] 

Nach Perry Mason werden in Teil II noch The Defenders besprochen, eine Serie, die ebenfalls sehr engagierte Anwälte und nun auch sozialkritische Themen enthält, sowie Gideon’s Trumpet und L.A. Law. In Gideon’s Trumpet erhält Henry Fonda Recht, nachdem er selbst seine Verteidigung mit handschriftlich verfassten Eingaben initiiert hat. Philip N. Meyers Beitrag über die auch in Deutschland gut bekannte Serie L.A. Law betont, wie wichtig die Einführung einer Anwaltskanzlei (statt der Figur eines einzelnen Verteidigers) für die Entwicklung der Gattung Gerichtsserie war. In einem sehr informativen und strukturierten Aufsatz konzentriert sich Meyer auf die Pilotsendung und verfolgt die einzelnen Anwälte und ihre persönlichen Probleme und die Fälle, die sie bearbeiten, im Wechselspiel des Films. Die Verbindung von Liebesaffären der Anwälte und ihren beruflichen Agenden (undenkbar in Perry Mason) spielt ebenfalls eine große Rolle, und auch die ersten Anklänge von unethischem Verhalten lassen sich in L.A. Law beobachten.

[6] 

Teil III ist mit »The American Criminal Justice System« überschrieben; Teil IV behandelt britische Serien; Teil V befasst sich mit Zivilfällen und inkludiert ein französisches und ein spanisches Beispiel; Teil VI behandelt Gerichtsserien, in denen der Richter oder die Richterin als Hauptcharakter figurieren (mit einem Kapitel zur RTL Serie Das Jugendgericht und einem Beitrag zur einer brasilianischen Serie). Teil VII diskutiert in fünf Kapiteln die Darstellung von Anwälten in Serien, die nicht Gerichtsserien sind (z.B. in The Simpsons).

[7] 

Unter den Strafgerichtsfällen in Teil III werden neben den auch in Deutschland gut bekannten Serien Matlock und Law & Order auch vier weniger bekannte (The Practice, Murder One und JAG sowie Shark) präsentiert. Vom relativ harmlosen und gesetzestreuen Matlock ist hier eine Entwicklung zu immer straffreudigeren und skrupelloseren Gesetzeshütern zu beobachten und auch ein Wechsel von Verteidigern zu Staatsanwälten. Ein Höhepunkt wird mit der Serie Shark (2006–2008, CBS) erreicht, wo der TV-Held Sebastian Stark Beweismaterial vernichtet und einen Mord vortäuscht, um seinen Mörder hinter Gitter zu bekommen (S. 171). Der sehr besonnene Beitrag von Nancy B. Rapoport diskutiert die moralischen Probleme der Serie.

[8] 

Die britischen Serien in Teil IV beginnen mit der nostalgischen Serie Rumpole of the Bailey (1978–1992, BBC), die britische Kostümierung und ›quirkiness‹ in den Vordergrund stellt. (Leider ist der Beitrag zu Rumpole von Paul Bergman einer der unbefriedigendsten des Bandes, da er fast nur aus einem siebenseitigen Ausschnitt aus dem Drehbuch besteht.) Blind Justice (1988, BBC) hat eine Anwältin, Katherine Hughes, als Titelfigur, die die Rechts-Aktivistin Helena Kennedy als Vorbild hat. Teil IV präsentiert auch Kavanagh, QC (1995–2001, Carlton Television) und Judge John Deed (2001–2008, BBC One), leider in zwei wenig attraktiven Essays.

[9] 

Unter den Zivilrechtsserien in Teil V wird Ally McBeal (1997–2002, Fox) dem deutschen Fernsehpublikum wohl am vertrautesten sein. Der Beitrag von Cassandra Sharp ist besonders interessant, weil sie auch den strategischen Einsatz von Musik in den Episoden würdigt. Weiter werden in diesem Teil Judging Amy, girls club, Boston Legal, Damages, die französische Serie Avocats et Associés sowie die spanische Serie Anillos de oro (1983) diskutiert. Die spanische Serie ist historisch interessant, wie Anja Louis demonstriert, weil das Thema Scheidung nach dem Ende des Franco-Regimes ein sehr heikles war, so dass die Scheidungsanwälte bzw. deren Schauspieler sich sogar gesellschaftlichen Angriffen ausgesetzt sahen. Der beste Beitrag in diesem Abschnitt ist der von Barbara Villez zur französischen Serie Avocats et Associés (1998–2010), die als Gegenmaßnahme zum Einfluss der amerikanischen Gerichtsserien in Frankreich konzipiert war und besonders das französische Gerichtssystem für die Zuschauer darlegte.

[10] 

In Teil VI wendet sich der Band TV-Serien zu, die tagsüber spielen und Richter als Titelhelden haben. Nancy S. Marder kritisiert in ihrem Beitrag zu Recht, dass sich Judge Judy vielfache Fehler erlaubt und Verhaltensweisen an den Tag legt, die sehr wenig denen tatsächlicher Richter(innen) entsprechen. Dieses Problem der Verschleierung von Realität und Fiktion lässt sich auch in deutschen Gerichtsserien beobachten. Taunya Lovell Banks weist in ihrem Beitrag darauf hin, dass die Gerichtsserien seit 2001 soaps in den Einschaltquoten übertreffen. Zudem zeigt sie, dass die ethnische Zugehörigkeit der Richter in den Serien (2008: vier Latinos / Latinas, vier Schwarze und nur zwei Weiße, mehr Frauen als Männer) der Politik des Multikulturalismus entspricht, aber nicht der Realität (ca. 20% Frauen und nur 8% Schwarze und 6% Latinos / Latinas unter Richtern in den USA).

[11] 

In einem informativen Beitrag bespricht Stefan Machura die deutschen Gerichtsserien: Barbara Salesch (1999– , SAT.1), Streit um Drei (1999–2003, ZDF), Das Jugendgericht (2001–2007, RTL), Richter Alexander Hold (2001– , SAT.1), Das Strafgericht (2002–2008, RTL) und Das Familiengericht (2002–2007, RTL). Machura diskutiert, dass die starke Konkurrenz unter den Serien in immer melodramatischeren und auch sexuell expliziten Sendungen resultierte, und dass RTL und SAT.1 daraufhin ihre Serien jugendfrei gestalten mussten. Machura führt die Popularität der Gerichtsserien auf mehrere Umstände zurück. Einerseits gab es am Nachmittag in den späten 90er Jahren konfrontationelle talk shows, die keine Lösungen der diskutierten Probleme anboten; andererseits versprachen die Schauspieler der Gerichtsserien Authentizität, da sie ehemalige Richter waren. Er kommentiert auch die Tatsache, dass die Grenze zwischen Faktualität und Fiktionalität im deutschen Fernsehen in Dokumentarfilmen und reality shows generell zunehmend verschwimmt. Machura demonstriert zudem, dass die deutschen Richterserien das amerikanische Modell des Duells zwischen Staatsanwalt und Verteidiger übernehmen, um die Spannung zu steigern.

[12] 

In Teil VII werden allgemeine Filmserien besprochen, in denen häufig Advokaten und Rechtsfälle vorkommen. Unter diesen besonders hervorgehoben sind The Simpsons, wo ein Anwalt, Lionel Hutz, vorkommt, der lächerlich gemacht wird, sowie das TV Drama The West Wing, in dem das Weiße Haus mit seinen juristischen Problemen figuriert.

[13] 

Fazit

[14] 

Abschließend möchte ich positiv vermerken, dass der Band mit viel Liebe zum Detail gestaltet ist. Besonders praktisch ist die graue Spalte am Beginn fast jeden Beitrags, in der die wichtigsten Daten der besprochenen Serie aufgelistet sind: von wann bis wann sie ausgestrahlt wurde, auf welchem Fernsehkanal, die Namen der wichtigsten Schauspieler, welche Auszeichnungen die Serie erhielt. Ebenfalls sehr attraktiv ist die Tatsache, dass die meisten Beiträge ein Photo aus der jeweiligen Serie beinhalten, das dem Leser als Gedächtnisstütze dient. Alles in allem ist Asimovs Buch ein schillernder Band, der für Enthusiasten ein variationsreiches Leseerlebnis und ein Schwelgen in Erinnerungen verspricht und wohl auch zum Kauf einer oder mehrerer DVD(s) anregen dürfte.