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Eine gelungene Untersuchung realistischer Darstellungsverfahren im Medienereignis anhand der Fernsehnachrichten über den Irakkrieg

  • Guido Isekenmeier: 'The Medium is the Witness': Zur Ereignis-Darstellung in Medientexten. Entwurf einer Theorie des Medienereignisses und Analyse der Fernsehnachrichten vom Irak-Krieg. Trier: WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier 2009. 292 S. 131 Abb. Kartoniert. EUR (D) 30,00.
    ISBN: 978-3-86821-037-8.
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Über die Zusammenhänge zwischen Krieg und Medien ist seit Anfang des Irakkriegs 2003 viel veröffentlicht und gesagt worden. Aussagen über die Dominanz der Medien, übernommene Inszenierungen der US-amerikanischen Streitkräfte und die Vorherrschaft der Bilder in diesem Krieg sind zumindest im akademischen Diskurs Gemeinplätze. Guido Isekenmeiers Buch ›The Medium is the Witness‹: Zur Ereignis-Darstellung in Medientexten. Entwurf einer Theorie des Medienereignisses und Analyse der Fernsehnachrichten vom Irak-Krieg hat zwar das gleiche Feld zum Gegenstand, ist aber eine planvolle und gründliche Beleuchtung desselben und ein wertvoller Beitrag zu einer systematischen, medienwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Krieg.

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Isekenmeier grenzt sein Untersuchungsfeld produktiv ein, indem er gezielt die Verfahren realistischer, visueller Darstellungen in Medienereignissen untersucht und damit Schlüsselverfahren zur Herstellung von Glaubwürdigkeits- und Autoritätsansprüchen thematisiert. Obwohl sich das Buch auch als systematische Analyse von realistischen visuellen Darstellungsverfahren des Irak-Kriegs und deren narrativen Rahmungen lesen lässt, möchte Isekenmeier diese Verfahren vor allem als Illustration seiner semiotischen Medienereignis-Theorie verstanden wissen.

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Das Ereignis als Ausgangspunkt

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Aus der Perspektive eines westlichen Publikums ist der Irakkrieg nach Isekenmeier ein medial vermitteltes Ereignis und die Untersuchung Teil der Medienereignisforschung. Isekenmeier möchte eine Theorie des Medienereignisses entwickeln und hierbei die visuelle Ereignis-Darstellung, den Ereignis-Realismus, als notwendiges und kennzeichnendes Element des zeitgenössischen Medienereignisses herausarbeiten.

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Das Ereignis wird in Abgrenzung zum Alltag als ein außergewöhnliches Geschehnis bestimmt. Es geschieht nur dann in der öffentlichen Wahrnehmung, wenn es ausgedrückt oder dargestellt wird, und ist damit immer medial konstituiert. Um die semiotische Dimension des Medienereignisses theoretisch auszuarbeiten, greift Isekenmeier auf die Derrida’sche Auslegung von Austins Sprechakttheorie zurück: das ›Abbilden‹, die vorgeblich unnarrativierte Ereignisdarstellung wird dort als performativ verstanden, eben sprachlich und medial konstituiert. Die Konstituierung verläuft auf zwei Ebenen: einmal wird das Ereignis erzählt und damit gebändigt und für das Publikum fassbar gemacht (bardische Fassung). Die zweite Ebene will das Ereignis selbst aussagen, das Geschehen als solches abbilden. Diese Ebene bestimmt Isekenmeier als realistische Darstellung, die sich ausschließlich im Bereich der visuellen, fotografischen Abbildung vollzieht. Diese visuelle Darstellung der ›Ereignishaftigkeit des Ereignisses‹ wird als die entscheidende realistische Strategie identifiziert und im Folgenden genauer untersucht.

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Der visuelle Realismus, der in der Berichterstattung des Irakkriegs vorherrscht, ist in seinem Authentizitätsanspruch begünstigt durch die Voreingenommenheit zugunsten der fotografischen Indexikalität. Eine Fotografie besteht demnach aus ›motivierten Zeichen‹, die einen direkten Bezug zu dem abgebildeten Gegenstand haben. Isekenmeier nähert sich dem Fotografischen jedoch nicht über die Indexikalität, sondern über die Strategien des literarischen Realismus. Dies macht es möglich, den Realismus zum Beispiel eines Standbildes nicht als Resultat indexikalischer Zeichen zu lesen, sondern auch als ästhetische Strategie als effet de réel. Die Indexikalität und der Effekt des Realen sind dann keine Konkurrenten, sondern wirken gemeinsam zur Verstärkung realistischer Strategien, indem sie verschiedene Lesarten der Darstellung ermöglichen.

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Durch diesen Perspektivenwechsel vermeidet Isekenmeier es zudem, in die unproduktive Diskussion um die Authentizität des Mediums Fotografie verwickelt zu werden. Wichtiger noch, er leitet daraus das für ihn entscheidende Merkmal des visuellen Realismus ab: Da sowohl die ästhetische Strategie als auch die Indexikalität die Wahrnehmung der visuellen Darstellung – in diesem Fall der Fotografie – bestimmen, kann der Zuschauer nicht entscheiden, ob das, was dort zu sehen ist, primär künstlerische Strategie oder Resultat der Ablichtung ist. Hinzu kommt der technologische Prozess der Darstellung, der sich ebenfalls zum Beispiel durch Fehler in das Bild ›einschreiben‹ kann. Der visuelle Realismus resultiert genau aus dieser Unentscheidbarkeit zwischen den Verfahren.

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Isekenmeier konzentriert sich auf die Verfahren und Eigenschaften des aktuellen Medientextes Irakkrieg, doch bedenkt er in einem historischen Überblick auch die technischen und produktionsbezogenen Dimensionen des Medienereignisses. Denn Medien mussten erst ereignisfähig werden und die Eigenschaften des Ereignisses annehmen können. Die schematische und aufwendige Darstellung eines Schlachtengemäldes des 19. Jahrhunderts ist zum Beispiel weniger daran interessiert, Plötzlichkeit und Bewegung eines Ereignisses darstellen zu können, als das Ereignis in einen narrativen oder historischen Kontext einzuordnen. Isekenmeier betrachtet die Entwicklung von Medien dann als Medien-Ereignis-Geschichte, in der eine doppelte Bewegung der Beschleunigung und Annäherung hin zur Spezifik des Medienereignisses die Entwicklung dominiert. Die unvermittelte Kommunikation bildet den fiktiven Fluchtpunkt dieser Entwicklung, die sich an der Entstehung von neuen Medien, aber auch innerhalb einzelner Mediengeschichten, wie zum Beispiel des Kinos, ablesen lässt. In der Gegenwart angelangt, kann das Ereignis-Medium Fernsehen in seinen realistischen Darstellungsverfahren die charakteristischen Eigenschaften des Ereignisses darstellen.

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Eine Typologie des Ereignis-Realismus in der Nachrichtenberichterstattung des Irakkriegs

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Isekenmeier analysiert die Fernsehnachrichten von vier verschiedenen Sendern (CBS, BBC, ARD und SF 1), auch um den transnationalen Charakter des visuellen Ereignis-Realismus zu verdeutlichen. Die nationalen Elemente der Kriegsdarstellung werden in den Kapiteln zur bardischen Fassung des Ereignisses und zur Widersprüchlichkeit von bardischer und realistischer Darstellung deutlich, die auf die Eingangsanalyse des visuellen Ereignis-Realismus folgen. Die Analyse der Darstellungsverfahren des visuellen Ereignis-Realismus nimmt den größten Raum ein und kann, dank der theoretischen Vorarbeit, in eine genau eingegrenzte Typologie verschiedener Formen unterteilt werden, die in einem Spannungsfeld zwischen der Darstellung der Ereignishaftigkeit und der inhaltlichen Darstellung des Ereignisses verortet werden. Bewegung, Unsichtbarkeit, Unterbrechung und Topologie sind die vier Typen des Ereignisses, deren Abbildung realistische Darstellungsverfahren konstituieren.

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Das Darstellungsverfahren der Bewegung oder der Plötzlichkeit eignet sich, um die vorher etwas abstrakte Vorstellung der ›Ereignishaftigkeit des Ereignisses‹ deutlich zu machen: Das Ereignis ist definiert durch die Plötzlichkeit und eben diese Bewegung des Ereignisses manifestiert sich dann auch im Bild. Es sind die Bewegungen der Handkameras zusammen mit den Körpern der in die militärischen Einheiten eingebetteten Journalisten, das Ruckeln des Bildes im Gefecht und nicht zuletzt Bewegungen direkt auf die Kamera hin, wie ein Bluttropfen, der auf der Linse landet, die die Ereignishaftigkeit darstellen. Die Unsichtbarkeit als realistisches Darstellungsverfahren stellt ebenfalls das Ereignis an sich in den Vordergrund und beglaubigt in erster Linie sich selbst und nicht einen transportierten Inhalt. Denn obwohl das Ereignis gezeigt werden muss, darf es eben, um ereignishaft zu sein, nur fast gezeigt werden. Paradigmatisch für dieses Verfahren sind die grünstichigen Nachtaufnahmen, die bereits im Golfkrieg 1991 Berühmtheit erlangten. Nicht nur ist die Beschaffenheit dieser Bilder durch Dunkelheit gekennzeichnet, diese Dunkelheit wird durch die mediale Technologie sozusagen erst sichtbar, indem sie erhellt wird. Die ›mediale Durchdringung‹ des Raums steht im Vordergrund.

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Die Darstellungsverfahren der Bewegung und der Unsichtbarkeit verortet Isekenmeier genau zwischen einer Darstellung der Ereignishaftigkeit des Ereignisses und der Darstellung des Ereignisses. Das Verfahren der Unterbrechung wird in diesem Feld nicht mittig verortet, sondern ist deutlich der Darstellung der Ereignishaftigkeit zuzuordnen. Die durch einen Bombeneinschlag verursachte Unterbrechung der Übertragung kann nur noch die Struktur des Ereignisses und keinerlei Inhalte mehr darstellen. Diesem Verfahren gegenüber liegt der topologische Realismus, der weniger die Ereignishaftigkeit darstellt, sondern Lokalitäten des Ereignisses und damit auf inhaltliche und nicht auf formale Weise auf das Ereignis rekurriert. Isekenmeier illustriert in seiner Analyse des topologischen Realismus einerseits, dass das Medienereignis Irakkrieg eigene Orte schafft, die wiederum das Ereignis aufrufen. Weiterhin nutzt er diesen vierten Typ des visuellen Realismus, um deutlich zu machen, dass die Typen in Kombination auftreten und nur in der Analyse zu trennen sind. Mit einer großen Bandbreite an Material aus den Online-Archiven der Fernsehsender illustriert Isekenmeier die vorher aufgemachte Typologie des visuellen Ereignis-Realismus und arbeitet sowohl die Spezifika der einzelnen Typen als auch die durchgängigen Merkmale der Unentscheidbarkeit und der Ereignishaftigkeit heraus. Denn wie Isekenmeier in der Diskussion der Spezifik des visuellen Ereignis-Realismus bereits festgemacht hat, ist es nicht nur die Ereignishaftigkeit, sondern die Unentscheidbarkeit zwischen medialer, intentionaler oder ereignisbedingter Konstitution der Darstellung, die kennzeichnend ist für realistische Darstellungsverfahren.

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Aufgrund der strengen analytischen Trennung von realistischen und bardischen Darstellungsverfahren im theoretischen Teil der Arbeit mutet es etwas seltsam an, wenn Isekenmeier nun doch bardische Aspekte der visuellen Darstellung und Überschneidungen der beiden Verfahren analysiert. Wie er in der Erklärung dazu richtig feststellt, ergibt sich dies notwendigerweise aus dem Material. Die theoretische Trennung von bardischen und realistischen Darstellungsverfahren musste aus operativen Gründen geschehen. Doch schwächt die lange Auseinandersetzung mit bardischen Aspekten den absoluten Vorrang, der dem visuellen Ereignis-Realismus in der Einleitung eingeräumt wird. Der Leser fragt sich an dieser Stelle, ob nicht auch auf schriftlicher oder auditiver Ebene realistische Darstellungsverfahren zu finden sein könnten. Doch ist es letztlich wünschenswerter, die Kategorien zu verknüpfen, als die Beschaffenheit der Fernsehnachrichten zugunsten eines theoretischen Modells auszublenden.

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Fazit: Ein gelungener Beitrag zur
medienwissenschaftlichen Auseinandersetzung
mit Kriegen als Medienereignissen

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Guido Isekenmeier gelingt es, den Irakkrieg einleuchtend als Medienereignis zu definieren. Dies ist möglich, da er den theoretischen Horizont des Begriffs erweitert, zeichentheoretisch aber präzisiert. Weiterhin erläutert er überzeugend die apparativen Voraussetzungen für die Medien-Verbünde und deren historische Entwicklung hin zur zeitgenössischen Fernsehberichterstattung. Letztlich ist die genaue und systematisierte Analyse der realistischen und bardischen Darstellungsverfahren sowohl methodisch als auch als Anreiz für die Beschäftigung mit dem Irakkrieg an sich produktiv. Teilweise entsteht jedoch eine Art Konkurrenz zwischen dem Anspruch der Theoriebildung zum Medienereignis und der sehr gelungenen Zuspitzung der Fragestellung auf den visuellen Ereignis-Realismus.