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Das Buch als materielles Objekt

Zu einer Neuerscheinung

  • Bettina Wagner / Marcia Reed (Hg.): Early printed books as material objects. Proceedings of the conference organized by the IFLA Rare Books and Manuscripts Section, Munich, 19-21 August 2009. (IFLA Publications 149) Berlin: Walter de Gruyter 2010. xii, 367 S. zahlr. Abb. Gebunden. EUR (D) 99,50.
    ISBN: 978-3-11-025324-5.
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Dem Buch als materiellem Objekt galt in der kunst- und bildgeschichtlichen Forschung der letzten Jahre ein vordringliches Interesse. Vor dem Horizont der Umwälzungen im Buchmarkt und im Verlagswesen fand die frühneuzeitliche Medienrevolution in den Geisteswissenschaften viel Aufmerksamkeit. Dabei fokussierten kunstgeschichtliche Ansätze weniger den Buchdruck als ›medialen Apparat‹ im Sinne einer Technikgeschichte als vielmehr das Buch als Objekt, etwa das Frontispiz und die Illustrationen. Neben den grundlegenden Arbeiten von Anthony Graften zu allen Epochen des Buchwesens mit Stellungsnahmen auch zu aktuellen Entwicklungen sind hier vor allem die zahlreichen Veröffentlichungen von Horst Bredekamp zu nennen, der zuletzt auch mit Buchspezialisten zusammengearbeitet hat. 1

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Buchillustrationen in Handschriften wie auch im Druck, die ebenso theoriegesättigt sind wie der Text, waren schon für Fritz Saxl und Aby Warburg wichtiges Forschungsmaterial, haben aber in den letzten fünfzehn Jahren immer mehr Aufmerksamkeit erfahren. 2 Besonders wissenschaftsgeschichtliche wie auch globalgeschichtliche Ansätze haben die Buchillustrationen als Mittel der rhetorischen Überzeugung, der Popularisierung wie auch die ›Dokumentation‹ von Wissen fruchtbar gemacht. 3 Buchtitel wie »The Book that Changed Europe« oder Stephen Greenblatts Bestseller über den Fund einer Handschrift des Lukrez sind Ausdruck eines Bedeutungszuwachses der ›Buchforschung‹ in den Geisteswissenschaften. 4 Die Möglichkeiten zur Digitalisierung, die in Deutschland vor allem von der Bayerischen Staatsbibliothek sowie der Universitätsbibliothek Heidelberg massiv vorangetrieben werden, bereiten für diese Ansätze (bis zu dem neuen Feld der ›Digital Humanities‹) den Boden. 5

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Das anzuzeigende Buch versammelt Beiträge zu allen Aspekten der Frühgeschichte des Buchdruckes im Rahmen einer Tagung der International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA) in München, die von Bettina Wagner von der Bayerischen Staatsbibliothek und Marcia Reed vom Getty organisiert wurde. Die Autorinnen und Autoren behandeln Themen von den Druckvarianten über Illustrationen und Besitzervermerke bis zu Buchbindung und dem Sammlungswesen. Wie Bettina Wagner in ihrer Einleitung hervorhebt, ist der Band in Zusammenhang mit großflächig angelegten Digitalisierungsinitiativen zu sehen und der Notwendigkeit, bei der Katalogisierung unikale Informationen des Buches wie Provenienz, Marginalien wie Illustrationen zu berücksichtigen.

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Paul Needham (S. 9–20) etwa zeigt die ganze Breite der Varianten auf, die während aber auch nach dem Druck auftauchen können, und plädiert für eine ‚Archäologie des gedruckten Buches‹. Mayumi Ikeda, Lilian Armstrong und Christine Beier setzen den Fokus auf Buchillustrationen, wobei sowohl die allerfrühesten Illustrationen in der Werkstatt Gutenbergs (Ikeda) wie auch nachträgliche Besitzerillustrationen (Armstrong) und Klöster als Ort der Illustration (Beier) zur Sprache kommen. Lilian Armstrong zeigt beispielhaft wie Illustrationen sowohl nachträgliche relativ einheitliche Züge annehmen können, wie sie durch die Identifikation der Wappen und des Zeichenstiles die geographische Verbreitung und die Besitzer eines Buches zu identifizieren helfen und wie Bücher sogar als sicherer Verwahrungsort für wertvolle Künstlerzeichnungen dienen konnten. So ließ der Venezianische Patrizier Francesco Diedo eine Zeichnung des Marco Zoppo mit Herkules und Antäus in seiner Ausgabe der Constitutiones von Papst Clemens V. aus der Mainzer Druckerei des Peter Schöffer einbinden.

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Patricia J. Osmond und Armin Schlechter weisen darauf hin, wie annotierte Exemplare oft ›große Entdeckungen‹ zwischen den Buchdeckeln bereithalten. Ausgehend von seinem persönlichen Exemplar der Coniuratione Catilinae des Sallust, die er in Rom 1490 für Silber ediert hatte, zeigt Osmond wie Pomponius Laetus dieses Buch zunächst mit einem umfangreichen Kommentar versah, der jedoch nicht für den Druck bestimmt war. Dieses umfangreich annotierte Exemplar des einflussreichen Philologen zirkulierte anschließend in Rom, wie man durch ganz ähnliche Anmerkungen in vier weiteren Exemplaren nachweisen kann, die auf unterschiedliche Rezeptionskontexte schließen lassen. Osmond vermag so zu zeigen, dass annotierte Exemplare die einzigen Zeugen des ›Werks‹ einer intellektuellen Größe sein können, wobei diese bibliophilen Stücke keineswegs nur in der Studierstube des Gelehrten verblieben, sondern durchaus eine gewisse Öffentlichkeit erreichten.

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Auf ähnliche Weise kann Schlechter nachweisen, dass eine Cicero-Inkunabel aus Heidelberg in drei, sukzessiven Schichten Randnotizen von drei unterschiedlichen Besitzern erhielt. Alle drei Besitzer gaben die Varianten des Cicero-Texts gegenüber Cicero-Handschriften an, so dass die Heidelberger Inkunabel eine Art philologische Schatzkiste der Cicero-Editionsarbeit im Umkreis des Angelo Poliziano wurde. Schlechter lässt sich anschließend von der Bedeutung einer Randnotiz, die von Agostino Vespucci stammt und Leonardos Mona Lisa zu erhellen hilft, zu einem Exkurs animieren, der äußerst aufschlussreich ist, aber ob der wichtigen Entdeckung das Thema des ›Book as Material Object‹ etwas aus den Augen verliert.

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Wie Osmond und Schlechter zeigen, waren gedruckte Bücher in der frühen Neuzeit keineswegs nur Informationsspeicher, sondern wurden oftmals durch zusätzliches unikales Wissen angereichert, das über die Nutzungs- und Verbreitungskontexte Aufschluss zu geben vermag. Die immer äußerst kenntnisreichen und detailliert argumentierenden Beiträge dieses Sammelbandes, die mit umfangreichen Farbillustrationen bebildert sind, weisen ein eindrucksvolles Spektrum auf, in denen Inkunabeln als materielle Objekte für die Buchforschung bedeutsam werden.

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Angesichts des großen Interesses für die Produktion, Nutzung und Verbreitung von Büchern in der gegenwärtigen geisteswissenschaftlichen Forschung wäre es sinnvoll gewesen, ein oder zwei Beiträge in den Sammelband aufzunehmen, die über das enge Thema der Buchforschung hinaus die Bedeutung des Buches als materielles Objekt in einer weiteren Perspektive hätten einbetten können. Es bleibt zu sagen, dass der zu besprechende Band eine bespielhafte und äußerst gelungene Initiative von Seiten der Bibliotheken ist, die Forschungsperspektiven aufzuzeigen, die durch die Digitalisierung und Tiefenerschließung ihrer Bücher möglich werden.

 
 

Anmerkungen

Zuletzt Anthony Grafton: The Culture of Correction in Renaissance Europe. London 2011. Horst Bredekamp (Hg.): Galileo’s O. 2 Bde. Berlin 2011.   zurück
Aus wissenschaftsgeschichtlicher, kunstgeschichtlicher und philosophiegeschichtlicher Warte seien hier nur drei Arbeiten genannt: Claus Zittel: Theatrum philosophicum. Descartes und die Rolle ästhetischer Formen in der Wissenschaft. Berlin 2009; Wolf-Dietrich Löhr: Lesezeichen. Francesco Petrarca und das Bild des Dichters bis zum Beginn der Frühen Neuzeit. Berlin 2010; Thomas Gilbhard: Vicos Denkbild. Studien zur ›Dipintura‹ der Scienza Nuova und der Lehre vom Ingenium. Berlin 2011.   zurück
Maria Effinger / Cornelia Logemann / Ulrich Pfisterer (Hg.): Götterbilder und Götzendiener in der Frühen Neuzeit – Europas Blick auf fremde Religionen. unter Mitarbeit von Margit Krenn. (Schriften der Universitätsbibliothek Heidelberg, Bd. 12) Heidelberg 2012; Hans C. Höhnes u.a. (Hg.): Was war Renaissance? Bilder einer Erzählform von Vasari bis Panofsky. (Ausstellungskatalog Zentralinstitut für Kunstgeschichte) Passau 2013.   zurück
Lynn Hunt/Margaret C. Jacob/Wijnand Mijnhardt, The Book that changed Europe: Picart & Bernard's »Religious Ceremonies of the World«, Cambridge 2010; Stephen Greenblatt, The Swerve. How the World became Modern, New York 2011.   zurück
Zu den Digital Humanities siehe Peter Lunenfeld u.a.: Digital_Humanities. Cambridge (MA) 2012; Hubertus Kohle: Digitale Bildwissenschaft. Glückstadt 2013.   zurück