|
[1]
|
Im Zuge einer anhaltenden Öffnung der historischen Wissenschaften hin zu kulturhistorischen Fragestellungen und interdisziplinären Arbeitsmethoden läßt sich insbesondere in der zeitgeschichtlichen Forschung eine deutliche Tendenz beobachten, Bildmedien – und hier gerade den Film – als Quelle ›eigener Art‹ in die historische Arbeit einzubeziehen.
1
Die Nutzung von Bildmedien für fachhistorische Zwecke wird dabei erschwert durch die Notwendigkeit eines differenzierten methodischen Umgangs gerade mit audiovisuellen Medien. Umso wichtiger für eine Weiterentwicklung der so vielversprechenden Zusammenarbeit von Medien- und Geschichtswissenschaften sind Einzelstudien, die die besonderen Möglichkeiten einer solchen Nutzung an konkreten Beispielen aufzeigen.
|
|
[2]
|
Die vorliegende Untersuchung von Gabriele Weise-Barkowsky, 2002 vom Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg als Dissertation angenommen, gehört zu den rundum geglückten Studien, die in Ansatz und Durchführung nicht nur den traditionsreichen Gesetzen einer historischen ›Hausdisziplin‹ entspricht, sondern auch den vielfältigen Anforderungen des Mediums Film an analytischer Methodik und interpretatorischer Kreativität nachkommt.
|
|
[3]
|
Aus der Perspektive der historischen Erziehungswissenschaft wird hier die Grundfrage gestellt, wie das Medium Film im Nationalsozialismus für berufliche Nachwuchslenkung und Erziehungsarbeit gezielt eingesetzt wurde. Dabei konstatiert die Autorin sowohl ein erziehungswissenschaftlich-historisches, als auch ein filmhistorisches Forschungsdesiderat für die hierfür in Frage kommenden Filme. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen je zwei NS-Kulturfilme über den weiblichen Arbeitsdienst (Arbeitsmaiden helfen, Ufa 1938 und Mädels verlassen die Stadt, Deutsche Wochenschau GmbH 1943) und über die Berufsausbildung in der Luftwaffenrüstungsindustrie (Die Jüngsten der Luftwaffe, Ufa 1939 und Flugzeugbauer von morgen, Ufa 1944) die unter eingehender Erarbeitung ihres erziehungshistorischen Entstehungshintergrundes detaillierten Analysen unterzogen werden.
|
|
[4]
|
Die Auswahl berücksichtigt für eine vergleichende Analyse hilfreiche Kriterien (geschlechtsspezifische Ausrichtung der thematisierten Einrichtungen, je eine Kriegs- und Vorkriegsproduktion), entspringt jedoch keiner vollständigen Aufarbeitung der jeweils zuzuordnenden, noch weitgehend unbekannten Filmproduktion (Filme zu Erziehungseinrichtungen bzw. zur Nachwuchslenkung im weiteren Sinne). Hier spielten Erreichbarkeit und Rechercheaufwand eine angesichts des primär erziehungswissenschaftlichen Erkenntnisinteresses durchaus vertretbare Rolle. Eine systematische Aufarbeitung dieses umfangreichen Filmkorpus, die auch die Vielzahl deutschsprachiger Industriearchive berücksichtigen müsste, bleibt damit ein (eher filmhistorisches) Projekt.
|
|
[5]
|
Kleine Mängel in der Dokumentation
|
|
[6]
|
Auf einzelne, leicht vermeidbare Mängel in der Dokumentation der behandelten, gesichteten bzw. nachgewiesenen Filme soll zwar kurz hingewiesen werden, sie schmälern aber ausdrücklich kaum den filmhistorisch kompetenten Eindruck der Untersuchung. So bleibt es trotz ausführlicher Einstellungsprotokolle unklar, welche Kopie des frühen Luftwaffenfilms (Die Jüngsten der Luftwaffe) die Autorin gesehen hat, da dieser Film in einer Aufstellung thematisch relevanter und zugleich benutzbarer Kopien aus den Beständen des Bundesarchiv-Filmarchivs nicht aufgeführt ist; diese Liste beruht zudem auf einer überholten Ausgabe des Findbuchs Nr. 8 von 1971 – die von Bucher zuletzt aktualisierte Neuauflage datiert von 2000
2
– und vermischt in einer Spalte Titelangaben und Anmerkungen der Autorin; fehlende Angaben zur überlieferten Zensurlänge der Filme verhindern schließlich den wichtigen Längenvergleich zwischen aktuell gesichteter und ursprünglich zensierter Fassung.
|
|
[7]
|
Mehrstufiges Analyseverfahren
|
|
[8]
|
Um die gewählten Filme als »filmische Quelle« sozialgeschichtlich nutzbar zu machen, entwickelt die Autorin in einem theoretischen Eingangskapitel aus umfassenden theoretischen und methodischen Vorüberlegungen ein überzeugendes mehrstufiges Verfahren, das im Kern mit einer detaillierten Rückkopplung zwischen nicht-filmischer Realität (dem realhistorischen Kontext der dargestellten Institutionen und Erziehungs- bzw. Ausbildungsvorgänge) und filmischer Realität (der medialen Inszenierung) arbeitet. Informationen zur konkreten Entstehung der einzelnen Filme – beteiligte Personen, Firmen, konkrete Anlässe, Drehorte etc. (vorfilmische Realität) – fallen demgegenüber kurz aus; auf die Rezeptionsgeschichte, insbesondere hinsichtlich Einsatz und tatsächlicher Wirkung der Filme beim zeitgenössischen Publikum wird gänzlich verzichtet. Beides ist methodisch konsequent, überlieferungsbedingt aber aufgrund der bekannten Datenlücken zur zeitgenössischen Filmwirkung nur im Fall der Rezeptionsthematik. So stellt die Autorin etwa personelle Kontinuitäten in den Produktionsstäben durchaus fest (allen voran Regisseur und Autor Martin Rikli, der an beiden Filme zum weiblichen Arbeitsdienst als Regisseur bzw. Drehbuchautor beteiligt war) oder betont, dass es sich fast ausschließlich (drei der vier Filme) um Ufa-Produktionen handelt – Fragen leitet sie hieraus allerdings nicht ab.
|
|
[9]
|
Aus einer ersten inhaltlichen Erschließung der ausgesuchten Filme auf der Grundlage von Sequenzprotokollen werden unter Berücksichtigung der wichtigsten Fragestellungen der Erziehungs- und Berufsberatungsgeschichte erste grobe Vorgaben für späteren Filmanalysen entwickelt. Indem so Voraussetzungen sowohl der perspektivleitenden historischen Teildisziplin als auch der vorliegenden Filme berücksichtigt werden, vermeidet die Autorin erfolgreich, Fragen an die Filme zu stellen, welche diese kaum beantworten können, bzw. ihr ursprünglich erziehungswisenschaftliches Erkenntnisinteresse angesichts des Detailreichtums einer systematischen Filmanalyse aus den Augen zu verlieren.
|
|
[10]
|
Dokumentarische Genres
|
|
[11]
|
Die abwechselnde Erschließung von sozialhistorischem Kontext und filmischen Quellen setzt sich mit einer notwendigen Einordnung der ausgesuchten Filme in den Bereich des zeitgenössischen dokumentarischen Films und seinen verschiedenen Genres fort. Dies erfolgt durchgehend auf der Höhe der filmhistorischen Literatur, wenn auch die versuchten Zuordnungen der ausgesuchten Filme zu so schwierig zu differenzierenden Gattungen wie dem Kultur-, Industrie- oder Lehrfilm kaum gelingen können. Das Fehlen einer aufwändigen Filmrecherche zur beruflichen Nachwuchslenkung durch Film unter NS-Herrschaft verhindert zwar weitergehende filmhistorische Einordnungen, ändert aber nichts an der ansonsten fundierten Darstellung des sozialhistorischen Entstehungskontextes der Filme.
|
|
[12]
|
Ausführliche Analysen
|
|
[13]
|
Ihre eigentliche Stärke entwickelt die Arbeit ohnehin mit den folgenden ausführlichen Analysen der ausgewählten Filme, deren Ansätze und Ergebnisse immer wieder mit dem erziehungs- und berufsberatungshistorischen Kontexten rückgekoppelt werden. So entsteht im ersten Analyseteil nicht nur ein differenziertes Bild über Entwicklung und Funktion des weiblichen Arbeitsdienstes, sondern eben auch eine genaue Darstellung filmischer Inszenierungen von Schlüsselaspekten dieser Institution, wie Gemeinschaftserziehung oder Innen- und Außendienst. Gleiches gilt für den zweiten Teil über die Werbung um männlichen Nachwuchs für die Luftwaffenrüstungsindustrie mittels filmischer Darstellungen von technischer Ausbildung, soldatischer Erziehung und (Segel-)Flugübungen.
|
|
[14]
|
Kriegsbedingter Ernst
|
|
[15]
|
Neben ausführlichen Darstellungen der historischen Entwicklungen im Bereich der außerfilmischen Kontexte präsentiert die Autorin dabei eine methodisch klare, in der analytischen Arbeit genaue und in der Deutung der Befunde erfrischend kreative filmanalytische Arbeit, die narrative Strukturen und filmische Mittel gleichermaßen genau in den Blick nimmt. Durch die zeitliche Staffelung der ausgewählten Filme werden für beide Untersuchungsfelder zudem wichtige (kriegsbedingte) Entwicklungen auch in der filmischen Darstellung sichtbar.
|
|
[16]
|
So verzichtet der 1944 entstandene Film über jugendliche Flugzeugmonteure (Flugzeugbauer von morgen) auf jede Form von scherzhaften Einschüben durch die Betonung kindlicher Ausgelassenheit. Ausgestellter Ernst und Konzentration der Lehrlinge spiegeln hier die zunehmend problematische militärische Lage deutlich wider. Auch die kriegsbedingte Wandlung im Aufgabenbereich des weiblichen Arbeitsdienstes findet sich in den Filmen, wenn 1943 (Mädels verlassen die Stadt) aus ständig belehrten Mädeln im Landeinsatz nun selbst belehrende und zugleich »eindeutschende« Vorzeigefrauen im deutsch besetzten, ehemals polnischen »Warthegau«
3
geworden sind.
|
|
[17]
|
Wenn bei der Analyse von Die Jüngsten der Luftwaffe neben den vielfältigen Quellen zur realhistorischen Kontextentwicklung auch Zeitzeugenberichte von den Dreharbeiten berücksichtigt werden und dadurch deutlich wird, nach welchen »Leistungskriterien« die jugendlichen Darsteller aus den Reihen der »Fliegertechnischen Vorschulen« ausgewählt worden waren, so zeigt dies nicht nur den Status der Teilnahme als Belohnung für konformes Verhalten, sondern auch den Wert solcher Berücksichtigung von produktionsbezogenen Unterlagen an.
|
|
[18]
|
Die ständige Rückkopplung einzelner Analyseaspekte und filmischer Detailbeobachtungen an den außerfilmischen Kontext macht dabei die komplexen Inszenierungsstrategien der Filme überzeugend deutlich, führt jedoch in der Darstellung auch zu einer Fragmentierung beider Ebenen. Auch ließen sich hierdurch zahlreiche Wiederholungen nicht vermeiden, was besonders für die ansonsten überzeugende Zusammenschau zentraler Aspekte der filmischen Analysen am Ende der Arbeit gilt. Hier profitiert die Autorin jedoch von der klugen Filmauswahl und kann gemeinsame Darstellungsschwerpunkte wie Ordnungsapparate, Vergemeinschaftung, geschlechtsspezifische Aspekte und kriegsbedingte Verschiebungen in der filmischen Inszenierung noch einmal für alle Filme darstellen.
|
|
[19]
|
Eine Zusammenfassung der wichtigsten lokalisierten filmischen Gestaltungsstrategien schließlich (Ästhetisierung, Heroisierung, Authentisierung) weist endgültig über den Horizont einer monodisziplinären historischen Untersuchung hinaus, indem erste Erkenntnisse der Filmwissenschaft zum Kulturfilm der NS-Zeit am konkreten Beispiel bestätigt und differenziert werden.
|
|
[20]
|
Fazit
|
|
[21]
|
Im Ganzen markiert die Arbeit einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu funktionierender Interdisziplinarität zwischen Geschichts- und Medienwissenschaft. Sowohl die erziehungswissenschaftlich-historische, als auch die filmhistorische Forschung verdanken ihr neue Erkenntnisse und Anregungen für weiterführende Arbeiten.
|