Michaela Schwegler

Einblattdruckerschließung

- konventionell oder digital?




  • Christina Hofmann-Randall (Hg.): Die Einblattdrucke der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg. (Schriften der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg 42) Erlangen: Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg 2003. XIII, 564 S. 532 Abb. Gebunden. EUR 138,00.
    ISBN: 3-930357-59-3.


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Erschließung
von Einblattdrucken

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Einblattdrucke gehörten bis vor einigen Jahren zu dem Material, das an Bibliotheken oft sehr verstreut im Bestand, nur unzulänglich katalogisiert und damit schwer benutzbar war. In den letzten Jahren haben nun zahlreiche Bibliotheken versucht, diesem Manko entgegenzuwirken. Dabei wurden verschiedenen Vorgehensweisen gewählt.

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Zum ersten entstanden bereits in den 1970er Jahren Reproduktionsausgaben deutscher Einblattdrucke, die von Wissenschaftlern außerhalb der Bibliothek erstellt wurden. Dazu zählen vor allem die insgesamt fünf Bände, die von den Amerikanern Dorothy Alexander und Walter L. Strauss erarbeitet wurden. 1 Diese geben einen guten Einblick in die Bestände an Einblattholzschnitten aus den Jahren 1550–1700 in deutschen Bibliotheken, erheben jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

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Neben dieser New Yorker-Ausgabe wird seit 1985 eine Sammlung deutscher Flugblattbestände des 16. und 17. Jahrhunderts von Wolfgang Harms erstellt. Bislang liegen Bände mit den Beständen der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, der hessischen Landes- und Hochschulbibliothek in Darmstadt sowie der Sammlung Wickiana aus der Zentralbibliothek Zürich vor, weitere Bände sollen folgen. 2

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Zum zweiten gingen einzelne Bibliotheken einen Katalog ihrer eigenen Bestände an. Dabei kommen zwei Möglichkeiten in Betracht: ein gedruckter Katalog oder eine Datenbank, die über die Website der jeweiligen Bibliothek abrufbar ist. Für die Online-Lösung hat sich beispielsweise die Bayerische Staatsbibliothek entschieden. Die Einblattdruck-Datenbank umfaßt mittlerweile einen Großteil der Einblattdrucke, die sich auf verschiedene Fächer verteilt in den Beständen der Bayerischen Staatsbibliothek befinden. Zusätzlich zu den Katalogisaten sind auch digitale Images der Drucke abrufbar. 3

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Die historischen
Sammlungen der Universitätsbibliothek
Erlangen-Nürnberg

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Die Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg hat sich für die erste Variante entschieden. Der vorliegende Band bietet in Printform einen kompletten Katalog mit schwarz-weiß-Abbildungen sämtlicher in der Bibliothek vorhandener Einblattdrucke.

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Den Anstoß für dieses Unterfangen gab die Ausstellung »Monster, Wunder und Kometen«, bei der 1999 eine Auswahl aus der Sammlung präsentiert wurde. Bereits zu dieser Ausstellung wurde ein sehr schöner Katalog publiziert, der die ausgestellten Blätter in teils farbigen Abbildungen und mit ausführlichen Erläuterungen beinhaltet. 4 Diese Ausstellung »gab den Anstoß, den gesamten Bestand an Einblattdrucken zu sichten, zu identifizieren und nach einer neuen Systematik zu katalogisieren« (S. VII).

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Christine Hofmann-Randall, die sich bereits im Ausstellungskatalog als Spezialistin auf diesem Gebiet ausgewiesen hatte, übernahm auch die Bearbeitung des vorliegenden Bandes. Der Katalog ist nach den Hauptgruppen der Einblattdruck-Systematik gegliedert, nämlich in Flugblätter, Almanache, Ablaßbriefe und kirchliche Akzidenzdrucke, Wittenbergensia, Universitaria und Miscellanea. Innerhalb dieser Gruppen sind die Drucke chronologisch geordnet.

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Ein wesentliches Problem bei der Erstellung des Katalogs bestand darin, daß ein Teil der Drucke noch nicht identifiziert war und ein anderer Teil mehrere verschiedene Signaturensysteme aufwies. Dies ist darauf zurückzuführen, dass im Laufe des 20. Jahrhunderts etliche Versuche unternommen worden waren, den Bestand zumindest teilweise zu erfassen. Dennoch war es bislang nicht gelungen, einen einheitlichen Katalog des kompletten Bestandes vorzulegen.

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Aufbau des Katalogs

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Der vorliegende Band stellt somit den ersten kompletten Katalog der Einblattdrucke der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg dar. Er umfaßt 532 Einblattdrucke aus den oben genannten Bereichen. Jeder Einblattdruck ist in schwarz-weiß originalgetreu (jedoch verkleinert) abgebildet.

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Unterhalb der Abbildung findet sich die Beschreibung des Blatts. Diese umfasst bei den einzelnen Drucken unterschiedlich viele Kategorien. Einheitlich sind die zeitliche und örtliche Einordnung, die Angabe des Druckers, Verlegers oder Buchhändlers, Angaben zur Druckart des Textes sowie zur Größe des Blattes. Bei illustrierten Drucken kommen Größe und Art der Abbildung hinzu. Des weiteren werden, wenn vorhanden, Angaben über den Zustand, die alte Signatur, weitere Standorte, sonstige beteiligte Personen wie Verfasser, Künstler oder Geehrte sowie Literaturhinweise beigefügt.

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Als Titel wird entweder der auf dem Blatt genannte angegeben oder, falls ein solcher nicht vorhanden ist, ein fingierter Titel in eckigen Klammern verwendet. Die Namen von beteiligten Personen wurden nach den gängigen Nachschlagewerken normiert angesetzt.

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Um die Suche in den Katalogisaten zu erleichtern, finden sich im Anhang des Bandes mehrere Register, nämlich ein Initienregister, ein Personenregister, ein Register der Drucker, Verleger, Buchhändler und Künstler, ein Ortsregister, ein Register der Druckorte sowie ein Register der Standorte. Diese umfassende Register ermöglichen für sämtliche Fragen und Interessen den passenden Sucheinstieg.

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Fazit und Bewertung

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Einblattdrucke bieten für die kulturgeschichtliche Forschung ein äußerst vielseitiges Potenzial. Aufgrund der mangelnden Erschließung in vielen Bibliotheken wurden sie bisher jedoch noch viel zu wenig beachtet. Dies wird sich, so steht zu vermuten, ändern, sobald die Bestände besser zugänglich gemacht werden.

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Dass dies ein dringendes Desiderat darstellt, haben in den letzten Jahren auch die Bibliotheken, die solche Bestände besitzen, erkannt – so auch die Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg. Mit dem vorliegenden Katalogband schließt sie zum einen eine Lücke in der Erschließung ihrer historischen Sammlungen, indem sie einen bisher unzulänglich oder sogar überhaupt nicht erschlossenen Bestand neu katalogisierte. Und zum anderen stellt sie damit der Forschung ihren Bestand an Einblattdrucken in einer übersichtlichen Form zur Verfügung. Vor allem die Abbildungen der Drucke sowie die umfassenden Register ermöglichen einen guten Einblick in den Einblattdruck-Bestand, der eine umständliche Suche in den Bibliotheksbeständen sowie eine Ansicht der Originale – zumindest für den Ersteindruck – überflüssig macht.

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Zu fragen wäre lediglich, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, den Katalog in der Form einer Datenbank anzulegen, die über das Internet öffentlich zur Verfügung gestellt hätte werden können. Denn damit würden zum einen die Recherchemöglichkeiten noch mehr verbessert und zum anderen der Bestand einer noch breiteren Öffentlichkeit – zu jeder Zeit und von jedem Ort aus – zugänglich gemacht.

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Da die Daten ja nun vorliegen, könnte sich die Bibliothek überlegen, ob sie eine solche Form der Präsentation nicht zumindest in einem zweiten Schritt wählt und die Katalogisate zusammen mit Digitalisaten der Blätter über ihre Website zur Verfügung stellt. Doch der wichtigste Schritt ist zunächst einmal geleistet, nämlich die vollständige und einheitliche Katalogisierung des äußerst wertvollen Bestandes an Einblattdrucken der Universitätsbibliothek.


Dr. Michaela Schwegler
Bayerische Staatsbibliothek
Ludwigstr. 16
DE - 80539 München

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Ins Netz gestellt am 24.06.2004

IASLonline ISSN 1612-0442

Diese Rezension wurde betreut von unserer Fachreferentin Dr. Bettina Wagner. Sie finden den Text auch angezeigt im Portal Lirez – Literaturwissenschaftliche Rezensionen.

Redaktionell betreut wurde diese Rezension von Natalia Igl.

Empfohlene Zitierweise:

Michaela Schwegler: Einblattdruckerschließung. - konventionell oder digital? (Rezension über: Christina Hofmann-Randall (Hg.): Die Einblattdrucke der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg. Erlangen: Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg 2003.)
In: IASLonline [24.06.2004]
URL: <http://www.iaslonline.de/index.php?vorgang_id=879>
Datum des Zugriffs:

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Anmerkungen

Alexander, Dorothy (Hg.): The German Single-Leaf Woodcut. 1600–1700. 2 Bände. In Zusammenarbeit mit Walter L. Strauss. New York 1972; Strauss, Walter L. (Hg.): The German Single-Leaf Woodcut. 1550–1600. 3 Bände. New York 1975.   zurück
Harms, Wolfgang (Hg.): Deutsche illustrierte Flugblätter des 16. und 17. Jahrhunderts. Band I-III: Die Sammlung der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, Band IV: Die Sammlungen der hessischen Landes- und Hochschulbibliothek in Darmstadt, Band VII: Die Sammlung der Zentralbibliothek Zürich, Teil 2: Die Wickiana II (1570–1588). Tübingen 1985 ff.   zurück
Hofmann-Randall, Christina: Monster, Wunder und Kometen. Sensationsberichte auf Flugblättern des 16. bis 18. Jahrhunderts. Eine Ausstellung der Universitätsbibliothek, 19. November – 12. Dezember 1999 (Schriften der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg 36) Erlangen 1999.   zurück